[Gastrezension: Christina] Monica Ali: Die gläserne Frau

“Manche Geschichten sind nicht dazu bestimmt, erzählt zu werden. Andere können nur als Märchen erzählt werden.” Mit diesem Satz führt die Autorin Monica Ali den Leser in den Roman “Die gläserne Frau” ein. Was an der Geschichte märchenhaft sein soll, wird nicht zu Beginn verständlich. Vielmehr wird man in ein Gewirr von unterschiedlichen Personen geworfen, die die Geschichte einer ehemaligen Prinzessin von Wales und ihrem Neuanfang als Lydia aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Da sind zu Beginn Lydias drei Freundinnen Amber, Suzie und Tevis, die nichts von Lydias Vergangenheit ahnen, aber merken, dass etwas nicht stimmt. Dann ist da ein Fotojournalist Grabowski, der sich rein zufällig in Lydias neuem Zuhause, dem 800-Seelen-Ort Kensington, USA, verirrt und Lydias wahre Identität zu erkennen meint. Später erzählt Lydias ehemaliger Sekretär Lawrence, wie er ihr zu ihrem neuen Leben verholfen hat. Ab da nimmt der Roman langsam Form an und die Erzählung wird in sich schlüssiger.

Lydia war einst Prinzessin von Wales. Kein Tag verging, ohne dass sie von Fotografen gejagt oder Klatschgeschichten über sie in den Boulevardmagazinen verbreitet wurden. In den Abschnitten, die von Lydias Freundinnen handeln, erfahren wir auch mehr über Lydias neues Leben. Sie hat ein kleines Haus mit Pool in Kensington gekauft, sich einen Cocker Spaniel zugelegt und arbeitet in einem Heim für Hunde. Auch ein neuer Mann konnte ihr Herz wieder gewinnen. Das mag alles idyllisch klingen, doch Lydia lebt ständig in der Angst, dass jemand ihre wahre Identität herausfindet oder sie sich gar selbst verrät. Monica Ali ist es gut gelungen, diese paranoiden Schübe darzustellen. Schon ein Klatschmagazin in einer Boutique kann Lydia aus der Fassung bringen. Immer wieder muss sie darum bangen, dass jemand alles über ihre Vergangenheit herausgefunden hat und immer wieder zieht sie sich von ihren Mitmenschen zurück.

Die Tagebucheinträge von Lawrence erzählen, was für einen Leidensweg Lydia hinter sich hat. Fotografen standen immer auf der Lauer, nie konnte sie auch nur die alltäglichsten Dinge erledigen, ohne verfolgt zu werden. Die Parallelen zu Prinzessin Diana sind unverkennbar. Schon der Name Lydia ist ein Anagramm von Lady Di. Spätestens jetzt wird klar, warum die Autorin den Roman als Märchen bezeichnet. Es ist das Märchen von Prinzessin Diana, die ihren eignen Tod bloß vorgetäuscht hat, um der hetzenden Presse, dem goldenen Käfig Buckingham Palace und ihrem insgesamt fremdbestimmten Leben zu entkommen. Lydia wurde wie Lady Di vom Volk geliebt, “Königin der Herzen” genannt und entwickelte sich zu einem Medienstar. Beide hatten Affären und die Scheidung von ihren Ehemännern und andere Skandale schadeten der Königsfamilie. Lydia stürzte in eine tiefe Depression und entschloss sich dazu, der Königsfamilie, einschließlich ihrer geliebten beiden Söhnen, endgültig den Rücken zu kehren. Da sie eine der meistfotografierten Frau der Welt ist, muss sie auch ihr Äußeres ändern. Das Haar wurde dunkler, die Lippen voller und selbst die perfekt geformte Nase musste unters Messer; zu groß ist die Gefahr, dass sie jemand wieder erkennt. Es ist klug durchdacht von Monica Ali, diesen Weg der Veränderung aus der Sicht des Sekretärs, einem engen Vertrauten, der Lydia versteht, zu erzählen. Zu stark nach Selbstmitleid klänge es, hätte Lydia selbst von dieser Tortur berichtet.

Aber sie soll in diesem Roman auch noch einmal zu Worte kommen. In nie an ihren Sekretär abgeschickte Briefe beschreibt sie ihr Leid der ersten Monate ihres neuen Lebens. Sie erleidet oft Rückschläge, ein Anschluss an das “das wirkliche Leben” fällt ihr schwer. Wieder gelingt es Monica Ali, einer hin und her gerissenen Frau authentisch zu beschreiben. Auf der einen Seite steckt Lydia voller Hoffnung und Zuversicht, auf der anderen ist sie ständig getrieben, misstraut jedem Menschen und ist oft kurz davor, zu ihren Söhnen zurückzukehren. Doch sie bleibt stark und schafft es, sich ein neues Leben aufzubauen.

