[Gastrezension: Susanne] Anne Tyler “Der leuchtend blaue Faden”

Ein bisschen traurig bin ich schon. Ich fühle mich wie ein Hund, der an der Tür kratzt, damit man ihn wieder ins Haus reinlässt. In meinem Fall ist es das Whitshank-Haus, in dem ich jetzt über 400 Seiten lang zu Gast sein durfte und in dem ich mich pudelwohl gefühlt habe. Aber leider hat Anne Tyler dann einfach aufgehört, mir von Red und Abby, Amanda, Jeannie, Stem, Denny und und und zu erzählen. Noch stundenlang hätte ich dieser feinen Beobachterin und Geschichtenerzählerin zuhören können und wollen.

Anne Tyler ist eine begnadete Schriftstellerin und sie hat in ihren vielen Romanen, die ich immer gern gelesen habe, ihr Thema gefunden: Menschen. Nichts mehr und nichts weniger. Menschen, die zumeist in familiären Beziehungen zueinander stehen, beleben einen Kosmos, den jeder kennt und trotzdem gelingt es Anne Tyler, niemals trivial davon zu berichten. Väter, Mütter, Kinder, Freunde, Verstoßene – alle Charaktere atmen, sprechen, essen, schlafen, sagen kluge Dinge, tun dumme Sachen und umgekehrt, verzweifeln aneinander, brauchen sich gegenseitig und erschaffen eine Welt, die ganz allein ihre ist und in der sich trotzdem beinahe jeder Leser auch selbst erkennt. Das erstaunliche bei Tyler ist, wie scheinbar mühelos sie Leser und Romanfiguren zueinander führt. Mit dem ersten Satz bin ich eingestiegen in diese Familie Whitshank, es gab kein Fremdeln und keine Verwirrtheit, obwohl wahrlich viele Mitglieder dieses Clans auf- und wieder abtreten.

Leicht ist dieser Roman, seicht ist er keinesfalls. Auf der Handlungsebene passiert erstaunlicher Weise gar nicht so viel und vor allem nichts Außergewöhnliches. Alltag eben. Situationsbedingt ist der entweder schön oder traurig, langweilig oder aufregend, vorhersehbar oder überraschend, aber sicher immer so, dass ich keine Minute davon versäumen will. Ja, ich muss es so sagen, die Familie und die sie umgebenden Menschen sind mir ans Herz gewachsen. Einfach so ohne Trommelwirbel haben sie sich eingeschlichen, dank einer Autorin, die es nicht nötig hat, große Dramen zu inszenieren, um eindrücklich zu sein.

Beim Überlegen, welches Adjektiv es am genauesten trifft, um zu beschreiben, wie ich die Lektüre empfunden habe, ist mir immer wieder eines eingefallen, das man bemerkenswerter Weise eher selten benutzt: schön. Genau, es ist schön gewesen, dieses Buch zur Hand zu nehmen, sich auf dem Sofa zusammenzurollen, die Tür des Whitshank-Hauses zu öffnen und wie ein Mäuschen unter Tisch, Bett, Stuhl und Veranda-Schaukel zu kriechen, um bei denen zu sein, die man – so fühlt es sich zumindest an – schon ein ganzes Leben lang kennt. Heimkommen – wer möchte das nicht?

Anne Tyler, “Der leuchtend blaue Faden”, Kein & Aber Verlag, ISBN: 978-3-0369-5712-8

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[Gastrezension: Susanne] Bücher sind nicht alles

Heute soll es hier ausnahmsweise mal nicht um Fiktion gehen, sondern um Realität. Und die ist bekanntermaßen nicht immer schön. Manchmal ist das, was das Leben mit einem anstellt, sogar ausgesprochen fies und mies. So wie im Fall von Kai-Eric Fitzner. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich kenne diesen Mann nicht, habe bis vor kurzem auch nie von ihm gehört, bin aber auf irgendwelchen Pfaden im weltweiten Netz auf ihn, sein Schicksal und das, was daraus folgte, gestoßen. Ich erwähne das explizit, weil ich klarstellen will, dass meine Kenntnisse nur die sind, die ich aus dem Internet habe und von keiner genaueren Recherche untermauert sind.

Dem einen oder anderen von Euch werde ich vermutlich auch nichts Neues erzählen, weil er selbst schon auf diese Geschichte, die eine wahre ist, gestoßen ist. Für all diejenigen von Euch, die es noch nicht wissen: Kai-Eric Fitzner ist ein 44 Jahre alter Schriftsteller aus Oldenburg. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Am 8. Mai wurde Kai-Eric Fitzner ins Krankenhaus eingeliefert und zwar wegen Herzrhythmusstörungen. Daraufhin erlitt er einen Schlaganfall und wurde in ein künstliches Koma versetzt. Glücklicherweise ist er mittlerweile wieder wach und es geht ihm, wie seine Ehefrau auf Facebook mitgeteilt hat, wieder deutlich besser. Man mag sich nicht vorstellen, welchen Schock alle Beteiligten angesichts dieser Ereignisse erlitten haben. Hoffen kann man indes, dass Kai-Eric Fitzner so schnell und so umfassend wie nur möglich wieder in sein altes Leben zurückfinden kann. Aber man kann noch mehr tun, wenn man das möchte. Fitzners Ehefrau Raja Caetano hat nämlich angesichts der finanziellen Notlage, in die die Familie aufgrund der Erkrankung des Ehemanns und Vaters geraten ist, wiederum auf Facebook die Leser darum gebeten, sie mögen doch Fitzners Roman mit dem Titel “Willkommen im Meer” kaufen, um so ihrer Familie zu helfen. Darüber hinaus hat ein Freund der Familie ein eigenes Spendenkonto eingerichtet. Wer mehr erfahren möchte kann dies unter anderem hier nachlesen.

