[Gastrezension: Susanne] Andrew Miller “Friedhof der Unschuldigen”

Über die vielen guten Seiten des Bücherbloggens brauche ich hier vermutlich nichts zu erzählen. Wer will schon Eulen nach Athen tragen (oder anderes Getier in andere Städte). Auf eine Sache möchte ich aber doch hinweisen. Hin und wieder werde ich ja von meiner bibliophilen Chefin gefragt, ob ich das eine oder andere Buch gern besprechen möchte, das sie mir dann zur Verfügung stellt. Und obwohl ich es mir völlig frei aussuchen kann, die Anfrage anzunehmen oder abzulehnen, wird mir hier von meiner netten Postbotin manchmal Lektüre ins Haus geschleppt, von der ich nicht so recht weiß, ob ich jetzt – wo sie nunmal vor mir liegt – wirklich die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss: Du hast zugesagt, jetzt tu auch deine Pflicht!

Sehr skeptisch, beinahe widerwillig habe ich also diesen “Friedhof der Unschuldigen” auf meinen Lesesessel gewuchtet (ja gut, es sind nur knapp 400 Seiten, so viel Wucht war also in Wirklichkeit nicht nötig), mich dazu gesellt und mir vorgenommen, zumindest mal die Hürde der ersten zwanzig, dreißig Seiten zu nehmen. Historienschinken gehören nämlich eigentlich nicht zu meinen literarischen Leibgerichten. Und dann Pardauz!, habe ich dieses Teil wirklich und wahrhaftig gefressen. Um im Bild zu bleiben: Dieser Schinken war so was von saftig, gut gewürzt und zart zugleich – ein echter Genuss, den ich nie und nimmer hätten erleben dürfen, wenn meine Chefin mir  nicht auf die kulinarischen Sprünge geholfen hätte.

Gleich von Anfang hat Andrew Miller mich in dieses Paris am Vorabend der Französischen Revolution reingelockt und mich mit seiner spannenden Handlung über die Beseitigung eines stinkenden Friedhofs, dessen Fäulnis schon die ganze Stadt verpestet hatte, darin festgetackert. Aus zwanzig Seiten wurden, ohne dass ich es recht bemerkt habe, schnell hundert, zweihundert Seiten und hätten nicht menschliche Bedürfnisse aller Art mir Zwangsunterbrechungen auferlegt, ich hätte das Buch wirklich in einem Rutsch durchgezogen. Jaja, dieser Miller hat’s schon drauf, eine Atmosphäre zu schaffen, die einen versinken lässt in eine Zeit, die man nur aus Geschichtsbüchern kennt. Lebendige Figuren bevölkern lebendige Straßen und führen ein Leben, an dem der Leser selbst über die Jahrhunderte weite Entfernung problemlos teilnehmen kann.

“Friedhof der Unschuldigen” mag, da muss man ehrlich sein, nicht große Weltliteratur sein. Große Freude macht der Roman aber allemal, und am Ende hab ich mich so gefühlt, wie nach einem guten Kinofilm. Wenn das Licht angeht, man den Popcorn- und Softdrink-Verhau notdürftig beseitigt hat und wieder auf die Straße tritt, muss man sich erstmal die Augen reiben und ein bisschen durchschütteln, um wieder da anzukommen, wo man wirklich lebt. Nicht in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern hier und heute, leider, leider.

Andrew Miller, “Friedhof der Unschuldigen”, Zsolnay Verlag, ISBN 978-3552056442, Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

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[Gastrezension: Julia] “Rendezvous mit dem kleinen Tod” von Eva Lirot

Stellt euch vor, ihr seid schüchtern, habt Probleme den richtigen Partner zu finden oder ihr traut euch einfach nicht, jemanden interessantes anzusprechen oder gar mit nach Hause zu nehmen. Und dennoch verspürt ihr die Sehnsüchte nach Liebe, nach Sex, nach dem absoluten Genuss.

„Paradise“ heißt die Lösung für das Problem! So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch nur bis ein Fläschchen neben der Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Sie bekam es als Geburtstagsgeschenk von einer Freundin, die nach der Partynacht auch spurlos verschwunden ist. Sofort beginnt die Kripo zu ermitteln und schnell ist klar, dass „Paradise“ eine gefährliche neue Sexdroge ist, die den Markt zu überschwemmen droht. Auf Computern finden die Ermittler Emails, in denen die Käufer regelrecht um Nachschub betteln, und spätestens als weitere Menschen sterben, wird klar, dass „Paradise“ nicht so ungefährlich ist, wie es auf den ersten Blick scheinen soll. Vielmehr wird aus der kurzen aufblühenden Leidenschaft eine schwere Abhängigkeit, die letztendlich zu einem qualvollen Tod führt.

Sofort beginnen die Ermittler um Kommissar Jim Devcon die Suche nach dem Dealer der Szenedroge, die sich zunächst als eine Sackgasse entpuppt. Erst durch einen entscheidenden anonymen Hinweis erfahren sie von illegalen Machenschaften eines internationalen Pharmakonzerns. Diese Leute wollen „Paradise“ marktfähig machen und nutzen dafür illegale Tests an Menschen. Viel Geld steht auf dem Spiel und die Pharmaleute scheuen sich nicht, für ihre Ziele über Leichen zu gehen. Wird es Devcon und seinem Team gelingen, die skrupellosen Forscher zu stoppen? Lest selbst!

„Die Hölle umgibt sich mit schillernden Gewändern, gefertigt aus falschen Paradiesen.“

Dieses in Eva Lirots Roman einleitende Zitat spiegelt die Geschehnisse sehr gut wieder. Man stelle sich doch einmal vor, es gäbe „Paradise“ wirklich. Ein Präparat, das die höchste sexuelle Erregung auslöst und zum Orgasmus führt, ohne dass man sich auf einen Partner verlassen muss. Gerade in der heutigen Zeit ist dies doch sicher wünschenswert. So viele Singles wie jetzt gab es noch nie und auch so viele Karrieremenschen, die zuerst an den Beruf und dann an die Familie denken. Da wäre das doch die perfekte Lösung für das Vergnügen zwischendurch.

