[Gastrezension: Heike] Kenneth Bonert “Der Löwensucher”

Der Annahme folgend, dass man mit einem Diogenes-Buch nichts falsch machen kann, habe ich mich zur Lektüre von “Der Löwensucher” entschlossen, ohne zu wissen, dass es mit knapp 800 Seiten ein richtiger Wälzer ist. Solch einen Leseumfang abseits meines sonstigen Pensums gönne ich mir sonst nur im Urlaub. Ob es sich gelohnt hat?

An den ersten Seiten, muss ich gestehen, habe ich mich etwas abgearbeitet. Unser Protagonist Isaac verlässt mit Schwester und Mutter Gitelle Litauen. Sie folgen seinem Vater Abel (Tate), der bereits einige Zeit zuvor nach Südafrika auswanderte. Im Ghetto von Johannesburg wechseln nun jiddische Ausdrücke mit Afrikaans und erschwerten mir den ungetrübten Genuss der grandiosen Erzählsprache Kenneth Bonerts anfangs.

Gitelle, das zupackende Oberhaupt der Familie, die wie eine Löwin für die ihren kämpft, war mir von Anfang an nahe und sympathisch; mit dem pubertierenden Isaac, unserem “Löwensucher“, musste ich erst warm werden. „Zwei Sorten gibt es auf der Welt“ sagt Gitelle, „die Dummen und die Klugen“ Wer klug ist, lässt sich nicht ausnutzen, so wie sie es ihrem Mann unterstellt, der „Sofahocker“ aus der alten Heimat in seiner Uhrmacherwerkstatt duldet. Eine Arbeit wird nicht nach Interesse ausgesucht, sondern danach, ob sie Entwicklungspotential hat und genügend einbringt für ein Häuschen in einer besseren Gegend. „Spiel nicht mit Farbigen und Schmuddelkindern!“ gibt sie ihrem Sohn auf den Weg. Isaac liebt seine Mutter und verspricht ihr das ersehnte Haus.

Er liebt sie, die Mutter mit dem vernarbten Gesicht und dem Ungesagten aus der Vergangenheit. Er liebt auch Tate, dem es nur wichtig ist, dass sein Sohn glücklich ist, am besten mit einem Handwerk, das ihm liegt.

Isaac versucht alles richtig zu machen. Versucht Geheimnisse zu lüften ohne Verletzungen zu verursachen. Bemüht sich den Anforderungen gerecht zu werden und dabei seinen Weg im Leben zu finden. Warum nur geht dabei so vieles schief?

Ich begleite also Bonerts Isaac beim Erwachsenwerden, beim Ausprobieren von Dingen, die er mag und Dingen, die er soll und Dingen die sich irgendwie ergeben. Ich werde mitgenommen und durchgeschüttelt auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Nun kann ich das Buch kaum mehr weglegen. Natürlich ist der Protagonist naiv, es gibt Unglücksfälle, die er nicht zu verantworten hat und andere, die man hätte voraussehen können; es gibt schreckliche Fehlentscheidungen. Trotzdem, ich gewinne ihn sogar lieb den Pechvogel. Ich möchte nur, dass alles gut wird und mag nicht wirklich daran glauben.

Immens interessant zu lesen ist der Roman auch als historische Erzählung. „Der Löwensucher“ spielt in den späten 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhundert – einer Zeit, in der der Antisemitismus zunimmt und der Faschismus mit den Grauhemden auch in Südafrika Fuß fasst. Damit verbunden wird die Einwanderung von Juden erschwert bis unmöglich. Und Gitelle hat doch noch ihre Schwestern in Litauen … Mein Blick wird auf Judenverfolgung, den Nationalsozialismus außerhalb Europas, auf Apartheid gerichtet. Und da sich mein Wissen eher auf deutsche Geschichte beschränkt, ja, lerne ich einiges dazu und habe Freude dabei – und Trauer und Unverständnis und Wut!

Ich erfahre, welches Konglomerat von Kulturen, welche verschiedenen Gesellschaftsschichten und Sprossen auf der sozialen Leiter es in Südafrika gab. Die große Hoffnung aufzusteigen und die Angst gesellschaftlich abzusteigen sind auch heute und hier aktueller denn je.

Kenneth Bonert hat nicht umsonst mit seinem Erstlingswerk einige Preise eingeheimst. Er bereitet mit „atmosphärischer Familiensaga und literarischen Schelmenroman“ (Klappentext) ein wirkliches Lesevergnügen! Ja, die Lektüre hat sich für mich auf alle Fälle gelohnt! Danke Dorota!

Kenneth Bonert, Der Löwensucher, Diogenes Verlag 2015, ISBN: 978-3-257-06923-5

© Bibliophilin

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[Vorankündigung] „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger

Im letzten Herbst haben Alexandra und Aygen von Willkommen im Bücherkaffee, Nanni von Fantasie und Träumerei und ich eine gemeinsame Facebook Leserunde veranstaltet. Im Vordergrund stand eine tolle Herbstneuerscheinung aus dem Atlantik Verlag – „Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley.

Da uns die Leserunde mit all den sympathischen Teilnehmern, der nette Austausch
untereinander und die Zusammenarbeit mit dem Atlantik Verlag so gut gefallen
haben, haben wir schon rechtzeitig den Frühjahrskatalog durchgeschaut und uns für
den neuen Roman einer Autorin erschienen, die für Bücher bekannt ist, die immer
etwas besonderes sind.

Im Mittelpunkt der kommenden Leserunde wird „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger, das im April bereits erschienen ist, stehen.

Wir möchten das Buch nicht einfach nur lesen. Nein, wir möchten ganz viel darüber sprechen und uns mit Euch austauschen.

