[Gastrezension: Melanie] Die grausame Einsamkeit

“Die süße Einsamkeit” von Irène Némirovsky, erschienen im Knaus Verlag, hat mich sehr berührt und ich habe zunächst nicht die passenden Worte gefunden, um mein Leseerlebnis zu beschreiben. Ich habe das Buch deswegen an eine Gastrezensentin weitergegeben und darf Euch heute Melanies Eindrücke präsentieren. Vielen Dank, liebe Melanie, dass Du Dich in diese fremde Welt gewagt hast.

* * *

Die Geschichte beginnt, als Héléne zehn Jahre jung ist. Ihre Familie lebt mit ihren Eltern und Großeltern in Russland, der erste Weltkrieg steht vor der Tür.
Hélénes Mutter Bella ist nur mit sich selbst beschäftigt. Aussehen, Ansehen und ihre Leideschaft für junge Liebhaber und die französische Stadt Paris sind wichtiger als ein Kind, welches funktionieren soll und nur Beachtung in Form von Zurechtweisungen bekommt, wenn dem nicht so ist. Ihren Vater Boris liebt Héléne abgöttisch, doch dieser ist mehr arbeiten als zu Hause und während der Geschichte wird klar, dass der Stellenwert Hélénes auch bei ihm nicht hoch angesiedelt ist. So vergisst er das Mädchen eines Abends vor dem Spielcasino, wo es stundenlang in der Dunkelheit wartet und dann lapidar abgefertigt wird.
Einzig das Hausmädchen Mademoiselle Rose kümmert sich um Héléne und kann ihr ein Minimum an Sicherheit und Zuwendung geben. Doch Héléne lebt in der Angst, diesen einzigen Halt durch eine spontane Laune ihrer Mutter zu verlieren.
So verbringt die heranwachsende Héléne ihre Kindheit geprägt von Umzügen nach Paris, St. Petersburg und einer, durch den Krieg nötige Flucht in Finnland, und vor allem recht allein gelassen mit ihren Gefühlen. Hélénes Abneigung und Rachegedanken ihrer Mutter gegenüber werden größer und so vermischen sich kindliche Gefühle mit denen eines pupertierenden, sich selbst überlassenden Mädchens bis hin zur jungen Frau.

Das Lesen dieser sehr getragenen und etwas düsteren Geschichte hat bei mir Gefühle von Oberflächlichkeit, Melancholie und Einsamkeit ausgelöst. Als Leserin von eigentlich eher „einfachen“ Büchern war dies eine verhältnismäßig anspruchsvolle Geschichte für mich, aber ich muß sagen, dass dieser Ausflug sehr interessant war und mich in eine ganz andere Richtung geführt hat. Das Schicksal Hélénes ist schwer zu verstehen und ich mußte mich zunächst in diese völlig andere Zeit, Atmosphäre und Umgebung einfühlen, dann jedoch war ich schnell eingenommen und konnte der Sprache der Autorin gut folgen.

Die Inhaltsangabe zum Buch kann ich nicht ganz bestätigen, dort steht, dass Bella auf ihrer heranwachsende, bildhübsche Tochter eifersüchtig ist und der Mutter-Tochter-Konflikt daraus resultiert. Ich hatte eher das Gefühl, dass Bella in ihrer Oberflächlichkeit und großen Wert auf´s Äußere legend, Héléne einfach nur als Klotz am Bein empfunden hat und Hélénes angebliche Schönheit kommt zunächst auch gar nicht rüber. Aber dies ist mein Empfinden, vielleicht habe ich das Buch mit etwas anderen Augen gelesen.

Hélénes Schicksal zu verfolgen war eine ungewöhnliche aber sehr unterhaltsame Erfahrung, die sich gelohnt hat und meinen lesetechnischen Horizont ein bisschen erweitern konnte.

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Wie ich bereits oben erwähnt habe, habe auch ich “Die süße Einsamkeit” gelesen. Für mich ist diese Erfahrung jedoch alles andere als unterhaltsam gewesen. Grausam ist meiner Meinung das passende Wort das das Handeln von Hélénes Eltern bezeichnet, später auch ihr eigenes Verhalten charakterisieren könnte. Grausam aber auch sehr traurig und herzzerreißend.

Irène Némirovsky hat ein unheimlich bewegendes Buch vorgelegt, dessen Lektüre mich gefesselt und erschüttert, mich mit ihrer Intensität stellenweise sogar überwältigt hat. Sprachlich herausragend ist “Die süße Einsamkeit” ein besonderes Leseerlebnis, das mich berührt hat und dass ich denjenigen besonders ans Herz legen möchte, die an Mutter-Tocher-Geschichten und -Konflikten interessiert sind.

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Eine Antwort auf [Gastrezension: Melanie] Die grausame Einsamkeit

  1. Melanie sagt:

    Hallo Dorota,
    ich freu mich, dass meine Gastrezension bei Dir erschienen ist. Du hast schon recht, die Geschichte hat was Grausames, dennoch habe ich mich unterhalten gefühlt, das ist mir immer das Wichtigste an einem Buch, egal ob es witzig, thrillig oder halt grausam ist.
    Ich hoffe, dass ich noch mehr solche Leseerfahrungen machen werde.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Melanie

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