Klug und sehr sprachgewandt greift Lirot also nicht nur ein ein spannendes, sondern auch ein sehr zeitkritisches Thema auf und macht daraus einen fesselnden Krimi, der trotz – oder gerade wegen der geringen Seitenzahl komplett zu überzeugen versteht. Neben der dargestellten Gesellschaftskritik prangert sie auch die Korruption der Pharmaindustrie an, die für den Erfolg nur allzu bereit ist, über Leichen zu gehen. „Rendezvous mit dem kleinen Tod“ regt während des Lesens an vielen Stellen zum Nachdenken an. Permanent bleibt der Gedanke im Hinterkopf, zu was die Pharmaindustrie doch fähig ist. Abwegig sind diese Entwicklungen keinesfalls und was wissen wir schon, was sich hinter den verschlossenen Türen wirklich abspielt, oder an welchen Produkten im Geheimen geforscht wird. Die fesselnde Handlung wird durch einen brillant gezeichneten Stab an Personen ergänzt. Gerade die Ermittler werden sehr plastisch und lebendig dargestellt, was dem Roman eine ganz besondere Tiefe verleiht und ihn zu einem besonders tollem Lesevergnügen macht. Man kann sich sehr gut in die Handlungen und Gefühle der agierenden Personen hineinversetzen und handelt mit ihnen auf einer Ebene. Fast fühlt man sich wie ein lebendiger Teil der Geschichte.

„Rendezvous mit dem kleinen Tod“ ist für mich eine klare Krimi-Empfehlung, die mit geballter Spannung, einer Wahnsinns-Story und brillant gezeichneten Figuren zu überzeugen versteht. Dazu kommen noch die großen Fragen, die einen während der Lektüre nicht mehr loslassen: Welchen Weg geht unsere Gesellschaft? Wie weit wird der Mensch gehen, um seine Ziele zu erreichen? Ist das alles Fantasie oder kann es nicht auch schon Wirklichkeit sein? Man will mehr davon lesen, viel mehr! Ein wirklich toller Auftakt, der das Herz eines jeden Krimi-Freundes höher schlagen lassen dürfte.

“Rendezvous mit dem kleinen Tod” von Eva Lirot, Prolibris Verlag, ISBN: 978-3-935263-51-1

* * *

Danke an Julia für diese Gastrezension.

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“Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?” von Dave Eggers

“Du weißt nicht, wie es ist, ein Mann über dreißig zu sein, dem nie irgendwas passiert ist. Du verbringst so viele Jahre mit dem Versuch, in Sicherheit zu bleiben, am Leben zu bleiben, irgendeinem unbekannten Horror zu entgehen. Und dann erkennst du, dass der Horror das Leben selbst ist. Das Nicht-Geschehen.” (211)

Würde ich für den neusten Roman von Dave Eggers eine lange und ausführliche Rezension schreiben wollen, würde ich zu viel verraten, denn bereits die Verlagsinformation verrät viel vom Inhalt. Das Buch mit dem schlichten und meiner Meinung nach sehr passenden Cover umfasst auch “nur” 220 Seiten, die durch die flüssige Sprache des Autoren und kurze Kapitel schnell gelesen sind.

Gerne möchte ich Euch also heute statt einer ausführlichen Rezension drei Dinge nennen, die ich am “Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?” von Dave Eggers mag und es wäre schön, wenn Ihr ebenfalls zum Buch greifen würdet. Denn es lohnt sich auf jeden Fall.

1. Flüssige, klare und packende Sprache, in der David Eggers die Geschichte erzählt und somit die Zugänglichkeit des Textes, die mir erlaubt hatte, in die Geschichte zu versinken, um erst am Ende erschüttert aber auch ziemlich nüchtern und teilweise vor den Kopf gestossen aufzutauchen.

2. Die Geschichte selbst, die die Chronik des Wahnsinns eines Mannes darstellt.

3. Ein kontroverse Thema, das mich tief berührt hatte, weil ich mich angesprochen fühlte, stellvertretend für meine Generation. Eggers zeigt in seinem Roman, wie und durch welche äußeren Umstände die Menschen von eigenen Zielen und Träumen abkommen können; wie sich im Laufe der Zeit das Leben verändert und die Wünsche den Veränderungen angepasst werden. Er zeigt, was passiert, wenn manche Menschen sich selbst überlassen werden und welche Gefahr es mit sich bringt, wenn Versprechen gemacht aber nicht eingehalten werden.

“Wer sagt, dass wir nicht begeistert werden wollen? Und ob wir begeistert werden wollen, verdammt noch mal! Was zum Teufel ist falsch daran, dass wir begeistert werden wollen? Alle tun so, als wäre das eine verrückte Idee, ein unverschämter, unerfüllbarer Wunsch.” (220)

“Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?” von Dave Eggers, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04772-1; Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

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[Gastrezension: Astrid] Anthony Doerr “Alles Licht, was wir nicht sehen”