So viel wird allenthalben über die neuen Medien diskutiert und auch vor deren Gefahren gewarnt. Vermutlich nicht ganz zu Unrecht. In diesem Fall aber, so sehe ich es jedenfalls, wird das viel gescholtene Internet zu einem guten Platz, um einfach und schnell anpacken zu können, wo es dringend nötig ist. Der Begriff vom “sozialen” Netzwerk wird im Fall von Kai-Eric Fitzner mit einer Bedeutung gefüllt, die mir sehr gut gefällt.

Ach so, ich habe Fitzners Roman bestellt und gleich noch ein paar Freunde von mir ebenfalls damit versorgt (Ihr glaubt nicht, wie viele Menschen in meiner Umgebung im Sommer Geburtstag haben ;-) ). Gelesen habe ich ihn noch nicht, kann also nichts über die Qualität des Buches berichten. Aber in diesem Fall ging und geht es mir auch nicht darum. Bücher sind eine sooo feine Sache, das muss ich Euch nicht erzählen. Und auch nicht, dass Helfen ebenfalls gut tut. Beiden Seiten: denen, die Hilfe brauchen und denen, die einen Teil dazu beitragen. Ganz besonders wunderbärchen wird es dann, wenn man beides verbinden kann.

Ich wünsche Kai-Eric Fitzner gute Besserung und seinen Lieben, die Kraft und die Geduld, das alles gemeinsam zu wuppen.

Susanne

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[Gastrezension: Susanne] Jochen Rausch “Krieg”

Wer schon einmal von einer wirklich dicken, fetten Welle erfasst worden ist, kennt das: Das Ding rauscht auf einen zu, man sieht es und ist sicher, dass einem nichts passieren kann. Fester Stand auf dem sandigen Untergrund, der Oberkörper ragt aus dem Wasser, man stemmt sich gegen die Welle und… Und dann passiert, womit man nicht gerechnet hat. Man hat die Lage unterschätzt, die Kraft und die Macht und den Sog des Wassers. Während der Körper in Sekunden-Bruchteilen seine Balance verliert und von unsichtbarer Hand wie durch eine Schleuder gejagt wird – wo ist oben, wo ist unten, wo finde ich Halt? – ist keine Zeit mehr den tiefen Atemzug zu nehmen, von dem man hofft, er möge ausreichen, bis die Welle sich ausgetobt hat und langsam abebbt. Salzwasser gelangt in die Lunge, Husten, Röcheln, ein scharfes Stechen in der Nase. Angst, Panik, Orientierungslosigkeit breiten sich aus – in Sekunden wird der Kopf leer und nichts als chaosbrüllende Anspannung bleibt. Wenn alles vorbei ist, erinnert einen nur noch das Herzklopfen, das aus dem anfänglichen Rasen des Herzens noch nachklingt, an die Wucht, die einen niedergerungen hat als wäre man ein zartes, zerbrechliches Schilfrohr.

“Krieg” ist nur ein Roman, gedruckte Buchstaben auf Papier bzw. eine Stimme, die Sätze vorliest, und ich bin ein gestandenes Weibsbild, das sich nicht so leicht auf die Bretter schicken lässt. Trotzdem ist es mir passiert, und jetzt muss ich mich schütteln und wieder zusammenrichten, weil Jochen Rausch mir Schläge versetzt hat, die es in sich hatten. So hart, so treffsicher und vor allen Dingen derart intensiv schildert dieser Mann Realitäten, von deren Existenz ich weiß, die aber immer weit, weit entfernt waren. Was passiert mit einer Familie, deren Sohn sich freiwillig zum Kriegseinsatz in Afghanistan gemeldet hat? Wie lebt es sich mit diesen unaussprechlichen Ängsten, mit diesen Schlachtfeldern, die alle Beteiligten erleben? Während Sohn Chris hautnah erfährt, was Krieg in allen seinen Ausprägungen bedeutet, müssen die Daheimgebliebenen Kämpfe ausfechten, die hauptsächlich in ihren Köpfen stattfinden und zwar unausgesetzt. Und so kommt der vermeintlich weit entfernte Krieg auch in den Taunus, wo er zumindest Alfons und Karen, die Eltern von Chris, und seine Freundin ganz unmittelbar bedrohen. Beklemmend düster habe ich beinahe körperlich empfunden, was Jochen Rausch in kargen und unwahrscheinlich eindringlichen Sätzen beschreibt. Chris’ Erlebnisse vor Ort in Afghanistan haben mich dabei genauso bedrückt wie das beinahe zombiehafte Leben, das die Eltern zuhause führen müssen. Auch für sie gibt es kein Entkommen, keine Rettung aus der ständigen Ungewissheit, den schrecklichen Bildern in den Nachrichten und ihren eigenen Phantasien, die sie Stunde um Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche in unmenschlicher Anspannung halten. Dass das alles an niemandem spurlos vorbeigeht, versteht sich von selbst.

