“Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft” Volker Weidermann

“Denn wenn wir lesen, was tun wir anders als fremde Menschen von innen heraus mitzuleben, mit ihren Augen zu schauen, mit ihrem Hirn zu denken?” (132, Stefan Zweig)

Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft” von Volker Weidermann kennt wahrscheinlich inzwischen jeder, so oft wurde das Buch bereits beworben und besprochen. Und in höchsten Tönen gelobt. Auch vor ein paar Tagen hat Sonja dieses Buch im Adventskalender des KiWi-Verlages empfohlen. Ich möchte mich gerne dieser Kette der Lobeshymnen anschließen, auch wenn ich versuche, es kurz und knapp zu machen.

Was sagt man über ein Buch, das so viele Leser und Kritiker bereits erwähnt haben?

Weidermann erzählt von einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen dem erfolgreichen Schriftsteller Stefan Zweig und dem alkoholabhängigen und an Geldmangel leidenden Autor Joseph Roth. Krieg liegt in der Luft, Unzufriedenheit und Sorgen.

“Man muss diesen Gedanken und das Wissen um kommende Sintflut, Krieg, usw. verdrängen, wenn man schreiben will. Man kann sonst nicht schreiben. Dazu braucht man Alkohol. Es kommt dabei nur darauf an, gut und weise zu trinken. Ein Künstlerberuf ist nun mal unrettbar, unentrinnbar von Stimmungen abhängig.” (70)

Im Sommer 1936 trafen sich einige Autoren und Angehörigen des Literaturbetriebes im belgischen Badeort Ostende, um ihren Sorgen zu entkommen, um die Freundschaften und die Liebe zu feiern, um das Leben zu feiern. Hier traf Roth die Schriftstellerin Irmgard Keun und eine leidenschaftliche Beziehung nahm in Ostende ihren Anfang. Hier trafen sich Zweig und Roth noch einmal.
Klein aber fein ist das Büchlein von Volker Weidermann, das den Sommer 1936 in Ostende beschreibt. Es ist ein wehmütiges Buch, ein schön geschriebenes, gut lesbares und informatives Stück Dokumentarliteratur. Es macht Lust, die Werke der großen Literaten zur Hand zu nehmen und sie zu lesen, denn man hat das Gefühl, ein minimales Hintergrundwissen erhalten zu haben und dieses erweitern zu wollen.

Nach der Lektüre des Buches und nachdem Weidermann mich mit Irmgard Keun bekannt gemacht hat, freue ich mich sehr auf ihren Roman “Kind aller Länder”, der im Februar 2016 im Kiepenheuer & Witsch Verlag erscheinen wird. Dort wird die Geschichte von Joseph Roth und Irmgard Keun, die in Ostende begann, weiter gesponnen.

“Ich erinnerte mich an wichtige Entscheidungen, die mir von Büchern kamen, an Begegnungen mit längst abgestorbenen Dichtern, die mir wichtiger waren als manche mit Freunden und Frauen, an Liebesnächte mit Büchern, wo man wie in jener anderen den Schlaf selig im Genuß versäumte;” (132, Stefan Zweig)

“Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft” Volker Weidermann, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04600-7

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