[Gastrezension: Christina] Sie suchen die Sonne – Christian Hanewinkel

Sie suchen die SonneDa soll nochmal einer meinen, Frauen wären kompliziert. Selten habe ich von einem Mann gelesen, der so unentschlossen ist, wie der Hauptprotagonist Benny in Sie suchen die Sonne. Der Journalist Benny ist hin und her gerissen, zwischen zwei Frauen, nein drei und zwei Ländern. Die erste von den dreien ist seine Exfrau. Sie hat ihn mit seinem Chef betrogen und erwartet nun ein Kind von ihm. Zu allem Unglück, wird Benny aus der Redaktion geworfen. Auf der Flucht vor seinem alten Leben bzw. auf der Suche nach neuem Glück, geht Benny nach Tavira an die portugiesische Algarve. Dort verbringt er tagtäglich den Mittag bei einem Kaffee mit der Französin Cora. Zunächst haben die beiden nichts miteinander. Doch Cora entwickelt Gefühle für Benny. Dann hat Benny einen unglücklichen Unfall auf seinem Fahrrad und wird von der schönen Portugiesin Joana gerettet. Sie pflegt Benny in ihrem Haus wieder gesund. Joana hat eine Reihe von Problemen. Sie hat kein Geld, ihr Haus muss bald einem Steinbruch weichen und ihr Bruder ist spurlos verschwunden. Benny fühlt sich verpflichtet, ihr zu helfen. Und bekommt selbst jede Menge Probleme.

Von da geht eine Geschichte los, die sich immer wieder dreht und wendet. Benny kann sich nicht entscheiden. Cora oder Joana? Nach langem, wirklich langem, Hin und Her, Intrigen und Lügen entscheidet er sich letztendlich für Joana und geht mit ihr nach Deutschland. Beide finden einen neuen Job und könnten eigentlich ein neues Leben beginnen. Doch Joana vermisst ihre Heimat im warmen Süden und auch Benny kann in Deutschland nicht mehr so glücklich werden wie in Portugal. Also ziehen beide wieder nach Portugal. Doch ihr Glück wird von anderen Menschen ständig gefährdet. Joana hat ihm immer noch nicht die ganze Wahrheit erzählt, scheint ihn nur auszunutzen. Benny befindet sich wieder im Sumpf von Verstrickungen, Korruptionen und Halbwahrheiten in dem er droht, unterzugehen.

Der Roman begann ganz zuversichtlich. Ich kenne wenige Liebesgeschichten, die aus der Perspektive eines Mannes erzählt werden. Ich habe eine Geschichte erwartet, die ein wenig locker und mit einem zwinkernden Auge erzählt wird. Doch das Drama nimmt kein Ende, die Verstrickungen nehmen zu und werden immer unübersichtlicher. Fast schon schlimmer als bei Frauen, möchte man sagen. Ich wusste ab einem gewissen Punkt nicht mehr, wer mit wem eigentlich was zu tun hat. Und immer taucht scheinbar zufällig ein Taxifahrer auf, der Benny ins Gewissen redet und ihn zur Vernunft bringt.

Dass Benny so hin und her gerissen ist, hat einen guten Grund. Er ist auf der Such nach Glück. Und Glück zu finden, ist nun mal nicht so einfach. Niemand kann vorhersehen, was das Richtige ist. Man muss es ausprobieren und eine eigene Lösung finden. Glück kann in allem und jedem liegen. Im Roman geht es um Erfahrungen, Rückschläge und kleine Erfolge. Verschiedene Lebensmodelle treffen hier aufeinander. Scheinbar schert sich kaum einer um den anderen. Jeder ist auf seine eignen Vorzüge und Freiheiten bedacht. Doch alle sind sie auf der Suche nach Glück und Liebe. Und solch eine Suche kann nicht immer auf direktem Wege verlaufen.

“Sie suchen die Sonne” Christian Hanewinkel, ISBN: 978-3-942181-82-2, Edition PURE Stories & Friends Verlag

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[Gastrezension: Rebecca] “Mauje” Norman Eckert

Mauje“Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden.” (Clemens von Brentano) Jenes Zitat könnte Protagonist Mark Jens Schreiber wohl auf den ersten Blick nicht direkt unterschreiben. Schließlich gehen ihm seine fabelhaften Ideen für Geschichten schlussendlich aus. Warum?

Mark Jens Schreiber ist Mauje Fabel. Mauje Fabel ist ein Geschichtenerzähler. Norman Eckert ist der Autor von „Mauje“ und erzählt in seinem Werk Mauje Fabels Dasein.

Maujes Geschichten sind sein Lebensinhalt. In alltäglichen Situationen kann er seiner Phantasie und auch seiner Menschenkenntnis danken, sich aus brenzligen Situationen mit eleganten und ebenso auch skurril wirkendenden Geschichten zu befreien. Zugleich erfindet er aber auch famoses Erzählwerk für seine Kunden. Die Tragik ist es, dass durch seinen unermüdlichen Einsatz bei anderen, er keine Zeit mehr für sich und auch keine Zeit mehr für neue Geschichten zu erfinden hat.