Während meiner Schulzeit gab es eine Phase, in der habe ich alles verschlungen, was mit dem Dritten Reich und dem 2. Weltkrieg zu tun hatte. Angefangen mit dem Tagebuch der Anne Frank bis hin zu einigen Überlebensberichten von KZ-Inhaftierten. Schindlers Liste lief im Kino, die Schule organisierte beklemmende Fahrten in ehemalige Konzentrationslager und ich erinnere mich, dass mir der Geschichtsunterricht sehr eindimensional und damit unbefriedigend hinsichtlich des Weltkrieges und seiner Entstehung wie seiner Folgen erschien. Nach ein, zwei Jahren schob ich das Thema beiseite, meinte mich umfassend informiert zu haben und fühlte mich ohnmächtig Angesichts dieser unfassbaren Greueltaten, die unsere Vorväter begangen haben. Natürlich streift einen das Thema Weltkrieg immer wieder, aber man kann auch selbst entscheiden, wie dicht man es an sich heranlässt und so habe ich manches literarische Werk seither links liegen lassen oder auf meine Stapel ungelesener Bücher abgelegt. In den letzten Jahren aber kam das Thema geballt erneut auf mich zu, sowohl beruflich wie auch literarisch und Anthony Doerrs Roman “Alles Licht, das wir nicht sehen” reiht sich nun auf einen der vordersten Plätze ein. Ähnlich wie “Die Bücherdiebin” empfinde ich Doerrs Roman als sehr poetisch, ohne dass der Schrecken der Nazizeit und des Krieges dabei abgemildert wird, im Gegenteil: durch Aussparungen oder Schilderungen aus naiver Kindersicht gepaart mit dem eigenen historischen Wissen wirken die Beschreibungen ungleich nachdrücklicher.

Doerr stellt zwei Protagonisten in den Mittelpunkt. Ein Waisenjunge aus Deutschland mit einer natürlichen Begabung für Funktechnik und ein erblindetes Mädchen, welches mit seinem Vater in Paris lebt. Marie-Laures Vater ist die Geduld in Person. Als Schlüsselmeister des großen Pariser Museums liebt er es zu tüfteln und in handgeschnitzten Modellen und Schachteln kleine Geheimverstecke einzubauen. Seiner Tochter baut er ein detailgetreues Modell ihres Viertels, um sie zu lehren sich auch ohne ihren Sehsinn zurecht zu finden. Als der 2. Weltkrieg ausbricht und Frankreich dem Strom der deutschen Soldaten wenig entgegen zu setzen hat, vertraut ihm der Museumsdirektor das kostbarste Stück der Sammlung an und bringt damit Marie-Laure und ihren Vater in große Gefahr.

Werner und seine Schwester Jutta leben in einem Kinderheim des Zollvereins der Zeche Essen. Der Vater ist unter Tage ums Leben gekommen, die Mutter ebenfalls früh gestorben und so ist die Kinderheimleiterin Frau Elena die einzige erwachsene Bezugsperson der Geschwister. Werner baut aus gefundenen Teilen einen einfachen Empfänger und bekommt sogar ein schwaches Radiosignal damit herein. Als Autodidakt bringt er sich immer mehr bei, träumt davon zu studieren und Ingenieur zu werden. Doch die Wirklichkeit holt ihn immer wieder unsanft ein, sein vorbestimmter Weg soll einzig der nach unten in den Tagebau sein. Doch das Kinderheim besitzt nun durch Werner ein eigenes Radio und mit diesem kommt eine Welle von Informationen aus ganz Europa ins Haus. Schwester Jutta liebt besonders eine französische Sendung über Physik und Philosophie, deren Herkunft sich lange nicht ergründen lässt. Werners Kenntnis über Radios rettet ihn vor dem harten Alltag eines Zechenarbeiters, doch um keinen geringeren Preis. Er kommt auf eine Eliteschule des deutschen Reiches und ist dem Denken und Handeln der Nationalsozialisten völlig ausgeliefert. Auch dieser Weg birgt die Gefahr viel zu früh das Leben zu verlieren.

„Alles Licht, was wir nicht sehen“ unterscheidet sich formal stark von herkömmlichen Romanen diesen Umfangs – er ist äußerst klug strukturiert und macht dies auch dem Leser durch klare Aufteilung in Teilabschnitte mit Angaben zur Erzählzeit sowie im Umfang sehr klein gehaltenen Kapiteln, die alle eine Überschrift erhalten, deutlich. Besonders diese sehr kurzen Kapitel, die oftmals nur drei, vier Seiten umfassen, beeindrucken mich nachdrücklich. Doerr versteht es, seine Geschichte in jedem Kapitel knapp auf den Punkt zu bringen und behält dennoch zu jeder Zeit seinen poetischen Ton bei. Er webt regelrecht einen erzählerischen Klangteppich, dessen Entwicklung ich als Leser mitunter schaudernd vorausahne und dem ich mich doch zu keiner Zeit entziehen kann und will. Wie feine Strickmaschen greifen die einzelnen kleinen Kapitelchen ineinander und weben ein schrecklich-schönes Märchen vor historischer Kulisse.

Doerr nimmt seine Figuren ernst. Er ist ganz bei ihnen, nie zu nah und damit vor Kitsch gefeit. Märchenhaft mutet es an, dass sich die Wege der Figuren kreuzen und dennoch nicht weniger glaubhaft dadurch. Gibt es im Roman zwar meistens zwei Seiten, so werden diese differenziert betrachtet und ganz auf den bestimmten Blickwinkel bezogen. Werner ist an seiner Eliteschule ein physikalisches Wunderkind, doch gegenüber der Nazi-Propaganda scheint er machtlos und muss sich anpassen. Das geforderte Verhalten widerstrebt ihm innerlich, äußerlich hält er still und schlägt sich daraufhin mit Gewissensbissen. Marie-Laure lebt unter deutscher Besatzung in St. Malo bei ihrem Onkel, der Vater ist nahezu ohne Lebenszeichen in einem deutschen Gefängnis verschwunden und im Dorf bestimmen die Besatzer den Alltag. Doch Doerr hütet sich vor pauschalierten Beschreibungen, führt klug an der richtigen Stelle fein nuancierte und doch Stereotypen entlehnte Figuren ein, die in kurz erzählten wie nebenbei bemerkten Begebenheiten die Wendungen in der Handlung begründen. Besonders die Entstehung der „Hausfrauen-Résistance“ angeführt durch des Onkels Haushälterin bleibt mir als lebendiges Bild in nachdrücklich Erinnerung.

