[Gastrezension: Susanne] Maylis de Kerangal “Die Lebenden reparieren”

Neue Worte hätte ich gerne. Unverbrauchte, unversehrte, solche, die nicht überlesen werden angesichts des millionenfachen Gebrauchs und zuweilen auch Missbrauchs. Worte, die explodieren beim Lesen, die krachen und zischen und Funken sprühen, die Farbspektakel in die Hirne spucken. Einzigartig müssten sie zumindest sein, denn ich habe nichts weniger als vor wenigen Minuten ein einzigartiges Buch geschlossen. Fulminant, brillant in allen Belangen hat es sich berserkerartig in mich reingebohrt, tief, brutal, schmerzhaft, hammermäßig. Atemlos bin ich, in meinem Kopf fährt die Achterbahn weiter, in die Maylis de Kerangal  mich mit ihrem ersten Satz gesetzt hat und ich weiß nicht, wie lange mein Herz noch weiter in dieser viel zu schnellen Frequenz schlagen wird, denn der letzte Satz ist längst gelesen. Adrenalin muss es sein, was da 255 Seiten lang ununterbrochen ausgeschüttet worden ist. Das Tempo ist monstermäßig, das da die ganze Zeit über gehalten wird und das einen so in den Sitz drückt, dass man wirklich hin und wieder denkt, keine Luft zu bekommen.

24 Stunden, das ist das Zeitfenster des Buches. Das Thema: Organspende und -transplantation. Erzählt wird eine Geschichte aus gefühlten 100 Perspektiven (in Wirklichkeit sind es deutlich weniger), die jede für sich so derart fesselnd ist, dass man gerne noch weitere 200 aufgesogen hätte. Ein schwieriges Thema, bleischwer sogar, wird ohne jede Gefühlsduselei, ohne Tränengewimmer, ohne pappiges Pathos behandelt. Sachlich, exzellent recherchiert und in einer Sprache die punktgenau passend zur jeweiligen Situation poetisch oder knochentrocken daherkommt – jeder Satz ein Stich, jede Seite ein Paukenschlag, jedes Kapitel eine Offenbahrung. Zum Niederknien!
Jedes weitere Wort wäre vertane Zeit. Nicht diesen Text sollt ihr lesen, sondern das Buch. Basta!

Maylis de Kerangal “Die Lebenden reparieren”, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42478-0

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