Zehn Jahre später droht Grabowski nun, es zu zerstören. Er setzt alles daran, Lydia bei einem Treffen, auf das sie sich einlässt, kennen zu lernen. Lydia erkennt ihn sofort. Grabowski ist einer der Fotografen, der sie am häufigsten belagert hat, ihr ganz nahe gekommen ist. Zuerst denkt Lydia, sie sei paranoid, doch immer mehr Begebenheiten deuten darauf hin, dass Grabowski ihr Geheimnis gelüftet hat und seine Anwesenheit kein Zufall mehr ist. Ein rasantes Katz-Maus-Spiel beginnt, wer tappt zuerst in eine Falle, wer schafft es zu entkommen?

Der Roman nimmt nach anfänglichen Schwierigkeiten stark an Fahrt auf. Die alltäglichen Szenen von Lydias Freundinnen ziehen die Geschichte unnötig in die Länge und lenken vom eigentlichen Thema ab: Die Bedrohung von Grabowski, und der ständig anwesenden Presse, die ein Leben mit nur einer Fotografie zerstören kann. Alis Schreibstil wird später aber flüssiger, die Geschichte in sich kohärenter und man mag es vor lauter Spannung nicht mehr aus der Hand legen. Zudem nimmt Monica Ali die Kritik an Medien in ihrem Roman auf. So viel sei verraten: Grabowski widerfährt, wenn auch auf andere Art und Weise, das, was Lydia jahrelang durchmachen musste.

Monica Ali: Die gläserne Frau, Droemer HC, ISBN: 978-3-426-19929-9

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Meine literarische Begegnung mit Harper Lee

„Manchmal müssen wir etwas abtöten, damit wir leben können, wenn wir das nicht tun – wenn Frauen das nicht tun, weinen sie sich in den Schlaf und werden nie erwachsen.“ (302)

Vor einigen Tagen hatte ich noch das Gefühl, die ganze Welt spricht über Harper Lee. Und wahrscheinlich war es auch so. Jetzt ist es wieder ein bisschen ruhiger geworden um die Autorin, die nicht nur “Wer die Nachtigall stört…”, den mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Roman geschrieben hatte, sondern eben einen anderen Roman, der vor Kurzem entdeckt wurde. Die Radiosendungen und die Feuilletons beschäftigten sich ausführlich mit Lee und mit diesem aussergewöhnlichen Fund. Einen Fernseher habe ich nicht, aber sicherlich wurde auch dort in vielen Sendungen über „Gehe hin, stelle einen Wächter“ berichtet. Einige Literaturblogger haben bereits den Roman besprochen. Er wurde gelobt, kritisiert, auf Echtheit geprüft. Es wird gerätselt, wann die Autorin das Manuskript nun geschrieben hatte – vor oder nach “Nachtigall”. Und vor allem, warum sie ausgerechnet den Helden vieler Menschen stürzen musste.

Ich habe versucht, keine Rezensionen zum Buch zu lesen, bevor ich nicht selbst den Roman gelesen habe. Das ist mir weitgehend gelungen. Wenn man jedoch in den letzten Tagen im Internet unterwegs war, kam man nicht an den Schlagzeilen vorbei, ohne sie zu lesen. Denn manche Worte bleiben im Auge hängen. So wusste ich also, noch bevor ich das Buch aufgeschlagen hatte, dass wir hier mit einer Wendung zu tun haben, mit der wohl niemand gerechnet hätte.

Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich so starke Lust, die Bücher unbedingt lesen zu wollen, über die die ganze Welt spricht, um mitreden zu können.
Als ich vor einigen Wochen „Wer die Nachtigall stört…“ gehört und gelesen hatte, (ich wollte das Buch kennen lernen, bevor „Gehe hin, stelle einen Wächter“ erscheint), fühlte ich mich erstaunlich wohl mit den Protagonisten Scout, Jem, Calpurnia und Atticus. Ich habe mir die Geschichte sehr gerne erzählen lassen. Am meisten beeindruckt hatte mich die Erzählperspektive. Wir erfahren alles aus der Sicht von Jean Louise, einem Mädchen, das vieles nicht benennen kann, weil es eben noch ein Kind ist, dennoch versucht es alle Missstände und Ereignisse verständlich darzustellen. Ich mag das Buch, aber ich habe nicht verstanden, warum es als grandios und als „das beste Buch der Welt“ bezeichnet wird und wie es Menschen und Leben verändern sollte.

