[Gastrezension: Christina] Nina Maria Marewski – Die Moldau im Schrank

„Was wäre wenn…?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gibt, der sich diese Frage noch nicht gestellt hat. Wir alle waren schon einmal in einer Situation, in der wir Entscheidungen treffen mussten. Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten und unser Leben veränderten. Es müssen nicht einmal wichtige Entscheidungen sein. „Häufig sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Alle Entscheidungen, auch die kleinen, können den Lauf unseres Lebens beeinflussen.“ (83) Doch niemals werden wir erfahren, was passiert wäre, hätten wir uns anders entschieden. Und doch wünschen wir es uns oft.

Helena erhält Antworten auf ihre „Was wäre wenn…?“-Fragen in Nina Maria Marewskis Debütroman „Die Moldau im Schrank“. Sie kann sogar in diese andere Welt – eine Welt, die aus anderen Entscheidungen entstanden ist – eintauchen. „Jede Alternative, gegen die wir uns entschieden haben, hat ein Recht auf Existenz. Sie nimmt es sich ganz einfach, ohne unsere Zustimmung und ohne unser Wissen baut sie sich ihre eigene Identität.“ (85) Rein zufällig, als Helena eine Säule in der Frankfurter Hauptwache berührt, findet sie ein Tor zur Parallelwelt und wird unvermittelt hineingeschleudert. Dort trifft sie auf sich selbst, auf ihr Parallel-Ich. Die Helena, die sie dort kennen lernt, ist ganz anders als sie. Sie hat keinen Ehemann und keine Kinder. Helenas Parallel-Ich macht als Künstlerin Karriere und verliebt sich in einen Mann, der ihr Leben in Gefahr bringt.

Ein anderer Handlungsstrang erzählt die Geschichte eines Mörders. Der kleine Mitja muss mit sieben Jahren mitansehen, wie seine Mutter, eine Prostituierte, stirbt. Er hätte ihr zu Hilfe eilen können, doch er tut es nicht. Er entschied sich gegen sie. In einem Traum begegnet seine Mutter Mitja wieder und erteilt ihm die Aufgabe, weitere Engel in den Himmel zu schicken. Besessen davon, Tugend, Nächstenliebe und Natur zu schützen, lässt er niemanden an sich heran, und wehe eine Frau wagt es, ihm zu nahe zu kommen.

Mitja und Helena begegnen sich in Helenas Parallelwelt. Diese muss mitansehen, wie ihr Parallel-Ich einem Mörder verfällt. Sie sieht es als ihre Aufgabe, den sicheren Tod zu verhindern. Warum sonst sollte sie als Grenzgängerin zwischen den Welten wechseln können?

Marewski erzählt packend die Geschichte einer Frau, die sich selbst begegnet und gezwungen ist, weitere Entscheidungen zu treffen. Nicht nur im Roman werden Grenzen der Wirklichkeit überschritten, auch der Roman selbst wechselt zwischen literarischen Gattungen. Herrlich sind auch die Beschreibungen Frankfurts. Ganz nebenbei erfährt man etwas mehr über die Geschichte der Mainmetropole. Und darüber was aus ihr hätte werden können. Besonders witzig ist außerdem die Beschreibung des Parallel-Ichs der ehemaligen Oberbürgermeisterin Frankfurts Petra Roth.

„Die Moldau im Schrank“ ist spannend bis zum Ende, ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Vielleicht sollten wir uns doch nicht zu sehr mit Alternativen beschäftigen. Vielleicht sollten wir uns mit dem Lauf des Lebens zufrieden geben und einmal gefallene Entscheidungen nicht in Frage stellen. Doch das Ende überrascht. Zurück bleibt ein Leser mit der Frage: „Was wäre wenn…?“

Nina Maria Marewski “Die Moldau im Schrank” Bilgerverlag ISBN 978-3-03762-015-1 

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[Gastrezension: Christina] Mrs. Alis unpassende Leidenschaft – Helen Simonson

Es gibt sie noch – zumindest in Romanen. Die Rede ist hier von Gentlemen. Protagonist in Helen Simonsons Roman „Mrs. Alis unpassende Leidenschaft“ ist ein Mann, der niemals unüberlegt handelt und sich zu benehmen weiß. Ein britischer Ehrenmann durch und durch. Erst Mrs. Ali, eine Pakistanerin, der ein Laden im Dorf gehört, wirft Major Ernest Pettigrews geordnetes Leben aus der Bahn.

