Aus fremder Feder

Heute darf ich Euch wieder eine neue Stimme bei Bibliophilin vorstellen. Kalliope schreibt selbst einen Blog und es lohnt sich auf jeden Fall hier vorbei zu schauen.

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“Der beste Teil der Menschen” von Tristan Garcia


Ist der Schwulenbewegung gedient, wenn ihre Ideale unhinterfragt in einem Brei demokratischer Gleichmacherei neben denen anderer (ehemaliger) Minderheiten dahin dümpeln und unhinterfragt akzeptiert sind? So sieht das zumindest Jean-Michael Leibowitz, Pariser Intellektueller und Geliebter von Elisabeth Levallois.

Können Schwule überhaupt noch ohne Bedenken ihren Alltag Leben angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung durch das HI-Virus? Das bezweifelt zumindest Dominique Rossi, Kämpfer der politischen Linken, Begründer der ersten Schwulenbewegung in Paris und Kollege von Elisabeth Levallois.

Dürfen Schwule sich von der Gesellschaft unterdrücken lassen, indem sie von der Angst vor AIDS geplagt ihre Vorlieben nicht mehr ausleben? Das fragt sich zumindest William Miller, vom Land stammend, stets gelitten unter seinem gestrengen Vater und enger Freund von Elisabeth Levallois. Und wer ist Elisabeth Levallois? Sie nennt sich selbst “die typische Pariserin, schöne Wohnung, nicht reich, aber erst recht nicht arm, und links, weil ich nicht illusionslos genug bin, um zynisch zu sein.”

Wir befinden uns im Paris der 1980er Jahre. Das Leben von drei außergewöhnlichen und exzentrischen Männern wird aus ihrer Sicht geschildert, sie alle zerren an ihr, sie alle leben in diesem Buch allein durch sie. Und wo bleibt Elisabeth? Sehr viel mehr als ihre Selbsteinschätzung erfahren wir über sehr lange Strecken in diesem Roman kaum. Zwar wirft sie einen wohlgefeilten Blick auf diese drei Männer, der zwischen den Zeilen auch immer einen Einblick in ihr Seelenleben gibt, doch wirklich viel verrät Elisabeth über sich selbst nicht. Vielleicht gibt es auch nicht viel über sie zu wissen, so sehr wie sie sich für diese drei Männer aufopfert: Für Leibowitz, der damit hadert, dass seine Eltern nicht sind wie er, doch dass er so ist wie sie. Für Willie, der so einsam ist, dass er nicht allein sein kann, und doch jeden spüren lässt, dass er nur dazu dient, ihn seine Einsamkeit vergessen zu lassen. Für Doume, der bald nur noch an seine Krankheit denken kann, und nicht mehr durch sein Leben hetzen will, da am Ende nur der Tod auf ihn wartet.

Ein Roman voller Abgründe aus Intrigen, übersteigertem Selbsteifer und Hass. Ein wichtiger Blick auf die rasend schnelle Ausbreitung des HI-Virus und die absolut gegensätzlichen Auffassungen zum Umgang mit ihm. Der schockierende Blick auf eine junge Generation, die AIDS nicht mehr in seiner unbekannten Verheerung kennen gelernt hat und sich nicht unterdrücken lassen will von Forderungen nach safer sex mit dem Ausspruch: “Es gibt keinen Präser gegen den Tod, ich meine, könnte man
ja gleich in einer Plastiktüte leben und glauben, man müsse nicht in einem Sarg enden.” Und obwohl sich alles um die Krankheit zu drehen scheint, sind es doch auch so viele weitere Themen, die in diesen atemberaubenden Roman angesprochen werden: Die Schwierigkeit, mit Andersartigem umzugehen, ihre Eigenheiten zu verstehen, seine eigenen Wurzeln zu finden und zu ihnen zu stehen. Die Trauer und Wut, mit denen auf herbe Enttäuschungen reagiert wird. Die Schwierigkeit des Intellektuellen, nach seinen rhetorischen Pirouetten wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Und schließlich doch wieder die Frage: Wie mit AIDS umgehen, wie AIDS verstehen? “Wie diese schreckliche Krankheit zu einem Streitobjekt hat werden können, zu einem Hebel intellektueller Erpressung oder einem Vektor für Wahnideen – auf beiden Seiten.”

Und erst ganz Zuletzt erkennt wenigstens einer der Männer, wie es Elisabeth wirklich geht: “Du solltest dich mal ansehen, Liz, du machst dich damit kaputt, Scheibenhonig, du musst ein bisschen auf dich achtgeben, kümmere dich mal um dich selbst…” – Das ist leicht gesagt, wenn einem die Menschen, die einem als einzige nahe stehen, abwechselnd so viel Kummer, und doch auch so viel Freude bereiten…

Dieser Roman versprüht eine bittersüße Melancholie, er fesselt den Leser, und er regt – bei aller Abgedroschenheit dieser Worte – wirklich enorm zum Denken an!

Und was ist nun der beste Teil der Menschen? Dieser Titel sprach mich auf Anhieb an, haben doch Erwartungshaltungen an einen – wie auch immer gearteten – Übermenschen schon in der Geschichte immer wieder zu unnützem Blutvergießen, zu unnützer Unterdrückung geführt. Auch in diesem Roman klingen nihilistische Philosophen wie Nietzsche an, doch das Beste des Menschen, das findet sich ganz wo anders. Wo, das möchte ich nicht vorweg nehmen… Ich kann euch aber verraten, was für Willie der beste Teil vom Huhn ist: Natürlich die Brust.

Liebe Dorota, ich danke dir für dieses außergewöhnliche Lese-Erlebnis!

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Liebe Kalliope, vielen Dank für Deine wunderbare Gastrezension!

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2 Antworten auf Aus fremder Feder

  1. Sabine sagt:

    Ich danke auch, für eine mit ganz viel Gefühl geschriebene Rezension!

    Liebe Grüße
    Bine

  2. Kalliope sagt:

    Danke für die lobenden Worte, über die ich mich SEHR freue! :-)
    Auch dir liebe Grüße!

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