Die Organisation der Leserunde wird nicht in der komplett „alten“ Besetzung stattfinden, da Aygen ihre Arbeit im Bücherkaffee im letzten Jahr beendet hat. Dafür hat Bianca von Literatwo den Weg zu uns gefunden und freut sich ebenso auf die Zusammenarbeit und die schönen Gespräche mit Lesern des Buches wie wir.

Die Leserunde wird am 2. Mai starten und zwei Wochen lang dauern. Danach habt Ihr eine weitere Woche Zeit Euer Fazit per eMail einzureichen. Aus allen aktiven Teilnehmern der Leserunde, die anschließend fristgerecht ihren Leseeindruck bei mir einreichen, losen wir aus, wer die tollen Preise aus dem Atlantik Verlag gewinnen wird.

Der Hauptpreis ist ein Bücherpaket mit drei Büchern nach Wunsch aus dem Atlantik-Verlag! Unter den weiteren Gewinnern wird drei Mal das Buch „Lesen und lesen lassen“ mit Illustrationen von N. Heidelbach verlost.

Wir hoffen sehr, dass Euch diese Idee gefällt und Ihr Euch schon jetzt, aber spätestens bis zum 02.05.2015 in der Leserunde auf Facebook eintragt.

“Heute beginnt der Rest des Lebens”

Es ist Mortimers 36. Geburtstag, und er wird sterben. So wie alle Männer aus seiner Familie mit 36 gestorben sind. Doch als Mortimer abends immer noch lebt, wird im klar: Der Fluch hat ihn verschont. Doch was nun? Sein Job und seine Wohnung sind gekündigt, und bisher hat er keine Ziele oder Ambitionen gehabt. Plötzlich muss er lernen zu leben! Dabei helfen ihm Paquita und Nassardine vom Crêpe-Stand an der Ecke. Und zum Glück ist da auch noch Jasmine, die manchmal auf Parkbänken sitzt und weint, damit es den Menschen besser geht… Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte über den Sinn des Lebens.

Was meint Ihr?
Klingt das nicht absolut verlockend? Habt Ihr Lust auf eine gemeinsame Leserunde bekommen?
Wir freuen uns sehr auf die Gespräche rund ums Buch.

Eure
Dorota, Alexandra, Bianca und Nanni

* * *

Kleingedrucktes zum Gewinnspiel:

  1. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen; wir machen das, weil wir Spaß daran haben, nicht um jemanden zu verärgern oder um uns mit ihm zu streiten.
  2. Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie die innerhalb des Gewinnspiels genannten Bedingungen erfüllt. Der Teilnehmer ist für die Richtigkeit seiner Daten selbst verantwortlich
  3. Gewinnen kann, wer uns bis zum 24.05.2015 um 23:59 sein Fazit zum Buch “Heute beginnt der Rest des Lebens” via eMail an die von uns angegebene eMail-Adresse gesendet hat. 
  4. Unter allen eingereichten Fazits wird via Losverfahren ausgelost. 
  5. Die Auslosung und die Bekanntgabe der Gewinnerin / des Gewinners erfolgt am 28.05.2015
  6. Der/die Gewinner/in wird von uns per eMail benachrichtigt.
  7. Sendet uns im Falle des Gewinns Eure Adresse via PN oder eMail innerhalb von 7 Tagen zu. Sollte nach 7 Tagen keine Adresse eingegangen sein, behalten wir uns das Recht vor, erneut auszulosen.
  8. Keine Barauszahlung oder Kompensation möglich. 
  9. Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden
  10. Der Gewinn wird direkt vom Atlantik Verlag versendet. Die Adresse wird ausschließlich für den Versand des Gewinnes verwednet.
  11. Diese Aktion steht in keiner Verbindung zu Facebook und wird in keiner Weise von Facebook gesponsert, unterstützt oder organisiert. Der Empfänger der von Euch bereitgestellten Informationen ist nicht Facebook, sondern der Promotionverantwortliche dieser Seite. Die von Euch bereitgestellten Informationen werden einzig für dieses Gewinnspiel verwendet.
  12. Wir behalten uns das Recht vor, das Gewinnspiel ganz oder zeitweise auszusetzen, wenn Schwierigkeiten auftreten, die die Integrität des Gewinnspiels gefährden.
  13. Durch die Teilnahme an der Aktion akzeptiert der Teilnehmer diese Teilnahmebedingungen.
  14. Viel Spaß!
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[Gastrezension: Susanne] Tommy Wieringa “Eine schöne junge Frau”

Da setzt sich also so ein Mann hin, schreibt ein Buch (“Eine schöne junge Frau”), ein Büchlein eher (knapp 130 Seiten), und dann komm ich daher und denke mir, das war aber nunmal so überhaupt gar nichts. Mir ist klar, dass Tommy Wieringa sicher gut damit leben kann, dass mir die Lektüre seines Textes rein gar nichts gesagt oder gebracht hat, aber Skrupel habe ich trotzdem, wenn ich das so in aller Deutlichkeit ausspreche. Andererseits, was nützen Kritiken, wenn sie schön malen, wo es nur Grauschleier gibt, wenn sie rumstottern und -stöpseln, wo Klartext angesagt ist. Schließlich bringt das hier ja alles nichts, wenn man nicht Butter bei die Fische macht und sagt, was Sache ist. Diesem Credo verpflichtet kann ich in diesem Fall eben nicht anders und muss den Daumen ganz weit nach unten recken. Das habe ich hiermit getan und bin wirklich gespannt, ob jemand “Einspruch” rufen wird. Was ich allerdings nicht tun werde: Genüsslich aufzählen, darlegen und mit Textstellen belegen, dass meine ablehnende Haltung dem Buch gegenüber auf einem festen Fundament steht. Denn: Mir würde einfach nichts einfallen, was ich zu seinen Gunsten vorbringen könnte. Und, sorry, nach einer Nadelstich-Folter nach dem Motto, schlechter Plot, miese Dialoge usw. steht mir nicht der Sinn. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, jedes weitere Wort ist überflüssig.

