Herman Koch “Sehr geehrter Herr M.”

9783462047387“Der Leser liest ein Buch. Wenn das Buch gut ist, vergisst er sich selbst. Das ist die einzige Aufgabe des Buches. Wenn der Leser sich selbst nicht vergessen kann und während des Lesens dauernd an den Autor denken muss, ist das Buch misslungen. Mit Vergnügen hat das nichts zu tun. Wer Vergnügen sucht, kauft sich am besten ein Ticket für die Achterbahn.” (76)

Die letzten Wochen waren aus privaten Gründen nicht leicht für mich. Umso wichtiger war es, ein passendes Buch zu finden, das mich   in der Zeit begleitet. Es sollte mich von der ersten Seite an packen und nicht mehr loslassen bis die letzte Seite ausgelesen ist. Es sollte interessant sein, spannend und flüssig geschrieben, damit ich, wenn meine Gedanken plötzlich abschweifen, sofort zurück finden kann. Ich wünschte mir ein intelligentes Buch, das mir hilft, mich selbst und meinen Alltag zu vergessen. Außerdem eines, das mir erlaubt, mich einerseits treiben zu lassen, andererseits anspruchsvoll und klug ist. Ich hatte das Glück, Herman Kochs neusten Roman vorab zu lesen und mich mit meiner Gastrezensentin Susanne über das Buch austauschen zu können. Koch hat erneut einen wunderbaren Roman geschrieben und wir möchten ihn Euch wärmstens empfehlen. Geht zum Buchhändler Eures Vertrauens, kauft “Sehr geehrter Herr M.” Lest es dann und seid glücklich darüber, einen so coolen Roman in den Händen zu halten.

Herman Koch[Susanne:] Mein lieber Scholli, da hat mich dieser niederländische Schreiber ganz schön aus der Puste gebracht! Ich gebe ja gern zu, dass es wenn es ums Joggen, Laufen, Walken oder irgendeine dieser schweißtreibenden Bewegungsarten geht, bei mir nicht viel braucht, bis ich japsend nach Luft ringe. Dass mir jetzt allerdings schon die Lektüre eines Romans den Schweiß auf die Stirn treibt, ist mir neu. Wo soll das noch enden … 400 Seiten lang hat mich Herman Koch durch eine Story getrieben, nein, ich muss es genauer sagen, es sind mehrere Geschichten in einer. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe mich gern durchjagen lassen durch dieses fein und klug konstruierte Labyrinth des Herman Koch, der in allererster Linie ein Virtuose in Sachen Timing ist. Geschmeidig und mühelos gleitet der Leser von einem Erzählstrang in den nächsten. Kaum hat er in einem davon die Fährte aufgenommen und meint, dem Geheimnis ein kleines bisschen näher gekommen zu sein, setzt einen der Autor kurzerhand und beinahe unmerklich auf das nächste Gleis. Auf geht’s zur nächsten Jagd, der nächste Köder wartet schon gleich zwei Seiten weiter. Jetzt, ja jetzt werde ich ihn zu fassen bekommen, habe ich immer wieder gedacht. Aber wie bei Hase und Igel ist Herman Koch schon wieder vor mir da gewesen und hat mir schwuppdiwupp die Beute, die ich schon zu riechen glaubte, vor der Nase weggezogen. Drei Wegen gleich laufen drei Plots zunächst parallel nebeneinander und werden nach und nach einer Vereinigung zugeführt. Als versierter Leser ahnt man das natürlich schnell, und obwohl ich aufgepasst habe wie ein Luchs, ist es mir nicht gelungen, das bzw. die Rätsel vorzeitig zu lösen. Wobei man dazu sagen muss, dass Koch es einem auch nicht eben leicht macht: Abgesehen von den verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, die einem schon einiges an Konzentration abverlangen, krönt er seine detektivischen Geschichten auch noch mit einer Buch-im Buch-Konstruktion. Wer jetzt allerdings befürchtet, das Buch sei möglicherweise unangenehm kompliziert, dem kann ich auf der Stelle den Wind aus den Segeln nehmen: Koch hat einerseits Erbarmen mit seinen Leser und ist andererseits ein enorm sorgfältig arbeitender Literat. Dankenswerter Weise versäumt er es nie, an Stellen, die unübersichtlich zu werden drohen, kleine Hilfestellungen in Form von kaum spürbaren Kurzzusammenfassungen zu geben und erspart auf diese Weise dem Leser lästiges Zurückblättern. Besondere Erwähnung verdienen darüber hinaus die vielen, erfreulich klarsichtigen Beobachtungen, die Koch rund um das Leben an einer Schule präsentiert. Seine Beschreibungen der verschiedenen Lehrer-Charaktere sind ein wahrer Genuss. Ich zumindest habe sie alle gekannt, die strengen und die nette, die coolen und die ängstlichen, die langweiligen und die interessanten und im Stillen die Namen, die Koch ihnen gegeben hat, durch die meiner Lehrer ersetzt, an die ich mich dank des Buches wieder sehr deutlich erinnert habe. Also, mein sehr geehrten Damen und Herren: Bitte einsteigen, Türen schließen und ab geht die Post!

Herman Koch, “Sehr geehrter Herr M.”, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 9783462047387

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Eine Antwort auf Herman Koch “Sehr geehrter Herr M.”

  1. Alexandra sagt:

    Ich hatte mir “Sehr geehrter Herr M.” in der Vorschau von Kiwi schon vorgemerkt, aber dann doch zurückgeschreckt, “bestimmt nur ein Standard-Krimi” oder “könnte auch ein bisschen lahm sein” so meine Befürchtungen. Deine bzw. eure Rezensionen lassen etwas ganz anderes erhoffen, gleich blind reinschmeißen ins Getümmel traue ich mich nicht… aber so eine Leseprobe ist wohl doch mal eine Überlegung wert!

    Danke für die schöne(n) Rezension(en)!
    Alexandra

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