Der Major lebt nach dem Tod seiner Frau zurückgezogen in Edgecombe St. Mary, einem kleinen Dorf in England. Sein Alltag besteht aus Traditionen, Ordnung und einer guten Tasse Tee. Die moderne Welt mit immer weniger Werten ist dem Major fremd und unangenehm. So wird ihm sein eigener Sohn, ein selbstgefälliger und oberflächlicher Banker aus London, fremd. Doch der Major ist keineswegs ein spießiger Eigenbrötler, wie ich es zu Beginn des Romans dachte. Sein Blick auf das Geschehen um sich herum ist klar und regt dazu an, Dinge aus mehreren Perspektiven zu betrachten und sich dabei auf alte Tugenden zurückbesinnen. Dazu kommt eine gehörige Portion Humor. Mehrmals musste ich lachen, als der Major sich beispielsweise über die amerikanische Lebensweise ausließ. „Er gab ja gern zu, dass er möglicherweise voreingenommen war, aber was sollte man von einem Land halten, das die eigene Geschichte entweder in Themenparks konservierte, wo die Angestellten Leinenhauben und lange Röcke, darunter jedoch Turnschuhe trugen, oder aber sie niederriss und der wiederverwertbaren Breitdielen wegen schlichtweg auseinandernahm?“ (234) Doch im Roman werden nicht nur Sprüche geklopft, er ist auch tiefsinnig. Insbesondere in Hinsicht auf die sich sanft entwickelnde Liebesbeziehung vom Major mit Mrs. Ali.

Mrs. Ali hat eine ruhige und zurückhaltende Art. Zudem begeistert sie sich für Literatur und Tee. Der Major kann gar nicht anders als sich in sie zu verlieben. Es ist schon fast rührend zu lesen, wie der doch so strenge und gebieterische Major sich wieder in einem Schulbuben verwandelt, der nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Die Liebe der beiden steht jedoch vor vielen Hindernissen, die von der Dorfgesellschaft in den Weg gelegt werden. Freunde und Familien akzeptieren nicht, dass ein Brite und eine Pakistanerin zusammen sein wollen. Nicht einmal der Pfarrer vermag Mrs. Ali und dem Major zu helfen. Doch der Major lässt sich nicht beirren und schreitet beherzt zur Tat.

Helen Simonson hat in ihrem Roman eine Reihe von überzeugenden Charakteren geschaffen und eine aktuelle Diskussion thematisiert. Immer noch gibt es in einer vermeintlich modernen Welt zu viele Vorurteile gegenüber anderen Kulturen. Interkulturelle Liebesbeziehungen werden immer noch zu oft noch kritisch betrachtet. In „Mrs. Alis unpassende Leidenschaft“ werden allesamt auf die Schippe genommen, die sich nicht von ihren engstirnigen Gepflogenheiten lösen können. Und am Ende erweist sich einer der guten alten englischen Schule als moderner als alle anderen im Dorf zusammen – der Major.

“Mrs. Alis unpassende Leidenschaft” von Helen Simonson, Knaur Verlag, ISBN: 978-3-426-50708-7

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[Gastrezension: Astrid] Martin Amanshauser – Der Fisch in der Streichholzschachtel

Zum Thema Kreuzfahrtschiff fällt mir neben des Untergangs der Titanic als zweites immer sofort diese öffentlich-rechtliche Fernsehreihe Traumschiff ein. Noch nie geschafft komplett zu gucken, reichen die drei Minuten Flimmerbilder aus, um mir zu sagen, dass ich noch nicht alt genug bin für diese Art von Traumreisen. Nun, diese Meinung teile ich mit dem Protagonisten bei Martin Amanshauser, dennoch findet sich Fred mit seiner Familie auf einer karibischen Kreuzfahrt wieder, die er seiner Frau zum 40. Geburtstag von ihrem Geld geschenkt hat. Die Kreuzfahrt entspricht in etwa genau dem Vorurteil, welches Fred und ich teilen und während ich mich auf Seite 20 beginne zu fragen, was auf den folgenden 550 Seiten noch groß kommen soll, präsentiert mir Amanshauser einen neuen Ich-Erzähler, der ebenfalls in der Karibik schippert und zwar auf einem waschechten Piratenschiff im Jahre 1730. Naja, denke ich mir, da will der Autor wohl zwei Extreme der Meeresbefahrung gegenüberstellen und womöglich unsere dekadente, Ressourcen zerstörende Lebenshaltung kontrastieren und anprangern oder so? Aber die wechselnden Kapitel lassen bald keinen Zweifel offen, dass beide Schiffe irgendwie zusammenkommen werden. Viel fantasievoller Spielraum bleibt einem Autor da auf hoher See nicht, daher sei ihm die Vorhersehbarkeit der Herbeiführung dieser Begegnung verziehen, wenngleich das bei mir zur Folge hatte, dass ich ernsthaft und einen ganzen Tag überlegte, ob ich wirklich weiterlesen soll. Was soll sich schon gutes daraus erwachsen, wenn mordlüsternde Piraten überlegen ein Kreuzfahrtschiff zu entern? Ich vertraute der heiteren Gestaltung des Buchcovers, blieb an Bord und weiß nun nicht recht weiter in meiner Rezension. Martin Amanshauser geht es nicht primär um Schifffahrten. Diese sind für ihn nur literarische Gestaltung, um sich mit Menschen auseinanderzusetzen. Er zeigt einen Familienvater, der zutiefst unglücklich und unsicher mit seinem Leben ist und dies hinter Zynismus versteckt. Er präsentiert das Beispiel einer durchschnittlichen Familie, die am Rande von Klischee und Stereotypie auf 570 Seiten einen Weg findet, sich nicht selbst zu zerfleischen, sondern irgendwann ehrlich zueinander zu sein und genau hinzuhören und hinzusehen, wer der andere eigentlich wirklich ist. Das betrifft natürlich vor allem unseren Familienvater. Amanshauser zeigt aber auch, wie sehr jeder von uns ein Bild, eine Idee von sich selbst als Persönlichkeit vor sich herträgt und seine Umgebung versucht, daran anzupassen. Wir reden uns die Welt schön, Außenwirkung ist alles, nur der schöne Schein zählt. Die Piraten in ihrer vermeintlich strengen Hierarchie kontrastieren diesen schönen Schein tatsächlich zwischen Absurdität und Wahrheit und bilden auch eine Art von Familie.