Das Buch ist mit sehr schönen Metaphern und kleinen Weisheiten durchdrungen und lässt den alltäglichen Wahnsinn durch Mauje Fabels Geschichten wunderbar verdreht erleben. Eckert schafft es auf nur 141 Seiten, den Leser mit Maujes Fabels Lebensgeschichten zu berühren. Das Buch könnte nach dem ersten Lesen auch als Nachschlagewerk mit dem Titel „glitzernde kleine Weisheiten“ dienen und sollte einen ganz besonderen Platz im Bücherregal erhalten.

Erzählt wird das Buch in der dritten Person, wobei der Autor Personen aus dem Off entsteigen lässt und „Zwischentöne“ zulässt. Diese Menschen, welche Mauje kennenlernen durften, berichten über ihn und Ihre gemeinsamen Erlebnisse. So erhält das Buch einen gelungenen Schwung und weicht ab von einem durchgehenden Erzählstrang. Es weckt Neugierde auf Mauje, vielleicht sogar manches Mal ein bejahendes Kopfnicken beim Leser, weil ein Lebensweg in der Tat nicht immer strukturiert ist. Auch kann das Leben klar sein. „Da waren sie wieder. Die Brüche , die die Klarheit störten.“

Mark Jens Schreiber könnte oben genanntes Zitat wohl dann doch unterschreiben, auch wenn ihm am Ende seine Ideen abhandenkommen, hat er sich für eine Aufgabe entschieden, welche er so liebte, dass er sich vergaß.

Fazit: Ein etwas aus der Art geschlagenes Buch. Dennoch oder gerade deswegen, ein gutes Werk, jede Menge guter Wörter, eine Vielfalt von guten Bilder für ein feines Kopfkino- Erlebnis. Gerne mehr davon.

“Mauje” Norman Eckert, Michason & May Verlag, ISBN: 9783862860104

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“Jeder Tag ein Wunder” Raquel J. Palacio

dance a lot even when there is no music playing

Palacio_249746_MR.inddDiese Maxime begleitet mich schon seit Jahren. Ich weiß nicht, wer diesen Satz gesagt oder aufgeschrieben hat, wo ich ihn gelesen oder gehört habe, ich weiß nur, er ist da und begleitet mich auf Schritt und Tritt. Und ich tanze. Jeden Tag ein bisschen. Selbst wenn ich nur mit den Hüften wackele. Manchmal tanze ich nur im Kopf, wenn die Kraft fehlt, die Beine zu bewegen. Aber ich gebe nicht auf. Selbst wenn keine Musik spielt, selbst wenn die Tage grau sind und hoffnungslos wirken, versuche ich weiter zu machen, zu tanzen, nicht aufzugeben.

Jeder von uns kennt solche Sätze, die uns in unserem Leben begleiten. Einer davon ist „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“ Die von Mark Twain ausgesprochenen Worte schmücken Postkarten, Wände als Wandtattoo oder Social Media Profile vieler Menschen. Mit solchen Maximen identifizieren wir uns, lesen sie gerne, schreiben sie in Notizbücher, um sie schnell zur Hand zu haben, um darin blättern zu können. Wir fühlen uns wohl, wenn wir wissen, wo wir solche Maximen finden. Es gibt im Internet diverse Portale, auf denen man verschiedene Zitate nachlesen kann. Es gibt viele Bücher, die solche Zitate zu allen möglichen Lebenslagen anbieten.

Vor drei Jahren stellte ich Euch „Wunder“ von Raquel J. Palacio aus dem Hanser Verlag vor. Ich erinnere mich wahnsinnig gerne an dieses Buch, will es in meinem Regal nicht missen. Ich habe es sehr oft verkauft und empfohlen. Und nun halte ich in meinen Händen ein neues Wunderbuch und bin begeistert. “Jeder Tag ein Wunder” ist wie eine Art Kalender aufgebaut, man kann es wie einen immerwährender Kalender benutzen. Auf jeder Seite befindet sich eine Maxime, ein Satz, ein Zitat, eine Lebensweisheit, die zum Nachdenken einlädt und dazu einlädt, stets seine Augen für die Welt offenzuhalten. Denn, wie es in der Inhaltsangabe des Verlages heißt,  „es [ist] ganz egal, ob man sie in einem Buch findet, einem Song oder – einem Glückskeks. Inspiration kann man sich schließlich von überallher besorgen.“ Vieler der schönen Sätze, die mich begleiten und die in verschiedensten meiner Notizblöcke verstreut sind, habe ich in Büchern gefunden. Diese Gedanken anderer Menschen bereichern mein Leben und dafür bin ich wahnsinnig dankbar.

Und nun sitze ich hier, blättere in den 365 Wundern, staune, lächle, freue mich. Mit diesem Buch habe ich, neben meinem Tagebuch, einen perfekten Lebensbegleiter gefunden. Ich stelle mir vor, wie es in ein paar Jahren aussehen wird – voller eigener Notizen, Zetteln, Karten, Sprüchen. Aber jetzt ist es neu, jetzt schreibe ich noch nichts rein. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich traue, es zu beschriften. Es ist genug Platz drin, um auch eigene Gedanken reinzuschreiben.

