[Gastrezension: Susanne] “Der Distelfink” von Donna Tartt

Der Distelfink von Donna TarttDa steht er nun in seiner ganzen Pracht: ein wunderschöner, mächtiger Kuchen, ach was sage ich, eine veritable Torte mit Zuckerguss, Verzierungen und allerlei verführerischem Tand, so dass einem wirklich das Wasser im Mund zusammenläuft. Man kennt den Meister des Konditorhandwerks, aus dessen Backstube der Augenschmaus stammt, andere haben wortreich von der süßen Versuchung geschwärmt, und um den Augenblick auch richtig würdigen zu können, hat man das schönste Geschirr ausgelegt, das Messer blitzt beim ersten Anschneiden des Traums aus Teig, Creme, Frucht und Schokolade. Und dann: Statt der erwarteten Explosion in Gaumen, Bauch und Kopf – bröckeliges, bröseliges, braves Gekrümel im Mund, an dem man lange kauen muss. Manchmal braucht man sogar einen ordentlichen Schluck Kaffee, um die zumeist schweren Bissen runterzubekommen.

Ehrlich, wahrhaftig, großes Indianerehrenwort: Auf den “Distelfink” von Donna Tartt hatte ich mich wirklich saumäßig gefreut. Aufgespart hatte ich mir die Lektüre um den New Yorker Buben Theo Decker, sein kleines Gemälde und seine Odyssee mit seinem gelbgefiederten Begleiter. Nur Gutes hatte ich gehört – von namhaften Kritikern ebenso wie von vielen Namenlosen – über dieses Oeuvre einer Schriftstellerin, die mich vor gefühlten 367 Jahren mit “Die geheime Geschichte” so in ihren Bann gezogen hat, dass ich es wirklich kaum erwarten konnte, dass sie mich wieder zum Nägelabknabbern bringen würde. Nach der Kuchensache ist es jetzt keine Überraschung mehr, dass ich – um es vorsichtig zu sagen – doch ziemlich enttäuscht bin nach der Lektüre, die mir hier kredenzt worden ist. Zäh war die Erzählmasse, durch die ich mich wirklich gekämpft habe. So oft ich das Buch frustriert zwischendurch weggelegt habe, so oft habe ich es wieder in die Hand genommen, weil ich es einfach nicht fassen konnte, dass alle Protagonisten mir so derart fern geblieben sind, dass Spannung sich so wenig einstellte wie Freude an guten Dialogen oder Deskriptionen. Seite um Seite, Kapitel über Kapitel habe ich Details über so vielerlei gelesen, dass ich mir vorgekommen bin wie ein Koffer, in den alles wahllos reingestopft wird und der am Ende einfach sinnlos überquillt. Alles was mir bliebe, wäre den Fleiß der Autorin zu loben, dessen es sicherlich bedarf, um auf drei Seiten zu beschreiben, dass ein Handy nicht mehr funktioniert oder ein ganzes Kapitel dafür zu verwenden, langweilige Gespräche mit Behördenangestellten aufzuschreiben. Nicht verschweigen will ich auch, dass ich in dem trockenen Kuchen auch hin und wieder saftige, fette und wohlschmeckende Schokostückchen entdeckt habe. Feinsinnige Überlegungen über den Sinn des Lebens, die Macht des Schicksals, die Unfähigkeit Gefühle zu äußern und einiges andere mehr. Lecker -nur leider viel zu spärlich gesät, um aus dem Gelesenen tatsächlich Erlesenes zu machen.

Es tut mir leid für all diejenigen, denen ich nun den Appetit verdorben habe. Wie gesagt: Ich hätte gerne eine andere Rezension geschrieben über einen Roman, für den die Autorin immerhin den Pulitzer-Preis bekommen hat. Und vielleicht stehe ich mit meiner Meinung auch komplett alleine da, und ihr könnt über den Roman trotz alledem so richtig ins Schwärmen geraten. Der Distelfink und ich sind jedenfalls keine Freunde geworden.

Donna Tartt: “Der Distelfink”, Goldmann Verlag, ISBN: 978-3-442-48057-9

* * *

Liebe Susanne, vielen Dank für Deine Rezension. Mich hast Du nicht abgeschreckt. Ich habe das Buch in meinem Regal stehen und ich werde es auf jeden Fall, wenigstens an-, lesen.

Dieser Beitrag wurde unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten auf [Gastrezension: Susanne] “Der Distelfink” von Donna Tartt

  1. Sonja sagt:

    Ein sehr sympathischer Buchhändler hat mir den Distelfinken so beschrieben: ” Wenn man mich fragt, was in dem Buch passiert ist, müsste ich sagen: “Eigentlich nicht viel.” Aber das so tiefgründig und wunderbar erzählt, dass ich fasziniert weiterlesen musste.”

