[Gastrezension: Susanne] Kristine Bilkau “Die Glücklichen”

Das ist kein Wohlfühlroman, selbst wenn der Titel das nahelegen könnte. Es ist das Gegenteil: 300 Seiten Unwohlsein erwarten den Leser. Dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man sich mit Georg, Isabell und Matti auf den Weg macht. Dieser führt durchs Hier und Jetzt und legt so einiges offen, was sonst eher hinter verschlossenen Mittelstandsfamilientüren im Verborgenen gehalten wird. Kristine Bilkau zeigt, was nicht schön anzusehen ist. Sie zeigt die Krise, die Verunsicherung, die Angst und das Scheitern von Familien, die scheinbar alles richtig machen und trotzdem so hilf- und wehrlos dem eigenen Abstieg zusehen müssen. Da platzen tatsächlich die Träume von der kleinen, feinen Rama-Familie wie Seifenblasen. Gute Ausbildungen, solide Startbedingungen, Wünsche, die nicht in den Himmel wachsen, sondern – so möchte man meinen – angemessen und realistisch sind – alles, was vermeintlich solide angelegt ist, entpuppt sich als äußerst fragil. Das Betonfundament erweist sich als Sand, auf den zu bauen alles andere als klug war. Prekär, so zeigt die Autorin in ihrem Roman, ist eine Lebenssituation nämlich nicht nur in den Hochhausghettos der Suburbs, sondern ebenso hinter geschmackvoll sanierten Altbauwohnungen. Auch der fein abgeschliffene und naturgemäß eingelassene Holzboden ist keine Garantie für Glück, Stabilität und Sorglosigkeit. Der Unterschied zur PVC-Massenware aus dem Billigheimwerkermarkt ist lediglich, dass nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, wie morsch die Planken tatsächlich sind. So wie es Georg und seiner Familie ergeht, so leben unzählige Familien, und Kristine Bilkau ist es zu verdanken, dass diese Realität so klar und deutlich gezeigt wird. Fast schon unbarmherzig nimmt sie den Leser an die Hand und führt ihn hinein in schlaflose, sorgengetränkte Nächte, sprachlose Vereinzelung und erbarmungswürdige Fluchten, die das eigene Versagen nur noch greller aufscheinen lassen.

Ja, mir war unwohl bei der Lektüre dieses Romans, den man kaum laut genug anpreisen kann. Kristine Bilkau hat da einen großen Wurf hingelegt. Gäbe es einen Preis im Literaturbetrieb für Realitätsnähe, für messerscharfe Beobachtung und ebenso messerscharfe Situationsanalyse – die junge Autorin (sie ist 1974 geboren) müsste ihn auf der Stelle bekommen. Mit meinen 50 Lebensjahren hat sie mir gezeigt, wie Leben heute aussieht, das, was die Jahre angeht, von meinem eigenen eigentlich nicht sooo weit entfernt sein dürfte. Und doch unterscheidet sich die so genannte Generation Y ganz erheblich von dem, was ich und meinesgleichen vorgefunden haben, als wir mit unserem eigenen Leben begonnen haben. Ich will nicht gönnerhaft klingen, aber zu beneiden sind diejenigen, die jetzt ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen und ihre Apfelbäumchen pflanzen wollen, wirklich nicht. Veränderte Arbeitsstrukturen, erhöhte Anforderungen und ein Konkurrenzdruck, der beinahe zwangsläufig die psychische Gesundheit zuweilen auch die physische ankratzt: Kristine Bilkau hat mir das alles so nahe gebracht, hat mir die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten so eindringlich geschildert, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, nach der Lektüre ihres Buches mehr über die Georgs und die Isabells der Gegenwart erfahren und vor allen Dingen verstanden zu haben. Kristine Bilkau legt eine Treffsicherheit an den Tag, die ich so nur selten erfahren habe. Das Thema, die Figuren, die Sprache, die Darstellung – die Frau hat’s drauf, aber sowas von…

Kristine Bilkau “Die Glücklichen”, Luchterhand, ISBN: 978-3-630-87453-1

Dieser Beitrag wurde unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf [Gastrezension: Susanne] Kristine Bilkau “Die Glücklichen”

  1. Marc sagt:

    Hallo Dorota und Susanne,

    noch eine begeisterte Leserin dieses Romans. Das scheint wohl der Roman des Frühjahrs/Sommers zu werden. Bin von dem Buch genauso begeistert gewesen.

    Liebe Grüße
    Marc

  2. Susanne sagt:

    Hallo Marc,
    dann sind wenigstens wir glücklich, wenn es die Romanfiguren schon nicht sind.
    Viele Grüße
    Susanne

  3. Nina sagt:

    Ich lese das Buch gerade, allerdings etappenweise. Zwischendurch brauche ich etwas anderes, sondern trübt es meine Stimmung allzu sehr.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>