Was sind denn Eure Maximen? Welche Zitate und Sätze haben Euch so beeindruckt, dass sie Euch jeden Tag begleiten?

“Jeder Tag ein Wunder” Raquel J. Palacio, Hanser Literaturverlage, ISBN: 978-3-446-24746-8  

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[Gastrezension: Christina] Simon Garfield – Briefe!

www.wbg-darmstadt.deSimon Garfield – Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte.

„Wann habe ich zuletzt eigentlich einen Brief geschrieben?“ oder vielmehr „Wann habe ich eigentlich zuletzt einen Brief erhalten?“ Die waren die ersten Fragen, die mir beim Anblick des Buches Briefe! von Simon Garfield durch den Kopf schossen. Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die sich über einen Umschlag, der voller Geschichten steckt, im Briefkasten freut. Mit dem Wissen, dass sich jemand viel Zeit genommen hat, um mit der Hand von seinen Erlebnissen und Gedanken zu schreiben, und dies nur mit mir zu teilen.

Nicht nur das. Wie Garfield betont, ist es auch der Weg eines Briefes, der uns nach der Ankunft ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Der Brief muss erst eingeworfen werden, dann kommt er in einen Postsack, wird sortiert und weitergeladen, bevor er im Briefkasten landet. Er legt einen weiten Weg zurück, den man nicht in seinen Einzelheiten verfolgen kann. Hat der Brief sein Ziel erreicht, liest man ihn nicht nur einmal und verwahrt ihn wie einen Schatz in einer Kiste. Auch ich habe eine kleine Kiste voll alter Briefe, die ich niemals weggeben werden.

Ja, ich bin mir sogar sicher, dass sich jeder Mensch über einen Brief von Freunden oder Familie freut. Leider ist es schon einige Jahre her, dass ich einen Brief erhalten habe. Höchstens Postkarten. In der heutigen Zeit greifen alle viel lieber auf E-Mails oder Facebook zurück. Das ist keine Kritik von mir, ich mit da mit eingeschlossen. Dennoch ist es schön, sich an die Zeiten zurück zu erinnern und sich die alten Briefe nochmal durchzulesen.

Briefe! ist eine ganze Enzyklopädie über Briefe. Alles dreht sich um Briefe: die ersten Briefe dieser Welt, die ersten Postwege und Postboten, wie man Briefe schrieb, die ersten Liebesbriefe und Briefe von berühmten Personen: Von Napoleon über Jane Austen bis hin zu Franz Kafka. Amüsant und unterhaltend ergründet Garfield die Geschichte der Briefe. Ohne über die Zeit der E-Mails zu schimpfen. In jedem Kapitel schlägt er einen gewitzten Übergang vom Thema zu einer kleinen Anekdote.

So handelt ein Kapitel der Entwicklung des Postwegs. Der Leser bekommt detailliert erklärt, wo die Anfänge der ersten Postboten liegt. Zustelldienste waren meist unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig. Dies war besonders für Liebende ein Hindernis, die aber ihre Liebe geheim halten mussten. Der Brief war ihr einziger Weg der Kommunikation. Ein Postgeheimnis, wie wir es heute haben, gab es damals noch nicht. Oft kamen geheime Affären also raus und der Ruf der Liebenden war ruiniert. Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum von Shakespeare fast keine Briefe erhalten sind. In seinen Stücken spielen Briefe immer eine Rolle, immer aber tragen sie zu einer Katastrophe bei.

Briefe sind aber nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Garfield betont, dass sie auch ein wichtiges Dokument der Geschichte sind. Sie haben einen enormen Wert als historische Aufzeichnung. Zuerst war das Briefe Schreiben nur dem Adel vorbehalten, später lernten immer mehr Menschen lesen und schreiben. Wir erfahren vom Alltag der Menschen, der auch immer von amüsanten Klatsch und Gerüchten begleitet ist. Hinzu kommt in den Kapitel ein Ratgeber, wie man Briefe richtig schreibt. Leicht ironisch erklärt Garfield, welche Grußform zu welcher Zeit die richtige war. Schöne Illustrationen unterstreichen den Wert des Briefes im ganzen Buch. Auf dieser Reise des Briefes ist eine weitere Geschichte von zwei Liebenden eingeflochten – natürlich in Briefform.

Briefe! erzählt die wunderbare Geschichte von Briefen in all ihren Formen und Facetten. Wer Briefe wertschätzt, liegt genau richtig mit diesem Buch. Auf jeder Seite gibt es neue Überraschungen.

Vielleicht sollte ich mal wieder einen Brief schreiben.

Simon Garfield – Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte, ISBN: 9783806231755, Verlag Theiss, Darmstadt

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[Gastrezension: Christina] F. Scott Fitzgerald “Die Straße der Pfirsiche”

Fitzgerald_Pfirsiche_01.inddScott Fitzgeralds erster Roman Diesseits vom Paradies machte den gerade einmal 23-Jährigen Autor über Nacht berühmt. Eine Erstauflage von 3000 Stück wurde innerhalb von nur drei Tagen verkauft. Die kleine Reisegeschichte „Die Straße der Pfirsiche“ wurde dennoch zunächst von populären Zeitschriften abgelehnt, letztendlich vom Magazin Motor für nur 300 Dollar abgedruckt, wo sie aber kaum Beachtung fand. Zum 75. Todestag des Autors erschien die Geschichte erstmals auf Deutsch im Aufbau Verlag.

