[Gastrezension: Susanne] Carolina De Robertis “Perla”

Es ist lange her, seit ich ein Buch eines lateinamerikanischen Autors gelesen habe. Und jetzt also Carolina De Robertis, eine Autorin, die in Uruguay geboren ist. Es dauert nur ein paar Seiten und schon erkenne ich diesen ganz speziellen, ganz eigenwilligen Sound wieder, den man fachmännisch wohl “fantastischen Realismus” nennt und den man Schriftstellern wie Gabriel Garcia Marquez und Isabel Allende (um nur die bekanntesten zu nennen) zuschreibt. Basis dieser Geschichten sind zumeist real existierende historische Schauplätze und Ereignisse, in die Lebensgeschichten eingewoben werden, die teils realitätsnahe, teils märchenhafte Züge tragen. In dieser Erzähltradition steht auch Carolina De Robertis. Im Argentinien des Jahres 2001 schickt sie ihre Protagonistin, die Studentin Perla, auf die Suche nach ihrer wahren Herkunft und Identität. Dabei stößt diese zwangsläufig auf die Zeit der Militärdiktatur, deren Gräueltaten und menschenverachtenden Herrschaftsmethoden. Insbesondere geht es um das Schicksal der rund 30.000 Verschwundenen, die – wie man heute weiß – zum größten Teil grauenhaften Folterungen ausgesetzt waren, bevor man sie schließlich tötete. Zurück blieben viele Kinder dieser Opfer, die man in regimefreundliche Familien verbrachte, wo sie ohne Kenntnis ihrer wahren Identität aufgewachsen sind. Erzählt wird diese Geschichte aus zwei sich abwechselnden Perspektiven: Da ist zum einen Perla selbst, die Schritt für Schritt der Wahrheit immer näher kommt. Zum anderen bedient sich Carolina De Robertis eines Wesens, das quasi als lebender Toter in Perlas Dasein gespült wird, um von der Vergangenheit zu berichten. Ich gebe zu, dass sich diese Konstruktion einigermaßen gewagt anhört, mich hat sie trotz alledem recht bald derart gefesselt, dass ich über weite Strecken regelrecht eingetaucht bin in diese Welt der dunklen Schrecken. Harte Schilderungen über Foltermethoden, daneben barocke Metaphorik und gegenwärtiger Realismus – die Autorin springt mühelos von einem zum anderen und – und das ist das Tolle – nimmt den Leser dabei ebenso mühelos mit auf diese Achterbahnfahrt. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass auch mir hin und wieder der ausladende Stil ein wenig zu viel wurde. Allerdings “berappelt” sich die Autorin immer wieder und hat zumindest mich auf diese Weise bei der Stange gehalten. Und ja, auch das Ende ist wenig überraschend und leider auch ziemlich weichgespült. Meinen Lesegenuss hat das allerdings nur wenig beeinträchtigt.

Carolina De Robertis, “Perla”, Fischer Krüger Verlag, ISBN 9783810508539

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