Tommy Wieringa, “Eine schöne junge Frau”, Hanser Verlag, ISBN: 9783446247888

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Drei gute Bücher in einem guten Verlag

In den letzten Wochen hatte ich drei Bücher aus dem feinen Dörlemann Verlag gelesen und war restlos begeistert. Das Programm des Verlages bietet eine schöne Auswahl an literarischen Texten, die anspruchsvoll sind, zärtlich, unterhaltsam und oft auch alltäglich. Wenn man auf der Verlagsseite stöbert, findet man hier ein breites Spektrum an Schätzen, die dazu noch so wunderschön herausgegeben wurden, dass mein bibliophiles Herz höher schlägt.

Ich habe nicht viele Bücher aus dem Dörlemann Verlag in meinem Regal stehen, dafür weiß ich jedes einzelne davon zu schätzen und bin froh, dass ich noch nicht alle gelesen habe, damit ich die Schmuckstücke in den Händen halten darf.

“Ich suche einen guten Ort, um zu weinen.” (5)

Als vor einiger Zeit meine Tage grau waren und ich literarisch sehr schwer zu begeistern war, entdeckte ich für mich den ruhigen, aber wahnsinnig starken Roman von Helle Helle “Färseninsel”. Ihre einfachen und eher kühlen Sätze hatten für mich ein alltägliches Bild gemalt und gleichzeitig meine Fantasie beflügelt, damit ich zwischen den Zeilen lesen und den Protagonisten in meiner Vorstellung lebendig machen konnte.
Schnell konnte ich für mich entdecken, dass Helle Helle es weiß, den Leser mit ihrer besonderen Beobachtungsgabe neugierig zu machen. Eine ausführliche Rezension zum Buch findet Ihr bei Sonja.

“Ich trank ein Glas Weißwein und fühlte mich erleichtert. Jetzt war es überstanden. Es war, als würde ich mich immer nur darauf freuen, alles zu überstehen. Mich aus allen Beziehungen zu lösen.” (112)

“Bevor wir in unser hektisches Leben zurückkehren, lassen Sie uns den Moment nutzen und der Leitung dieses Theaters unseren Dank aussprechen, die in ihrer unendlichen Weisheit Pausen gibt und nimmt. Halten wir die Erinnerung an diese Pause wach.” (123)

“Streichholzschachteltheater” von Michael Frayn hat mich umgehauen. Jede einzelne der dreißig Geschichten ist äußerst lesenswert, lustig, satirisch und oft auch wahr. Es sind kleine Meisterwerke der theatralischen Kunst, auch wenn sie nicht auf der Bühne aufgeführt werden, sondern zwischen zwei Buchdeckeln spielen. Umso mehr schätze ich die Arbeit des Autors, weil er es schafft, mit den Worten Bilder zu malen, die den Leser gefühlt in ein Theater versetzen. Da hört man ab und zu andere Zuschauer sich miteinander flüsternd unterhalten, ab und an hustet jemand, die Lichter sind gedämmt, nur die Bühne wird beleuchtet. Und auf der Bühne werden Miniaturen vom Feinsten präsentiert. Bis der Vorhang fällt.

Am Ende möchte man am liebsten von vorne beginnen oder will einfach noch mal die einzelnen Monologe lesen, die man sich markiert hatte. Nur “leider” sind es so viele, dass man doch gleich das ganze Buch wiederholt lesen kann.

Eine ausführliche Rezension zu “Streichholzschachteltheater” findet Ihr bei Sophie.

“Weinhebers Koffer” von Michel Bergmann eroberte mit seiner traurigen Geschichte mein Herz. Ehrlich gesagt wollte ich es am Anfang gar nicht lesen. Ich habe nämlich seit längerer Zeit das Gefühl, schon alles über den zweiten Weltkrieg und die Juden gelesen zu haben. Zu meiner Abizeit hatte ich mich sehr mit dem Thema beschäftigt und wahnsinnig viele Bücher dazu gelesen. Aber es gibt wohl Themen, die sich nicht erschöpfen und Autoren wie Bergmann schaffen es, mich auf ihr Buch neugierig zu machen. Am meisten gefiel mir, dass er mich trotz des schwierigen Themas zum Lachen gebracht hatte und dass er eine komplexe Geschichte auf wenigen Seiten gut und plausibel erzählen konnte. “Weinhebers Koffer” ist schnell gelesen. Die Wirkung des Buches entfaltet sich jedoch mit der Zeit weiter, die Geschichte nistet sich im Gedächtnis ein und begleitet den Leser noch tagelang.

Eine Rezension zum Buch hat meine geschätzte Kollegin Jacqueline auf We Read Indie veröffentlicht.

Und nun bin ich sehr gespannt, welche literarischen Schätze ich zukünftig im Dörlemann Verlag finden werde.