Erzählt wird vom gemeinsamen Roadtrip Scotts und seiner Frau Zelda. Die beiden galten mit ihren regelmäßigen Eskapaden als das Glamour-Paar der 20er Jahre schlechthin. Partys und Alkohol gehörten immer dazu, warum also keine Reise mit dem alten „Rolling Junk“, einem Fahrgefährt mit „gebrochenen Rückgrat“, durch mehrere Bundesstaaten der USA und rund 1600 Kilometer von Connecticut in Richtung Alabama machen? Für das Paar reicht allein Zeldas Appetit nach Biscuits und Pfirsichen als Grund. Diese müssen sie natürlich in Zeldas Heimat verzehren, da die Leute dort „sehr schön und freundlich und glücklich wurden“. Und wenn schon einmal ganz unten in Alabama angekommen, kann man auch gleich noch Zeldas Eltern überraschen.

Gesagt, getan. Gelächter der Nachbarn beirrt das junge Paar nicht. Die Reise beginnt noch am selben Morgen und endet als Roadtrip mit vielen Hindernissen. Besonders der Rolling Junk macht Probleme. Fast jeder Stopp ist mit dem Gang zu einer Werkstatt verbunden. Das Auto verliert Reifen und Batterie und muss wegen anderen kleinen Leiden immer wieder verarztet werden. Mit vielen Personifikationen beschreibt Fitzgerald liebevoll den alten Wagen wie einen alten Freund, der zwar immer wieder nervtötende Gebrechen hat, auf den aber immer Verlass ist. Als er am Ende die beiden trotz aller Strapazen ans Ziel bringt – damit beide vor verschlossener Türe des Elternhauses stehen – gibt der alte Herr doch noch den Geist auf und nimmt als tragischer Held Abschied. Mit dem Rolling Junk verspottet Fitzgerald all jene der Roaring Twenties, für die ein Auto das wichtigste Statussymbol war.

Von Spontanität wie auf der Reise ist die Erzählung Fitzgeralds nicht geprägt. Bedächtig beschreibt er Land und Leute mit aufmerksamem Auge. Trotz der vielen Eindrücke, von denen beide auf ihrer Reise überschwemmt werden, ist die Erzählung nicht mit Details überladen. Spielerisch leicht und selbst ironisch erzählt Fitzgerald vom Roadtrip mit seiner Frau. Ich konnte mir fast nicht mehr vorstellen, welche Sorgen sie auf dem Weg hatten, wie sehr eigentlich ihre Geduld und Beziehung auf eine Probe gestellt wurden. Immerhin mussten sie sich Geld nachschicken lassen, da ihr treuer Rolling Junk das Geld nur so fraß, während das Paar jedoch fast ohne Dach überm Kopf verhungern musste.

Geprägt ist die Reisegeschichte vor allem von Bewunderung und Liebe zu Zelda. Selbst in den brenzligsten Situationen bleibt sie stark und weiß einen Ausweg. Sich selbst beschreibt Fitzgerald als schwach, fast schon als eine lächerliche Comicfigur. Die Streitereien haben zum Teil etwas Liebenswürdiges an sich, dennoch blitzt immer wieder hervor, wer die beiden in Wirklichkeit waren. Zelda nimmt kein Blatt vor den Mund, fast schon hysterisch lässt sie sich durch Blicke anderer Frauen provozieren und nervt mit ihrer Gereiztheit ihren Ehemann. Dieser wiederum entpuppt sich als Rassist, der beim Süden an “Schreckensbilder von blutrünstigen Negern, die sich in den bodenlosen Sümpfen verbargen” denkt. Angehängt sind der Erzählung über den Roadtrip Erinnerungen Zeldas. Fragmentarisch und zusammenhangslos erzählt sie von Reisen mit ihrem Ehemann, die ihr gerade in den Sinn kommen. In beiden Teilen geht es um Freiheit, Liebe, Sehnsucht und jugendlichen Irrsinn. Wer eine witzige und leichte, aber dennoch nachdenkliche Erzählung lesen möchte, der ist bei Die Straße der Pfirsiche genau richtig.

F. Scott Fitzgerald “Die Straße der Pfirsiche”, Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03612-6  

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[Gastrezension: Astrid] Thomas Sautner “Der Glücksmacher”

SautnerAuf der Suche nach dem Glück zu sein, ist ja sehr en vogue. Ich brauche nur willkürlich irgendeine Frauenzeitschrift aufzuschlagen und finde darin unter Garantie eine Anleitung zum Glücklichsein: Glücklich werden für Eilige. 20 Tipps für ein glückliches Leben. Oder so. Wenn ich ehrlich bin, dann findet sich unter meinen Wohnaccessoires auch das ein oder andere gerahmte Sprüchlein à la Enjoy the little things. Aber warum auch nicht. Manchmal ergibt das Leben eben keinen erkennbaren Sinn oder man lässt sich verblenden von Dingen, die wichtig erscheinen, ohne es zu sein. Dann den Blick auf das kleine Glück zu richten, hilft mir tatsächlich oft, um auf dem Boden zu bleiben.