Will man sich literarisch mit dem 2. Weltkrieg befassen, so sollte Anthony Doerrs Roman unbedingt ganz weit oben auf der Lektüreliste stehen. Und auch wenn nicht, sollte man ihn unbedingt lesen.

Anthony Doerr “Alles Licht, was wir nicht sehen”, C.H.Beck, ISBN: 978-3-406-66751-0

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[Gastrezension: Heike] Kenneth Bonert “Der Löwensucher”

Der Annahme folgend, dass man mit einem Diogenes-Buch nichts falsch machen kann, habe ich mich zur Lektüre von “Der Löwensucher” entschlossen, ohne zu wissen, dass es mit knapp 800 Seiten ein richtiger Wälzer ist. Solch einen Leseumfang abseits meines sonstigen Pensums gönne ich mir sonst nur im Urlaub. Ob es sich gelohnt hat?

An den ersten Seiten, muss ich gestehen, habe ich mich etwas abgearbeitet. Unser Protagonist Isaac verlässt mit Schwester und Mutter Gitelle Litauen. Sie folgen seinem Vater Abel (Tate), der bereits einige Zeit zuvor nach Südafrika auswanderte. Im Ghetto von Johannesburg wechseln nun jiddische Ausdrücke mit Afrikaans und erschwerten mir den ungetrübten Genuss der grandiosen Erzählsprache Kenneth Bonerts anfangs.

Gitelle, das zupackende Oberhaupt der Familie, die wie eine Löwin für die ihren kämpft, war mir von Anfang an nahe und sympathisch; mit dem pubertierenden Isaac, unserem “Löwensucher“, musste ich erst warm werden. „Zwei Sorten gibt es auf der Welt“ sagt Gitelle, „die Dummen und die Klugen“ Wer klug ist, lässt sich nicht ausnutzen, so wie sie es ihrem Mann unterstellt, der „Sofahocker“ aus der alten Heimat in seiner Uhrmacherwerkstatt duldet. Eine Arbeit wird nicht nach Interesse ausgesucht, sondern danach, ob sie Entwicklungspotential hat und genügend einbringt für ein Häuschen in einer besseren Gegend. „Spiel nicht mit Farbigen und Schmuddelkindern!“ gibt sie ihrem Sohn auf den Weg. Isaac liebt seine Mutter und verspricht ihr das ersehnte Haus.

Er liebt sie, die Mutter mit dem vernarbten Gesicht und dem Ungesagten aus der Vergangenheit. Er liebt auch Tate, dem es nur wichtig ist, dass sein Sohn glücklich ist, am besten mit einem Handwerk, das ihm liegt.

Isaac versucht alles richtig zu machen. Versucht Geheimnisse zu lüften ohne Verletzungen zu verursachen. Bemüht sich den Anforderungen gerecht zu werden und dabei seinen Weg im Leben zu finden. Warum nur geht dabei so vieles schief?

Ich begleite also Bonerts Isaac beim Erwachsenwerden, beim Ausprobieren von Dingen, die er mag und Dingen, die er soll und Dingen die sich irgendwie ergeben. Ich werde mitgenommen und durchgeschüttelt auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Nun kann ich das Buch kaum mehr weglegen. Natürlich ist der Protagonist naiv, es gibt Unglücksfälle, die er nicht zu verantworten hat und andere, die man hätte voraussehen können; es gibt schreckliche Fehlentscheidungen. Trotzdem, ich gewinne ihn sogar lieb den Pechvogel. Ich möchte nur, dass alles gut wird und mag nicht wirklich daran glauben.

Immens interessant zu lesen ist der Roman auch als historische Erzählung. „Der Löwensucher“ spielt in den späten 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhundert – einer Zeit, in der der Antisemitismus zunimmt und der Faschismus mit den Grauhemden auch in Südafrika Fuß fasst. Damit verbunden wird die Einwanderung von Juden erschwert bis unmöglich. Und Gitelle hat doch noch ihre Schwestern in Litauen … Mein Blick wird auf Judenverfolgung, den Nationalsozialismus außerhalb Europas, auf Apartheid gerichtet. Und da sich mein Wissen eher auf deutsche Geschichte beschränkt, ja, lerne ich einiges dazu und habe Freude dabei – und Trauer und Unverständnis und Wut!

Ich erfahre, welches Konglomerat von Kulturen, welche verschiedenen Gesellschaftsschichten und Sprossen auf der sozialen Leiter es in Südafrika gab. Die große Hoffnung aufzusteigen und die Angst gesellschaftlich abzusteigen sind auch heute und hier aktueller denn je.

Kenneth Bonert hat nicht umsonst mit seinem Erstlingswerk einige Preise eingeheimst. Er bereitet mit „atmosphärischer Familiensaga und literarischen Schelmenroman“ (Klappentext) ein wirkliches Lesevergnügen! Ja, die Lektüre hat sich für mich auf alle Fälle gelohnt! Danke Dorota!

Kenneth Bonert, Der Löwensucher, Diogenes Verlag 2015, ISBN: 978-3-257-06923-5

© Bibliophilin

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[Vorankündigung] „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger

Im letzten Herbst haben Alexandra und Aygen von Willkommen im Bücherkaffee, Nanni von Fantasie und Träumerei und ich eine gemeinsame Facebook Leserunde veranstaltet. Im Vordergrund stand eine tolle Herbstneuerscheinung aus dem Atlantik Verlag – „Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley.

Da uns die Leserunde mit all den sympathischen Teilnehmern, der nette Austausch
untereinander und die Zusammenarbeit mit dem Atlantik Verlag so gut gefallen
haben, haben wir schon rechtzeitig den Frühjahrskatalog durchgeschaut und uns für
den neuen Roman einer Autorin erschienen, die für Bücher bekannt ist, die immer
etwas besonderes sind.

Im Mittelpunkt der kommenden Leserunde wird „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger, das im April bereits erschienen ist, stehen.