Jochen Rauschs “Krieg” war für mich wie die eingangs beschriebene Welle. Der Roman hat mich gepackt, durchgeschleudert und auch das Herzklopfen ist immer noch da. Ein wuchtiges Werk, kraftvoll, unbarmherzig, sensibel, brutal, intensiv, erschütternd und traurig. Und schmerzhaft, sehr schmerzhaft. Jochen Rausch einen Meister des Schmerzes zu nennen, erscheint mir durchaus angebracht. Ebenso wie allerhöchster Respekt für dieses Talent.

Jochen Rausch, “Krieg”, Hörbuch gelesen von Ulrich Noethen, Random House Audio, ISBN: 978-3-8371-2275-6

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[Gastrezension: Susanne] Anna Quindlen “Ein Jahr auf dem Land”

Natürlich lese ich Rezensionen. Manchmal vor meiner eigenen Lektüre eines Buches, manchmal danach, manchmal auch gar nicht. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, das gängige Vokabular zu dechiffrieren. Macht vermutlich jeder so. Derzeit ist mein Lieblings-Signalwort “Sommerlektüre”. Abgesehen davon, dass ich meine Bücher weder nach Jahres- noch nach Tageszeiten (gibt es Nachtbücher, welches Buch eignet sich keinesfalls für die Mittagszeit?) einteile, habe ich gelernt, dass das S-Wort zumindest für mich nahezu augenblicklich ein absolutes Leseverbot bedeutet. Oder um es deutlich zu sagen: Sommerbuch ist ein Euphemismus und bedeutet nichts anderes als seichte Suppe. Und darauf habe ich weder im Sommer noch im Herbst oder Winter Bock. Unterhaltungsliteratur mag ich gerne, das will ich klarstellen, aber das bedeutet ja keineswegs, dass sich die Bücher auf einem Niveau knapp überhalb der bunten Arztroman-Heftchen bewegen sollten. Nein, ich stelle an Unterhaltung die gleichen Ansprüche, die ich auch an Nicht-Unterhaltung stelle: Gehalt und zwar nicht zu wenig. Handlung, Konstruktion, Dialoge, Sprache und all die anderen Komponenten müssen stimmen. Darunter mache ich es einfach nicht, basta.

Ebenso anspruchsvoll bin ich verwöhntes Luxusweib auch bei Rezensionen. Wenn ein Buch so durchschaubar ist wie klare Brühe, die Sprachgewalt des örtlichen Telefonbuchs besitzt und Charaktere, gegen die Marionetten sich wie das pure Leben ausnehmen, will ich, dass das auch so gesagt wird. Soviel Mut muss sein. Das ist meine Meinung, die natürlich für keinen anderen Menschen außer für mich maßgeblich ist.
Weil das so ist und weil ich selbstredend nicht meine eigenen Maßstäbe unterlaufen will: “Ein Jahr auf dem Land” ist ein Buch, das die Welt nicht braucht. Zumindest nicht eine Welt, die eine derart große Auswahl an Romanen hat wie die unsere. Klappentext lesen, Coverbild anschauen und ich bin überzeugt, dass jeder ohne auch nur eine Zeile des Buches gelesen zu haben weiß, wie der knuddelige, süße Land-Hase läuft. Und Anna Quindlen enttäuscht keinen, sie bedient jedes Klischee wie aus dem Lehrbuch. Dabei benutzt sie eine Sprache, die in etwa so betörend ist, wie die Zubereitungshinweise auf einer Nudelpackung (“Sie hielt ihn für den nettesten Mann, der ihr je begegnet war.” “Seine Hand war hart und rau. Sie war noch nie mit einem Mann zusammen gewesen, der Schwielen hatte.” “Er hob ihre Hand an den Mund und küsste jede Fingerspitze einzeln, und Rebecca glaubte wirklich und wahrhaftig, sie würde gleich in Ohnmacht fallen.”).

Nein, so heiß kann der Sommer gar nicht werden, dass mein Hirn so erweicht, um derart himmelschreienden Kitsch zu mögen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass – wie könnte es anders sein – ein zugelaufener Hund eine Rolle spielt… Vielleicht gibt es Leser, denen so etwas das Herz zerreißt, mir reißt eher der Geduldsfaden.

Anna Quindlen “Ein Jahr auf dem Land”, DVA, ISBN: 978-3-421-04666-6

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[Gastrezension: Orisha] Mhairi McFarlane “Vielleicht mag ich dich morgen”

Anna, promovierte Historikerin und Dauer-Single, arbeitet an der UCL. Sie schlägt sich durch den Online-Dating-Jungle, nur um immer wieder festzustellen, dass der Richtige nie dabei zu sein scheint. Als ein Klassentreffen ihrer Schule ansteht, kann Anna nicht widerstehen und besucht selbiges, nur um dort auf ihren alten Schwarm und Peiniger James zu treffen. Doch der erkennt sie nicht mal mehr – zu sehr hat sie sich äußerlich verändert. James wiederum ist verheiratet und arbeitet bei einer PR-Agentur. Er hat mit einer, wie er glaubt, Ehekrise zu kämpfen. Seine Frau Eva hat das gemeinsame Haus verlassen und er hofft auf eine baldige Versöhnung.