Sebastian Dimsch in Thomas Sautners Roman Der Glücksmacher wird eines morgens ebenfalls vom kleinen Glück gekitzelt und will es nicht so schnell wieder hergeben. Es muss doch eine Möglichkeit geben, dass das Glück dauerhaft bei einem bleibt. Also macht er sich auf die Suche nach dem Glück und stellt schnell fest, dass Alkohol nicht immer eine Lösung ist und der Umzug in die Großstadt zwar die Perspektive ändern kann, aber nicht per se glücklicher machen muss. Auch alle gesteckten Ziele zu erreichen, halten das Glück nicht fest. Alles wird irgendwann alltäglich, auch die tolle Frau und die süßen Kinder. Aber schon viele schlaue Köpfe der Weltgeschichte haben sich mit dem Glück beschäftigt und Sebastian beschließt alles zum Thema zu lesen, so wird er sicher die eine Formel finden. Gut, dass es gerade in der Versicherungsgesellschaft nicht so gut für ihn läuft. Das firmeninterne Abstellgleis entpuppt sich als erster Glücksfall, denn so hat Sebastian Zeit zum Lesen und setzt damit eine Entwicklung in Gang, die auch für den Leser Überraschungen und Glücksmomente bereit hält.

Große Erwartungen hatte ich nicht an den Roman, schließlich lese auch ich ab und an Frauenzeitschriften und kenne die Empfehlungen zum Glück. Doch der Jahresanfang erschien mir nur allzu passend für die Lektüre und zudem war ich neugierig, was Thomas Sautner mir wohl für eine Geschichte erzählen will. Und ich wurde überrascht. Den Roman zu lesen, hat Spaß gemacht. Der Erzähler behält sich vor, seine Figuren allzu ernst zu nehmen und entwirft schön aus der Distanz ein Ensemble an Charakteren, die teilweise absurd und teilweise erschreckend bekannt daher kommen. Sautner zeigt mir Leser auf eine manchmal sogar schmerzvolle Weise auf, wie wichtig jeder Einzelne sich nimmt, mich Leser eingeschlossen, und wie sehr unser Miteinander von missverständlichen Interpretationen des Gegenübers geprägt ist. So leicht die Story daherkommt, die Figuren angelehnt an Stereotypen und Klischees sind – Sautner trifft mit ihnen dennoch genau den Kern und zeigt auf unterhaltsame Weise die Probleme unserer egoistisch geprägten Gesellschaft auf. Nebenbei schnappt man viele kluge und schöne Sprüche von weisen Menschen der Vergangenheit auf, die man nicht verstehen, sondern nur fühlen muss. Das kleine Glück eben:

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,

drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuem seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Thomas Sautner “Der Glücksmacher”, Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03510-5

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[Gastrezension: Iris] „Die Farben der Hoffnung“ von Lavanya Sankaran

978-3-257-06907-5Die Autorin Lavanya Sankaran entführt uns mit ihrem Roman „Die Farben der Hoffnung“ in ihr Heimatland Indien. Dort treffen wir auf die Familie von Anand K. Murthy. Er ist Besitzer einer Autozuliefererfirma und steht kurz davor ein großes internationales Geschäft abzuschließen. Hierfür aber muss er die Firma vergrößern. Weil das auf dem eigenen Firmengelände nicht möglich ist, sucht er Bauland. Doch das ist in Bangalore gar nicht so einfach zu finden. Anand versucht jedoch sein Glück und gerät dabei in große Schwierigkeiten. Nicht ganz unbeteiligt daran ist sein Schwiegervater der, ganz anders als Anand selbst, gerne bereit ist im politischen und korrupten Gerangel des Landes mitzumischen.

Im Haushalt von Anand und dessen Frau Vidya arbeitet Kamala, eine alleinerziehende Mutter, die um das tägliche Überleben für sich und ihren pubertierenden Sohn kämpft. Das ist nicht immer leicht und Kamala sieht sich innerhalb des Hauses ihrer Dienstherren so einigen Intrigen ausgesetzt.

Mit „Die Farben der Hoffnung“ ermöglicht die Autorin ihren Lesern einen guten Einblick in das heutige Indien und damit in ein Land, in dem ohne Schmiergelder und Beziehungen wohl gar nichts läuft. Egal, ob arm oder reich, hier funktioniert das Leben immer nach einem recht einfachen Schema. Dennoch sind die Unterschiede für den einzelnen Betroffenen riesengroß.

Indien ist farbenfroh, die Menschen dort hegen große Hoffnungen. Ob sich die Träume aber erfüllen werden, hängt von vielen Faktoren ab. Das wird in dieser Geschichte sehr deutlich und anhand einiger Beispiele sehr detailliert beschrieben.

Ich habe mich gut unterhalten gefühlt mit diesem Roman, der mir wieder einmal vor Augen geführt hat, wie unterschiedlich wir Menschen auf dieser Welt denken und leben und wie schwierig oder oft auch aussichtslos es ist, sich bestimmten Dingen im Leben entgegenzustellen.

