Es ist besser, „ein Ziel zu haben, als auf irgendwelchen Nebenstraßen herumzuirren.“ *

Wenn der Alltag mit kleineren und größeren Problemen und Aufgaben, ja dem Leben selbst, ausgefüllt ist, fällt es mir manchmal schwer, mich auf ein Buch zu konzentrieren. Dann bin ich froh, wenn ich es schaffe, abends wenigstens ein paar Seiten zu lesen. Auch wenn die letzten Wochen recht anstrengend für mich waren, schaffte ich es doch, drei Romane zu lesen. Und ich fand alle drei gut und bin von allen drei auf den verschiedensten Ebenen begeistert.

Alle drei Romane haben zwei Themen gemeinsam – Liebe und Selbstmord. Ob es den Protagonisten und welchen der vielen Charaktere gelingt, sich umzubringen und unter welchen Umständen sie es versuchen, darüber will ich natürlich nichts verraten. Das müsst Ihr schon selbst herausfinden, indem Ihr die Bücher lest. Es hat mich einfach überrascht, dass gleich in drei Neuerscheinungen Selbstmord thematisiert wird. Dass es um die Liebe mit ihren verschiedenen Facetten geht, ist nicht verwunderlich.

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In „Zwei Schwestern“ von Dorothy Baker sind es eineiige Zwillinge, Schwestern eben, die sich über alles lieben und eigentlich ihr Leben zusammen verbringen möchten. Doch ihrem fraglichen Glück zu zweit steht nicht nur ein Mann im Weg, sondern auch die Einsichten von Cassandra, die rebellisch veranlagt ist. Denn Judith ist eher bodenständig.

„Überall das Gleiche, wohin ich nur je geblickt hatte. Jede Menge Sicherheit, sehr wenig Risiko. Hauptsache, nichts gefährdet die schickliche Heirat, die moderne Karriere, die zahnlose Examensarbeit, die nichts Neues und nichts Wahres enthält. So macht man das. Man schwimmt mit. Alle außer Papa […]. Und ich, die was. Die nichts. Die weniger als nichts. Die versuchte, aber vergeblich.“ (256)

Wahnsinnig gut, zum Teil trocken, dann wiederum unterhaltsam, böse, ironisch und äusserst sympathisch erzählt Baker von ein paar Tagen aus dem Leben der zwei Schwestern, die ihr Leben grundlegend verändern werden.

„Schöne Dinge führen zu schönen Gedanken.“ (218)

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David Leavitt hat mich durch seine flotte Art zu Erzählen für sich eingenommen. Ab und an musste ich beim Lesen an „Der Liebhaber meines Mannes“ von Bethan Roberts denken. Sehr knapp zusammenfassend geht es in diesem Buch um die Liebe von zwei Männern, in Zeiten, die solche Liebe nicht billigen. Dabei befindet sich zwischen den Buchdeckeln natürlich viel mehr und die Geschichte ist viel komplexer. Sehr gut und solide erzählt Leavitt in „Späte Einsichten“ von Flüchtlingen, die in Zeiten des Zweiten Weltkrieges ihrem bekannten Leben den Rücken kehren müssen und wie sich ihr Leben im Exil verändert. Auch wenn ich den Roman sehr gerne gelesen habe und er mir wirklich nette Lesestunden geschenkt hatte, so spüre ich, dass es ein Roman für ein Augenblick ist. Er hat mich in dem Moment berührt, als ich ihn las. Sobald die letzte Seite jedoch ausgelesen war, wusste ich, dass das Buch bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das ist in meinen Augen jedoch gar nicht schlimm. Denn das Buch hat seine Aufgabe erfüllt – es hat mich unterhalten, mich berührt und begeistert, während ich es las. Für diese Gefühle lohnt es sich, meiner Meinung nach, ein Buch zu lesen.

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„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos dafür hat mich umgehauen und ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich im Internet sehe, dass jemand den Roman liest. Welch ein Buch! Welch eine Geschichte! Was für eine schöne literarische Perle! Gárdos erzählt in seinem Roman die Geschichte seiner Eltern, wie sie sich nach dem Krieg kennen und lieben gelernt hatten. Ohne Kitsch, dafür mit viel Humor und Schönheit erzählt er von zwei Menschen, die dermassen gezeichnet wurden während des Krieges, dass man sich nicht vorstellen kann, dass sie überhaupt Gefühle andere als Hass entwickeln können. Aber sie schaffen es, weil sie einen starken Willen haben. Berührend, unter die Haut gehend erzählt Gárdos diese fast schon unmögliche Geschichte einer Liebe, die zwei Leben verbunden hatte und zwei Menschen – psychisch und physisch möchte man meinen – gesund machte. Schön, mutig und wertvoll ist der Roman, weil er das wahre Leben beschreibt. Man bleibt nicht verschont zu erfahren, welche Grausamkeiten den Menschen in den Konzentrationslagern zugestossen waren. Die fließen aber so geschickt in die Geschichte ein, dass man sie schon fast überliest, um weiter der Liebesgeschichte zu folgen.

„Es gibt keine andere. Entweder sie – oder ich sterbe.“ (57)

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Habt Ihr eines der Bücher bereits gelesen? Werdet Ihr sie lesen wollen? Ich kann Euch alle drei wärmstens empfehlen!

*Zitat aus “Zwei Schwestern”, Seite (254) 

„Zwei Schwestern“ von Dorothy Baker, dtv Premium, ISBN: 978-3-423-28059-4, aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum
“Späte Einsichten” von David Leavitt, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN: 978-3-455-40497-5, übersetzt von Georg Deggerich
„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN: 978-3-455-40557-6, übersetzt von Timea Tankó

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Eine Antwort auf Es ist besser, „ein Ziel zu haben, als auf irgendwelchen Nebenstraßen herumzuirren.“ *

  1. Mareike sagt:

    Ach, was für eine Mischung! Zwei der vorgestellten Bücher habe ich bereits gelesen und das dritte möchte ich unbedingt noch. :)

    Leavitt habe ich sehr genossen und Gárdos sehe ich eher mit gemischten Gefühlen.
    Nach deiner Einschätzung möchte ich Baker nun ganz dringend lesen. Das klingt eindeutig nach einem Buch für mich!

    Liebe Grüße
    Mareike

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