„Der Herr schickt dir nie mehr, als du ertragen kannst…“ (162)

Gehe hin, stelle einen Wächter“ wollte ich mir wieder gerne vorlesen lassen. Und ich würde nicht enttäuscht. Nina Hoss leistet eine wunderbare Arbeit. Mit ihrer warmen Stimme, der ich wahnsinnig gerne gelauscht hatte, begleitete sie mich in den letzten Tagen auf Schritt und Tritt. Gleichzeitig zählte ich zu den einigen Glücklichen, die das gedruckte Buch eines Tages im Briefkasten gefunden hatten und ich bin immer noch von so viel Luxus begeistert. Denn ich hatte mir das Buch einerseits vorlesen lassen, andererseits konnte ich in meinem Exemplar die interessantesten Stellen markieren.

Ich möchte Euch heute nichts darüber erzählen, wovon der Roman handelt. Das wisst Ihr sicherlich bereits. In meinen Augen handelt es sich bei diesem Buch um einen würdigen Nachfolger von „Wer die Nachtigall stört…“ – wann auch immer das Buch wirklich geschrieben wurde. Auch wenn ich mir, ähnlich wie Frau Hauptsachebunt, nicht vorstellen kann, dass der Roman vor “Nachtigall” geschrieben wurde. Ich habe die Bücher direkt nacheinander gelesen und gehört. Mir sind einige Lücken und Unstimmigkeiten aufgefallen, manche Ereignisse lesen sich wiederum wie Lückenfüller. Ich habe mit “Gehe hin, stelle einen Wächter” keinen grandiosen und weltbewegenden Roman gelesen. Aber ich habe ein schönes Wiedersehen mit Jean Louise erlebt. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, sie zu sein, in ihrer Welt zu leben. Ich habe während des Lesens und Hörens viel nachgedacht, viele Worte haben mich bewegt. Manche Stellen habe ich übersprungen, um sie mir gleich hinterher von Nina Hoss vorlesen zu lassen.

Nun sind beide Bücher ausgelesen und ich bin um zwei literarische Erfahrungen reicher. „Wer die Nachtigall stört…“ kennen sicherlich viele Euch. Einige wahrscheinlich als Schullektüre, wo der Roman sich meiner Meinung gut etabliert hat. Ich möchte Euch gerne dazu einladen, Euch selbst von den Qualitäten von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ zu überzeugen. Vielleicht werdet Ihr Euch ärgern, vielleicht an manchen Stellen langweilen, möglicherweise entdeckt Ihr Teile von Euch selbst in den Protagonisten. Auf jeden Fall werdet Ihr mit und über Jean Louise lachen und später bei allen Diskussionen über den Roman mitreden können und Euer Leben wird um diese literarische Erfahrung reicher. Und darum geht es doch letztendlich.

„Ich brauche einen Wächter, der mir erklärt, was ein Mann wirklich meint, wenn er etwas sagt, einen Wächter, der in der Mitte einen Längsstrich zieht und sagt, das ist die eine Gerechtigkeit, und das ist die andere Gerechtigkeit, und mir dann den Unterschied verständlich macht. Ich brauche einen Wächter, der vortritt und allen verkündet, dass sechsundzwanzig Jahre zu lang sind, um jemandem einen Streich zu spielen, ganz gleich wie lustig er ist.“ (206)

Harper Lee “Gehe hin, stelle einen Wächter” Hörbuch gelesen von Nina Hoss, der Hörverlag, ISBN: 978-3-8445-1980-8
DVA Belletristik, ISBN: ISBN: 978-3-421-04719-9
übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

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[Gastrezension: Christina] Jonas Jonasson “Die Analphabetin, die rechnen konnte”

Meine Erwartungen sind hoch, sehr hoch. Schon einmal konnte mich der schwedische Autor Jonas Jonasson begeistern, indem er einen Hundertjährigen Mann aus dem Fenster steigen, verschwinden und absurde und skurrile Abenteuer erleben ließ.
Protagonistin ist nun die Südafrikanerin Nombeko Mayeki. Nombeko, geboren im Jahre 1961, ehemalige Latrinentonnenträgerin und Tochter einer Mutter, die gerne Lösungsmittel trinkt, ist nicht wirklich eine Analphabetin, wie der Titel vorgibt. Im Alter von dreizehn Jahren lernt sie das Lesen. Später wird sie sogar ganze Bibliotheken auslesen. Da sie ein Rechengenie ist, wird sie bald Chefin des Latrinenbüros, fliegt aber raus, da ihre Kollegen sie für einen Neunmalklug halten. Ihr Ziel: Das Elend des Slums von Soweto verlassen und in die Zivilisation zurückkehren. Genauer: Die Nationalbibliothek in Pretoria. Ihr Ziel erreicht sie nicht. Sie schafft es nur bis ins Zentrum von Johannesburg und wird von einem weißen Kernwaffeningenieur über den Haufen gefahren. “‘War das etwa schon alles?’, dachte sie, bevor sie in die Bewusstlosigkeit sank. Aber das war noch nicht alles.” (35)