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[Gastrezension: Susanne] “Feine Wahrnehmung für Menschen” Interview mit Jutta Reichelt

“Wiederholte Verdächtigungen” ist der Titel des neuen Romans von Jutta Reichelt, der hier bereits vorgestellt worden ist. Nach der Lektüre des Buches habe ich mich mit der Autorin in Verbindung gesetzt, weil ich ein bisschen mehr erfahren wollte über die Frau hinter der Geschichte. Jutta hat die Fragen über ihre Protagonisten Katharina und Christoph, über Glück und Unglück als Werder Bremen-Fan und zu guter Letzt auch die nach einer wichtigen Lebensentscheidung bereitwillig beantwortet. [Interview: Susanne]

susanneSusanne: Wenn du einen Glücksmoment noch einmal erleben könntest, wäre es dann das Champions League Viertelfinale 1993 als Werder Bremen einen 0:3 Rückstand gegen RSC Anderlecht noch in einen 5:3 Sieg verwandelt hat, oder der Tag, an dem du dein erstes von dir veröffentlichtes Buch in Händen gehalten hast?

Jutta Reichelt © Caro Dirscherl

Jutta: Ziemlich gut war der Moment am 26. Mai 1999 als Frank Rost im Berliner Olympiastadion den Elfmeter von Oliver Kahn hielt und Werder Bremen damit zum DFB-Pokalsieger machte (Es war die Saison, in der Werder mit Magath fast abgestiegen wäre und durch Thomas Schaaf ersetzt wurde. Es war zudem die Saison, in der Bayern unmittelbar vor dem Finale in Berlin gegen Manchester United das CL-Finale auf unfassbare Weise verloren hatte). Allgemeiner gesagt, scheint es mir eine der Besonderheiten am Sport zu sein, dass sich dort die Dinge sehr viel stärker oder intensiver „in einem einzigen Moment“ verdichten, als das im normalen Leben und damit auch beim Schreiben der Fall ist.

Susanne: Schreiben und Fußball – viele denken, das geht nicht zusammen. Hier der Intellekt, da das pure Gefühl. Wie vereinbarst du diese beiden Seelen in deiner Brust?
Jutta: Für mich hat auch das Schreiben sehr viel mit Gefühlen zu tun. Mit den Gefühlen der Figuren, die stimmig und erkennbar sein müssen – und auch mit denen der Leserinnen und Leser. Die Bücher, die ich schätze haben mich (fast) alle auch (emotional) berührt.

Susanne: Schon mal drüber nachgedacht, einen Roman zu schreiben, in dem Fußball eine der Hauptrollen spielt?
Jutta: Das ist für mich eine längere Geschichte, das Schreiben und der Fußball. Ich habe das zunächst vergeblich versucht. Und dann begriffen, dass Schreiben „über“ etwas selten funktioniert. Ich habe aber immer mal wieder kürzere Texte geschrieben, in denen Fußball eine größere Rolle spielt. Einige davon habe ich auf meinem Blog unter der Kategorie „Versuche über Fußball“ veröffentlicht.

Susanne: Genug über das Thema Fußball. Vor kurzem ist dein neuer Roman “Wiederholte Verdächtigungen” erschienen. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Jutta: Ja. Ich bin sogar sehr zufrieden! Das ist ein Text, in den ich viel Zeit, Herzblut und Energie gesteckt habe – und ich war lange auf der Suche nach dem richtigen Ton, nach stimmigen Figuren und ihren Entwicklungen und den richtigen Wendungen der Geschichte, vor allem auch nach dem richtigen Ende. Ich habe so unglaublich viele Versionen des Endes geschrieben und stelle jetzt sehr froh fest, dass es so „stimmt“, dass es wirklich „mein” Text geworden ist.

Susanne: Wie sind die ersten Rückmeldungen?
Jutta: Ich wusste, dass das ein „guter Text“ ist. Ich konnte aber nicht einschätzen, ob er (sehr) wenige, einige oder (ziemlich) viele zu überzeugen vermag. Ob er „nur“ etwas ist für Menschen, die viel lesen oder die sich für „Literatur“ interessieren oder oder oder. Und jetzt erlebe ich gerade, dass ganz unterschiedliche Menschen den Text enorm spannend finden und sich für ihn begeistern. Das freut mich natürlich sehr!

Susanne: Welcher Geistesblitz hat den Grundstein für deinen Roman geliefert? Was war die Ausgangsidee?
Jutta: Die Ausgangsidee, die ich dann aber aufgegeben habe, war: Jemand verschwindet, und die Menschen in seiner Umgebung beginnen über ihn, über die Ursachen seines Verschwindens zu spekulieren. Und es stellt sich dann heraus, wie weit diese Einschätzungen auseinandergehen. Wie sehr sich die Sichtweisen unterscheiden.

Susanne: Erzähl uns bitte von Katharina und Christoph. Warum fandest du gerade die beiden so interessant?
Jutta: Christoph und Katharina leben ein ziemlich normales, ziemlich unaufgeregtes Leben – und auf einmal gerät das ins Wanken, ohne dass sie wissen (können), was da eigentlich los ist. Es ist ein bisschen, als würden sie erreicht von den Erschütterungen eines Erdbebens, von dem sie nichts wissen, das sie nicht miterlebt haben. Und sie versuchen dann beide mit den ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, die ihnen jeweils zur Verfügung stehen, damit klar zu kommen. Christoph versucht sich auf seinen Alltag, seine Routinen zu konzentrieren (was ja durchaus eine hilfreiche Strategie sein kann) und Katharina, die Schriftstellerin ist, versucht, die „Leerstellen der Geschichte“ zu verstehen, auszufüllen.

Susanne: Dein Roman besticht neben der Handlung und der damit erzeugten Spannung durch deine großartige Beobachtungsgabe von ganz alltäglichen Dingen. Wenn du gerade nicht schreibst, gehst du dann vorsätzlich auf die Pirsch, um Menschen beim Leben zuzusehen oder passiert das eher nebenbei?
Jutta: Ich glaube, dass sich im Schreiben immer auch die individuelle (Welt)-Wahrnehmung spiegelt und ich habe, glaube ich, eine recht feine Wahrnehmung für Menschen, für Emotionen, für Interaktionen. Das ist im Leben manchmal ein bisschen anstrengend, aber für das Schreiben kein schlechtes Kapital.