Anna und James werden fortan immer wieder aufeinander treffen, denn James arbeitet für die Firma, die das UCL für Annas große Theodora-Ausstellung angestellt hat. Und nach anfänglicher Abneigung beginnt Anna James von einer anderen Seite kennenzulernen.

Zugegeben, ich bin nicht die große Leserin romantischer Romane, oft weil sie mir zu unreflektiert sind oder in Kitsch abdriften. McFarlanes Buch, welches eine hübsche Aufmachung hat und daher meine Aufmerksamkeit auf sich zog, bildet da leider keine Ausnahme. Sprache, Dramaturgie, Geschichte und Charaktere konnten mich nicht überzeugen. Die Geschichte ist die ewig alte Leier vom häßlichen Entlein, dass sich zum schönen Schwan entwickelt und ihren alten Schwarm wieder begegnet und über Irrwege letztlich dann auch zu ihm findet. Ich habe die ganze Zeit auf die große Enthüllung gewartet: Die in der James erfährt, dass Anna Aureliana ist. Das Mädchen, welches er zu seinem Schulabschlussball so bloßgestellt hat. Die Szene ist nicht nur enttäuschend, auch zeugte sie nicht gerade von Charakterreife. Weder James noch Anna kommen für mich in dieser romantischen Komödie besonders gut weg. Beide lassen sich von ihren Gefühlen leiten (was nichts schlechtes sein muss), aber hier eben in Kindergartenverhalten endet und damit nicht gerade zu einer erwachsenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und sich selbst führt.

Fazit: Als Sonntagnachmittagfilm sicher ganz nett, als Buch leider wirklich Zeitverschwendung.

Mhairi McFarlane “Vielleicht mag ich dich morgen”, Knaur TB, ISBN: 978-3-426-51647-8

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Manuela Reichart „Schon wieder Verspätung! Reisebekanntschaften“

“Braucht irgendwer auf der Welt noch einen neuen Roman? Gibt es nicht genug? Ökologisch gesehen ist das doch eine Katastrophe. Wie viele Bäume werden gefällt, damit viel Unsinn gedruckt wird.” (96)

Dreißig kurze Texte, dreißig Reisebekanntschaften. In dem schmalen Büchlein befinden sich dreißig Lebensbilder, die man entweder in einem Zug oder verteilt an verschiedenen Tagen oder Tageszeiten genießen kann. Ich hatte sie langsam gelesen und nicht alle auf einmal, damit ich auch zwischendurch mir Gedanken über das Gelesene und – vielleicht ein bisschen kitschig – über mein Leben machen konnte. Manuela Reichart hat mit ihrem neuen Buch ein Werk geschaffen, das ich immer wieder in die Hand nehmen und darin lesen möchte. Es liegt nun neben meinem Bett und ich kann jederzeit zu ihm zurückkehren.

Sobald ich das Buch jedoch wieder in den Händen halte, möchte ich es einfach weglegen, rausgehen und wildfremde Menschen ansprechen, mit ihnen reden, ihren Geschichten lauschen, vielleicht auch meine erzählen. Reichart macht mit diesen Reisebekanntschaften neugierig auf andere Menschen und auf ihre Geschichten. Sie schreibt über kurze Reise-, Hotel-, Bar-, Spielplatzbekanntschaften, lässt ihre Protagonisten ihr Herz fremden Menschen ausschütten. Weil es manchmal viel einfacher ist, Unbekannten seine Geschichte anzuvertrauen , die von einem nichts wissen, die einen nicht kennen, nicht verurteilen, nicht schief anschauen, einen nicht auslachen. Und weil man sich dann auch wahrscheinlich nie wieder sieht, ist es egal, was sie von einem denken. Man trifft sich, redet miteinander, man Teil den einen Augenblick, dadurch erfährt man auch etwas über sich selbst.

Beim Lesen wollte ich am liebsten jede Seite, oder zumindest jeden zweiten Satz markieren und hier zitieren. Da das aber nicht erlaubt ist und weil ich dem Buch und der Autorin, viele Leser wünsche, will ich Euch ermuntern, es zu kaufen. Hier ist jede Seite mit Wahrheiten, mit schönen Sätzen und interessanten Ideen, mit purem Leben ausgefüllt. Solche Bücher sollten nicht im eigenen Regal fehlen, eignen sich auch gut als Geschenke. Ich stelle mir gerade vor, wie schön es wäre, einem Fremden, mit dem man sich gerade unterhalten, seine Geschichte erzählt bekommen hatte und eigene erzählen durfte, dieses Buch zu schenken. Als Dankeschön für die kurze Zeit, die man zusammen verbringen durfte. Denn „es gibt auch Menschen, die du nicht triffst. Sie sind aber da. Keine große Einsicht. Es lohnt, hinzuhören. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ (13)

Manuela Reichart „Schon wieder Verspätung! Reisebekanntschaften“
Dörlemann Verlag, ISBN: 9783038200208

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[Gastrezension: Susanne] Doris Knecht “Wald”

Jetzt wär’ genau der richtige Zeitpunkt für so ein dämliches Selfie. Bin ansonsten ja kein Freund dieser Mode, also auch kein Gegner oder so – allein, die Notwendigkeit hat sich bei mir bisher einfach nicht ergeben. Aber jetzt, genau jetzt wär’s schon fein, denn wenn ihr mein breites, dümmlich-wohliges Grinsen sehen könntet, dann könnte ich mir die Worte sparen und einfach drunter schreiben: “Sooooooo viel schön war’s im Wald mit Marian”. Marian, das ist die Frau, die Doris Knecht ersonnen hat, um eine Geschichte zu erzählen, die ich aus vielerlei Gründen ganz enorm genossen habe. Auch jetzt bin ich immer noch ein bisschen besoffen von dieser wunderbaren Stimmung und muss mich zusammenreißen, um dafür auch handfeste Gründe zu liefern, wo ich doch eigentlich nur schnurren möchte wie ein alter Kater.