Wir möchten das Buch nicht einfach nur lesen. Nein, wir möchten ganz viel darüber sprechen und uns mit Euch austauschen.

Die Organisation der Leserunde wird nicht in der komplett „alten“ Besetzung stattfinden, da Aygen ihre Arbeit im Bücherkaffee im letzten Jahr beendet hat. Dafür hat Bianca von Literatwo den Weg zu uns gefunden und freut sich ebenso auf die Zusammenarbeit und die schönen Gespräche mit Lesern des Buches wie wir.

Die Leserunde wird am 2. Mai starten und zwei Wochen lang dauern. Danach habt Ihr eine weitere Woche Zeit Euer Fazit per eMail einzureichen. Aus allen aktiven Teilnehmern der Leserunde, die anschließend fristgerecht ihren Leseeindruck bei mir einreichen, losen wir aus, wer die tollen Preise aus dem Atlantik Verlag gewinnen wird.

Der Hauptpreis ist ein Bücherpaket mit drei Büchern nach Wunsch aus dem Atlantik-Verlag! Unter den weiteren Gewinnern wird drei Mal das Buch „Lesen und lesen lassen“ mit Illustrationen von N. Heidelbach verlost.

Wir hoffen sehr, dass Euch diese Idee gefällt und Ihr Euch schon jetzt, aber spätestens bis zum 02.05.2015 in der Leserunde auf Facebook eintragt.

“Heute beginnt der Rest des Lebens”

Es ist Mortimers 36. Geburtstag, und er wird sterben. So wie alle Männer aus seiner Familie mit 36 gestorben sind. Doch als Mortimer abends immer noch lebt, wird im klar: Der Fluch hat ihn verschont. Doch was nun? Sein Job und seine Wohnung sind gekündigt, und bisher hat er keine Ziele oder Ambitionen gehabt. Plötzlich muss er lernen zu leben! Dabei helfen ihm Paquita und Nassardine vom Crêpe-Stand an der Ecke. Und zum Glück ist da auch noch Jasmine, die manchmal auf Parkbänken sitzt und weint, damit es den Menschen besser geht… Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte über den Sinn des Lebens.

Was meint Ihr?
Klingt das nicht absolut verlockend? Habt Ihr Lust auf eine gemeinsame Leserunde bekommen?
Wir freuen uns sehr auf die Gespräche rund ums Buch.

Eure
Dorota, Alexandra, Bianca und Nanni

* * *

Kleingedrucktes zum Gewinnspiel:

  1. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen; wir machen das, weil wir Spaß daran haben, nicht um jemanden zu verärgern oder um uns mit ihm zu streiten.
  2. Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie die innerhalb des Gewinnspiels genannten Bedingungen erfüllt. Der Teilnehmer ist für die Richtigkeit seiner Daten selbst verantwortlich
  3. Gewinnen kann, wer uns bis zum 24.05.2015 um 23:59 sein Fazit zum Buch “Heute beginnt der Rest des Lebens” via eMail an die von uns angegebene eMail-Adresse gesendet hat. 
  4. Unter allen eingereichten Fazits wird via Losverfahren ausgelost. 
  5. Die Auslosung und die Bekanntgabe der Gewinnerin / des Gewinners erfolgt am 28.05.2015
  6. Der/die Gewinner/in wird von uns per eMail benachrichtigt.
  7. Sendet uns im Falle des Gewinns Eure Adresse via PN oder eMail innerhalb von 7 Tagen zu. Sollte nach 7 Tagen keine Adresse eingegangen sein, behalten wir uns das Recht vor, erneut auszulosen.
  8. Keine Barauszahlung oder Kompensation möglich. 
  9. Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden
  10. Der Gewinn wird direkt vom Atlantik Verlag versendet. Die Adresse wird ausschließlich für den Versand des Gewinnes verwednet.
  11. Diese Aktion steht in keiner Verbindung zu Facebook und wird in keiner Weise von Facebook gesponsert, unterstützt oder organisiert. Der Empfänger der von Euch bereitgestellten Informationen ist nicht Facebook, sondern der Promotionverantwortliche dieser Seite. Die von Euch bereitgestellten Informationen werden einzig für dieses Gewinnspiel verwendet.
  12. Wir behalten uns das Recht vor, das Gewinnspiel ganz oder zeitweise auszusetzen, wenn Schwierigkeiten auftreten, die die Integrität des Gewinnspiels gefährden.
  13. Durch die Teilnahme an der Aktion akzeptiert der Teilnehmer diese Teilnahmebedingungen.
  14. Viel Spaß!
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[Gastrezension: Susanne] Tommy Wieringa “Eine schöne junge Frau”

Da setzt sich also so ein Mann hin, schreibt ein Buch (“Eine schöne junge Frau”), ein Büchlein eher (knapp 130 Seiten), und dann komm ich daher und denke mir, das war aber nunmal so überhaupt gar nichts. Mir ist klar, dass Tommy Wieringa sicher gut damit leben kann, dass mir die Lektüre seines Textes rein gar nichts gesagt oder gebracht hat, aber Skrupel habe ich trotzdem, wenn ich das so in aller Deutlichkeit ausspreche. Andererseits, was nützen Kritiken, wenn sie schön malen, wo es nur Grauschleier gibt, wenn sie rumstottern und -stöpseln, wo Klartext angesagt ist. Schließlich bringt das hier ja alles nichts, wenn man nicht Butter bei die Fische macht und sagt, was Sache ist. Diesem Credo verpflichtet kann ich in diesem Fall eben nicht anders und muss den Daumen ganz weit nach unten recken. Das habe ich hiermit getan und bin wirklich gespannt, ob jemand “Einspruch” rufen wird. Was ich allerdings nicht tun werde: Genüsslich aufzählen, darlegen und mit Textstellen belegen, dass meine ablehnende Haltung dem Buch gegenüber auf einem festen Fundament steht. Denn: Mir würde einfach nichts einfallen, was ich zu seinen Gunsten vorbringen könnte. Und, sorry, nach einer Nadelstich-Folter nach dem Motto, schlechter Plot, miese Dialoge usw. steht mir nicht der Sinn. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, jedes weitere Wort ist überflüssig.