Susanne: Ich muss doch noch einmal zurück zum Fußball. Welche Rolle spielt der in deinem Roman? Wolltest du damit vielleicht ein paar männliche Leser gewinnen, die ja bekanntermaßen dem lesefauleren Geschlecht angehören, in Sachen Fußball allerdings immer noch weit vor den Frauen liegen?
Jutta: Nein, wenn ich so ans Schreiben ginge, dann hätte ich schon längst Krimi-Ideen weiterverfolgt, die mir gelegentlich durch den Kopf gehen. Ich habe ganz schlicht nach einem Gegenstand gesucht, bei dem Christoph ziemlich sicher damit einverstanden wäre, dass Katharina seine Sachen durchsucht. Und wenn der Besitz der Dauerkarte für die neue Saison davon abhinge, würden, glaube ich, fast alle Fußball-Fans das nicht nur erlauben, sondern auch erwarten. Und so kam dann eins zum anderen – und ich hatte dann zunehmend beim Schreiben den Eindruck, dass der Fußball als (Rand)-Thema sowohl Christoph als auch dem Text ganz gut tut.

Susanne: Was wäre das schönste Kompliment, das ein Leser deinem neuen Roman und damit dir machen könnte?
Jutta: Ich habe jetzt öfter gehört, dass jemand das Buch nicht weglegen mochte und es in einem Rutsch gelesen hat – das freut mich natürlich sehr! Oder wenn jemand sagt, dass sich ein Satz, eine Frage, eine Szene „eingenistet“ hat. Vielleicht habe ich mich am meisten gefreut, als mir eine Frau, die den Text professionell gelesen hat, sagte, dass sie es extra ein zweites Mal gelesen hat, um aufmerksamer auf Details zu achten – und dann doch ganz schnell erneut in „den Sog” des Textes geraten ist.

Susanne: Wie sieht dein Leben jetzt aus, wo Katharina und Christoph nicht mehr tagtäglich daran teilnehmen? Vermisst du die beiden oder bist du eher erleichtert?
Jutta: Ich bin sehr erleichtert, dass sie jetzt auf eine Weise „da“ sind, wie sie es nur sein können, wenn sie zwischen zwei Buchdeckeln stecken.

Susanne: Und welche Idee spukt schon in deinem Kopf für deinen nächsten Roman?
Jutta: Das ist bereits mehr als nur eine Idee – aber darüber mag ich noch nicht reden, weil sich ja immer noch ganz viel ändern kann. Und weil ich jetzt gerade einfach auch gedanklich sehr mit den „Wiederholten Verdächtigungen” beschäftigt bin.

Susanne: Ganz zum Schluss wäre es prima, wenn du uns drei Bücher nennen könntest, die du mit Gewinn und Genuss gelesen hast.
Jutta: “Die Abenteuer des starken Wanja” von Otfried Preussler; “Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer;
“Hinter den Augen“ von Ulrike Ulrich.

Susanne: Ach so, eins noch, weil es in deinem Roman immer wieder ein Thema ist: Tee oder Kaffee?
Jutta: Beides. Und beides schon zum Frühstück (erst Tee, dann Kaffee).

*

Vielen Dank, liebe Susanne und liebe Jutta für das interessante Interview.

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“Lasst die Langweile den Schnecken!” (64)

Bradley Somer

“Die Menschen können sich für eine bestimmte Kaffeesorte entscheiden oder für bestimmte Frühstücksflocken, aber sie können nicht entscheiden, nichts zu essen oder zu trinken. Sie können sich für einen Partner oder eine Partnerin entscheiden, für eine Religion oder die Ausstattung ihres Wagens, aber sie können nicht entscheiden, nicht zu lieben, nicht an etwas zu glauben oder ewig zu leben.
Manchmal muss man es einfach geschehen lassen.” (317)

„Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ landete an einem grauen Tag in meinem Briefkasten. Das Buch und der Fisch leuchteten plötzlich in hellen Farben zwischen den grauen Schatten. Nach anfänglicher Unsicherheit, ob ich dem Buch eine Chance geben soll, verschlang ich es regelrecht und kam zu dem simplen Fazit: welch ein tolles, unterhaltsames, alltägliches Buch und welch eine gut strukturierte Geschichte sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Vielleicht spielt sich genau jetzt in diesem Moment irgendwo auf der Welt genau das ab, was Bradley Somer beschreibt. Nur ich weiß nichts davon, weil es so viele Menschen auf der Welt gibt und jeder einzelne eine eigene beeindruckende oder langweilige, auf jeden Fall aber einzigartige Geschichte zu erzählen hätte. Dank Somer konnte ich durch Fenster in Wohnungen reinschauen, kurz Mäuschen… ähhh.. Fisch spielen, ein paar Schicksale betrachten, kurz in verschiedenen Leben zu Gast sein, beobachten, nachdenken, mich wundern, zufrieden lächeln oder schockiert staunen.

Zwar schafft Bradley Somer mit diesem Roman keine anspruchsvolle Literatur, die ich gerne lese, aber die Geschichte ist so genial und abwechslungsreich erzählt, dass ich das Buch nicht aus den Händen legen konnte. Lasst Euch bitte nicht von dem Titel abschrecken! Persönlich hätte ich es besser gefunden, wenn der Verlag bei dem englischen Titel geblieben wäre – “Fishbowl”. Mit „Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ möchte er vielleicht an “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” erinnern und das Buch in die Reihe der Bücher mit sehr langen Titel, die sich niemand merken kann, die aber lustig klingen sollen, einreihen. Ich kann mir, ehrlich gesagt, diese langen Titel nicht merken und wenn ich mit meiner Freundin über Somers Roman spreche, nenne ich ihn “das Fischbuch”. Auf den Titel kommt es jedoch nur bedingt an. Wichtiger ist, dass ich das Buch gerne gelesen habe und es Euch wärmstens empfehle.