Ganz zu Anfang möchte und muss ich gleich betonen, dass ich mir diese Geschichte habe via Hörbuch vorlesen lassen. Verzeiht mir, wenn ich jetzt vielleicht ein bisschen dick auftrage, aber ich schwöre, dass jedes Wort wahr ist: Ruth Brauer-Kvam, die Vorleserin, ist – davon bin ich überzeugt – das allerallerallerbeste was diesem Roman passieren konnte, abgesehen natürlich von Doris Knecht, ohne die es ihn ja nicht geben würde. Die beiden Damen und Marian, die Erzählerin der Geschichte, sind allesamt Österreicherinnen. Hätte ich diese Sprache, diesen weichen Daunenkissen-Sound nicht schon vorher geliebt, wäre es spätestens beim Hören des Buches um mich geschehen gewesen. Keine Sorge hier wird nicht wahl- und hirnlos lokalkoloriert, der Dialekt ist dezent, aber eben doch immer angenehm spürbar. Wohl dosiert kommen Austria-Vokabular und -Sprachmelodie zum Einsatz, da ist nix aufgesetzt, sondern alles einfach nur unfassbar stimmig.

Nicht minder stimmig ist die Geschichte, die eine Geschichte des Scheiterns ist. Marian (eigentlich Marianne) hat einen rasanten sozialen Abstieg hingelegt, der sie dahin gebracht hat, wo sie jetzt ist: ziemlich weit unten, ziemlich weit weg von ihrem Luxusleben, ziemlich entfernt von der Erfolgsstraße, die sie ein ganzes Leben lang verbissen zielstrebig verfolgt hat. Nach dem tiefen Fall ist sie hart aufgeschlagen, und genau darüber denkt sie nach. Darüber was war, wie es hatte soweit kommen können und als sie schließlich die Vergangenheitsbewältigung (einschließlich aller Beziehungen zu Männern, Freunden, Kollegen und insbesondere zu ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter) hinter sich gebracht hat, tut sie, was sie immer getan hat, sie gestaltet ihr Leben.

Rein äußerlich ist dieses Leben das genaue Gegenteil dessen, was die Anfangsvierzigerin gewohnt war. Innerlich allerdings bleibt Marian – nach einer kurzen Phase des Durchhängens – die Frau, die anpackt, ackert und ihren Weg findet. Das Faszinierende dabei ist, wie unerbittlich analytisch Marian ihr Dasein – damals und heute – unter die Lupe nimmt. Da wird nichts schön geredet oder weich gespült. Bittere Wahrheiten kommen auf den Tisch. Doris Knecht schont niemanden und am allerwenigsten ihre “Heldin”. Abgefedert werden diese zum Teil doch recht schmerzhaften Erkenntnisse durch Marians Selbstironie, die sie davor bewahrt, am eigenen Scheitern zu zerbrechen. Eine Rangehensweise, die mir so richtig getaugt hat.

“Wald” war der erste Roman von Doris Knecht, den ich gelesen habe. Nein, ich verrate nicht, was ich jetzt dann ganz bald tun werde… Und wenn ich euch einen Tipp geben darf, macht es wie ich.

Doris Knecht “Wald”, Hörbuch gelesen von Ruth Brauer-Kvam, Mono Verlag, ISBN 978-3-903020-11-5

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[Gastrezension: Susanne] Interview mit Melanie Raabe

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© Christian Faustus

Könnte sein, dass es Melanie Raabe derzeit körperlich nicht ganz so gut geht. Bei dem, was die junge Autorin derzeit erlebt – ihr Krimi “Die Falle” geht gerade so richtig durch die Decke – muss sie sich ziemlich oft selbst kneifen, um sicher zu gehen, dass das alles kein Traum ist, den sie da erlebt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass sogar Hollywood scharf darauf ist, ihre Geschichte zu verfilmen. Andererseits kommt Melanie mit den selbst zugefügten blauen Flecken ganz gut zurecht, schließlich hat ihr neues Leben als Erfolgsautorin jede Menge schöner Erlebnisse im Schlepptau. Darüber wie megaspitzenmäßig mir ihr Krimi gefallen hat, habe ich ja bereits berichtet. Und weil ich ja sowas von auf Zack bin, habe ich mich ganz schnell an die mir bislang unbekannte Crime-Lady rangewanzt und ihr ein paar neugierige Fragen gestellt. Was soll ich Euch sagen: Melanie hat sie beantwortet. Lest selbst:
 
Susanne: Bukowski oder Kafka?
Melanie: Kafka. Der düstere Magier Kafka wird mich sicher noch ein Leben lang beschäftigen.