Tommy Wieringa, “Eine schöne junge Frau”, Hanser Verlag, ISBN: 9783446247888

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Drei gute Bücher in einem guten Verlag

In den letzten Wochen hatte ich drei Bücher aus dem feinen Dörlemann Verlag gelesen und war restlos begeistert. Das Programm des Verlages bietet eine schöne Auswahl an literarischen Texten, die anspruchsvoll sind, zärtlich, unterhaltsam und oft auch alltäglich. Wenn man auf der Verlagsseite stöbert, findet man hier ein breites Spektrum an Schätzen, die dazu noch so wunderschön herausgegeben wurden, dass mein bibliophiles Herz höher schlägt.

Ich habe nicht viele Bücher aus dem Dörlemann Verlag in meinem Regal stehen, dafür weiß ich jedes einzelne davon zu schätzen und bin froh, dass ich noch nicht alle gelesen habe, damit ich die Schmuckstücke in den Händen halten darf.

“Ich suche einen guten Ort, um zu weinen.” (5)

Als vor einiger Zeit meine Tage grau waren und ich literarisch sehr schwer zu begeistern war, entdeckte ich für mich den ruhigen, aber wahnsinnig starken Roman von Helle Helle “Färseninsel”. Ihre einfachen und eher kühlen Sätze hatten für mich ein alltägliches Bild gemalt und gleichzeitig meine Fantasie beflügelt, damit ich zwischen den Zeilen lesen und den Protagonisten in meiner Vorstellung lebendig machen konnte.
Schnell konnte ich für mich entdecken, dass Helle Helle es weiß, den Leser mit ihrer besonderen Beobachtungsgabe neugierig zu machen. Eine ausführliche Rezension zum Buch findet Ihr bei Sonja.

“Ich trank ein Glas Weißwein und fühlte mich erleichtert. Jetzt war es überstanden. Es war, als würde ich mich immer nur darauf freuen, alles zu überstehen. Mich aus allen Beziehungen zu lösen.” (112)

“Bevor wir in unser hektisches Leben zurückkehren, lassen Sie uns den Moment nutzen und der Leitung dieses Theaters unseren Dank aussprechen, die in ihrer unendlichen Weisheit Pausen gibt und nimmt. Halten wir die Erinnerung an diese Pause wach.” (123)

“Streichholzschachteltheater” von Michael Frayn hat mich umgehauen. Jede einzelne der dreißig Geschichten ist äußerst lesenswert, lustig, satirisch und oft auch wahr. Es sind kleine Meisterwerke der theatralischen Kunst, auch wenn sie nicht auf der Bühne aufgeführt werden, sondern zwischen zwei Buchdeckeln spielen. Umso mehr schätze ich die Arbeit des Autors, weil er es schafft, mit den Worten Bilder zu malen, die den Leser gefühlt in ein Theater versetzen. Da hört man ab und zu andere Zuschauer sich miteinander flüsternd unterhalten, ab und an hustet jemand, die Lichter sind gedämmt, nur die Bühne wird beleuchtet. Und auf der Bühne werden Miniaturen vom Feinsten präsentiert. Bis der Vorhang fällt.

Am Ende möchte man am liebsten von vorne beginnen oder will einfach noch mal die einzelnen Monologe lesen, die man sich markiert hatte. Nur “leider” sind es so viele, dass man doch gleich das ganze Buch wiederholt lesen kann.

Eine ausführliche Rezension zu “Streichholzschachteltheater” findet Ihr bei Sophie.

“Weinhebers Koffer” von Michel Bergmann eroberte mit seiner traurigen Geschichte mein Herz. Ehrlich gesagt wollte ich es am Anfang gar nicht lesen. Ich habe nämlich seit längerer Zeit das Gefühl, schon alles über den zweiten Weltkrieg und die Juden gelesen zu haben. Zu meiner Abizeit hatte ich mich sehr mit dem Thema beschäftigt und wahnsinnig viele Bücher dazu gelesen. Aber es gibt wohl Themen, die sich nicht erschöpfen und Autoren wie Bergmann schaffen es, mich auf ihr Buch neugierig zu machen. Am meisten gefiel mir, dass er mich trotz des schwierigen Themas zum Lachen gebracht hatte und dass er eine komplexe Geschichte auf wenigen Seiten gut und plausibel erzählen konnte. “Weinhebers Koffer” ist schnell gelesen. Die Wirkung des Buches entfaltet sich jedoch mit der Zeit weiter, die Geschichte nistet sich im Gedächtnis ein und begleitet den Leser noch tagelang.

Eine Rezension zum Buch hat meine geschätzte Kollegin Jacqueline auf We Read Indie veröffentlicht.

Und nun bin ich sehr gespannt, welche literarischen Schätze ich zukünftig im Dörlemann Verlag finden werde.

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[Gastrezension: Susanne] “Feine Wahrnehmung für Menschen” Interview mit Jutta Reichelt

“Wiederholte Verdächtigungen” ist der Titel des neuen Romans von Jutta Reichelt, der hier bereits vorgestellt worden ist. Nach der Lektüre des Buches habe ich mich mit der Autorin in Verbindung gesetzt, weil ich ein bisschen mehr erfahren wollte über die Frau hinter der Geschichte. Jutta hat die Fragen über ihre Protagonisten Katharina und Christoph, über Glück und Unglück als Werder Bremen-Fan und zu guter Letzt auch die nach einer wichtigen Lebensentscheidung bereitwillig beantwortet. [Interview: Susanne]

susanneSusanne: Wenn du einen Glücksmoment noch einmal erleben könntest, wäre es dann das Champions League Viertelfinale 1993 als Werder Bremen einen 0:3 Rückstand gegen RSC Anderlecht noch in einen 5:3 Sieg verwandelt hat, oder der Tag, an dem du dein erstes von dir veröffentlichtes Buch in Händen gehalten hast?

