[Gastrezension: Susanne] Ronald Reng “Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben”

Es gibt wenige Bücher, die ich zweimal lese. Dieses habe ich nach seinem Erscheinen vor fünf Jahren gelesen und es mir jetzt von Matthias Brandt vorlesen lassen. Beide Male habe ich zwischendurch immer wieder abbrechen müssen, weil die Traurigkeit so groß geworden ist, dass ich Pausen brauchte, um mich zu erholen. Über das Schicksal von Robert Enke, den ehemaligen Nationaltorhüter, brauche ich nichts zu erzählen, das ist hinlänglich bekannt. Erzählen muss und möchte ich aber über dieses Buch, das mich erschüttert hat wie kein anderes. Jetzt wieder, so als wäre es das erste Mal gewesen. Da ich mich für Fußball interessiere, ist mir Ronald Reng lange bekannt, als Journalist und als Buchautor. Ich habe seine Texte immer gern gelesen, aber dieses Buch von ihm sprengt einfach alles, was ich zuvor von ihm gekannt habe. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wie Reng es schafft, dieses Leben einerseits so unterhaltsam und kurzweilig zu erzählen, so authentisch, so nahe, so plastisch, dass es schon deshalb wert ist, gelesen zu werden. Und wie er andererseits diese traurige Geschichte derart feinfühlig und doch so knallhart nahe an der Realität beschreibt. Reng muss ein unglaublich guter Zuhörer zu sein, denn es waren andere, die ihm von Robert Enkes Leben und vor allem auch von seinem Leiden erzählt haben. Viele Menschen kommen zu Wort und so entsteht das facettenreiche Bild eines Menschen, der lange Zeit gelitten haben muss wie ein Hund und der am Ende keinen anderen Ausweg mehr sah, als dieses Leiden und damit sein Leben zu beenden. Aber nicht nur Robert Enke wird erfahr- und spürbar, vor allem werden es auch diejenigen, die mit ihm gegen die Depression gekämpft haben, die immer bei ihm waren und ebenfalls eine Last zu tragen hatten, die unmenschlich ist. Viele werden sich wohl noch an Teresa Enke erinnern, diese kleine, so unfassbar starke Frau, die vor laufenden Kameras berichtet hat, wie sie immer gehofft habe, dass es mit Liebe zu schaffen sei, die zerstörerische Kraft einer Depression zu überwinden. Auch sie wird in Rengs Buch so deutlich gezeigt, dass es kaum auszuhalten ist, ihr dabei zuzusehen, wie sie ackert und ackert, um ihren Mann aus diesem Sumpf von Antriebslosigkeit und Dunkelheit herauszuziehen. Ihre Ängste wurden beim Lesen und Hören meine Ängste, ihre Sorgen wurden meine und noch immer fühle ich diese Traurigkeit, die sie – nicht erst nach dem Tod Enkes – so oft gefühlt hat.

Solche Bücher zu lesen, ist beileibe kein Vergnügen. Aus diesem Grund kann ich jetzt nicht einfach sagen, das müsst ihr unbedingt lesen. Genau genommen wäre vielleicht sogar eher eine Warnung angebracht: Vorsicht, das geht an die Nieren und zwar sauber! Diejenigen allerdings, die das auf sich nehmen wollen, werden vieles erfahren über eine Krankheit, die so schwer zu fassen ist wie kaum eine andere. Robert Enke war kein Unbekannter, er stand im Licht der Öffentlichkeit und hat sich insofern von den meisten Menschen abgehoben. Was allerdings seine Krankheit und sein Leiden angeht, war er einer wie alle, die ebenfalls unter Depressionen leiden. Die werden sich wiedererkennen und auch diejenigen, die – wie Teresa Enke und andere Begleiter – dieses Leben teilen und abwechselnd bangen, hoffen und verzweifeln, finden sich wieder.

Es gibt wenige Bücher, die ich zweimal lese. Ronald Rengs Buch werde ich aller Voraussicht nach nicht zum letzten Mal gelesen haben.

Ronald Reng “Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben”, Hörbuch gelesen von Matthias Brandt, tacheles! bei ROOFMUSIC, ISBN: 978-3-941168-63-3

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