Von da an geht Nombekos Abenteuer erst richtig los. Im Apartheidsregime ist sie natürlich am Autounfall schuld und muss nun als Putzfrau beim Ingenieur ihre Strafe abbüßen. Die Idee, die Jonasson schon bei seinem ersten Bestseller hatte, wiederholt er in “Die Analphabetin, die rechnen konnte”. Nombeko sowie der Hundertjährige sind unheimlich schlau und zugleich naiv. Mit dieser Kombination schaffen es die beiden Helden in die große Politik. Auch eine Atomwaffe kommt wieder zum Einsatz – wohl eine Vorliebe des Autors. Während der Hundertjährige in seinen jungen Jahren beiläufig den Sowjets und Amerikanern eine Atomwaffe besorgte, baut Nombeko mehrere für Südafrika. Der Ingenieur selbst rührt keinen Finger, denn dieser ist natürlich, wie so viele Figuren bei Jonasson, ein Idiot. Leider wird versehentlich eine Atombombe, von der niemand weiß, zu viel gebaut, und so schmuggelt Nombeko sie nach Schweden und bleibt selbst gleich da. Drei chinesische Schwestern, die gut Hunde vergiften und Gänse aus der Han-Dynastie nachmachen können, helfen ihr dabei. In Schweden trifft Nombeko Holger, den es eigentlich nicht gibt. Holger ist der Zwillingsbruder von Holger und nicht offiziell gemeldet, weil der Vater mithilfe seiner Söhne, das schwedische Königshaus in Staub stürzen will. Von Geburt an will er sie im republikanischen Geiste erziehen. Das gelingt ihm nur bei Holger 1, der, der existiert, denn er ist in seiner Intelligenz beschränkt. Holger 2, der, der nicht existiert, ist hingegen genauso klug wie Nombeko – es ist Liebe auf den ersten Blick. Ein Problem bleibt nur noch die Atombombe, die man irgendwie verstecken oder besser noch loswerden sollte.

Jonasson geizt nicht mit absurden Figuren. Im Roman treten noch eine zornige Junge, Mossadagenten A und B, ein paranoider amerikanischer Töpfer und viele weitere auf. Jonassons Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen. Auch Politiker spielen im Roman eine große Rolle. Schon bei “Der Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand” zeichnete Jonasson historische Figuren nach und projizierte sie ins Komische und Absurde. Im zweiten Roman geht er nun weiter. Politische Akteure der Gegenwart werden allesamt als hoffnungslose und lachhafte Volltrottel dargestellt. So ist Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt ein Angsthase mit einem Putzfimmel und das monarchische Staatsoberhaupt König Carl Gustaf ein verfressener Drückeberger, der eigentlich lieber Bauer geworden wäre.

Jonassons Roman ist irrwitzig und unterhaltsam, kommt aber nicht ganz an seinen Vorgänger ran. In der Konstruktion ist “Die Analphabetin” dem ersten Roman zu ähnlich, was ihn in einigen Teilen ein wenig langweilig erscheinen lässt. Sprachlich zielt Jonasson nach wie vor ohne Umschweife und schmerzlos auf die Pointe ab. Meine Erwartungen wurden nicht übertroffen, dennoch ist dieser Schelmenroman lesenswert, da insbesondere die Seitenhiebe auf die Politiker lustig sind. Ich bin gespannt auf den dritten Roman. Für ihn muss Jonasson noch viel weiter gehen.

Jonas Jonasson “Die Analphabetin, die rechnen konnte”, ISBN: 978-3-570-58512-2, carl’s books Verlag

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[Gastrezension: Susanne] Steinunn Sigurdardottir “Jojo”

Nun erklär mir mal einer, was in einem Menschen vorgeht, der Bücher gestaltet. Also der, der ein Cover entwirft, sich um Farben kümmert, Typographie, Layout und überhaupt eben um die Optik dessen, was da zwischen den Buchdeckeln inhaltlich abgeht. Ist ja nicht so ganz unwichtig in Bezug auf die Frage, wie man ein literarisches Werk, das vor dem Lesen noch ein Buch mit sieben Siegeln ist, dahin bringt, wo man es haben will: zum Leser. Mag sein, dass es Autoren gibt, deren Name allein ausreicht, um ungeachtet der Gestaltung, Kassen zum Klingeln und Rezipienten zum Jauchzen zu bringen. Ich lehne mich da jetzt mal ein bisschen aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass Steinunn Sigurdardottir nicht zu diesen Selbstläufer-Autoren gehört. Oder um es deutlich zu sagen: Ich kannte die in Island geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin nicht und – jetzt bin ich noch einmal ziemlich mutig – vermutlich stehe ich da mit meiner Unwissenheit nicht so ganz allein da.