Jutta Reichelt © Caro Dirscherl

Jutta: Ziemlich gut war der Moment am 26. Mai 1999 als Frank Rost im Berliner Olympiastadion den Elfmeter von Oliver Kahn hielt und Werder Bremen damit zum DFB-Pokalsieger machte (Es war die Saison, in der Werder mit Magath fast abgestiegen wäre und durch Thomas Schaaf ersetzt wurde. Es war zudem die Saison, in der Bayern unmittelbar vor dem Finale in Berlin gegen Manchester United das CL-Finale auf unfassbare Weise verloren hatte). Allgemeiner gesagt, scheint es mir eine der Besonderheiten am Sport zu sein, dass sich dort die Dinge sehr viel stärker oder intensiver „in einem einzigen Moment“ verdichten, als das im normalen Leben und damit auch beim Schreiben der Fall ist.

Susanne: Schreiben und Fußball – viele denken, das geht nicht zusammen. Hier der Intellekt, da das pure Gefühl. Wie vereinbarst du diese beiden Seelen in deiner Brust?
Jutta: Für mich hat auch das Schreiben sehr viel mit Gefühlen zu tun. Mit den Gefühlen der Figuren, die stimmig und erkennbar sein müssen – und auch mit denen der Leserinnen und Leser. Die Bücher, die ich schätze haben mich (fast) alle auch (emotional) berührt.

Susanne: Schon mal drüber nachgedacht, einen Roman zu schreiben, in dem Fußball eine der Hauptrollen spielt?
Jutta: Das ist für mich eine längere Geschichte, das Schreiben und der Fußball. Ich habe das zunächst vergeblich versucht. Und dann begriffen, dass Schreiben „über“ etwas selten funktioniert. Ich habe aber immer mal wieder kürzere Texte geschrieben, in denen Fußball eine größere Rolle spielt. Einige davon habe ich auf meinem Blog unter der Kategorie „Versuche über Fußball“ veröffentlicht.

Susanne: Genug über das Thema Fußball. Vor kurzem ist dein neuer Roman “Wiederholte Verdächtigungen” erschienen. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Jutta: Ja. Ich bin sogar sehr zufrieden! Das ist ein Text, in den ich viel Zeit, Herzblut und Energie gesteckt habe – und ich war lange auf der Suche nach dem richtigen Ton, nach stimmigen Figuren und ihren Entwicklungen und den richtigen Wendungen der Geschichte, vor allem auch nach dem richtigen Ende. Ich habe so unglaublich viele Versionen des Endes geschrieben und stelle jetzt sehr froh fest, dass es so „stimmt“, dass es wirklich „mein” Text geworden ist.

Susanne: Wie sind die ersten Rückmeldungen?
Jutta: Ich wusste, dass das ein „guter Text“ ist. Ich konnte aber nicht einschätzen, ob er (sehr) wenige, einige oder (ziemlich) viele zu überzeugen vermag. Ob er „nur“ etwas ist für Menschen, die viel lesen oder die sich für „Literatur“ interessieren oder oder oder. Und jetzt erlebe ich gerade, dass ganz unterschiedliche Menschen den Text enorm spannend finden und sich für ihn begeistern. Das freut mich natürlich sehr!

Susanne: Welcher Geistesblitz hat den Grundstein für deinen Roman geliefert? Was war die Ausgangsidee?
Jutta: Die Ausgangsidee, die ich dann aber aufgegeben habe, war: Jemand verschwindet, und die Menschen in seiner Umgebung beginnen über ihn, über die Ursachen seines Verschwindens zu spekulieren. Und es stellt sich dann heraus, wie weit diese Einschätzungen auseinandergehen. Wie sehr sich die Sichtweisen unterscheiden.

Susanne: Erzähl uns bitte von Katharina und Christoph. Warum fandest du gerade die beiden so interessant?
Jutta: Christoph und Katharina leben ein ziemlich normales, ziemlich unaufgeregtes Leben – und auf einmal gerät das ins Wanken, ohne dass sie wissen (können), was da eigentlich los ist. Es ist ein bisschen, als würden sie erreicht von den Erschütterungen eines Erdbebens, von dem sie nichts wissen, das sie nicht miterlebt haben. Und sie versuchen dann beide mit den ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, die ihnen jeweils zur Verfügung stehen, damit klar zu kommen. Christoph versucht sich auf seinen Alltag, seine Routinen zu konzentrieren (was ja durchaus eine hilfreiche Strategie sein kann) und Katharina, die Schriftstellerin ist, versucht, die „Leerstellen der Geschichte“ zu verstehen, auszufüllen.

Susanne: Dein Roman besticht neben der Handlung und der damit erzeugten Spannung durch deine großartige Beobachtungsgabe von ganz alltäglichen Dingen. Wenn du gerade nicht schreibst, gehst du dann vorsätzlich auf die Pirsch, um Menschen beim Leben zuzusehen oder passiert das eher nebenbei?
Jutta: Ich glaube, dass sich im Schreiben immer auch die individuelle (Welt)-Wahrnehmung spiegelt und ich habe, glaube ich, eine recht feine Wahrnehmung für Menschen, für Emotionen, für Interaktionen. Das ist im Leben manchmal ein bisschen anstrengend, aber für das Schreiben kein schlechtes Kapital.

