[Gastrezension: Susanne] Ayelet Gundar-Goshen “Löwen wecken”

Loewen weckenWegen Büchern wie diesem lese ich. “Löwen wecken” hat so ziemlich alles, was ich mir wünsche, wenn ich ein Buch zur Hand nehme. Keinesfalls würde ich Schokoladenprodukte mit Literatur vergleichen (warum eigentlich nicht?), aber mir drängt sich einfach dieser Spruch auf, den ich unweigerlich mit Überraschungseiern in Verbindung bringe. Wenn nämlich der wonneproppige Junge seine Mutter bittet, sie möge ihm doch von ihrem Einkauf “was ganz doll Spannendes, oder was zum Spielen oder Schokolade” mitbringen. Was für ein Glück, dass eben jenes Ü-Ei auf wundersame Weise alle drei Wünsche in einem erfüllen kann. So gesehen ist Ayelet Gundar-Goshen für mich die Mutter, die mich mit ihrem Buch ebenfalls zum Strahlen gebracht hat.

Wo anfangen? Da ist zunächst einmal eine Handlung, die es spielend mit jedem guten Thriller aufnehmen kann. Gleich zu Beginn wird die Hauptperson Etan Grien aus eigenem Verschulden in einen Abgrund gerissen, aus dem es kein Entkommen geben kann. Das ist allerdings nur der Beginn des Horrortripps. Einer Schraube gleich jagt die Autorin ihren Protagonisten in schnell aufeinanderfolgenden Windungen und Wendungen immer tiefer in einen Morast aus Lug, Betrug und Verzweiflung. Parallel zur Handlung kann der Leser Etans innere Kämpfe beobachten. Ach, was sage ich beobachten… Der Leser selbst leidet unter Atemnot, spürt die Schlinge um den Hals und blättert mit schwitzigen Fingern die Seiten um in der Hoffnung auf Erlösung, die ihm ebenso wie dem Protagonisten verwehrt bleibt. Unglaublich dicht ist die Atmosphäre von Beginn an und bleibt es bis zur letzten Seite. Ayelet Gundar-Goshen ist Psychologin und diesen Trumpf spielt sie gekonnt aus. Ein echtes Pfund mit dem sie da wuchern kann und es zur Freude des Lesers auch tut. Sie macht es sich dabei nicht leicht: Ihr Personal besteht aus echten Menschen. Weder gibt es den good guy noch den bad guy. Alle tragen alles in sich, sind Helden und Versager, handeln moralisch und amoralisch und – ganz wichtig – müssen erkennen, dass sie nicht die sind, für die sie sich halten. Nicht minder bemerkenswert ist Ayelet Gundar-Goshens Sprachmacht. Dabei reicht ihre Palette von feingesponnenen, poetischen Beschreibungen bis hin zu eiskalten, knüppelharten Feststellungen. Diese Frau hat für jede Situation die passende Begleitmusik. Und weil sich das alles nicht irgendwo auf der grünen Wiese abspielt, sondern mitten in Israel, bekommt der Leser auch noch einen enorm kenntnisreichen Einblick in eine Welt, die vielen sicher weitgehend unbekannt ist. Einwanderung, Illegale, Rassismus, Drogen, Korruption, Armut – die Autorin kennt ihre Heimat und ist weit davon entfernt, sie romantisch zu verklären.

Ayelet Gundar-Goshen, dieser Name geht mir nicht so leicht über die Lippen, ist ein bisschen sperrig und nicht einfach zu merken. Mein Pech, da werde ich mich wohl anstrengen müssen, weil ich nach diesem großartigen Roman den nächsten von ihr auf keinen Fall versäumen möchte.

Ayelet Gundar-Goshen, “Löwen wecken”, Kein & Aber Verlag, ISBN 9783036957142

Dieser Beitrag wurde unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf [Gastrezension: Susanne] Ayelet Gundar-Goshen “Löwen wecken”

  1. Anfangs hat man tatsächlich das Gefühl, es handele sich um einen Krimi oder Thriller. Obwohl das hier nicht der Fall ist, versteht es die Autorin, den Leser an das Buch zu fesseln.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>