Lavanya Sankaran erzählt ihre Geschichte trotz der vielen Widrigkeiten des Lebens mit spürbarer Leichtigkeit. Bunte Lebensvielfalt, gekonnt erzählt.

Lavanya Sankaran “Die Farben der Hoffnung”, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-06907-5, aus dem Englischen von Kathrin Razum

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[Gastrezension: Christina] Andrej Kurkow – Der wahrhaftige Volkskontrolleur

„Das ist nicht dein Humor“ war der erste Satz, den ich von einer Freundin, als sie mich mit dem Roman Der wahrhaftige Volkskontrolleur von Andrej Kurkow in der Hand sah, hörte. Das gab mir zu denken. Ist dieses Buch wirklich komisch? Laut Klappentext ist hier von viel schwarzem Humor die Rede. Und ja, schwarzen Humor gibt es hier wirklich viel. Ich hab zwar im Geschichtsunterricht während meiner Schulzeit aufgepasst, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich nicht genug Hintergrundwissen habe, um alle Seitenhiebe auf die damalige Sowjetunion zu verstehen. Dennoch: Einiges konnte ich zuordnen und es brachte mich sehr zum Lachen. Beispielsweise als Schüler vor die Aufgabe gestellt wurden, einen Aufsatz über die Liebe zum Vaterland, ihre Familien, „die Erbauer des Kommunismus“ (102) oder wovon ihre Väter träumen, gestellt wurden.

Doch im Roman geht es um noch viel mehr: Es geht um Angst und Vertrauen, Liebe und Hass, Freundschaft und Rivalität und vor allem um die Treue zum Vaterland, sei sie erzwungen oder freiwillig. Der Leser lernt in vier Handlungssträngen völlig verschiedene Charaktere kennen. Sie sind alle vom Autor detailliert, authentisch und feinfühlig beschrieben. Da gibt es Pawel, ein einfacher Bauer, der Frau, Kind und seinen geliebten Hund verlassen muss, da er zum Volkskontrolleur berufen wurde. Er stellt sein Vaterland nicht in Frage, dient verantwortungsbewusst und in bestem Willen. Dann gibt es einen Engel. Er verließ freiwillig den Himmel in der Hoffnung eine dringende Frage beantworten zu können: Kein Mensch in diesem Land schafft es ins Paradies. Woran liegt das? Später lernt der Leser den Schuldirektor Banow kennen, der sich in die Stiefmutter eines Schülers verliebt. Zuletzt taucht der Künstler Mark mit seinem Papagei, der patriotische Gedichte über die Sowjetunion aufsagen kann, auf. Alle Erzählstränge stehen für sich allein, ein Aufeinandertreffen der Personen findet nicht statt.

Am schönsten finde ich den Erzählstrang über den Engel. Er schließt sich einer Gruppe von Menschen an, die alle das Gelobte Land suchen, um noch einmal ganz neu anzufangen. Zuerst dachte ich, sie jagen einem unerfüllbaren Traum hinterher. Doch sie finden tatsächlich das Gelobte Land und können ein neues Leben aufbauen. Ich mag die Sichtweise des Engels. Wie aus den Augen eines Kindes beobachtet er auf fast schon naive Art den Aufbau einer neuen Gemeinschaft. Er traut sich, unangenehme Dinge anzusprechen, ohne Missgunst der anderen befürchten zu müssen. Lustig war auch die Erzählung über den Volkskontrolleur. Pawel war so unglaublich gutmütig, treu und naiv, dass es schon fast wehtat. Nicht einmal zu einer abstoßenden Nationalspeise, „Organe eines Rentiers“, konnte Pawel nein sagen, um seinen Gastgeber nicht zu kränken. Ihm ging es immer nur um das Wohlbefinden anderer, nie um ihn selbst.

Der Ton des Romans schwankt zwischen ernst, lustig und schelmisch. Er wirkt an manchen Stellen ironisch, an anderen Stellen konnte ich den angeschlagenen Ton nicht dem Inhalt zuordnen. Der Roman verlangt volle Aufmerksamkeit, dennoch lässt er am Ende viele Fragen offen. Vielleicht erschließt sich ja mehr nach einer zweiten Lektüre.

Der wahrhaftige Volkskontrolleur von Andrej Kurkow, Haymon Verlag, ISBN: 978-3-85218-679-5, aus dem Russischen von Kerstin Monschein

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[Gastrezension: Christina] Kaspar Schnetzler – Kaufmann und das Klavierfräulein

„Kaufmann und das Klavierfräulein“ von Kaspar Schnetzler erzählt eine Familiensage, die über drei Generationen reicht. Die Geschichte beginnt einem Besuch von Cecilia, die Freundin des verstorbenen Protagonisten Paolo Mari, bei Neukomm, Präsident des Kaufmännischen Vereins in Zürich. Sie bittet den Präsidenten ein von Paolo geschriebenes Buch zu lesen. Aus Papieren und anderen Dokumenten, die Paolo im Archiv des Vereins gefunden hat, schrieb er eine Geschichte nieder, die immer mehr seine eigene geworden ist. Mit dem Präsidenten zusammen wird der Leser in diese Binnenhandlung gezogen – und erfährt die ganze Lebensgeschichte von Paolo von Beginn an.