Liebe Autoren und liebe Verlage, bitte mehr von solchen herzerwärmenden Leseerlebnissen!

“Zeit ist eine Droge, von der wir alle abhängig sind. Früher oder später müssen wir diese Gewohnheit aufgeben.” (202)

„Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ Bradley Somer, DuMont Verlag, ISBN: 978-3-8321-9783-4  

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[Gastrezension: Ruth] „Möbelhaus“ von Robert Kisch

MoebelhausBöse, böse, böse – aber gut!

Habe das Buch „Möbelhaus“ von Robert Kisch in einem Rutsch durchgelesen. Also ein echter Pageturner, zumindest für den politisch Interessierten, dem das, was sich in unserem Land derzeit so – nicht nur – auf dem Arbeitsmarktsektor abspielt, nicht gleichgültig ist.

Sicher war „Journalist“ immer einer meiner Traumberufe und daher rührt sicher auch ein Großteil meiner Bestürzung über den (sicherlich unverschuldeten) tiefen Fall des Robert Kisch.

Gelernt habe ich auf jeden Fall dies: Wenn ich in Zukunft ein „Möbelhaus“ betrete, dann habe ich ein festes Budget im Kopf, weiß genau, was ich brauche und haben will und nehme den Verkäufer auch wirklich nur in Anspruch, wenn ich kaufen will. Und ich handele nicht. Ein Preis ist ein Preis ist ein Preis. Kaufen soll doch wieder zum Vergnügen werden und nicht dazu dienen, sich auf Kosten anderer aufzuspielen. Zitat: „Dem hab ich’s aber gezeigt.“

Es gibt noch mehr sehr erwähnenswerte Zitate aus dem Buch, die ich hier wiederholen möchte in der Reihenfolge, in der sie zu lesen sind. An der ersten Stelle geht es um die Bosse und ihr Verhalten ihren Angestellten gegenüber, S. 161. „Das Absurde (der Kern, das Selbst) des Kapitalismus ist: Die Bosse brauchen dich, um reich zu werden. Sie brauchen Bodenpersonal. Du willst aber nicht deine ganze Kraft dafür hergeben, dass sie reich werden – also zwingen sie dich. Unter Zwang hast du noch weniger Lust, ihnen zu helfen. Sie brauchen dich aber, um reich zu werden. Und sie hassen dich dafür, dass sie dich brauchen. Andererseits sind sie auch nicht bereit zu sagen: Ich brauche dich nun mal, um reich zu werden, also werde ich dich für deine Mühe irgendwie beteiligen. Das wäre genau die Lösung: Lass uns zusammen reich werden. Lass es uns beiden gutgehen!“

Auf S. 198 dann eine große Anklage an das System: „In dem Moment, wo du gehst, denke ich, bricht dieses ganze autoritäre Regime zusammen. Sie beziehen ihre gottgleiche Macht einzig daraus, dass du nirgendwo sonst einen Job findest. Und deshalb vor Angst alles erträgst.“

Und für alle, die noch nicht gemerkt haben, wo unser Hase hinläuft und was unsere Jugend in ihrer beruflichen Zukunft zu erwarten hat, habe ich noch ein schönes Zitat auf S. 249. Die Stelle bezieht sich auf zwei neue Provisions-Verkäufer, die der „Alte“ eingestellt hat. „Diese Jungs sind schon ein interessanter Schlag …“, sage ich. „Sie sind jung, intelligent, motiviert, aber sie haben kein Studium. Und sie sind keine Handwerker …“ Damit offensichtlich schon aussortiert. Für derartige Biographien zeigt das System keine Verwendung mehr. „Und beide haben Schulden …“

Und zum Abschluss noch ein Gänsehautzitat, zu finden auf der vorletzten Seite, welches (leider, leider, leider) so gut in diese 13. Woche nach dem schrecklichen Flugzeugunglück der Germanwings-Maschine zu passen scheint: „Ich rutsche langsam aus allen sozialen Strukturen. Es interessiert weder Staat noch Nachbarschaft, nur noch die kleine Familie. Nur noch der Sohn. „Diese Form der Arbeitgeber produzieren tickende Zeitbomben“, sage ich. „Es ist doch kein Zufall, dass immer mehr Leute um sich schießen und töten …“

Eine Rezension von Ruthild Maria Görschen

„Möbelhaus“ von Robert Kisch, Droemer Verlag, ISBN: 978-3-426-30404-4

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Über Bücher. Und Freundinnen.

IMG_6107Es gibt ganz viele Bücher auf dieser Welt. Manchmal denke ich – zu viele. Ich will sie lesen, am liebsten alle! Leider fehlt mir die Zeit dafür und ich weiß, dass ich es in meinem Leben nicht schaffen werde, alle Bücher zu lesen, die ich besitze.