Amanshauser trockener, selbstentlarvender Ich-Erzählstil reizte mich erheblich und ließ mich beständig zwischen Mitleid, Sympathie und Abscheu zu den Protagonisten, vor allem zu Fred, wechseln. Das kann recht anstrengend sein, ebenso wie die Perspektive des Piraten, der das Leben auf dem Traumschiff in seiner Sprechweise kommentiert, die dem Jahre 1730 entspringt. Das ist anfänglich witzig bis interessant, ödet aber nach hundert Seiten allmählich an. Die Metamorphose Freds und seiner Familie bleibt für mich der Ankerpunkt der Handlung und ist auch recht überzeugend gestaltet. Dennoch kann ich mich einer gewissen Ratlosigkeit mit Beendigung der letzten Seite nicht verwehren. Es ist so ein wenig greifbares Gefühl, dass mir der Autor vielleicht doch noch mehr mit auf den Weg geben wollte, ich komme aber einfach nicht drauf.

Martin Amanshauser “Der Fisch in der Streichholzschachtel”, Deuticke Verlag, ISBN: 978-3-552-06292-4

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[Gastrezension: Nanni] „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ Dana Grigorcea

Das Problem an genauen Vorstellungen und Erwartungen ist, diese auch zu erfüllen bzw. erfüllt zu bekommen. Ein Problem, dem Dana Grigorcea und ich gemeinsam ausgesetzt waren und das uns eher auseinander, anstatt zusammen getrieben hat.

Dana Grigorcea hat viel zu bieten. Eine Schreibe, die mitzieht, die leicht daher fliest. Mit der sie in meisterlicher Art Äußerlichkeiten beschreibt. Die Optik einer Stadt, eines Landes, in dem sie aufgewachsen ist und mit dem sie sicherlich viele Gefühle verbindet. Unter anderem Zuneigung und Bewunderung, so fühlt es sich für mich als Leserin ihres Romans „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, der in ihrer Heimat Bukarest spielt und leichte biografische Züge aufweist, zumindest an. Ja, ihre Heimat beschreiben, das kann sie. Meine Neugier für ein mir bis dato unbekanntes Land ist geweckt.

Und da tritt das erste Problem auf. Ich weiß nichts über dieses Land, hoffe aber im Roman etwas darüber zu erfahren. Wie leben die Leute dort? Jetzt. Heute. Darüber erfahre ich leider auf den ersten hundert Seiten so wenig, dass ich mich in Wikipedia einklinke und mich in Geschichte und aktuelle Situation des Landes einlese. Harter Tobak, den die Bukarester erleben mussten. Erlebnisse, die in den älteren Generationen sicher noch fest sitzen.

Menschen, die schon aufgrund der Historie ihres Landes interessant sind. Ich lerne einige von ihnen kennen. Leider nur sehr oberflächlich. Es ist, als würde ich mit Dana Grigorcea in ein Land reisen, in dem sie alle Bewohner kennt, ich aber nun mal bis dahin niemanden. Nachbarn, Freunde, Bekannte, mit denen sie sich auf ihrer Reise trifft. Bei Gesprächen stehe ich daneben. Man unterhält sich über Dinge von denen ich nichts weiß und von denen ich nichts verstehe. Ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen. So dumpf wie Protagonistin Victoria.

Meine Erwartungen an unsere gemeinsame Reise werden nicht erfüllt. Das Land hat mir gefallen, meine Reisebegleitung prinzipiell auch. Auch, wenn ich nicht verstehe, warum sie so tiefgründig über das Land schreiben kann, bei den Menschen aber nur an der Oberfläche kratzt. Egal, aus jeder Erfahrung kann man etwas mitnehmen. Ich würde Dana Grigorcea wieder als Reisebegleiterin wählen. Vielleicht unter anderen Bedingungen. Vielleicht zu einem anderen Ziel. Wer weiß.

„Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ Dana Grigorcea, Dörlemann Verlag, ISBN: 9783038200215

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Es ging „nicht um die Summe der Tage […], sondern um die Fülle der Gefühle.“ (250)

„Und wenn glückliche Momente selten sind, erinnert man sich umso stärker an sie, dachte ich auf der Straße zwischen Sophia und dem Tod. Ich fragte mich, ob das nicht sogar besser war als ewiges Glück.“ (45)

Eines vorweg: ich kenne Thees Uhlmann nicht. Ich kenne seine Musik nicht, habe ihn noch nie im Fernsehen gesehen, ich habe ihn noch nie sprechen hören und keine Aussagen von ihm gelesen. Erst nach der Lektüre von „Sophia, der Tod und ich“ habe ich im Internet gelesen, dass manche nicht viel mit dem Autor anfangen können, seine Musik nicht mögen und seine Ansichten nicht teilen und deswegen seinen Roman auch nicht lesen wollen. Schade, möchte ich dann nur sagen. Denn ihnen entgeht ein wunderbares Leseerlebnis, das laut meinen geschätzten Kollegen Hauke Harder und Gérard Otremba das Zeug zum Kultbuch hat. Dem möchte ich mich gerne anschließen. Bereits nach den ersten Seiten ist man voll in der Geschichte gefangen. Wer hier jedoch hohe zeitgenössische Literatur erwartet, der wird sie nicht bekommen. Unterhaltung mit Tiefgang dagegen auf jeden Fall.

Was machst Du, wenn es an Deiner Tür klingelt? Richtig, Du machst die Tür auf. Blöd nur, wenn vor der Tür der Tod persönlich steht und Dir mitteilt, dass Du nur noch drei Minuten zu leben hast und Dich fragt, was Du in diesen drei Minuten noch machen möchtest. Denn danach nimmt er Dich mit. Das hat der Tod Millionen Male bereits getan und wird es weiterhin tun. Außer es kommt was dazwischen und Du kannst dem Tod für ein paar Tage von der Schippe springen.

Dass jedoch jeder von uns stirbt, steht nicht zur Debatte. Nur die Art und Weise ist für jeden anders, manchmal tritt der Tod still ein, manchmal holt er einen mit dem Flammenwerfer ab. Manchmal kann man ihm für ein paar Augenblicke noch entkommen, weil man noch etwas ganz Wichtiges erledigen muss, wie der Protagonist dieses Buchs. Man klammert sich an das Leben, weil man sich noch von jemandem verabschieden möchte, wie das eben auch der Ich-Erzähler will. Manchmal wird der Tod jedoch auch von einem erneuten Klingeln an der Tür gestört und kann seine Arbeit nicht erledigen. In Wahrheit wissen wir nicht, wie der Tod ist, wie er aussieht, wie es sich anfühlt, wenn man stirbt. Man kann nicht voraus ahnen, wie man dann fühlen und was man denken wird. Mit seiner Romanidee versucht der Autor vielleicht dem Leser ein bisschen die Angst vor dem Tod zu nehmen und lenkt seine Gedanken auf das Leben selbst.

Thees Uhlmann hat einen fantasievollen Roman geschrieben, einen klugen Roman, der einerseits bewegt, unter die Haut geht, aber auch wahnsinnig unterhält und zum Lachen bringt. Und während ich das Buch las und die Ideen von Uhlmann verfolgte, hoffte ich, dass er die von ihm erzählte Geschichte nicht durch ein doofes Ende zerstört. Ich bin sehr glücklich darüber, dass das Ende sehr passend ist und zum Nachdenken anregt.
Man kann einiges in die Sterbensgeschichte des Protagonisten hineininterpretieren; ich möchte Euch jedoch mit meinen Ideen nicht den Spaß an der Geschichte wegnehmen, deswegen behalte ich sie nur für mich.

“Und genauso ist das beim Sterben auch. Die Leute, die furchtsam gelebt haben, sterben voller Furcht. Die Menschen, die mit offenem Herzen gelebt haben, sehen dem Ganzen freudiger entgegen.“ (153)

Alles in allem ist „Sophia, der Tod und ich“ ein rundum gelungenes Buch, das vor Ideen sprüht, gute Gedanken beinhaltet, einen spannenden Roadtrip beschreibt, von Liebe und Familienzusammenhalt erzählt und davor warnt, nicht genug zu leben. Dieser Roman hat es nicht nötig, unter literarischen Aspekten auseinandergenommen zu werden. Nehmt es einfach in die Hand, lest rein, lasst Euch berühren, lacht, staunt, lasst Euch überraschen, erwartet nicht zu viel, lasst Euch treiben und seid zufrieden.

„Ich hab einfach keinen Bock auf Stress. Ich hab keinen Bock auf Gesabbel. Ich will einfach meine Ruhe und in meiner Ruhe in Ruhe gelassen werden.“ (126)

Und was würdest Du tun, wenn Du nur noch drei Minuten zu leben hättest?

„Sophia, der Tod und ich“ von Thees Uhlmann, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04793-6

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Es ist besser, „ein Ziel zu haben, als auf irgendwelchen Nebenstraßen herumzuirren.“ *

Wenn der Alltag mit kleineren und größeren Problemen und Aufgaben, ja dem Leben selbst, ausgefüllt ist, fällt es mir manchmal schwer, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Dann bin ich froh, wenn ich es schaffe, abends wenigstens ein paar Seiten zu lesen. Auch wenn die letzten Wochen recht anstrengend für mich waren, schaffte ich es doch, drei Romane zu lesen. Und ich fand alle drei gut und bin von allen drei auf den verschiedensten Ebenen begeistert.

