[Gastrezension: Nanni] „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ Dana Grigorcea

Das Problem an genauen Vorstellungen und Erwartungen ist, diese auch zu erfüllen bzw. erfüllt zu bekommen. Ein Problem, dem Dana Grigorcea und ich gemeinsam ausgesetzt waren und das uns eher auseinander, anstatt zusammen getrieben hat.

Dana Grigorcea hat viel zu bieten. Eine Schreibe, die mitzieht, die leicht daher fliest. Mit der sie in meisterlicher Art Äußerlichkeiten beschreibt. Die Optik einer Stadt, eines Landes, in dem sie aufgewachsen ist und mit dem sie sicherlich viele Gefühle verbindet. Unter anderem Zuneigung und Bewunderung, so fühlt es sich für mich als Leserin ihres Romans „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, der in ihrer Heimat Bukarest spielt und leichte biografische Züge aufweist, zumindest an. Ja, ihre Heimat beschreiben, das kann sie. Meine Neugier für ein mir bis dato unbekanntes Land ist geweckt.

Und da tritt das erste Problem auf. Ich weiß nichts über dieses Land, hoffe aber im Roman etwas darüber zu erfahren. Wie leben die Leute dort? Jetzt. Heute. Darüber erfahre ich leider auf den ersten hundert Seiten so wenig, dass ich mich in Wikipedia einklinke und mich in Geschichte und aktuelle Situation des Landes einlese. Harter Tobak, den die Bukarester erleben mussten. Erlebnisse, die in den älteren Generationen sicher noch fest sitzen.

Menschen, die schon aufgrund der Historie ihres Landes interessant sind. Ich lerne einige von ihnen kennen. Leider nur sehr oberflächlich. Es ist, als würde ich mit Dana Grigorcea in ein Land reisen, in dem sie alle Bewohner kennt, ich aber nun mal bis dahin niemanden. Nachbarn, Freunde, Bekannte, mit denen sie sich auf ihrer Reise trifft. Bei Gesprächen stehe ich daneben. Man unterhält sich über Dinge von denen ich nichts weiß und von denen ich nichts verstehe. Ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen. So dumpf wie Protagonistin Victoria.

Meine Erwartungen an unsere gemeinsame Reise werden nicht erfüllt. Das Land hat mir gefallen, meine Reisebegleitung prinzipiell auch. Auch, wenn ich nicht verstehe, warum sie so tiefgründig über das Land schreiben kann, bei den Menschen aber nur an der Oberfläche kratzt. Egal, aus jeder Erfahrung kann man etwas mitnehmen. Ich würde Dana Grigorcea wieder als Reisebegleiterin wählen. Vielleicht unter anderen Bedingungen. Vielleicht zu einem anderen Ziel. Wer weiß.

„Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ Dana Grigorcea, Dörlemann Verlag, ISBN: 9783038200215

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