Wenn mir eine liebe Freundin jedoch ein Buch empfiehlt, das ihr sehr gefallen hatte und sie kann das gut begründen, möchte ich es lesen. Und ich möchte es auch lieben. So wie sie. Um sie nicht zu enttäuschen. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und nicht allen gefällt das selbe Buch. Aber wie sage ich meiner Freundin, dass mir das von ihr empfohlene Buch nicht gefällt? Mit Bedacht, um sie nicht zu verletzen. Aber wichtig ist es dennoch, ihr das zu sagen und nicht einfach stur behaupten, dass mir der Roman gefallen hätte. Man weiß, dass Ehrlichkeit sich auszahlt, wenn die Freundin sagt:

“Es gibt Freundinnen, die es sich selbst nicht leicht machen. Die sich mühen, sich einen Kopf machen und sich schließlich sogar kurzzeitig so verkopfen, dass sie gar nicht mehr rausfinden aus ihrer Endlosschleife: “Wie sag’ ich’s meiner Freundin, wie bringe ich es ihr bei, wie verpacke ich es so vorsichtig, dass sie nur ja nicht verletzt ist, wenn ich ihr sage, dass mir ihr vielgelobtes Buch nichts gesagt hat, dass der Funke nicht nur nicht übergesprungen, sondern sich erst gar nicht entzündet hat?” Und es gibt Freundinnen, die nicht den Weg des geringsten Widerstandes wählen, was ja so einfach wäre. Schließlich müssten sie nur in die Lobeshymne miteinstimmen, mit dem Kopf nicken und Jajaja sagen. Wohl dem, der Freundinnen hat, die sich für die Wahrheit entscheiden. Wohl dem, der Freundinnen hat, die den holprigen Weg auf sich nehmen, weil sie ihr Gegenüber respektvoll ernst nehmen, statt es für dumm zu verkaufen. Wohl dem, der Freundinnen hat, bei denen man sicher sein kann, dass das, was gesagt wird, das ist, was gedacht wird. Wohl dem, der Freundinnen hat, wie ich sie habe. Meiner Freundin hat das Buch nicht so gefallen wie es mir gefallen hat. Gute Bücher sind, keine Frage, wichtig. Gute Freundinnen sind es um so vieles mehr. Danke, Freundin, für deine Ehrlichkeit.”

Ihr könnt meinen Beiträgen hier und auf Facebook trauen – ich sage immer, was ich denke, auch wenn es mir manchmal schwer fällt. Meine Beiträge sind nicht gekauft und kommen vom Herzen.

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[Gastrezension: Orisha] Svealena Kutschke “Gefährliche Arten”

Gefaehrliche Arten“Die Liebe kann doch nicht mehr gut schmecken. Da steckt doch schon der Dreck von Generationen drin. Tränen, gebrauchte Kondome, Judith Butler, Alice Schwarzer, Marquise de Sade und Don Juan.”

Eine kranke, suizidgefährdete Mutter. Eine verlorene Liebe. Eine Menage a quatre. Stadt und Land. Drogen. Kunst. Berlin.

Dies ist die Geschichte von Sasha, Jannis, Tim und Sophia. Nachdem Sashas Freund Mo mit ihr Schluss gemacht hat, nimmt sich Sasha eine Auszeit. Sie fährt aufs Land, um sich ihrer Kunst zu widmen. Dort trifft sie Jannis und schnell beginnt sie Gefühle für ihn zu entwickeln. Doch Jannis ist mit Sophia liiert. Das hält jedoch keinen der Protagonisten davon ab, ein Verhältnis anzufangen: Sophia mit Tim, Jannis mit Sasha. Und zunächst scheint, das auch zu funktionieren. Bis Sasha schwanger wird.

Svealena Kutschke hat einen artistischen Roman geschrieben, der vor Kunst, freier Liebe, Unangepasstheit und Drogen nur so überquillt. Als Leser fiel es mir schwer Sympathien für Sasha aufzubringen, schließlich fordert sie ihr Leben ein ums andere Mal heraus und durchstößt dabei immer Mal Grenzen des Moralischen. Ihre Kunst ist zugegeben nichts für jedermann: Wer käme schon auf die Idee ein Projekt mit Obdachlosen zu starten, die fotografisch begleitet mit verschiedensten Dingen ausgestattet werden: ein paar warmen Stiefeln, einer Decke, einem Korb Essen, einem MP3-Player oder einer Eintrittskarte für den Zoo. Zugegeben das mutet merkwürdig an, ist aber im Kern sehr sozialkritisch und das gefiel mir. Sasha gebrochenes Selbst spiegelt sich in ihrer Kunst und vor allem im Interagieren mit denen, die sie vermeintlich liebt: Mo, Jannis oder ihre Tochter Lizzy. Dabei kommt sie nicht als liebende Mutter oder Freundin daher, sondern als jemand, der noch nicht zu sich selbst gefunden hat.

Fazit: Sicher kein Buch für jedermann. Mich hat es zum Nachdenken gebracht. Ein Nachdenken über Liebe, Vertrauen, Freundschaft und Kunst.

Svealena Kutschke “Gefährliche Arten”, Eichborn Verlag, ISBN: 978-3-8479-0537-0

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[Gastrezension: Ann] Jostein Gaarder “2084 – Noras Welt”

Gaarder_Noras Welt_2084Jostein Gaarder hat es nicht gerade leicht. Nach Sofies Welt wird jedes weitere Buch mit ebendiesem verglichen. Das mag Fluch und Segen zugleich sein. Beim ersten Lesen von “2084 – Noras Welt” sitzt ein kleiner Kritiker auf meiner Schulter, der, ganz nach Michael Endes Büchernörgele, hier und da den spitzen Bleistift an den Rand der Seite schlägt.

Ja, die geschilderte Liebesbeziehung zwischen Nora und Jonas erscheint nicht gerade realistisch für ihr Alter und auch die Betonung der neuen Medien und deren Umgang ist in diesem Fall eher auffällig für den Erzähler, jedoch keineswegs für einen 16-jährigen Teenager.