Alle drei Romane haben zwei Themen gemeinsam – Liebe und Selbstmord. Ob es den Protagonisten und welchen der vielen Charaktere gelingt, sich umzubringen und unter welchen Umständen sie es versuchen, darüber will ich natürlich nichts verraten. Das müsst Ihr schon selbst herausfinden, indem Ihr die Bücher lest. Es hat mich einfach überrascht, dass gleich in drei Neuerscheinungen Selbstmord thematisiert wird. Dass es um die Liebe mit ihren verschiedenen Facetten geht, ist nicht verwunderlich.

*

In „Zwei Schwestern“ von Dorothy Baker sind es eineiige Zwillinge, Schwestern eben, die sich über alles lieben und eigentlich ihr Leben zusammen verbringen möchten. Doch ihrem fraglichen Glück zu zweit steht nicht nur ein Mann im Weg, sondern auch die Einsichten von Cassandra, die rebellisch veranlagt ist. Denn Judith ist eher bodenständig.

„Überall das Gleiche, wohin ich nur je geblickt hatte. Jede Menge Sicherheit, sehr wenig Risiko. Hauptsache, nichts gefährdet die schickliche Heirat, die moderne Karriere, die zahnlose Examensarbeit, die nichts Neues und nichts Wahres enthält. So macht man das. Man schwimmt mit. Alle außer Papa […]. Und ich, die was. Die nichts. Die weniger als nichts. Die versuchte, aber vergeblich.“ (256)

Wahnsinnig gut, zum Teil trocken, dann wiederum unterhaltsam, böse, ironisch und äusserst sympathisch erzählt Baker von ein paar Tagen aus dem Leben der zwei Schwestern, die ihr Leben grundlegend verändern werden.

„Schöne Dinge führen zu schönen Gedanken.“ (218)

*

David Leavitt hat mich durch seine flotte Art zu Erzählen für sich eingenommen. Ab und an musste ich beim Lesen an „Der Liebhaber meines Mannes“ von Bethan Roberts denken. Sehr knapp zusammenfassend geht es in diesem Buch um die Liebe von zwei Männern, in Zeiten, die solche Liebe nicht billigen. Dabei befindet sich zwischen den Buchdeckeln natürlich viel mehr und die Geschichte ist viel komplexer. Sehr gut und solide erzählt Leavitt in „Späte Einsichten“ von Flüchtlingen, die in Zeiten des Zweiten Weltkrieges ihrem bekannten Leben den Rücken kehren müssen und wie sich ihr Leben im Exil verändert. Auch wenn ich den Roman sehr gerne gelesen habe und er mir wirklich nette Lesestunden geschenkt hatte, so spüre ich, dass es ein Roman für ein Augenblick ist. Er hat mich in dem Moment berührt, als ich ihn las. Sobald die letzte Seite jedoch ausgelesen war, wusste ich, dass das Buch bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das ist in meinen Augen jedoch gar nicht schlimm. Denn das Buch hat seine Aufgabe erfüllt – es hat mich unterhalten, mich berührt und begeistert, während ich es las. Für diese Gefühle lohnt es sich, meiner Meinung nach, ein Buch zu lesen.

*

„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos dafür hat mich umgehauen und ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich im Internet sehe, dass jemand den Roman liest. Welch ein Buch! Welch eine Geschichte! Was für eine schöne literarische Perle! Gárdos erzählt in seinem Roman die Geschichte seiner Eltern, wie sie sich nach dem Krieg kennen und lieben gelernt hatten. Ohne Kitsch, dafür mit viel Humor und Schönheit erzählt er von zwei Menschen, die dermassen gezeichnet wurden während des Krieges, dass man sich nicht vorstellen kann, dass sie überhaupt Gefühle andere als Hass entwickeln können. Aber sie schaffen es, weil sie einen starken Willen haben. Berührend, unter die Haut gehend erzählt Gárdos diese fast schon unmögliche Geschichte einer Liebe, die zwei Leben verbunden hatte und zwei Menschen – psychisch und physisch möchte man meinen – gesund machte. Schön, mutig und wertvoll ist der Roman, weil er das wahre Leben beschreibt. Man bleibt nicht verschont zu erfahren, welche Grausamkeiten den Menschen in den Konzentrationslagern zugestossen waren. Die fließen aber so geschickt in die Geschichte ein, dass man sie schon fast überliest, um weiter der Liebesgeschichte zu folgen.

„Es gibt keine andere. Entweder sie – oder ich sterbe.“ (57)

* * *

Habt Ihr eines der Bücher bereits gelesen? Werdet Ihr sie lesen wollen? Ich kann Euch alle drei wärmstens empfehlen!