Und dann d i e s e Aufmachung: Der farbliche Gesamteindruck changiert irgendwo im leukoplasthautfarbenrosarot Bereich auf dem in verwaschenem Rotschwarz der Titel mit großen Schleifchen und Schnörkelchen hingepinselt wurde, unterlegt von einem Schlagschatten, der vermutlich nur deshalb hier zu sehen ist, weil der Layouter diese Funktion in seinem Computerprogramm neu entdeckt hat und sie stolz präsentieren wollte. Nein, diesem Buch kann man nun wirklich nicht den Vorwurf machen, durch geschmackvolles Äußeres den Leser verführt zu haben.

Glücklicherweise habe ich aber schon früh meine Lektion gelernt: Don’t judge a book by its cover. Denn was sich hinter dieser optischen Körperverletzung verbirgt, ist ein Monsterhammer. Die Geschichte, die hier erzählt wird, haut mitten in die Magengrube. Weil die Autorin es versteht, immer wieder Hinweise auszustreuen, ahnt man, was kommen könnte und wähnt sich in Sicherheit. Trotzdem trifft einen der Schlag schließlich unverhofft und ohne Deckung. Ungeheuerliches wird zu Tage gefördert, nimmt einem die Luft. Abscheu, Ekel, Hass – alles spürt man beim Lesen und ist erstaunt, dass nicht ein einziger Satz diese Gefühle explizit ausdrückt. Wie eine unsichtbare, geruchlose Substanz atmet man das Grauen ein, ohne es je wirklich vorgeführt zu bekommen.

Steinunn Sigurdardottirs Sprache ist keine für Augen und Ohren, sie wirkt intravenös. Ihre Erzählstruktur fordert den Leser, weil hier keine Häppchen vorgekaut serviert werden. Konzentration ist angesagt für Zeitverschiebungen, schnell eingestreute Handlungs- und Gedankenfetzen und Protagonisten, die nicht immer auf den ersten Blick identifizierbar sind (von den wenigen handelnden Personen tragen einige denselben Vornamen). Hier wird keine nette Rosaschnörkelschlagschatten-Geschichte erzählt, wie das Äußere des Buches es nahelegt. “Jojo” ist somit eine echte Mogelpackung. Paradoxerweise vollzieht sich allerdings die Augenwischerei diesmal in umgekehrter Richtung: Der Inhalt ist um viele Klassen besser, als das, was die Verpackung verspricht.

Steinunn Sigurdardottir, “Jojo”, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498064273

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[Gastrezension: Susanne] Paola Capriolo “Der stumme Pianist”

Was für ein Glück, dass manchmal das wirkliche Leben ganz wundersame Ereignisse hervorbringt. Was für ein Glück, wenn ein Autor das bemerkt und sich literarisch darum kümmert. Was für ein Glück, wenn er es dann auch noch derart gekonnt tut wie Paola Capriolo mit ihrem Buch “Der stumme Pianist”. Die Geschichte des geheimnisvollen jungen Mannes, der 2005 an der englischen Küste völlig verwahrlost und verwirrt aufgegriffen wurde, und später als stummer “Piano Man” für reichlich Aufregung und Schlagzeilen sorgte, ist natürlich mit Verlaub ein gefundenes Fressen für eine, die gerne Geschichten erzählt. Ausgehend von dieser wahren Begebenheit hat Paola Capriolo diese zur Grundlage genommen und daraus einen ziemlich spannenden Roman gesponnen, der weitaus prickelnder ist als die wahre Story (die endete ziemlich banal mit einem bayerischen Bauernsohn, der weder virtuos an den Tasten zaubern konnte, noch überhaupt das Zeug zu einem wirklichen Mysterium hatte). In kurzen Kapiteln wird aus verschiedenen Erzählperspektiven das Leben des Mannes ohne Identität geschildert, der zunächst in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden ist. Während das Klinikpersonal und bald auch zahlreiche Medien fieberhaft nach der wahren Identität des Mannes forschen, der nicht spricht und keinerlei Erinnerung an sein früheres Leben zu haben scheint, verzaubert dieser Ärzte, Schwestern und Mitpatienten mit seinem virtuosen Klavierspiel. Neben seiner musikalischen Fähigkeit gelingt es dem Pianisten, bei den Zuhörern Gefühle und Stimmungen hervorzubringen, die ungeahnte Entwicklungen in Gang setzen. Eingängig und glücklicherweise ohne abgehobene Fachsimpelei beschreibt die Autorin am Beispiel mehrerer Patienten den Einfluss von Musik auf die Seelenlage der Männer und Frauen. Selbst Menschen, die auf dem Gebiet der Musik – der klassischen zumal – so wenig versiert sind wie ich, finden aufgrund der anschaulichen Beschreibungen leicht Zugang und können die Wirkmächtigkeit der Musik mühelos nachvollziehen.