Susanne: In deinem Krimi hast du dich für Bukowski und gegen Kafka als Namensgeber für den Hund der Hauptperson Linda Conrads entschieden. Hast du einen Hund?
Melanie: Tatsächlich habe ich keinen Hund. Falls man der Theorie folgen möchte, dass es Hunde- und Katzenmenschen gibt, dann bin ich ein Katzenmensch. Hunde mag ich sehr, aber wenn ich ein Haustier hätte, dann wäre es eine Katze. Linda Conrads ist eben doch ganz anders als ich. Ich glaube, Bukowski ist eine Mischung aus allen Hunden, die es so in meinem Umfeld gibt. Es gab kein konkretes Vorbild für ihn.

Susanne: Dein Buch “Die Falle” ist im März erschienen. Das ist gerade mal ein paar Wochen her. Wenn ich dich nach deiner Berufsbezeichnung frage, was antwortest du?
Melanie: Ich würde wahrscheinlich ein wenig rumdrucksen und dann erzählen, dass ich eigentlich Journalistin bin, dass ich aber momentan Romane schreibe und derzeit hauptsächlich damit mein Geld verdiene. Wahrscheinlich würde ich auch ein wenig kichern, während ich das sage, weil es mir selbst noch so unglaublich vorkommt.

Susanne: Wie oft hast du während des Schreibens darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen, weil du daran gezweifelt hast, dass deine Geschichte je das Licht der Öffentlichkeit erblicken würde?
Melanie: Bei diesem speziellen Buch: gar nicht. Mein Verlag hatte „Die Falle“ auf Basis von Exposé und Leseprobe eingekauft, insofern wusste ich schon beim Schreiben, dass das Buch erscheinen wird – und wann. Ein ziemlicher Luxus für eine Debütantin! Allerdings habe ich vor der „Falle“ schon vier andere Romane geschrieben, die allesamt bei den Verlagen durchgefallen sind. Da war die Situation ganz anders. Aber irgendwie habe ich immer durchgezogen. Ich schreibe gerne, habe stets das Bedürfnis, etwas zu erzählen, mich an etwas abzuarbeiten. Ob die Geschichte jemals erscheint oder nicht – wenn sie raus will, will sie raus.

Susanne: Wer wer der erste Mensch, dem du deine Geschichte zu lesen gegeben hast?
Melanie: Mein Freund!

Susanne: Wie bist du beim Schreiben vorgegangen? Ohne zu viel zu verraten, kann man ja sagen, dass es einen Roman innerhalb des Romans gibt. Beide werden abwechselnd erzählt. Hattest du einen Konstruktionsplan über deinem Schreibtisch hängen, um dich nicht selbst in deinen Paralleluniversen zu verheddern?
Melanie: Ich bin ganz einfach vorgegangen: Ich habe erst die Rahmenhandlung geschrieben, komplett. Und dann habe ich mich an das Buch im Buch gesetzt. Habe mir klar gemacht, was ich da erzählen will, inwieweit das Buch im Buch die Rahmenhandlung inhaltlich befruchten soll. Dann habe ich die Kapitel ausgewählt, die ich dafür schreiben wollte – und sie dann geschrieben. Und wie bei einem Puzzle habe ich die fertigen Kapitel dann im Text hin- und hergeschoben, bis sie an der richtigen Stelle waren, bis es „klick“ gemacht hat und sich alles richtig anfühlte. Ich arbeite unheimlich viel mit trial & error.

Susanne: Wie kann man sich eine schreibende Melanie Raabe vorstellen?
Melanie: Eine schreibende Melanie Raabe ist eine glückliche Melanie Raabe. Natürlich verzweifle ich auch mal über einem Text, aber meistens bin ich im Flow, habe das Gefühl, dass ich meinen Zweck erfülle und an etwas arbeite, das Leuten Freude machen wird. Das ist ungeheuer motivierend. Ich schreibe an meinem kleinen Küchentisch, in meiner Wohnküche sitzend, habe meistens eine Tee- oder Kaffeetasse vor mir und tippe auf meinem alten, vollgekrümelten Macbook Air herum.

Susanne: Hast du beim Schreiben Musik gehört?
Melanie: Ich höre häufig beim Schreiben Musik. Als ich „Die Falle“ geschrieben habe, liefen Radiohead auf Repeat.

Susanne: Als du noch keine bekannte Schriftstellerin gewesen bist, auf die mittlerweile ja schon Hollywood scharf ist, wie sah da dein Alltag aus?
Melanie: Ach komm, ich bin immer noch keine bekannte Schriftstellerin! ;-) Wirklich, ganz ehrlich: Mein Leben hat sich nicht großartig geändert. Ich wohne in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Köln-Ehrenfeld, sitze viel arbeitend am Laptop. Ich stehe gerne früh auf, schreibe besonders gerne in den Morgenstunden. Und den Rest des Tages füllen andere Arbeiten, die gerade anstehen. Wenn dann noch Zeit übrig ist, verbringe ich die gerne mit Büchern, Theater und Film, mit Musik, meiner Familie und meinen Freunden.

Susanne: Was hat sich seitdem verändert?
Melanie: Alles, was sich bisher verändert hat, ist noch ziemlich abstrakt für mich. Auslandslizenzen zu meinem Buch wurden bisher in 15 Länder verkauft, und ein Hollywoodstudio hat den Stoff für eine Verfilmung optioniert. Das ist natürlich vollkommen irre. Aber für mich ist das alles ziemlich surreal. Zumal sich mein Alltag bisher nicht sehr verändert hat. Die schönste Veränderung ist wahrscheinlich, dass ich gerade so viele Lesungen machen darf und dabei immer unheimlich viele nette Leserinnen und Leser treffe. Das ist super. Und natürlich die Tatsache, dass ich momentan nicht noch hundert Jobs nebenher machen muss, um mich finanziell über Wasser zu halten. Dafür bin ich extrem dankbar – schon allein, weil ich es auch anders kenne.

