[Gastrezension: Christina] Kaspar Schnetzler – Kaufmann und das Klavierfräulein

„Kaufmann und das Klavierfräulein“ von Kaspar Schnetzler erzählt eine Familiensage, die über drei Generationen reicht. Die Geschichte beginnt einem Besuch von Cecilia, die Freundin des verstorbenen Protagonisten Paolo Mari, bei Neukomm, Präsident des Kaufmännischen Vereins in Zürich. Sie bittet den Präsidenten ein von Paolo geschriebenes Buch zu lesen. Aus Papieren und anderen Dokumenten, die Paolo im Archiv des Vereins gefunden hat, schrieb er eine Geschichte nieder, die immer mehr seine eigene geworden ist. Mit dem Präsidenten zusammen wird der Leser in diese Binnenhandlung gezogen – und erfährt die ganze Lebensgeschichte von Paolo von Beginn an.

Was zunächst spannend klingt, entpuppt sich als schwere Kost, die darum bemüht ist, keck und frisch zu klingen. Die Erzählung ist distanziert, man hat Schwierigkeiten sich in die Charaktere hinein zu versetzen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ein trockenes Buch der europäischen Geschichte lese, das versucht, Themen der Politik, Gesellschaft und Liebe in die Handlung hineinzuzwängen. Die Liebesbeziehung von Paolos Großeltern beispielsweise wird im Roman als modern beschrieben. Paul respektiert seine Frau Amelie und unterstützt sie in ihrer beruflichen Laufbahn, was im 20 Jahrhundert durchaus noch nicht selbstverständlich war. Ihre Beziehung ist liebevoll. Dennoch wirkt alles sehr künstlich, man ist als Leser nicht hautnah dabei. Beide sind mit einem Mal miteinander verheiratet. Der Autor schien sich nicht getraut zu haben, eine Liebesbeziehung in all seinen Facetten zu beschreiben.

Auch die Beziehung zum Sohn Johann wirkt unecht. Die Mutter liebt ihren Sohn über alles, stellt sich aber für ihn nicht gegen ihren Mann. Sohn und Vater kommen mit dem Erwachsenwerden Johanns nicht mehr miteinander aus. Zu unterschiedlich sind ihre politischen Ansichten. Johann bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab, wandert ins faschistische Italien aus, ändert sogar seinen Namen zu Giovanni Mari und heiratet dort eine Italienerin, die Tochter seines Arbeitsgebers. Aus ihrer Ehe geht ebenfalls ein Sohn hervor: Paolo. Mit der Erzählung von Johanns Lebenswandel geht endlich ein wenig Spannung auf. Giovanni gibt Paolo nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Verwandte in die Schweiz, mutterseelenallein, um ihn zu retten. Paolo findet also mit der Arbeit am Roman seine eigenen Spuren und stirbt er natürlich nach Fertigstellung des Romans – um dem Ganzen ein wenig Dramatik zu verleihen.

Kaspar Schnetzler “Kaufmann und das Klavierfräulein”, Bilger Verlag, ISBN: 978-3-03762-012-0

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