Paola Capriolo, “Der stumme Pianist”, Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, ISBN 978-3570580165

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[Gastrezension: Susanne] Mely Kiyak “Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an”

Beinahe wäre mir dieses Buch durch die Lappen gegangen. Wieder mal ist es der pure Zufall gewesen, dass ich bei einem meiner vielen Spaziergänge durchs Bloggerland auf diesen Schatz gestoßen bin. Leider kann ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, wer von den vielen fleißigen Freunden des guten Buches es gewesen ist, der mich mit wenigen Worten so neugierig auf Mely Kiyak und ihren Vater Herrn Kiyak gemacht hat, dass ich ruckzuck das Buch gekauft habe. Wer auch immer mein mir unbekannter Tippgeber gewesen ist (fühlt sich jemand angesprochen?), ich bin ihm zu Dank verpflichtet. Wie gesagt, wäre er respektive sie nicht gewesen, mir wäre ein wunderbares Stück Literatur verborgen geblieben. So aber kann ich berichten und hoffen, dass es auch mir gelingen möge, den einen oder anderen zu einem Buchkauf zu animieren, den er – drei Finger aufs Herz – nicht eine Zeile lang bereuen wird.

Geschichten über Krankheiten, das Sterben und den Tod sind ja keine Seltenheit mehr. Kein Wunder, schließlich geht es dabei um menschliche Erfahrungen, die jede für sich fundamental und einzigartig ist und allein schon deshalb wert, beschrieben und erzählt zu werden. Eine hohe Kunst, wie ich finde. Zu schnell führt einen dieses Thema auf gefährliches Kitsch-Glatteis, werden beim Versuch, das beinahe unbeschreibbare Gefühlschaos in Worte zu fassen Grenzen der Formulierung überschritten, die zumindest mir als Leser unangenehm aufstoßen. Nicht so Mely Kiyak. Diese Frau ist so weit weg von den zu Worten gewordenen Peinlichkeiten wie Berlin (wo sie lebt) von dem kleinen osttürkischen Dorf aus dem ihr Vater stammt. Scheinbar mühelos schafft sie es, den Leser mitzunehmen auf einen Weg, der intimer kaum sein könnte. Vater und Tochter in einer Monate dauernden Ausnahmesituation, die dem Tod so nahe ist, dass er mit Händen zu greifen ist.

Mit einer schier unglaublichen Leichtigkeit, von der man sicher sein kann, dass sie so nie existiert hat, beschreibt Mely Kiyak ihren und ihres Vaters Weg durch eine lebensbedrohliche Krebserkrankung. Sie tut das so aufrichtig wie man nur sein kann und zwar mit einer Herzenswärme, die einem beim Lesen unfassbar nahe kommt. Dazu braucht Mely Kiyak keine großen Worte, keine philosophischen Sentenzen, keine spirituellen Deutungen. Im Gegenteil: eine Thermoskanne Tee, ein Getreidekissen und frisch gewaschene Handtücher sind oftmals wichtiger als Lebensbeichten und Abschiedszeremonien. Dieses Buch über Krankheit und Sterben ist so voller Leben, wie man es sich eigentlich kaum vorstellen kann. Humor fehlt darin ebenso wenig wie unbändige Wut auf Krankenschwestern, die Patienten zu unwürdigen Bittstellern machen. Kraftvolle Hoffnung wechselt sich ab mit zermürbender Erschöpfung angesichts der Überlastung, die so eine Leben als Tochter eines todkranken Vaters nunmal auch, quasi als Kolateral-Schaden, mit sich bringt. Und immer wieder diese Wärme, diese Liebe, diese Verbundenheit zwischen Vater und Tochter, die sich in kleinen Gesten ausdrückt, denn Sprechen das ist auch in diesem Abschnitt seines Lebens nicht die Sache des Vaters.

Ich will’s der Autorin gleich tun und keine schwülstigen Lobeshymnen anstimmen auf ein Buch, das man nicht lesen muss. Wer es aber tut, der wird es gerne tun und mit Gewinn. Das ist der kleinste Nenner auf den man es bringen kann und genau genommen doch auch der beste, oder?