Was zunächst spannend klingt, entpuppt sich als schwere Kost, die darum bemüht ist, keck und frisch zu klingen. Die Erzählung ist distanziert, man hat Schwierigkeiten sich in die Charaktere hinein zu versetzen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ein trockenes Buch der europäischen Geschichte lese, das versucht, Themen der Politik, Gesellschaft und Liebe in die Handlung hineinzuzwängen. Die Liebesbeziehung von Paolos Großeltern beispielsweise wird im Roman als modern beschrieben. Paul respektiert seine Frau Amelie und unterstützt sie in ihrer beruflichen Laufbahn, was im 20 Jahrhundert durchaus noch nicht selbstverständlich war. Ihre Beziehung ist liebevoll. Dennoch wirkt alles sehr künstlich, man ist als Leser nicht hautnah dabei. Beide sind mit einem Mal miteinander verheiratet. Der Autor schien sich nicht getraut zu haben, eine Liebesbeziehung in all seinen Facetten zu beschreiben.

Auch die Beziehung zum Sohn Johann wirkt unecht. Die Mutter liebt ihren Sohn über alles, stellt sich aber für ihn nicht gegen ihren Mann. Sohn und Vater kommen mit dem Erwachsenwerden Johanns nicht mehr miteinander aus. Zu unterschiedlich sind ihre politischen Ansichten. Johann bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab, wandert ins faschistische Italien aus, ändert sogar seinen Namen zu Giovanni Mari und heiratet dort eine Italienerin, die Tochter seines Arbeitsgebers. Aus ihrer Ehe geht ebenfalls ein Sohn hervor: Paolo. Mit der Erzählung von Johanns Lebenswandel geht endlich ein wenig Spannung auf. Giovanni gibt Paolo nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Verwandte in die Schweiz, mutterseelenallein, um ihn zu retten. Paolo findet also mit der Arbeit am Roman seine eigenen Spuren und stirbt er natürlich nach Fertigstellung des Romans – um dem Ganzen ein wenig Dramatik zu verleihen.

Kaspar Schnetzler “Kaufmann und das Klavierfräulein”, Bilger Verlag, ISBN: 978-3-03762-012-0

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[Gastrezension: Judith/leseloop] Iris Hanika: Wie der Müll geordnet wird

Iris Hanika: Wie der Müll geordnet wird

Herzlichen Glückwunsch zum Klick auf diese Rezension!

Bei der folgenden Rezension haben Sie sich für einen Text mit hohem Kreativitätspotenzial entschieden. Die Stilistik, Sprache und Wortwahl des nun folgenden Abschnitts wurden nach bestem Wissen und Gewissen aus dem natürlich nicht zu übertreffenden Original übernommen, mit impliziter Kritik versehen und schließlich zu einem lesbaren Text verarbeitet.

Falls Sie auch in Zukunft ebensolche Texte über Romane verschiedenster Autorinnen und Autoren lesen möchten, besuchen Sie uns auf unserer Webseite.

Lektüre

Antonius heißt in Wahrheit gar nicht Antonius. Diesen Namen hatte er sich ausgedacht. Vielmehr war Manfred sein richtiger Name und seine Begleiterin Antonina hieß in Wirklichkeit Renate. Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass Antonina nur ausgedacht war, also nicht real, sondern Antonius sie erfunden hatte, um sich nicht mehr einsam zu fühlen, obwohl er sich früher immer unwohl gefühlt hatte, wenn er nicht einsam war.

Hintergrundinformation

Antonius hieß in Wirklichkeit auch nicht Manfred. Sein Name war Adrian. Seinen Zweitnamen Antonius hatte er ausgewählt, um von der Vergangenheit Abstand zu nehmen. Er stellte sich allerdings gerne vor, dass ihm als Kind der Name Manfred besser gefallen hätte, er stellte sich vor, dass er sich vorstellte, dass Adrian, sein richtiger Name, nicht zu ihm passen würde. Außerdem stellte er sich vor, dass er sich vorstellen könnte, allein durch die Vorstellung, jetzt Antonius zu sein, eine neue Identität zu entwickeln und so in seiner Vorstellung nicht mehr Adrian sein zu müssen.

dichterische Verarbeitung

Adrian ist Antonius manfredisierend. Antonius ist Manfred adrianesk. Renate schreibt in ein oranges Heft.

(Antonius kannte Renate eigentlich kaum. Ihm war lediglich bekannt, dass sie ein oranges Tagebuch in einer schwierigen Phase ihres Lebens geführt hatte, das er beim Ordnen des Hausmülls im falschen Container gefunden hatte. Denn Antonius konnte kein Altpapier im Restmüll dulden. Der Leser bzw. die Leserin sollte sich an dieser Stelle, spätestens aber nach einigen Seiten, bewusst machen, dass das Leben des Antonius eine sinnlose aber alle Sinne ansprechende Zustandsbeschreibung ist. Wer Handlung in Romanen gewohnt ist, der kann auch direkt zum zweiten Teil des Buches springen. Demjenigen sei allerdings nahegelegt, dass er das Beste verpasst. Oft führt der steinige Weg zum schöneren Ziel.)

as we get older and stop making sense

Antonius hatte, um die größtmögliche Sinnlosigkeit in sein Leben zu integrieren, eine Liste erstellt, um möglichst sinnlose Tätigkeiten aufzuzählen, diese zu erledigen und damit sein sonst leeres Leben zu füllen. Diese Listen waren sein Ausweg aus der tristen kaum möblierten Wohnung, die aber besser war, als das Irrenhaus. Dort hatte sich Adrian wohl gefühlt, nicht aber Antonius.

