Meine literarische Begegnung mit Harper Lee

„Manchmal müssen wir etwas abtöten, damit wir leben können, wenn wir das nicht tun – wenn Frauen das nicht tun, weinen sie sich in den Schlaf und werden nie erwachsen.“ (302)

Vor einigen Tagen hatte ich noch das Gefühl, die ganze Welt spricht über Harper Lee. Und wahrscheinlich war es auch so. Jetzt ist es wieder ein bisschen ruhiger geworden um die Autorin, die nicht nur “Wer die Nachtigall stört…”, den mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Roman geschrieben hatte, sondern eben einen anderen Roman, der vor Kurzem entdeckt wurde. Die Radiosendungen und die Feuilletons beschäftigten sich ausführlich mit Lee und mit diesem aussergewöhnlichen Fund. Einen Fernseher habe ich nicht, aber sicherlich wurde auch dort in vielen Sendungen über „Gehe hin, stelle einen Wächter“ berichtet. Einige Literaturblogger haben bereits den Roman besprochen. Er wurde gelobt, kritisiert, auf Echtheit geprüft. Es wird gerätselt, wann die Autorin das Manuskript nun geschrieben hatte – vor oder nach “Nachtigall”. Und vor allem, warum sie ausgerechnet den Helden vieler Menschen stürzen musste.

Ich habe versucht, keine Rezensionen zum Buch zu lesen, bevor ich nicht selbst den Roman gelesen habe. Das ist mir weitgehend gelungen. Wenn man jedoch in den letzten Tagen im Internet unterwegs war, kam man nicht an den Schlagzeilen vorbei, ohne sie zu lesen. Denn manche Worte bleiben im Auge hängen. So wusste ich also, noch bevor ich das Buch aufgeschlagen hatte, dass wir hier mit einer Wendung zu tun haben, mit der wohl niemand gerechnet hätte.

Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich so starke Lust, die Bücher unbedingt lesen zu wollen, über die die ganze Welt spricht, um mitreden zu können.
Als ich vor einigen Wochen „Wer die Nachtigall stört…“ gehört und gelesen hatte, (ich wollte das Buch kennen lernen, bevor „Gehe hin, stelle einen Wächter“ erscheint), fühlte ich mich erstaunlich wohl mit den Protagonisten Scout, Jem, Calpurnia und Atticus. Ich habe mir die Geschichte sehr gerne erzählen lassen. Am meisten beeindruckt hatte mich die Erzählperspektive. Wir erfahren alles aus der Sicht von Jean Louise, einem Mädchen, das vieles nicht benennen kann, weil es eben noch ein Kind ist, dennoch versucht es alle Missstände und Ereignisse verständlich darzustellen. Ich mag das Buch, aber ich habe nicht verstanden, warum es als grandios und als „das beste Buch der Welt“ bezeichnet wird und wie es Menschen und Leben verändern sollte.

„Der Herr schickt dir nie mehr, als du ertragen kannst…“ (162)

Gehe hin, stelle einen Wächter“ wollte ich mir wieder gerne vorlesen lassen. Und ich würde nicht enttäuscht. Nina Hoss leistet eine wunderbare Arbeit. Mit ihrer warmen Stimme, der ich wahnsinnig gerne gelauscht hatte, begleitete sie mich in den letzten Tagen auf Schritt und Tritt. Gleichzeitig zählte ich zu den einigen Glücklichen, die das gedruckte Buch eines Tages im Briefkasten gefunden hatten und ich bin immer noch von so viel Luxus begeistert. Denn ich hatte mir das Buch einerseits vorlesen lassen, andererseits konnte ich in meinem Exemplar die interessantesten Stellen markieren.

Ich möchte Euch heute nichts darüber erzählen, wovon der Roman handelt. Das wisst Ihr sicherlich bereits. In meinen Augen handelt es sich bei diesem Buch um einen würdigen Nachfolger von „Wer die Nachtigall stört…“ – wann auch immer das Buch wirklich geschrieben wurde. Auch wenn ich mir, ähnlich wie Frau Hauptsachebunt, nicht vorstellen kann, dass der Roman vor “Nachtigall” geschrieben wurde. Ich habe die Bücher direkt nacheinander gelesen und gehört. Mir sind einige Lücken und Unstimmigkeiten aufgefallen, manche Ereignisse lesen sich wiederum wie Lückenfüller. Ich habe mit “Gehe hin, stelle einen Wächter” keinen grandiosen und weltbewegenden Roman gelesen. Aber ich habe ein schönes Wiedersehen mit Jean Louise erlebt. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, sie zu sein, in ihrer Welt zu leben. Ich habe während des Lesens und Hörens viel nachgedacht, viele Worte haben mich bewegt. Manche Stellen habe ich übersprungen, um sie mir gleich hinterher von Nina Hoss vorlesen zu lassen.

Nun sind beide Bücher ausgelesen und ich bin um zwei literarische Erfahrungen reicher. „Wer die Nachtigall stört…“ kennen sicherlich viele Euch. Einige wahrscheinlich als Schullektüre, wo der Roman sich meiner Meinung gut etabliert hat. Ich möchte Euch gerne dazu einladen, Euch selbst von den Qualitäten von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ zu überzeugen. Vielleicht werdet Ihr Euch ärgern, vielleicht an manchen Stellen langweilen, möglicherweise entdeckt Ihr Teile von Euch selbst in den Protagonisten. Auf jeden Fall werdet Ihr mit und über Jean Louise lachen und später bei allen Diskussionen über den Roman mitreden können und Euer Leben wird um diese literarische Erfahrung reicher. Und darum geht es doch letztendlich.

„Ich brauche einen Wächter, der mir erklärt, was ein Mann wirklich meint, wenn er etwas sagt, einen Wächter, der in der Mitte einen Längsstrich zieht und sagt, das ist die eine Gerechtigkeit, und das ist die andere Gerechtigkeit, und mir dann den Unterschied verständlich macht. Ich brauche einen Wächter, der vortritt und allen verkündet, dass sechsundzwanzig Jahre zu lang sind, um jemandem einen Streich zu spielen, ganz gleich wie lustig er ist.“ (206)

Harper Lee “Gehe hin, stelle einen Wächter” Hörbuch gelesen von Nina Hoss, der Hörverlag, ISBN: 978-3-8445-1980-8
DVA Belletristik, ISBN: ISBN: 978-3-421-04719-9
übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

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3 Antworten auf Meine literarische Begegnung mit Harper Lee

  1. Astrid sagt:

    Schöne Empfehlung, liebe Dorota. Ich werd trotzdem noch warten, bis richtig Gras über die Sache gewachsen ist und mich dann mal etwas unvoreingenommener an den Vielleicht-Vor-Vielleicht-Nach-Gänger der Nachtigall heranwagen. Bin auch ein ganz kleines bisschen stolz, dass ich mich nicht, wie im letzten Jahr (D. Atkins:-), dieser meiner Gier sofort ergeben habe.

  2. Pingback: Netzlektüre – 03.08.2015 | SuBtastisch

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