Mely Kiyak, “Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an”, S. Fischer Verlag, ISBN 9783100382122

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[Gastrezension: Susanne] Linus Reichlin “Das Leuchten in der Ferne”

Viel Applaus hat es damals vor rund zwei Jahren gegeben, als Linus Reichlins Roman “Das Leuchten in der Ferne” erschienen ist. Das hatte ich mir gemerkt und wollte ihn lesen, auch weil mich das Thema Afghanistan interessiert. Ein Land, das seit so unfassbar langer Zeit im Kriegszustand lebt, egal wer gerade meint, es endlich daraus befreien müssen. Eine fremde Welt, die zumindest gedanklich näher gerückt ist, seit auch Deutschland zu einem Teil dieser vermeintlichen Rettungsmaschinerie geworden ist. Da kam mir Reichlins Roman gerade recht.

Und jetzt sitze ich hier und bin – ich muss es so deutlich sagen –  enttäuscht. Das Buch hat mir rein gar nichts gebracht. Aber weil ich doch diese Erinnerung an die vielen guten Kritiken von damals habe, konnte ich nicht anders und musste einige davon noch einmal nachlesen. Von spannendem Abenteuerroman ist da die Rede, über Einblicke in eine fremde Kultur und noch so einiges mehr. Sorry, aber nichts davon habe ich gefunden, als ich mich jetzt durch die Geschichte des abgehalfterten Kriegsreporters Moritz Martens gekämpft habe. Stattdessen habe ich eine Story vorgefunden, die so derart abgeschmackt ist, dass ich einfach nicht begreife, wie es zu den Lobeshymnen kommen konnte. Der Plot ist meiner Meinung nach hanebüchen: Gegen alle Vernunft lässt sich dieser Reporter von einer Frau nach Afghanistan lotsen, deren Geschichte so windig und durchschaubar falsch ist, dass selbst ein Wald-und-Wiesen Journalist aus der hintersten Provinz sie als Lüge entlarvt hätte, ein alter Haudegen wie Martens freilich allemal. Jaja, die Frauen brauchen nur ein bisschen Blingbling zu machen und schon verliert der Mann den Verstand und tut, was die Sirene ihm einflüstert. Ein Klischee, wie es schlimmer kaum geht. Gekrönt wird die ganze Sache dann auch noch dadurch, dass die beiden – Überraschung, Überraschung! – sich ineinander verlieben und wegen der stimmungsvollen Atmosphäre ihren ersten Austausch von Körperflüssigkeiten auf einem Feldbett in einem Bundeswehrlager in Afghanistan erleben dürfen.

Ach ja Afghanistan: Abgesehen davon, dass eine Reise dorthin scheinbar so einfach zu bewerkstelligen ist, wie ein Urlaubstripp nach Malle, auch das Land tut dem Autor den Gefallen und zeigt sich genau so, wie wir Zivilisationskrüppel uns das vorstellen. Die Berge schroff, die Menschen rückständig, das Leben hart, die Tage heiß, die Nächte kalt, die Kämpfe schrecklich – ehrlich, ich bin wirklich kein Fachmann, was dieses Land angeht, aber all das wusste ich lange vor der Lektüre des Buches. Dafür hätte ich keiner Schablone eines einsamen Wolfes – denn genau so zeigt Reichlin seinen Antihelden, der dann ja doch zum echten Helden wird (auch hier: Surprise, Surprise!) – bedurft, der Gefallen findet an allerlei Abenteuer, die er seiner Dulcinea zuliebe bestehen muss. Afghanistan als Survival-Camp – wenn dem Midlife-Kriserich der heimische Klettergarten zu fad wird: Auf nach Afghanistan, wo ein Mann noch zeigen kann, was für ein toller Hecht er auch nach seinem 50. Lebensjahr noch ist. Läuterung inbegriffen, denn wieder zuhause wird der Held nun endlich wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Mich hat das Buch geärgert. Und das Lob, das es – so sehe ich das – völlig zu Unrecht bekommen hat. Kriegsgebiete eignen sich nunmal nicht als Kulisse für Marlboro-Werbung, in der der Held pfeifend in den Sonnenuntergang reitet. Nein, das ist mir einfach viel zu billig.

Linus Reichlin “Das Leuchten in der Ferne”, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04683-0

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[Gastrezension: Susanne] Vea Kaiser “Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam”

Lobeshymnen, die gesungen werden, sind oft tückisch. Bücher, die man “unbedingt lesen muss”, erweisen sich des öfteren als nebenwirkungsfreie Schlafmittel. Filme, die “besser sind als alles, was es je gab”, werden im Kinosessel zu echten Geduldsproben, die zu überstehen man kaum die Nerven hat. Und dann wird’s richtig schwierig, denn wie sag ich’s meinem Freunde, dass sein vollmundig gepriesener Tipp in meinen Augen eine echte Niete war, und man seine Zeit lieber damit zugebracht hätte, die Beine zu enthaaren oder wahlweise mal so richtig ordentlich das Bad zu putzen. Auch wenn’s albern ist: Da werden Freundschaften auf eine harte Probe gestellt und jeder, der schon mal in so einer Situation war, weiß, wie schnell man zum kleinen Feigling mutiert und eben doch nicht ganz so schonungslos sagt, was man wirklich von dem Kitsch-Schmöker oder dem Langeweiler-Streifen gehalten hat.

