[Gastrezension: Christina] Andrej Kurkow – Der wahrhaftige Volkskontrolleur

„Das ist nicht dein Humor“ war der erste Satz, den ich von einer Freundin, als sie mich mit dem Roman Der wahrhaftige Volkskontrolleur von Andrej Kurkow in der Hand sah, hörte. Das gab mir zu denken. Ist dieses Buch wirklich komisch? Laut Klappentext ist hier von viel schwarzem Humor die Rede. Und ja, schwarzen Humor gibt es hier wirklich viel. Ich hab zwar im Geschichtsunterricht während meiner Schulzeit aufgepasst, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich nicht genug Hintergrundwissen habe, um alle Seitenhiebe auf die damalige Sowjetunion zu verstehen. Dennoch: Einiges konnte ich zuordnen und es brachte mich sehr zum Lachen. Beispielsweise als Schüler vor die Aufgabe gestellt wurden, einen Aufsatz über die Liebe zum Vaterland, ihre Familien, „die Erbauer des Kommunismus“ (102) oder wovon ihre Väter träumen, gestellt wurden.

Doch im Roman geht es um noch viel mehr: Es geht um Angst und Vertrauen, Liebe und Hass, Freundschaft und Rivalität und vor allem um die Treue zum Vaterland, sei sie erzwungen oder freiwillig. Der Leser lernt in vier Handlungssträngen völlig verschiedene Charaktere kennen. Sie sind alle vom Autor detailliert, authentisch und feinfühlig beschrieben. Da gibt es Pawel, ein einfacher Bauer, der Frau, Kind und seinen geliebten Hund verlassen muss, da er zum Volkskontrolleur berufen wurde. Er stellt sein Vaterland nicht in Frage, dient verantwortungsbewusst und in bestem Willen. Dann gibt es einen Engel. Er verließ freiwillig den Himmel in der Hoffnung eine dringende Frage beantworten zu können: Kein Mensch in diesem Land schafft es ins Paradies. Woran liegt das? Später lernt der Leser den Schuldirektor Banow kennen, der sich in die Stiefmutter eines Schülers verliebt. Zuletzt taucht der Künstler Mark mit seinem Papagei, der patriotische Gedichte über die Sowjetunion aufsagen kann, auf. Alle Erzählstränge stehen für sich allein, ein Aufeinandertreffen der Personen findet nicht statt.

Am schönsten finde ich den Erzählstrang über den Engel. Er schließt sich einer Gruppe von Menschen an, die alle das Gelobte Land suchen, um noch einmal ganz neu anzufangen. Zuerst dachte ich, sie jagen einem unerfüllbaren Traum hinterher. Doch sie finden tatsächlich das Gelobte Land und können ein neues Leben aufbauen. Ich mag die Sichtweise des Engels. Wie aus den Augen eines Kindes beobachtet er auf fast schon naive Art den Aufbau einer neuen Gemeinschaft. Er traut sich, unangenehme Dinge anzusprechen, ohne Missgunst der anderen befürchten zu müssen. Lustig war auch die Erzählung über den Volkskontrolleur. Pawel war so unglaublich gutmütig, treu und naiv, dass es schon fast wehtat. Nicht einmal zu einer abstoßenden Nationalspeise, „Organe eines Rentiers“, konnte Pawel nein sagen, um seinen Gastgeber nicht zu kränken. Ihm ging es immer nur um das Wohlbefinden anderer, nie um ihn selbst.

Der Ton des Romans schwankt zwischen ernst, lustig und schelmisch. Er wirkt an manchen Stellen ironisch, an anderen Stellen konnte ich den angeschlagenen Ton nicht dem Inhalt zuordnen. Der Roman verlangt volle Aufmerksamkeit, dennoch lässt er am Ende viele Fragen offen. Vielleicht erschließt sich ja mehr nach einer zweiten Lektüre.

Der wahrhaftige Volkskontrolleur von Andrej Kurkow, Haymon Verlag, ISBN: 978-3-85218-679-5, aus dem Russischen von Kerstin Monschein

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