[Gastrezension: Judith/leseloop] Iris Hanika: Wie der Müll geordnet wird

Iris Hanika: Wie der Müll geordnet wird

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Bei der folgenden Rezension haben Sie sich für einen Text mit hohem Kreativitätspotenzial entschieden. Die Stilistik, Sprache und Wortwahl des nun folgenden Abschnitts wurden nach bestem Wissen und Gewissen aus dem natürlich nicht zu übertreffenden Original übernommen, mit impliziter Kritik versehen und schließlich zu einem lesbaren Text verarbeitet.

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Lektüre

Antonius heißt in Wahrheit gar nicht Antonius. Diesen Namen hatte er sich ausgedacht. Vielmehr war Manfred sein richtiger Name und seine Begleiterin Antonina hieß in Wirklichkeit Renate. Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass Antonina nur ausgedacht war, also nicht real, sondern Antonius sie erfunden hatte, um sich nicht mehr einsam zu fühlen, obwohl er sich früher immer unwohl gefühlt hatte, wenn er nicht einsam war.

Hintergrundinformation

Antonius hieß in Wirklichkeit auch nicht Manfred. Sein Name war Adrian. Seinen Zweitnamen Antonius hatte er ausgewählt, um von der Vergangenheit Abstand zu nehmen. Er stellte sich allerdings gerne vor, dass ihm als Kind der Name Manfred besser gefallen hätte, er stellte sich vor, dass er sich vorstellte, dass Adrian, sein richtiger Name, nicht zu ihm passen würde. Außerdem stellte er sich vor, dass er sich vorstellen könnte, allein durch die Vorstellung, jetzt Antonius zu sein, eine neue Identität zu entwickeln und so in seiner Vorstellung nicht mehr Adrian sein zu müssen.

dichterische Verarbeitung

Adrian ist Antonius manfredisierend. Antonius ist Manfred adrianesk. Renate schreibt in ein oranges Heft.

(Antonius kannte Renate eigentlich kaum. Ihm war lediglich bekannt, dass sie ein oranges Tagebuch in einer schwierigen Phase ihres Lebens geführt hatte, das er beim Ordnen des Hausmülls im falschen Container gefunden hatte. Denn Antonius konnte kein Altpapier im Restmüll dulden. Der Leser bzw. die Leserin sollte sich an dieser Stelle, spätestens aber nach einigen Seiten, bewusst machen, dass das Leben des Antonius eine sinnlose aber alle Sinne ansprechende Zustandsbeschreibung ist. Wer Handlung in Romanen gewohnt ist, der kann auch direkt zum zweiten Teil des Buches springen. Demjenigen sei allerdings nahegelegt, dass er das Beste verpasst. Oft führt der steinige Weg zum schöneren Ziel.)

as we get older and stop making sense

Antonius hatte, um die größtmögliche Sinnlosigkeit in sein Leben zu integrieren, eine Liste erstellt, um möglichst sinnlose Tätigkeiten aufzuzählen, diese zu erledigen und damit sein sonst leeres Leben zu füllen. Diese Listen waren sein Ausweg aus der tristen kaum möblierten Wohnung, die aber besser war, als das Irrenhaus. Dort hatte sich Adrian wohl gefühlt, nicht aber Antonius.

Müllkontrolle

Antonius hatte sich nach dem Führen zahlreicher Listen über sinnlose Dinge, wie etwa UNANGENEHME STIMMEN oder SCHWACHSINN DES TAGES, dazu entschlossen, der sinnlosesten Tätigkeit überhaupt, den Müll anderer Menschen zu sortieren bevor die Müllabfuhr kam und den Müll in automatische Mülltrennungsanlagen brachte, nachzugehen.

Hintergrundinformation

Diese Tätigkeit gab seinem Leben Sinn. Das Ordnen des Mülls glich eines Ordnens seiner Gedanken, die oft wirr durcheinander flogen. Das vorliegende Buch ist schon wirr genug, wie Antonius’ Geisteszustand wechseln Sprache und Stil im Akkord.

