[Gastrezension: Christina] Nina Maria Marewski – Die Moldau im Schrank

„Was wäre wenn…?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gibt, der sich diese Frage noch nicht gestellt hat. Wir alle waren schon einmal in einer Situation, in der wir Entscheidungen treffen mussten. Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten und unser Leben veränderten. Es müssen nicht einmal wichtige Entscheidungen sein. „Häufig sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Alle Entscheidungen, auch die kleinen, können den Lauf unseres Lebens beeinflussen.“ (83) Doch niemals werden wir erfahren, was passiert wäre, hätten wir uns anders entschieden. Und doch wünschen wir es uns oft.

Helena erhält Antworten auf ihre „Was wäre wenn…?“-Fragen in Nina Maria Marewskis Debütroman „Die Moldau im Schrank“. Sie kann sogar in diese andere Welt – eine Welt, die aus anderen Entscheidungen entstanden ist – eintauchen. „Jede Alternative, gegen die wir uns entschieden haben, hat ein Recht auf Existenz. Sie nimmt es sich ganz einfach, ohne unsere Zustimmung und ohne unser Wissen baut sie sich ihre eigene Identität.“ (85) Rein zufällig, als Helena eine Säule in der Frankfurter Hauptwache berührt, findet sie ein Tor zur Parallelwelt und wird unvermittelt hineingeschleudert. Dort trifft sie auf sich selbst, auf ihr Parallel-Ich. Die Helena, die sie dort kennen lernt, ist ganz anders als sie. Sie hat keinen Ehemann und keine Kinder. Helenas Parallel-Ich macht als Künstlerin Karriere und verliebt sich in einen Mann, der ihr Leben in Gefahr bringt.

Ein anderer Handlungsstrang erzählt die Geschichte eines Mörders. Der kleine Mitja muss mit sieben Jahren mitansehen, wie seine Mutter, eine Prostituierte, stirbt. Er hätte ihr zu Hilfe eilen können, doch er tut es nicht. Er entschied sich gegen sie. In einem Traum begegnet seine Mutter Mitja wieder und erteilt ihm die Aufgabe, weitere Engel in den Himmel zu schicken. Besessen davon, Tugend, Nächstenliebe und Natur zu schützen, lässt er niemanden an sich heran, und wehe eine Frau wagt es, ihm zu nahe zu kommen.

Mitja und Helena begegnen sich in Helenas Parallelwelt. Diese muss mitansehen, wie ihr Parallel-Ich einem Mörder verfällt. Sie sieht es als ihre Aufgabe, den sicheren Tod zu verhindern. Warum sonst sollte sie als Grenzgängerin zwischen den Welten wechseln können?

Marewski erzählt packend die Geschichte einer Frau, die sich selbst begegnet und gezwungen ist, weitere Entscheidungen zu treffen. Nicht nur im Roman werden Grenzen der Wirklichkeit überschritten, auch der Roman selbst wechselt zwischen literarischen Gattungen. Herrlich sind auch die Beschreibungen Frankfurts. Ganz nebenbei erfährt man etwas mehr über die Geschichte der Mainmetropole. Und darüber was aus ihr hätte werden können. Besonders witzig ist außerdem die Beschreibung des Parallel-Ichs der ehemaligen Oberbürgermeisterin Frankfurts Petra Roth.

„Die Moldau im Schrank“ ist spannend bis zum Ende, ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Vielleicht sollten wir uns doch nicht zu sehr mit Alternativen beschäftigen. Vielleicht sollten wir uns mit dem Lauf des Lebens zufrieden geben und einmal gefallene Entscheidungen nicht in Frage stellen. Doch das Ende überrascht. Zurück bleibt ein Leser mit der Frage: „Was wäre wenn…?“

Nina Maria Marewski “Die Moldau im Schrank” Bilgerverlag ISBN 978-3-03762-015-1 

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