Das Büchernörgele auf meiner Schulter plustert sich auf und spitzt an seinem Bleistift. Nach der ersten Hälfte des Buches bin ich gedanklich mit den präsentierten Artikeln über den Klimawandel überfrachtet und die Protagonistin wird immer unrealistischer in ihrer beinah manischen Beschäftigung mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen. Auch ihre Urenkelin Nova aus dem Jahre 2084 ist in dieser Hinsicht zu extrem und irgendwie unrealistisch für einen Teenager, egal in welcher Zeit sie lebt. Das Büchernörgele nimmt an Gewicht zu und wird langsam schwer. Das muss ein Ende haben. Ich klappe das Buch zu. Mehr durch Zufall entdecke ich einen Artikel in der Onlineausgabe der Zeit, der mir hilft mich auf “2084 – Noras Welt” einzulassen.

„Seit drei Jahren vertrocknen ganze Landstriche an der US-Westküste. Forscher machen den Klimawandel mitverantwortlich und sagen noch schlimmere Szenarien voraus. […] Bleiben die Regenfälle in den verbleibenden Winterwochen und im Frühjahr aus, droht Kalifornien im Sommer ein Dürrenotstand. Das bedeutet Wasserknappheit, drastische Rationierungen für die Landwirte und die Gefahr verheerender Waldbrände.“ (Zeit Online, 02.03.15)

Drei Jahre, das heißt seit 2012. Der Punkt, an dem auch Gaarders Geschichte ansetzt. Ich mache mir eine Tasse Kaffee, werfe aber vorher das kleine bösartige Wesen von meiner Schulter und beginne erneut. Mein Maßstab war falsch, die Messlatte zu hoch und unpassend. Die Altersempfehlung: ab 12 Jahren. Weg mit dem Realismus, der kommt schon früh genug.

Am 12.12.2012 wird Nora 16. Ein wichtiger Tag in ihrem Leben, denn neben dem neuen Smartphone erbt sie nun auch den roten Rubinring, der angeblich Wünsche erfüllen soll. Noch weiß Nora nicht, dass ihr 16. Geburtstag eine große Rolle in ihrer eigenen Zukunft spielt. Gaarder führt uns in Noras Träumen in die zukünftige Welt im Jahre 2084, in der sie ihrer Urenkelin Nova begegnet. Diese ganz andere, völlig veränderte Welt ist zum Teil beklemmend wie auch irritierend zugleich. Es ist nicht einfach zu begreifen, dass Gaarder dem Leser dabei eine sehr realistische zukünftige Welt präsentiert.

Nora setzt sich, gemeinsam mit ihren Freund Jonas aktiv gegen den Klimawandel ein. Sie gründen eine Umweltgruppe und sammeln jede Menge Zeitungsausschnitte und Artikel, doch Noras Angst vor der globalen Erwärmung reicht bis in ihre Träume hinein. Die realen Träume aus der Zukunft machen ihr klar, dass sie aktiv werden muss, wenn sie ihre Welt in dieser biologischen Vielfalt behalten möchte und so schmieden Jonas und sie einen Plan.

Auf gewohnt philosophische Weise führt Gaarder den Leser durch das Buch und präsentiert dabei nicht nur wissenswerte Fakten zum Klimawandel, sondern bringt den Leser durch ‚surrealistische‘ Situationen im Jahre 2084 zum Nachdenken. Wie komplex das Ganze ist wird mir nach und nach klar.

Jostein Gaarder schafft durch Noras Welt ein Bewusstsein für große Menschheitsfragen und nimmt dabei Kinder und Jugendliche in ihrer Wahrnehmung der Welt ernst. Ich neige sogar dazu, zu behaupten: keinem gelingt dies besser. Dabei erzählt Gaarder keine große Geschichte. Er weckt die Geschichte im Leser. Alles ist offen, alles ist möglich und das ist die Quintessenz aus “2084 – Noras Welt”. Wir haben noch eine Chance.

Typisch für Gaarders Stil ist dabei die beinah permanente Wissensvermittlung an den Leser, wie dies schon bei Sofies Welt der Fall war. Dabei mutet er dem Leser doch hin und wieder gehörig viel Philosophie zu, vermittelt dieses Wissen aber ohne Attitüde. Das schlägt sich auch in einem recht hohen Sprachniveau nieder, welches für Jugendliche ab 12 Jahren doch eine gewisse Herausforderung darstellt. Dennoch ist der Stil jugendlichengerecht. Aber auch das ist typisch Gaarder; seine Bücher sind nie nur zum einmaligen Lesen gedacht.

Gekonnt spielt er mit den verschiedenen Ebenen 2012 und 2084. Auch der Schriftarten- und Zeitformwechsel grenzt diese Welten voneinander ab ohne dabei den Leser zu verwirren. Vielmehr führt er vor Augen, wie bewusst wir uns unserer Verantwortung werden sollten. Nova im Jahre 2084 wird in diesem Punkt überdeutlich: „Ich sage ja nur, dass ich in einer genauso herrlichen Welt leben möchte wie du, als du so alt warst wie ich. Und weißt du, warum? Weil du mir das schuldig bist!“ (S. 39).

“2084 – Noras Welt” ist mit seiner Thematik ein sehr gutes und aktuelles Buch, das nicht zu Unrecht 2014 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Die Aufnahme in den Schulkanon wäre, meiner Ansicht nach, der nächste logische Schritt.

Es hat sich gelohnt das Büchernörgele stumm zu schalten und das eigene Bauchgefühl zuzulassen. Ich werde “2084 – Noras Welt” nicht zum letzten Mal gelesen haben. Manchmal brauchen wir aber auch einen kleinen Weckruf, um uns über das große Ganze wieder bewusst zu werden und das ist mit diesem Buch auf vielfältiger Weise gelungen. Danke Herr Gaarder!

Jostein Gaarder, „”2084 – Noras Welt”“, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24312-5

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