Antonius fehlte die Fähigkeit, Reize richtig zu interpretieren, also konnte er mit Emotionen ohnehin nichts anfangen. Sie waren nur da.
ODER
auch nicht.

Müllkontrolle

Wir halten fest: Mülltrennung ist eine sinnlose Tätigkeit. Sie gibt, nicht wegen des Sinns sondern wegen der Tätigkeit, dem Leben Sinn. Ergo: Sinnlose Tätigkeiten sind gar keine, sondern kommen einem nur so vor. Das Lesen dieses Buches hingegen ist keine sinnlose Tätigkeit, besonders dann nicht, wenn man virtuose Sprachfertigkeit und kreative Textgestaltung mag.
Ironie statt Pathos,
Stil statt Inhalt. Dann kann man sich viel abschauen.

Zusammenfassung

Müll nimmt eine tragende Rolle in Antonius’ Leben ein. Die Trennung des selben steht für den Willen nach Recycling, nach Erneuerung. Und für das Loslassen von alten belastenden Erinnerungen. Deshalb kommt Renates Tagebuch auch in den Restmüll. Um eben gerade NICHT recycelt zu werden.

Fazit:

Ein sprachlich oder stilistisch vielfältigeres Buch hatte ich persönlich noch nie in der Hand. Zeilenweise – oder zumindest mehrmals pro Seite – wechseln Stil, Inhalt, Wortwahl und sogar Format. Fußnoten reihen sich neben Überschriften und Exkurse, „Hintergrundinformationen“ gehen nahtlos über in „dichterische Verarbeitungen“. Man könnte sagen, es fühlt sich beim Lesen tatsächlich so an, als würde man einen Blick in den Kopf eines Autisten werfen können. Oder ist der Protagonist doch eher schizophren?

Das Buch besteht aus drei Teilen, die wirken, als hätte Iris Hanika erst nach dem Fertigstellen beschlossen, sie als ein einziges Buch zu veröffentlichen. Der erste Teil liest sich in etwa wie der oben geschriebene Text – der innere Monolog eines psychisch kranken und/oder schwer traumatisierten Autisten. Der zweite Teil enthält Hintergrundinformationen – und etwa fünf Geschichten anderer Personen, auktorial und einheitlich erzählt, die eigentlich nicht nötig wären, um den ersten Teil bzw. Antonius’ Seltsamkeit zu erklären. Der dritte Teil verbindet die ersten beiden Teile und verstärkt die Vermutung, dass die Teile getrennt voneinander entstanden seien.

Hanika spielt mit komplexen Erzählstrategien, die man wahrscheinlich erst nach einem zweiten Lesen – und auch dann nicht vollständig – durchschaut. Aber selbst, wenn einem Handlung oder Kontext zu komplex sind, zahlt es sich allein des Stils wegen aus, einen Blick ins Buch zu werfen.

* * *

Mein Name ist Judith, ich bin Germanistin und Kulturwissenschaftlerin mit Spezialgebieten Neuere deutsche Literatur und Kreatives Schreiben. Auf meinem Blog  veröffentliche ich Rezensionen über zeitgenössische österreichische Literatur in Form von sogenannten „Loops“ – Rezensionen im Originalstil des Buchs. Das macht nicht nur Spaß, sondern zeigt auch gleich meinen Leserinnen und Lesern, ob ihnen sowohl Inhalt als auch Stil eines Buchs gefallen könnten. Außerdem blogge ich über Lesungen, Festivals und kreatives Schreiben in und um Österreich. Schau vorbei, wenn dir meine Rezension gefallen hat.

P.S.: Ich verlose übrigens alle Rezensionsexemplare, die ich nicht aus der Bücherei oder einer Bibliothek ausleihe, an meine Newsletter Abonnenten und Facebook Fans.

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