*Zitat aus “Zwei Schwestern”, Seite (254) 

„Zwei Schwestern“ von Dorothy Baker, dtv Premium, ISBN: 978-3-423-28059-4, aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum
“Späte Einsichten” von David Leavitt, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN: 978-3-455-40497-5, übersetzt von Georg Deggerich
„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN: 978-3-455-40557-6, übersetzt von Timea Tankó

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[Gastrezension: Christina] „Der kleine König von Bombay“ von Chandrahas Choudhury

„Jeder Tag auf dieser Welt war ein Kampf gegen die Macht und den Willen zahlloser Kräfte, warum also sollte er nicht nach Belieben das Gleis, die Richtung wechseln? Ein Mann konnte nicht einfach so sein, wie er war, wie er gern sein wollte – diese Welt war kein Ort für Gefühle! Vielmehr musste er seine Lage erfassen und sich dann mit ihr auseinandersetzen, sich behaupten – auch Pflanzen konnten schließlich nur wachsen, wenn sie sich der Sonne zuneigten.“ (13)

Diese und viele weitere kleine Lebensweisheiten findet man im Roman „Der kleine König von Bombay“ von Chandrahas Choudhury. Jeder, der sich schon einmal vor einem scheinbar unlösbaren Problem befand, sollte ihn lesen. Der Protagonist Arzee versprüht mit seinem Optimismus Lebensfreude und Mut, obwohl er es selbst alles andere als leicht hat.

In Arzees Leben lief kaum etwas gut. Zuerst verliert er seine Liebe des Lebens Monique. Später erhält er nicht wie angenommen eine Beförderung, sondern eine Kündigung. Seine Arbeit als Filmvorführer im Kino Noor war sein letzter Halt in seinem einsamen Leben. Nun steht er vor den Trümmern seiner Existenz. Auch in seiner Familie gibt es eine Reihe von Problemen. Zu seinem Bruder pflegt er kein gutes Verhältnis, sein Vater ist vor Jahren bei einem Unfall gestorben und seine Mutter ist eigentlich nicht seine Mutter.

Arzee verliert so viel, dass er zuletzt nicht einmal mehr weiß, wer er selbst ist. Hinzu kommt, dass er „ein Zwerg“ ist. Arzee, in buchstäblich allem zu kurz gekommen, muss sich von unten durch eine unfaire Welt durchschlagen. Was bleibt ihm noch? Auch wenn Arzee alles ihm Wichtige verloren hat, Mut und Lebensfreude bleiben ihm erhalten. Vor allem lernt Arzee zu akzeptieren, dass im Leben nicht immer alles rund läuft, man sich aber nichts gefallen lassen darf. Am Ende wird er wirklich zu einem kleinen König von Bombay.

Choudhury schreibt gekonnt mit viel Witz und Charme. In „Der kleine König von Bombay“ geht es um Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung. Dennoch trieft der Roman nicht vor Selbstmitleid. Im Gegenteil, Choudhury versteht es, jeder noch so traurigen Situation, dort wo man es am wenigsten erwartet, etwas Komisches abzugewinnen. So muss Arzee beispielsweise, nachdem er seinen Job im Kino verloren hat, als „Flasche“ arbeiten. Choudhurys Sprache hat etwas Bezauberndes, jede Metapher deutet auf seine lebhafte Phantasie hin. Er stellt das Leben in all seinen Farben dar und bringt Lebenswahrheiten auf eine leichte und tröstende Weise dem Leser nahe.

„Der kleine König von Bombay“ von Chandrahas Choudhury, ISBN: 978-3-423-24917-1, dtv Premium

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[Gastrezension: Susanne] Kehren neue Besen besser? Das “Literarische Quartett” ist zurück.

Das Lamento darüber, dass “echte Typen” – sei es in der Politik, im Sport und eben auch in der Literaturkritik – immer weniger werden, spare ich mir. Marcel Reich-Ranicki war Kult, und Kult ist nicht reproduzierbar. So gesehen, konnte das neuaufgelegte “Literarische Quartett” natürlich nur verlieren. Fraglich ist indes, ob es auch dann schlechte Noten verdient hat, wenn man es nicht mit seinem Vorgänger vergleicht, wenn man quasi nicht nostalgie-verklärt der Vergangenheit hinterherwinselt, sondern die Gegenwart für sich allein sieht und beurteilt.

Da wäre also zunächst das Konzept der Sendung: Vier Kritiker, vier Bücher, 45 Minuten. Hier gibt’s kein Vertun, das funktioniert nur sehr unbefriedigend. Viel zu knapp bemessen ist die Zeit, die man jedem einzelnen Buch zu widmen in der Lage ist. Nach einer kurzen Zusammenfassung, bleibt pro Diskutant eigentlich nur die Zeit für ein oberflächliches Statement. Jeder hebt also quasi nur ganz schnell den Daumen nach oben oder unten, es fehlt der Raum, um gegensätzliche Standpunkte wirklich darzulegen und strittig im Austausch mit den anderen zu behaupten bzw. aufzugeben. Wirklich ärgerlich wird’s allerdings, wenn man die Protagonisten betrachtet: Nicht Menschen, wirkliche Charaktere, sitzen hier und streiten aufs Vortrefflichste, sondern Schablonen von Typen, wie sie in einem Drehbuch stehen könnten.