Susanne: Musst du dich noch manchmal selbst kneifen, um dir bewusst zu machen, dass der Traum vom schriftstellerischen Erfolg tatsächlich wahr geworden ist?
Melanie: Allerdings! Viele Jahre lang hat es Absagen gehagelt. Da denkt man natürlich, dass man einfach nicht gut genug ist. Aber natürlich macht man trotzdem weiter. Wenn man Schriftsteller ist, dann schreibt man – ob es jemanden interessiert oder nicht. Und wenn’s dann doch plötzlich klappt, dann fühlt sich das schon ein wenig an wie ein schöner Traum. Jetzt bloß nicht aufwachen!

Susanne: Welche Krimis haben dir als Leserin so gut gefallen, dass du dir gewünscht hättest, sie selbst geschrieben zu haben?
Melanie: Ich mag die cleveren Plots einer Gillian Flynn und die schrägen Figuren einer Fred Vargas, aber ich bin froh, dass ich deren Bücher nicht geschrieben habe. Denn dann hätte ich sie ja nicht lesen können, und das wäre schade gewesen! Was an einem Buch, das man geschrieben hat, wirklich cool ist, das sieht man selber nicht so richtig. Man sieht da eher die Arbeit.

Susanne: Wenn ich dir jetzt eine Spinne auf die Hand setzen würde, wie würdest du reagieren?
Melanie: Mit ziemlichem Entsetzen! Okay, wenn alle deine Blog-Leser zugucken würden, dann würde ich vielleicht versuchen, cool zu tun – aber ich bezweifle, dass mir das gelänge. Ich bin Spinnenphobikerin, nach wie vor. Ich habe zwar eine Verhaltenstherapie gemacht, die mir sehr geholfen hat. Ich kann jetzt mit meiner Phobie umgehen, und ich könnte – mit etwas gedanklicher Vorbereitung – eine Spinne auf die Hand nehmen, wenn ich es wirklich wollte. (Ich habe ein Foto auf meinem Handy, auf dem ich eine Vogelspinne auf der Hand habe!) Aber: ganz ehrlich? Spaß hätte ich daran nicht!

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Vielen Dank, liebe Susanne und liebe Melanie für das tolle Interview.

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[Gastrezension: Susanne] Kristof Magnusson “Arztroman”

Würde ich versuchen in der Sprache von Kristof Magnusson zu schreiben, würde ich ein bisschen überspitzt folgendes Fazit ziehen: “Sein Roman hat mir sehr gut gefallen. Die Handlung ist spannend. Die Geschichte gut erzählt. Vor allem hat mich die Fähigkeit des Autors beeindruckt, den Alltag einer Notärztin derart kenntnisreich und authentisch zu schildern und gleichzeitig den Leser damit zu fesseln.” Unschwer lässt sich erkennen, dass Magnusson kein Sprachdrechsler ist, der an Sätzen feilt, dem Sprachmelodie etwas bedeutet oder Poetik oder auch nur das Setzen von passenden Metaphern oder Bildern. Nein, das ist seine Sache nicht. Er sagt, was er zu sagen hat, was die Geschichte voranbringt und vor den Augen der Leser möglichst realitätsgetreue Szenen aus dem Leben einer Frau um die Vierzig entstehen lässt, die neben ihrem anstrengenden und aufreibenden Beruf auch noch das bisschen Privatleben, das ihr noch geblieben ist, zu wuppen versucht. Natürlich wird auch eine Story erzählt, aber auch die ist mehr Mittel zum Zweck, der da lautet: Realität abbilden ohne großes Schnick und Schnack. Das muss man mögen und dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man dieses Buch zur Hand nimmt. Und man sollte den Titel, der sich eher anhört wie ein Arbeitstitel und nicht wie ein sexy Verkaufsknaller, ernst nehmen: Arztroman. What you see, is what you get. Endlich mal keine Mogelpackung!

Wer sich also nicht daran stört, dass es hier nicht um große Literatur im landläufigen Sinn geht und wer dann auch noch Interesse an Medizin hat und an allerlei Menschen, wie sie in einer Stadt wie Berlin vorkommen, der wird Magnussons Roman mit großem Gewinn und auch mit Spannung lesen. Allererste Sahne ist sein Wissen um das Ärztedasein, das er während seiner Recherche zu diesem Buch sicher nicht ausschließlich aus Internet- und Fachbuchstudium erworben hat. Dieser Mann hat, so nehme ich zumindest an, Notärzte im Einsatz begleitet, sehr genau hingeschaut und seine Erlebnisse faktenreich, aber niemals langatmig oder fachchinesisch unverständlich, zu Papier gebracht. Mich jedenfalls haben seine Schilderungen ganz schön in Atem gehalten. Jederzeit konnte ich die Atmosphäre hautnah spüren, wenn das Notfall-Team durch Türen schritt, ohne wirklich zu wissen, was sie dahinter erwarten würde. Und so einen lebensechten Kehlkopfschnitt quasi als Augenzeuge miterleben zu können, ist auch nicht ohne. Daneben gibt es dann auch noch das nicht eben einfache Privatleben der Protagonistin, das ohne große Worte zu benutzen, sehr plastisch bisweilen sogar pragmatisch klar erzählt wird.