Susanne: Ich muss doch noch einmal zurück zum Fußball. Welche Rolle spielt der in deinem Roman? Wolltest du damit vielleicht ein paar männliche Leser gewinnen, die ja bekanntermaßen dem lesefauleren Geschlecht angehören, in Sachen Fußball allerdings immer noch weit vor den Frauen liegen?
Jutta: Nein, wenn ich so ans Schreiben ginge, dann hätte ich schon längst Krimi-Ideen weiterverfolgt, die mir gelegentlich durch den Kopf gehen. Ich habe ganz schlicht nach einem Gegenstand gesucht, bei dem Christoph ziemlich sicher damit einverstanden wäre, dass Katharina seine Sachen durchsucht. Und wenn der Besitz der Dauerkarte für die neue Saison davon abhinge, würden, glaube ich, fast alle Fußball-Fans das nicht nur erlauben, sondern auch erwarten. Und so kam dann eins zum anderen – und ich hatte dann zunehmend beim Schreiben den Eindruck, dass der Fußball als (Rand)-Thema sowohl Christoph als auch dem Text ganz gut tut.

Susanne: Was wäre das schönste Kompliment, das ein Leser deinem neuen Roman und damit dir machen könnte?
Jutta: Ich habe jetzt öfter gehört, dass jemand das Buch nicht weglegen mochte und es in einem Rutsch gelesen hat – das freut mich natürlich sehr! Oder wenn jemand sagt, dass sich ein Satz, eine Frage, eine Szene „eingenistet“ hat. Vielleicht habe ich mich am meisten gefreut, als mir eine Frau, die den Text professionell gelesen hat, sagte, dass sie es extra ein zweites Mal gelesen hat, um aufmerksamer auf Details zu achten – und dann doch ganz schnell erneut in „den Sog” des Textes geraten ist.

Susanne: Wie sieht dein Leben jetzt aus, wo Katharina und Christoph nicht mehr tagtäglich daran teilnehmen? Vermisst du die beiden oder bist du eher erleichtert?
Jutta: Ich bin sehr erleichtert, dass sie jetzt auf eine Weise „da“ sind, wie sie es nur sein können, wenn sie zwischen zwei Buchdeckeln stecken.

Susanne: Und welche Idee spukt schon in deinem Kopf für deinen nächsten Roman?
Jutta: Das ist bereits mehr als nur eine Idee – aber darüber mag ich noch nicht reden, weil sich ja immer noch ganz viel ändern kann. Und weil ich jetzt gerade einfach auch gedanklich sehr mit den „Wiederholten Verdächtigungen” beschäftigt bin.

Susanne: Ganz zum Schluss wäre es prima, wenn du uns drei Bücher nennen könntest, die du mit Gewinn und Genuss gelesen hast.
Jutta: “Die Abenteuer des starken Wanja” von Otfried Preussler; “Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer;
“Hinter den Augen“ von Ulrike Ulrich.

Susanne: Ach so, eins noch, weil es in deinem Roman immer wieder ein Thema ist: Tee oder Kaffee?
Jutta: Beides. Und beides schon zum Frühstück (erst Tee, dann Kaffee).

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Vielen Dank, liebe Susanne und liebe Jutta für das interessante Interview.

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“Lasst die Langweile den Schnecken!” (64)

Bradley Somer

“Die Menschen können sich für eine bestimmte Kaffeesorte entscheiden oder für bestimmte Frühstücksflocken, aber sie können nicht entscheiden, nichts zu essen oder zu trinken. Sie können sich für einen Partner oder eine Partnerin entscheiden, für eine Religion oder die Ausstattung ihres Wagens, aber sie können nicht entscheiden, nicht zu lieben, nicht an etwas zu glauben oder ewig zu leben.
Manchmal muss man es einfach geschehen lassen.” (317)

„Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ landete an einem grauen Tag in meinem Briefkasten. Das Buch und der Fisch leuchteten plötzlich in hellen Farben zwischen den grauen Schatten. Nach anfänglicher Unsicherheit, ob ich dem Buch eine Chance geben soll, verschlang ich es regelrecht und kam zu dem simplen Fazit: welch ein tolles, unterhaltsames, alltägliches Buch und welch eine gut strukturierte Geschichte sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Vielleicht spielt sich genau jetzt in diesem Moment irgendwo auf der Welt genau das ab, was Bradley Somer beschreibt. Nur ich weiß nichts davon, weil es so viele Menschen auf der Welt gibt und jeder einzelne eine eigene beeindruckende oder langweilige, auf jeden Fall aber einzigartige Geschichte zu erzählen hätte. Dank Somer konnte ich durch Fenster in Wohnungen reinschauen, kurz Mäuschen… ähhh.. Fisch spielen, ein paar Schicksale betrachten, kurz in verschiedenen Leben zu Gast sein, beobachten, nachdenken, mich wundern, zufrieden lächeln oder schockiert staunen.

Zwar schafft Bradley Somer mit diesem Roman keine anspruchsvolle Literatur, die ich gerne lese, aber die Geschichte ist so genial und abwechslungsreich erzählt, dass ich das Buch nicht aus den Händen legen konnte. Lasst Euch bitte nicht von dem Titel abschrecken! Persönlich hätte ich es besser gefunden, wenn der Verlag bei dem englischen Titel geblieben wäre – “Fishbowl”. Mit „Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ möchte er vielleicht an “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” erinnern und das Buch in die Reihe der Bücher mit sehr langen Titel, die sich niemand merken kann, die aber lustig klingen sollen, einreihen. Ich kann mir, ehrlich gesagt, diese langen Titel nicht merken und wenn ich mit meiner Freundin über Somers Roman spreche, nenne ich ihn “das Fischbuch”. Auf den Titel kommt es jedoch nur bedingt an. Wichtiger ist, dass ich das Buch gerne gelesen habe und es Euch wärmstens empfehle.

Liebe Autoren und liebe Verlage, bitte mehr von solchen herzerwärmenden Leseerlebnissen!

“Zeit ist eine Droge, von der wir alle abhängig sind. Früher oder später müssen wir diese Gewohnheit aufgeben.” (202)

„Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ Bradley Somer, DuMont Verlag, ISBN: 978-3-8321-9783-4  

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