Il Decamerone im 21. Jahrhundert und eine wunderschöne Biene auf dem Cover

“Generation A” von Douglas Coupland
Tropen bei Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-50110-0

Wie schreibt man eine Rezension über ein Buch, das einem so sehr gefallen hat, dass man es am liebsten von vorne bis hinten zitieren würde? Denn die Worte von Douglas Coupland sprechen für sich und das von ihm entworfene Zukunftsszenario erscheint glaubwürdig. Dem Buch merkt man die unkonventionelle Liebe des Autoren zur Sprache, zu den Wörtern, zu Büchern und zu Geschichten an. Die Themen Lesen und Literatur ziehen sich durch das ganze Buch. “Generation A” ist auf gewisse Weise eine Liebeserklärung an die Literatur. Trotzdem möchte ich versuchen, Euch das Buch nahe zu bringen, ohne zu viel zu verraten und ohne mich zu sehr ins Schwärmen zu stürzen.

Es ist das Jahr 2024 und die Bienen sind längst ausgestorben. Viele Menschen nehmen Solon, ein Medikament, das ihnen hilft sich zurückzuziehen, alleine und  damit zufrieden zu sein. Mit Solon lebt man in der Gegenwart, das Leben wird intensiver, “man nimmt andere Menschen an oder ignoriert sie”, man reicht sich selbst aus. Und Vergangenheit und Zukunft stellen keine Quellen der Angst dar.

“Weil Solon ein Gefühl der Zurückgezogenheit erzeugt, wie man es beim Bücherlesen empfindet. Bücher und Solon entführen dich aus der Welt. Aber für eure Gehirne wäre Solon so, als würdet ihr Tausende von Büchern in vierundzwanzig Stunden lesen.”

Und außerdem erzeugt Solon anscheinend das gleiche Gefühl wie Lesen:

“Bücher zu lesen gibt den Menschen ein Gefühl von Individualität, das Gefühl einzigartig zu sein – sie denken dann, irgendetwas an ihrer Existenz sei besonders oder – wie sie es gerne nennen – ‘magisch’.”

Eines Tages wird der erste der fünf Protagonisten von einer Biene gestochen. Die Welt und vor allem die Wissenschaft stehen Kopf. Innerhalb kürzester Zeit erfährt jeder per Internet oder Mobiltelefon, dass und wo eine Biene gesichtet wurde. Denn die Wiederauferstehung der Bienen könnte bedeuten, dass Pflanzen nicht mehr von Hand bestäubt und nur noch genmanipuliertes Gemüse produziert werden müsste. Es wäre so schön, wenn die Bienen zurück kämen. In den nächsten Wochen werden noch vier andere Menschen in verschiedenen Weltgegenden gestochen. Und sofort unter Quarantäne gestellt. Alle fünf müssen wochenlange Untersuchungen über sich ergehen lassen, damit die Wissenschaftler herausfinden können, warum ausgerechnet sie gestochen wurden, was sie verbindet und ob es möglich ist, dass die Bienen zurückkommen.
Eines Tages lädt ein Wissenschaftler die fünf “Gestochenen” zu einem Forschungsprojekt ein. Er lässt sie auf eine Insel bringen, um sie dort Geschichten erfinden und sich  gegenseitig erzählen zu lassen. Mit jeder Erzählung lernen wir die Protagonisten, aber auch die Welt, in der sie leben, besser kennen, und die Lösung des Rätsels um die ausgestorbenen Bienen rückt immer näher.

Die Kunst von Coupland, Geschichten zu erzählen, ist einfach einzigartig, spannend und humorvoll. Man kann “Generation A” als einen Episodenroman lesen, in kleinen Stückchen, die so gut verdaulich sind wie feines Essen. Man kann sich allerdings auch das ganze Buch “reinziehen” wie Solon. Aber Achtung – es macht süchtig!

Das folgende Buchzitat lädt zu einer Diskussion ein. Es würde mich interessieren, was Ihr davon haltet:

“- Aber ich kann mein Leben bloggen! Auf die Art kann ich eine Geschichte daraus machen.
– Blogs? Sorry, aber all diese Blogs und Vlogs oder was auch immer es da draußen gibt – die machen es doch bloß schwerer, einzigartig zu sein. Je mehr du von dir ausplauderst, desto gesichtsloser wirst du.”

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2 Antworten auf Il Decamerone im 21. Jahrhundert und eine wunderschöne Biene auf dem Cover

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