Da ist zuallererst der wohl augenfälligste Charakter des “Haudraufs” und “Provokateurs vom Dienst”, gespielt von Maxim Biller. Er knallt die vermeintlich krassen Statements raus, pöbelt ein bisschen in der Gegend rum und ist überhaupt hauptsächlich damit beschäftigt, den Titel “Reich-Ranicki-Thronfolger” für sich zu ergattern. Leider, leider disqualifiziert er sich dabei ein ums andere Mal selbst. Heiße Luft allein wärmt eben weder Herz noch Hirn. Volker Weidermann, der das Moderatoren-Casting gewonnen hat, tut, was ein Moderator zu tun hat: er moderatet so vor sich hin. Pickt hier mal ein Körnchen, pickt da mal ein Körnchen und bleibt damit das blasseste Hühnchen im Stall. Den Mann habe ich schon vergessen, während ich ihn televisionär zum ersten Mal wahrgenommen habe. Volker wer? Als Wohlfühlfaktor wurde zwischen die beiden Männer Christine Westermann platziert. Das bekannte Fernsehgesicht soll sicher für ein Publikum sorgen, das ansonsten eher nicht zu später Stunde Anspruchsvolles konsumieren mag. Westermanns Kategorien sind denkbar einfach, gut ist gut und schlecht ist schlecht, da beißt die Maus keinen Faden ab. Welchen Benefit derlei Aussagen allerdings bringen sollen – mir jedenfalls hat keine ihrer Äußerungen irgendeinen Mehrwert geliefert. Am angenehmsten habe ich Juli Zeh wahrgenommen. Nahezu authentisch ist es ihr wirklich ein Anliegen, genauer hinzuschauen, differenziert zu beurteilen und somit das Buch in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die eigene Inszenierung. Zu schade, dass sie sich ausgerechnet für ein Buch ins Zeug gelegt hat, mit dessen Verfasser sie bekanntermaßen eine Freundschaft verbindet. Ob man will oder nicht, da steigen Zweifel an der Objektivität auf, die dadurch noch gefüttert werden, dass alle anderen Anwesenden das Buch mit vernichtenden Bewertungen belegen.

Alles in allem: Das neue Literarische Quartett ist nichts, was man gesehen haben muss. Oder um es deutlicher zu sagen: Diese Sendung stört die Hausfrau nicht beim Bügeln.

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[Gastrezension: Tanja] “Phantasien” von Jason Starr

Normalerweise bin ich ja nicht der Typ, der Thriller liest, aber als ich bei der lieben Bibliophilin das Buch “Phantasien” von Jason Starr entdeckt habe, haben mich sowohl der Titel als auch die Kurzbeschreibung gleich angesprochen. Und ich kann, nachdem ich das Buch in nicht einmal zwei Tagen gelesen habe, klar sagen, dass es nicht das letzte Buch von Jason Starr sein wird.

Aber nun zum Inhalt. Das Buch spielt in einem Vorort von New York, in der so genannten Savage Lane. Einer eigentlich ganz beschaulichen Straße mit schönen Häusern und glücklichen Familien. Dort wohnen auch Mark und Deb mit ihren beiden Kindern und die Nachbarin Karen, die ebenfalls Kinder hat und geschieden ist. Die Ehe von Mark und Deb ist nach vielen Jahren nicht mehr die glücklichste und Mark träumt insgeheim von Karen.
Deb kommt den Phantasien ihres Mannes recht zügig auf die Schliche und man erfährt, dass sie selbst bestimmte Wunschträume hat, die sie auch auslebt. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber dies wird ihr später noch zum Verhängnis werden. Sie wird ermordet. Aber von wem? War es ihr Mann, der ihr auf die Spur kam? Jemand anderes? Und warum hatten Deb mit Karen einen heftigen Streit? Ja, dass sind alles Fragen, die aufkommen und geklärt werden müssen….

Die Geschichte fängt relativ normal an und erzählt vom normalen Ehe- und Familienleben, wie es wohl überall auf der Welt vorkommt. Recht schnell nimmt die Sache aber Fahrt auf. Abwechselnd wird die Handlung aus der Sichtweise der Hauptakteure Mark, Deb, Karen und einer weiteren für den Verlauf des Buchs wichtigen Figur erzählt. Diese möchte ich aber nicht verraten.

