[Gastrezension: Maike] Michael Wallner „Die Frau des Gouverneurs“

Die Frau des Gouverneurs_Wallner

Eine Liebesgeschichte zwischen Kuba und Lübeck

Es ist 1928. Christian Tolmein, Chef-Chemiker in der Firma seines zukünftigen Schwiegervaters, begleitet seine Verlobte, Carlotta Dücker, nach Kuba. Carlotta will dort mit dem Provinzgouverneur Nickelschürfrechte für die väterlichen Stahlwerke aushandeln. Christian, dem die sozialen Verpflichtungen ein Gräuel sind, verliebt sich in die Frau des Gouverneurs, als diese mit dem Motorrad von einer maroden Bambusbrücke stürzt.

In der feuchten Schwüle Kubas versucht Christian einen kühlen Kopf zu bewahren – erfolglos. Er brüskiert den Gouverneur, die Verhandlungen über die Schürfechte verlaufen im Sand. Carlotta und Christian brechen ihren Aufenthalt ab. Kurz bevor das Schiff Richtung Lübeck ablegt, stiehlt sich Christian in die Kathedrale, um sich von Yamilé zu verabschieden. In einer dunklen Nische der Kirche küssen sie sich – vermeintlich unbeobachtet. Nach der Heimkehr, ist Christian nicht mehr derselbe. Er entfremdet sich von seiner Verlobten und wartet täglich auf Post aus Kuba.

Yamilé verstrickt sich in der Zwischenzeit immer tiefer in den politischen Unruhen der Insel. Sie will ihren Cousin retten, der als Sympathisant aufständischer Bauern aufgegriffen wurde und nun mittels Garotte (Würgeeisen) hingerichtet werden soll. Ihr Mann will und kann als Gouverneur ihre Eskapaden nicht länger dulden und droht damit, ihr den gemeinsamen Sohn wegzunehmen.

Im Hintergrund zieht Martin Root, Abgesandter der US-amerikanischen Regierung, die Strippen. Er hat seine Augen und Ohren überall und weiß um Christian und Yamilé. Er will den Deutschen nutzen, um die Aufständischen aufzuspüren, da diese amerikanischen Interessen schaden. So überredet er den Gouverneur, Christian wieder nach Kuba zu holen, um dort eine Stahlbrücke zu bauen. Im Gegenzug dafür sollen die Dücker Stahlwerke die gewünschten Schürfrechte erhalten. In Wahrheit rechnet sich Root aus, dass Christian seine Beziehung zu Yamilé wieder aufnehmen und Root so zu zum Aufenthaltsort der Aufständischen führen wird.

Wallner hat ein paar interessante Haken geschlagen, um die einzelnen Erzählstränge miteinander zu verknüpfen. So macht er Christian zum Enkel des britischen Ingenieurs Thomas Bouch und erklärt damit Christians Interesse für Brücken. Gleichzeitig liefert es die Begründung, warum der Gouverneur Christian überhaupt als Brückenbauer holt:  Als „diplomierter Statiker“ versteht er etwas davon.

Der Roman liest sich schnell, die Geschichte ist gut recherchiert, wobei sie manchmal allerdings nicht wesentlich über das hinausgeht, was man auf Wikipedia findet (Beispiel Thomas Bouch).  Es ist interessant, über Kuba zu lesen, und Wallners Wetterbeschreibungen überzeugen. Man kann beim Lesen die hohe Luftfeuchte der Karibikinsel fast auf der Haut spüren.

Die Figuren sind ziemlich klar umrissen: Yamilé ist schön und mutig, Carlotta schön und vernünftig, Martin Roos ein ausgemachter Bösewicht. Manchmal würde man sich aber eine etwas modernere Rollenaufteilung wünschen. So leuchtet es zum Beispiel nicht ein, wieso Yamilé fast am Verbluten sein soll, wenn sie sich den Fuß verstaucht hat, Christian hingegen mit abgehacktem Finger gut mit dem Blutverlust zurechtkommt. Trotzdem trägt er sie den Berg hinauf.

In Summe, eine relativ traditionelle Liebesgeschichte vor interessanter Kulisse.

Michael Wallner „Die Frau des Gouverneurs“, Luchterhand Literaturverlag, ISBN 978-3-630-87389-3

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Vielen Dank, liebe Maike, für Deine Gastrezension.

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2 Antworten auf [Gastrezension: Maike] Michael Wallner „Die Frau des Gouverneurs“

  1. Mareike sagt:

    Haha, welch charmante Beobachtungen. Vielen Dank an die Gastrezensentin :)
    Grüße
    Mareike

  2. Pingback: Gastrezension bei bibliophlin | Literatur-O-Meter

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