Wer etwas über das echte Leben erfahren möchte, der ist bei Magnusson in den besten Händen. Wer liest, weil er Sprachmacht und -kunst erleben möchte, der greife besser zu Thomas Mann und seinen Kumpeln aus dieser Liga.

Kristof Magnusson, “Arztroman”, Kunstmann Verlag, ISBN: 9783888979668

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[Gastrezension: Susanne] Melanie Raabe “Die Falle”

Was Krimis angeht, bin ich eine harte Nuss. Mäkelig, nörgelig, pingelig – wenn da nicht alles stimmt, fliegt so ein Buch schneller in die nächste Ecke als der Mörder zuschlagen kann. Gut, ganz so rabiat geht es dann doch nicht zu, aber meine Toleranzschwelle hinsichtlich dieses Genres ist in der Tat extrem niedrig. Liegt einfach daran, dass gerade in diesem Bereich der Belletristik so unfassbar viel Müll in die Verkaufsregale gespült wird, dass ich Mitleid habe mit den vielen Bäumen, die sterben mussten, damit dieser windige Quatsch zumindest einen soliden Untergrund bekommt. Ach, ich könnte mich aufregen… aber was bringt’s. Ein zweiter Grund für meine Krimi-Hypersensibilität speist sich zudem aus der Tatsache, dass ich in meinem methusalemischen Alter bereits so viele Krimis gelesen habe, wie der Böhmerwald Bäume hat. Da lernt man zwangsläufig, die Spreu vom Weizen zu trennen und meine Erfahrung ist: viel Spreu, wenig Weizen. Und weil das so ist und weil ich irgendwann die Nase voll hatte von immer den gleichen Plots, dem gleichen Personal und dem gleichen sinnlos verbreiteten Lokalkolorit habe ich mir das Krimilesen eigentlich schon beinahe ganz abgewöhnt.

In dieser Laune nun habe ich also Melanie Raabes Krimi zur Hand genommen, genauer gesagt das dazugehörige Hörbuch. Raabe, Melanie – noch nie gehört. Auf die Schnelle habe ich dann in Erfahrung gebracht, dass es sich um eine 34-jährige Frau handelt, die soeben ihr erstes Werk herausgebracht hat. Ich habe ihr bzw. ihrem Buch 30 Seiten maximal gegeben. Mehr Zeit wollte ich einfach nicht investieren, um den 287.sten abgewrackten alkoholkranken adipösen altersstarrsinnigen Kommissar kennenzulernen, der in einem idyllischen Dorf nahe Bruhnsbüttelkoog einen psychopatischen Serienkiller jagt, der neben jedem seiner Opfer immer einen Ikea-Björn-Handtuchhalter zurücklässt, was das schlafmützige Ermittlerteam natürlich megamäßig hinter die Fichte führt. Ich könnte mich schon wieder aufregen… bringen tut’s aber nix.

Und was soll ich sagen: Nach über zehn Stunden reinstem Hörgenuss, kann ich einfach nur feststellen, dass ich laaange, laaange zurückdenken muss, bis ich auf einen Krimi stoße, der mich dermaßen aus den Latschen gehauen hat wie “Die Falle” von eben besagter Melanie Raabe, bei der ich jetzt im nachhinein aufs demütigste Abbitte leisten muss für meine komplette Fehleinschätzung zu Beginn. Ehrlich, Freunde, da bleiben keine Wünsche offen! Spannung satt, Konstruktion krass kreativ, Plot prickelnd, Personal perfekt – gäbe es ihn, ich würde behaupten, dass ich mich im siebten Krimi-Himmel befunden habe. Und was dazu kommt: Melanie Raabe hat einen ganz eigenen, mir völlig neuen wunderbaren Sound im Umgang mit der Materie. Während ich ansonsten bei der Krimi-Lektüre gerne mal über das ganze – in meinem Augen unnötige – Piff und Paff rund um die Handlung hinweglese (ist mir doch schnurzi, wie das Wetter ist und ob der Verdächtige seinen Latte am liebsten mit handgeschöpftem Grappa schlürft), sind diese vermeintlichen Nebensächlichkeiten bei Melanie Raabe wirkliche Kleinodien, die sozusagen als Gratiszugabe zur eigentlichen Handlung mitgeliefert werden und Hirn und Herz des Lesers phänomenal erfreuen. Diese Sprache und diese Sorgfalt in Kombination, das ist wie Vanilleeis mit heißen Himbeeren, das ist wie die zuckrige Kruste unter dem Apfelstrudel, wie das Kleckschen Sirup auf der Waffel. Herrlich! Komme ich gerade ins Schwärmen? Sieht so aus, und wisst ihr was: Ich tue es gerne und könnte es wirklich noch zeilen-, ach was sage ich seitenweise so fortsetzen. Aber da ich nicht Melanie Raabe bin, sondern nur ein Fan derselben, lege ich euch ihre “Falle” so warm ans Herz wie ich nur kann.

Melanie Raabe “Die Falle”, Hörbuch gelesen von Birgit Minichmayr und Devid Striesow, der Hörverlag, 1 MP3-CD, ISBN: 978-3-8445-1813-9

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