Es ging „nicht um die Summe der Tage […], sondern um die Fülle der Gefühle.“ (250)

„Und wenn glückliche Momente selten sind, erinnert man sich umso stärker an sie, dachte ich auf der Straße zwischen Sophia und dem Tod. Ich fragte mich, ob das nicht sogar besser war als ewiges Glück.“ (45)

Eines vorweg: ich kenne Thees Uhlmann nicht. Ich kenne seine Musik nicht, habe ihn noch nie im Fernsehen gesehen, ich habe ihn noch nie sprechen hören und keine Aussagen von ihm gelesen. Erst nach der Lektüre von „Sophia, der Tod und ich“ habe ich im Internet gelesen, dass manche nicht viel mit dem Autor anfangen können, seine Musik nicht mögen und seine Ansichten nicht teilen und deswegen seinen Roman auch nicht lesen wollen. Schade, möchte ich dann nur sagen. Denn ihnen entgeht ein wunderbares Leseerlebnis, das laut meinen geschätzten Kollegen Hauke Harder und Gérard Otremba das Zeug zum Kultbuch hat. Dem möchte ich mich gerne anschließen. Bereits nach den ersten Seiten ist man voll in der Geschichte gefangen. Wer hier jedoch hohe zeitgenössische Literatur erwartet, der wird sie nicht bekommen. Unterhaltung mit Tiefgang dagegen auf jeden Fall.

Was machst Du, wenn es an Deiner Tür klingelt? Richtig, Du machst die Tür auf. Blöd nur, wenn vor der Tür der Tod persönlich steht und Dir mitteilt, dass Du nur noch drei Minuten zu leben hast und Dich fragt, was Du in diesen drei Minuten noch machen möchtest. Denn danach nimmt er Dich mit. Das hat der Tod Millionen Male bereits getan und wird es weiterhin tun. Außer es kommt was dazwischen und Du kannst dem Tod für ein paar Tage von der Schippe springen.

Dass jedoch jeder von uns stirbt, steht nicht zur Debatte. Nur die Art und Weise ist für jeden anders, manchmal tritt der Tod still ein, manchmal holt er einen mit dem Flammenwerfer ab. Manchmal kann man ihm für ein paar Augenblicke noch entkommen, weil man noch etwas ganz Wichtiges erledigen muss, wie der Protagonist dieses Buchs. Man klammert sich an das Leben, weil man sich noch von jemandem verabschieden möchte, wie das eben auch der Ich-Erzähler will. Manchmal wird der Tod jedoch auch von einem erneuten Klingeln an der Tür gestört und kann seine Arbeit nicht erledigen. In Wahrheit wissen wir nicht, wie der Tod ist, wie er aussieht, wie es sich anfühlt, wenn man stirbt. Man kann nicht voraus ahnen, wie man dann fühlen und was man denken wird. Mit seiner Romanidee versucht der Autor vielleicht dem Leser ein bisschen die Angst vor dem Tod zu nehmen und lenkt seine Gedanken auf das Leben selbst.

Thees Uhlmann hat einen fantasievollen Roman geschrieben, einen klugen Roman, der einerseits bewegt, unter die Haut geht, aber auch wahnsinnig unterhält und zum Lachen bringt. Und während ich das Buch las und die Ideen von Uhlmann verfolgte, hoffte ich, dass er die von ihm erzählte Geschichte nicht durch ein doofes Ende zerstört. Ich bin sehr glücklich darüber, dass das Ende sehr passend ist und zum Nachdenken anregt.
Man kann einiges in die Sterbensgeschichte des Protagonisten hineininterpretieren; ich möchte Euch jedoch mit meinen Ideen nicht den Spaß an der Geschichte wegnehmen, deswegen behalte ich sie nur für mich.

“Und genauso ist das beim Sterben auch. Die Leute, die furchtsam gelebt haben, sterben voller Furcht. Die Menschen, die mit offenem Herzen gelebt haben, sehen dem Ganzen freudiger entgegen.“ (153)

Alles in allem ist „Sophia, der Tod und ich“ ein rundum gelungenes Buch, das vor Ideen sprüht, gute Gedanken beinhaltet, einen spannenden Roadtrip beschreibt, von Liebe und Familienzusammenhalt erzählt und davor warnt, nicht genug zu leben. Dieser Roman hat es nicht nötig, unter literarischen Aspekten auseinandergenommen zu werden. Nehmt es einfach in die Hand, lest rein, lasst Euch berühren, lacht, staunt, lasst Euch überraschen, erwartet nicht zu viel, lasst Euch treiben und seid zufrieden.

„Ich hab einfach keinen Bock auf Stress. Ich hab keinen Bock auf Gesabbel. Ich will einfach meine Ruhe und in meiner Ruhe in Ruhe gelassen werden.“ (126)

Und was würdest Du tun, wenn Du nur noch drei Minuten zu leben hättest?

„Sophia, der Tod und ich“ von Thees Uhlmann, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04793-6

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