    Das scheint eins der Bücher zu sein, die man nicht nur ein bisschen mögen kann. Entweder reißt es einen um – oder lässt einen kalt.

    Trotzdem leseneugierige Grüße

    Sonja

  2. Constanze sagt:

    Hallo,

    genau so habe ich mich auch gefühlt. Auch ich bin enttäuscht – große Lobeshymnen, aber doch einige Schwächen im Handlungsaufbau. Und ich dachte schon, ich bin irgendwie auf dem falschen Weg mit meiner Meinung.

    Viele Grüße
    ebenfalls von einer Bibliophilin ;)

    PS: Werde immer mal in deinem Blog stöbern!

    • Bibliophilin sagt:

      Vielen Dank für Deinen Besuch, Constanze :-)
      Ich war gerade auf Gegenbesuch. Du besprichst tolle Bücher!
      Beste Grüße
      Dorota

  3. Judith sagt:

    Ach, eine verwandte Seele! Nach all den unglaublichen Lobeshymnen fühlte ich mich richtig schlecht mit meiner Unlust, den Gefühlen, Gedanken, ja diesem Leben vin Theo zu folgen. Klar, teils wunderbare Sätze und geschliffene Gedanken, ABER: Mich interessieren versoffene Russen, Alkies, Huren und pseudophilosophierende Junkies so gar nicht, so überhaupt nicht. Tartt hat einfach alles, was ihr unterkam an Gedanken, Bildung, Wissen zusammengequirlt und ausgekotzt. Na, ich hab ‘s durchgehalten und sitze jetzt schmollend hier und gebe meinem Ärger Raum und Luft

  4. susanne sagt:

    Tu das nicht, liebe Judith, ärgere dich nicht. Und vor allem: Lass dir bloß nicht den Spaß am Lesen vermiesen. Kann doch mal vorkommen, dass man einen Missgriff tut und man trotz vieler guter Kritiken anderer Meinung ist. Am besten verdaut man so eine Enttäuschung, indem man hottiflotti ein neues Buch in die Hand nimmt und eine ganz andere Welt betritt. Neues Spiel, neues Glück! Und sei ehrlich, die Freude, die dir das Lesen gemacht hat, überwiegt doch die schlechten Erfahrungen bei weitem. Jedenfalls wünsch ich dir beim nächsten Buch ganz viel Freude, Erkenntnis, Unterhaltung, Spannung, Anregung und und und…

  5. Armin sagt:

    Hätte nicht damit gerechnet, im Zusammenhang mit dem Diestelfink überhaupt noch einige Schwestern im Geiste antreffen zu dürfen. Selten habe ich mich bei der Lektüre eines vielgerühmten Buches so gelangweilt. Und geärgert. Vergeblich suchte ich nach der angeblichen Tiefe, der Raffinesse, nach liberarischem Stil. Doch das plätschert schier endlos dahin durch seichteste Gewässer. Allein schon dieses Hündchen, das so possierlich durch den ganzen Roman hüpfen darf – so etwas findet sich sonst doch nur in hemmungslos trivialen Literaturversuchen. Zu Ende gelesen habe ich den Diestelfink nur, weil ich unbedingt herausfinden – oder zumindest erahnen – wollte, warum dieses Buch weltweit in den Himmel gelobt wird. Ich muss zugeben: Ich stehe auch nach 1022 Seiten vor einem großen Rätsel.

  6. Pingback: Donna Tartt. The Goldfinch (2013) – LiteraturLese

  7. Sibylle sagt:

    Ich habe tatsächlich ein Jahr an diesem Buch gelesen. Zwischenzeitlich habe ich es immer wieder weggelegt, war dann aber doch neugierig wie es weitergeht. Die Geschichte des Theo Decker begann vielversprechend. Es gab immer wieder sehr spannende Kapitel. Doch spätestens als Theo in Europa ist, wird das Lesen anstrengend. Wie lange ist er in diesem Hotelzimmer in Amsterdam? Es sind nur ein paar Tage, aber mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Unendlich lange wird auch beschrieben, wie er mit verschiedenen Mitteln vergeblich versucht die Blutflecken aus seiner Kleidungsstücken zu waschen. Und als er endlich zurück in den USA ist, wird es noch langweiliger. Mir gefällt das Ende des Buches nicht. Schade, ich hatte mir mehr erhofft. Trotzdem habe ich so eine Menge über das Gemälde von Fabritius erfahren. Einen Besuch im Mauritshuis in Den Haag kann ich auf jeden Fall empfehlen. Dort kann man die kleine Holztafel im Original sehen.

Hinterlasse einen Kommentar zu Sibylle Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>