Jean-Philippe Toussaint “Nackt”

Jean-Philippe Toussaint

„Aber die Perfektion ist eine illusorische Täuschung, die sich wie der Horizont entfernt, den man vergeblich zu erreichen sucht, der immer unerreichbar ist, weil die Entfernung, die uns von ihm trennt, immer hoffnungslos gleich bliebt, auch wenn die festen Bezugspunkte auf der Erde uns beweisen, dass wir bereits eine gute Strecke Wegs zurückgelegt haben seit dem ersten Entwurf, als unser Vorhaben noch eine ferne Spiegelung der vernebelten Limben unseres Geistes gewesen war.“ (22)

Als ich vor ein paar Jahren den Namen Jean-Philippe Toussaint zum ersten Mal hörte, drückte mir gerade eine liebe Person seinen Roman „Sich lieben“ in die Hand und sagte, dass ich ihn unbedingt lesen muss. Damals las ich ihn und mein Mann ebenfalls. Beide waren wir von dem schmalen Buch begeistert und konnten uns stundenlang über diese Geschichte unterhalten. Als ich davon erfuhr, dass die Geschichte von Marie und dem namenlosen Erzähler in „Fliehen“ weiter geht, war für mich klar, dass ich das Buch lesen möchte. „Die Wahrheit über Marie“, den dritten Band, las ich ebenfalls. Zwar mit weniger Begeisterung wie “Sich lieben”, dennoch verfolgte ich das Zusammenspiel aus Liebe und Verlassen mit angehaltenem Atem.

Nackt_ToussaintWenn man zwei Protagonisten schon so lange begleitet, wachsen sie einem ans Herz. Und wenn man erfährt, dass der Autor sich doch entschieden hat, ihre Geschichte weiter zu spinnen, ist man damit konfrontiert, das Buch zu lesen. Ich tat es. Und ich mochte es. Ich mochte „Nackt“ sehr.

Jean-Philippe Toussaint hat in seinem jüngsten Roman vieles erklärt, was in den anderen Romanen unbeantwortet blieb und geheimnisvoll war. Er hat Marie und ihren Geliebten zu einem Abschluss geführt, der mich zufrieden stellt.
Wenn ich an seinen Roman denke, spuken mir im Kopf ganz spontan die Worte herum: aufgeregt, aber auch aufregend, düster, leidenschaftlich (wie immer), elegant und teuer. Ein bisschen unheimlich sind die Geschichten auch. Sie ähneln kleinen Miniaturen, die sprachlich virtuos erzählt sind und den Leser auf eine Gradwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit mitnehmen. „Nackt“ stellt einen wirklich guten Abschluss der Reihe dar. Diesmal hoffe ich, ehrlich gesagt, dass der Autor es damit belässt und nicht irgendwann beschliesst, Maries Geschichte weiter zu erzählen. Er sollte ihr ein bisschen Ruhe gönnen nach vielen Strapazen.

Nackt_Toussaint_CiceroIch kann “Nackt” wärmstens empfehlen, möchte aber dennoch sagen, dass ich das Buch vor allem denjenigen empfehle, die Maries Geschichte schon länger verfolgen. Zwar kann man den vierten Band der Reihe natürlich eigenständig lesen, ohne die beiden Protagonisten bereits zu kennen. Einen vollkommen Sinn ergibt die Geschichte jedoch, wenn sie in der Reihenfolge gelesen wird.

Die Frankfurter Verlagsanstalt setzt diesen Herbst bewusst auf ihre drei großen Autoren und auf nur drei Romane. „Nackt“ von Jean-Philippe Toussaint gehört dazu, neben Nino Haratischwilis “Das achte Leben (Für Brilka)”, und Bodo Kirchhoffs “Verlangen und Melancholie”, den ich unbedingt auch mal lesen möchte. Ich finde das mutig, aber auch konsequent und sinnvoll. Der Verleger Joachim Unseld setzt auf Qualität und damit macht er nichts falsch. Zu Nino Haratischwili, die nur positive Stimmen erhält, werde ich mich bald auch äußern. „Nackt“ wünsche ich viele Leser. Über Bodo Kirchhoff kann ich noch nichts sagen, weil ich seinen neusten (eigentlich auch keinen anderen) Roman nicht kenne. In „Das achte Leben (für Brilka)“ spielt Schokolade eine wichtige Rolle. In „Nackt“ brennt auf Elba eine Schokoladenfabrik ab und der Schokoladengeruch ist überall präsent. Ob in “Verlangen und Melancholie“ auch Schokolade vorkommt? Das würde die Verbindung der drei Romane perfekt machen.

„Der exquisite Schokoladengeruch begleitete uns während unserer Fahrt durch die Stadt, er schien überall in der Atmosphäre zu hängen, über dem alten Hafen bis zu den Festungsmauern der Zitadelle, er schwebte in dem gräulichen Himmel über Portoferraio, immateriell, sämig, milchig, mit betörender Duft nach Vanille und Schokolade.“ (124)

Ich wünsche dem Verlag, dass er auf diese sparsame Weise weiter macht. Meiner Meinung nach werden viel zu viele Bücher produziert, veröffentlicht, die dann in den Regalen ungelesen verstauben, als Mängelexemplare in riesigen Tonnen in den Kaufhäusern landen, die letztendlich als Altpapier eingestampft werden. Da tut mein bibliophiles und buchhändlerisches Herz weh.

Manchmal ist weniger mehr. Danke, liebe Frankfurter Verlagsanstalt, dass Ihr das mit Eurem Herbstprogramm zeigt.

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Eine Antwort auf Jean-Philippe Toussaint “Nackt”

  1. Liebe Bibliophilin,

    dies ist eine wunderbare und liebenswerte Buchbesprechung, die ich nicht unkommentiert stehen lassen möchte. Ganz lieben Dank für deine Gedanken und die feinen Bilder! Jean-Philippe Toussaint und ich haben uns vor Jahren kennengelernt und ich erinnere mich an besondere Lesestunden. Daher freue ich mich, den Autor bei dir wiederzulesen und deine wertschätzenden Worte zum Verlag aufzufangen. In deinen Schlussgedanken stimme ich dir zu. Ich finde es ebenfalls toll, dass die sich FVA in diesem Herbst auf drei Titel beschränkt hat. Und dann noch so glanzvolle. Schön! Hoffen wir, dass noch weitere Verlage dieser neuen, übersichtlichen verlegerischen Form folgen werden.

    Liebe Grüße zum Abend sendet,
    deine Klappentexterin

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