Rasch wird klar, dass vor allem die beteiligten Männer eine sehr blühende Phantasie haben, und das ist noch milde ausgedrückt. Der Wechsel zwischen den Akteuren erhöht die Spannung, die nach einem guten Drittel des Buchs erzeugt und nachfolgend immer weiter gesteigert wird. Der Leser erfährt zwar recht schnell, wer für den Mord verantwortlich ist, aber die restlichen Beteiligten nicht. Und so kommen praktisch alle ins Visier, was das Verhältnis der ehemals befreundeten Parteien grundlegend ändert. Neben der Hauptgeschichte werden außerdem die Themen Alkoholabhängigkeit und Missbrauch in der Familie thematisiert. Ab einem gewissen Punkt wollte ich nur, dass der oder die ÜbeltäterIn geschnappt wird und nicht noch mehr Unheil anrichtet. Neben den Hauptakteuren kommen zudem noch einige Nebenpersonen ins Spiel. Beispielsweise Detective Larry Walsh, der ebenfalls ein brisantes Doppelleben führt.

Wie oben bereits erwähnt, bin ich kein Experte dafür, was einen guten Thriller ausmacht und was nicht. Das Buch „Phantasien“ hat mich aber derart überzeugt, dass ich in Zukunft wohl öfters zu Büchern dieses Genres greifen werde.

“Phantasien” von Jason Starr, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 86273 7

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[Gastrezension: Susanne] Ronald Reng “Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben”

Es gibt wenige Bücher, die ich zweimal lese. Dieses habe ich nach seinem Erscheinen vor fünf Jahren gelesen und es mir jetzt von Matthias Brandt vorlesen lassen. Beide Male habe ich zwischendurch immer wieder abbrechen müssen, weil die Traurigkeit so groß geworden ist, dass ich Pausen brauchte, um mich zu erholen. Über das Schicksal von Robert Enke, den ehemaligen Nationaltorhüter, brauche ich nichts zu erzählen, das ist hinlänglich bekannt. Erzählen muss und möchte ich aber über dieses Buch, das mich erschüttert hat wie kein anderes. Jetzt wieder, so als wäre es das erste Mal gewesen. Da ich mich für Fußball interessiere, ist mir Ronald Reng lange bekannt, als Journalist und als Buchautor. Ich habe seine Texte immer gern gelesen, aber dieses Buch von ihm sprengt einfach alles, was ich zuvor von ihm gekannt habe. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wie Reng es schafft, dieses Leben einerseits so unterhaltsam und kurzweilig zu erzählen, so authentisch, so nahe, so plastisch, dass es schon deshalb wert ist, gelesen zu werden. Und wie er andererseits diese traurige Geschichte derart feinfühlig und doch so knallhart nahe an der Realität beschreibt. Reng muss ein unglaublich guter Zuhörer zu sein, denn es waren andere, die ihm von Robert Enkes Leben und vor allem auch von seinem Leiden erzählt haben. Viele Menschen kommen zu Wort und so entsteht das facettenreiche Bild eines Menschen, der lange Zeit gelitten haben muss wie ein Hund und der am Ende keinen anderen Ausweg mehr sah, als dieses Leiden und damit sein Leben zu beenden. Aber nicht nur Robert Enke wird erfahr- und spürbar, vor allem werden es auch diejenigen, die mit ihm gegen die Depression gekämpft haben, die immer bei ihm waren und ebenfalls eine Last zu tragen hatten, die unmenschlich ist. Viele werden sich wohl noch an Teresa Enke erinnern, diese kleine, so unfassbar starke Frau, die vor laufenden Kameras berichtet hat, wie sie immer gehofft habe, dass es mit Liebe zu schaffen sei, die zerstörerische Kraft einer Depression zu überwinden. Auch sie wird in Rengs Buch so deutlich gezeigt, dass es kaum auszuhalten ist, ihr dabei zuzusehen, wie sie ackert und ackert, um ihren Mann aus diesem Sumpf von Antriebslosigkeit und Dunkelheit herauszuziehen. Ihre Ängste wurden beim Lesen und Hören meine Ängste, ihre Sorgen wurden meine und noch immer fühle ich diese Traurigkeit, die sie – nicht erst nach dem Tod Enkes – so oft gefühlt hat.

Solche Bücher zu lesen, ist beileibe kein Vergnügen. Aus diesem Grund kann ich jetzt nicht einfach sagen, das müsst ihr unbedingt lesen. Genau genommen wäre vielleicht sogar eher eine Warnung angebracht: Vorsicht, das geht an die Nieren und zwar sauber! Diejenigen allerdings, die das auf sich nehmen wollen, werden vieles erfahren über eine Krankheit, die so schwer zu fassen ist wie kaum eine andere. Robert Enke war kein Unbekannter, er stand im Licht der Öffentlichkeit und hat sich insofern von den meisten Menschen abgehoben. Was allerdings seine Krankheit und sein Leiden angeht, war er einer wie alle, die ebenfalls unter Depressionen leiden. Die werden sich wiedererkennen und auch diejenigen, die – wie Teresa Enke und andere Begleiter – dieses Leben teilen und abwechselnd bangen, hoffen und verzweifeln, finden sich wieder.

Es gibt wenige Bücher, die ich zweimal lese. Ronald Rengs Buch werde ich aller Voraussicht nach nicht zum letzten Mal gelesen haben.

Ronald Reng “Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben”, Hörbuch gelesen von Matthias Brandt, tacheles! bei ROOFMUSIC, ISBN: 978-3-941168-63-3

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