Müllkontrolle

Antonius hatte sich nach dem Führen zahlreicher Listen über sinnlose Dinge, wie etwa UNANGENEHME STIMMEN oder SCHWACHSINN DES TAGES, dazu entschlossen, der sinnlosesten Tätigkeit überhaupt, den Müll anderer Menschen zu sortieren bevor die Müllabfuhr kam und den Müll in automatische Mülltrennungsanlagen brachte, nachzugehen.

Hintergrundinformation

Diese Tätigkeit gab seinem Leben Sinn. Das Ordnen des Mülls glich eines Ordnens seiner Gedanken, die oft wirr durcheinander flogen. Das vorliegende Buch ist schon wirr genug, wie Antonius’ Geisteszustand wechseln Sprache und Stil im Akkord.

Antonius fehlte die Fähigkeit, Reize richtig zu interpretieren, also konnte er mit Emotionen ohnehin nichts anfangen. Sie waren nur da.
ODER
auch nicht.

Müllkontrolle

Wir halten fest: Mülltrennung ist eine sinnlose Tätigkeit. Sie gibt, nicht wegen des Sinns sondern wegen der Tätigkeit, dem Leben Sinn. Ergo: Sinnlose Tätigkeiten sind gar keine, sondern kommen einem nur so vor. Das Lesen dieses Buches hingegen ist keine sinnlose Tätigkeit, besonders dann nicht, wenn man virtuose Sprachfertigkeit und kreative Textgestaltung mag.
Ironie statt Pathos,
Stil statt Inhalt. Dann kann man sich viel abschauen.

Zusammenfassung

Müll nimmt eine tragende Rolle in Antonius’ Leben ein. Die Trennung des selben steht für den Willen nach Recycling, nach Erneuerung. Und für das Loslassen von alten belastenden Erinnerungen. Deshalb kommt Renates Tagebuch auch in den Restmüll. Um eben gerade NICHT recycelt zu werden.

Fazit:

Ein sprachlich oder stilistisch vielfältigeres Buch hatte ich persönlich noch nie in der Hand. Zeilenweise – oder zumindest mehrmals pro Seite – wechseln Stil, Inhalt, Wortwahl und sogar Format. Fußnoten reihen sich neben Überschriften und Exkurse, „Hintergrundinformationen“ gehen nahtlos über in „dichterische Verarbeitungen“. Man könnte sagen, es fühlt sich beim Lesen tatsächlich so an, als würde man einen Blick in den Kopf eines Autisten werfen können. Oder ist der Protagonist doch eher schizophren?

Das Buch besteht aus drei Teilen, die wirken, als hätte Iris Hanika erst nach dem Fertigstellen beschlossen, sie als ein einziges Buch zu veröffentlichen. Der erste Teil liest sich in etwa wie der oben geschriebene Text – der innere Monolog eines psychisch kranken und/oder schwer traumatisierten Autisten. Der zweite Teil enthält Hintergrundinformationen – und etwa fünf Geschichten anderer Personen, auktorial und einheitlich erzählt, die eigentlich nicht nötig wären, um den ersten Teil bzw. Antonius’ Seltsamkeit zu erklären. Der dritte Teil verbindet die ersten beiden Teile und verstärkt die Vermutung, dass die Teile getrennt voneinander entstanden seien.

Hanika spielt mit komplexen Erzählstrategien, die man wahrscheinlich erst nach einem zweiten Lesen – und auch dann nicht vollständig – durchschaut. Aber selbst, wenn einem Handlung oder Kontext zu komplex sind, zahlt es sich allein des Stils wegen aus, einen Blick ins Buch zu werfen.

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Mein Name ist Judith, ich bin Germanistin und Kulturwissenschaftlerin mit Spezialgebieten Neuere deutsche Literatur und Kreatives Schreiben. Auf meinem Blog  veröffentliche ich Rezensionen über zeitgenössische österreichische Literatur in Form von sogenannten „Loops“ – Rezensionen im Originalstil des Buchs. Das macht nicht nur Spaß, sondern zeigt auch gleich meinen Leserinnen und Lesern, ob ihnen sowohl Inhalt als auch Stil eines Buchs gefallen könnten. Außerdem blogge ich über Lesungen, Festivals und kreatives Schreiben in und um Österreich. Schau vorbei, wenn dir meine Rezension gefallen hat.

P.S.: Ich verlose übrigens alle Rezensionsexemplare, die ich nicht aus der Bücherei oder einer Bibliothek ausleihe, an meine Newsletter Abonnenten und Facebook Fans.

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