Dies alles wohl wissend, habe ich wagemutig Vea Kaisers “Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam” in die Hand genommen. Der Grund: Meine bibliophile Chefin hatte hier kurz zuvor das zweite Buch der Autorin “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” so zu Herzen gehend gelobt, dass ich gar nicht anders konnte, als selbst zu schauen, was es mit dieser angeblich so fabuliermächtigen jungen Frau und ihren Schreibkünsten auf sich hat. Rund 500 Seiten lagen da vor mir, und glaubt es oder nicht, ich hatte wirklich so ein bisschen Schiss in der Hose als ich damit angefangen habe. Jetzt, eben diese 500 Seiten später, muss ich über mich selbst lachen, denn es hat keine zehn Seiten gedauert, bis ich da war, wo die Autorin mich haben wollte: Mitten drin in einer anderen Welt, die so lebendig, so nah, so spannend, so lustig, so traurig, so echt war, dass ich selbst Teil dieses Bergbauernvolkes geworden bin und es auch jetzt – nachdem das Buch zugeklappt neben mir liegt – noch immer nicht ganz verlassen habe. Was Vea Kaiser da kreiert, ist ein Panorama, das ich so deutlich sehe, höre, rieche, erlebe als stünde es nicht vor mir, sondern als wäre ich umschlossen von diesem Kosmos, der doch eigentlich nur aus Buchstaben besteht und doch so viel mehr ist als das. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich habe diesen Roman nicht auf sprachliche Finesse, auf clevere Konstruktion oder irgendetwas in der Art untersucht. Ganz einfach, weil ich das in meinem richtigen Leben auch nicht tue. Das passiert einfach und ich passiere sozusagen mit ihm. Und genau dieses Gefühl hatte ich beim Lesen des Buches, das aufgehört hat eines zu sein, weil es meine Welt war für die Stunden, die ich damit auf der Couch, der Wiese, dem Bett, neben dem Herd, im Auto (als Beifahrerin versteht sich) verbracht habe. Sollte es also Klugscheißerchens geben, die in dem Text Logikfehler, Sprachmängel oder was auch immer es so zum Korinthen kacken alles gibt, gefunden haben, so kann ich denen nur entgegnen: Das ist mir piepwurstegal, krümelt ihr alle rum, wie ihr mögt, mein Kuchen war fantastisch und das meine ich in dem doppelten Wortsinn, der in diesem Adjektiv steckt.

Über Vea Kaisers ganz außergewöhnliches Können Geschichten zu erzählen ist, insbesondere im Bezug auf ihr Makarionissi-Buch, vieles gesagt worden. Und da ich das Rad weder neu erfinden kann noch will, möchte ich nur sagen: Glaubt all denen, die diese Fähigkeit loben. Vertraut euren Tippgebern, wenn sie euch berichten, dass Vea Kaiser eine ganz besondere ist, deren Bücher man nicht versäumt haben sollte. Habt keine Angst, enttäuscht zu werden, weil der Lorbeerkranz, den man diesen Geschichten geflochten hat, zu groß sein könnte.

Und bevor ich mich jetzt auf die nächste Kaiser-Reise nach Griechenland begebe, möchte ich nur noch schnell meiner Chefin hier Danke sagen. Ihre Worte sind mitnichten zu schwärmerisch, ihr Lob in keinster Weise zu dick aufgetragen und ihre dringende Empfehlung keine einzige Nummer zu groß gewesen, und deswegen kann ich aus vollster Überzeugung über “Blasmusikpop” nur sagen, was sie über “Makarionissi” schon gesagt hat: kauft es! lest es! staunt! seid glücklich!

Vea Kaiser “Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam”, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 978-3-462-04603-8

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[Gastrezension: Susanne] Arno Geiger “Selbstporträt mit Flusspferd”

Lasst es mich so sagen: Kritik zu üben, dazu braucht es schon eine ganze Portion Mut und Aufrichtigkeit. Mag sein, dass das jetzt nicht die Erkenntnis des Jahrhunderts ist, aber mich trifft sie in diesem Moment doch mitten rein. Ich winde mich, in meinem Kopf formulieren sich die Sätze, von denen ich hoffe, dass ich sie nicht zu Papier bringen werde. Ganz einfach weil sie nicht wahr wären. Und um der Versuchung der Beschwichtigung zu entgehen, sag ich es jetzt ganz schnell, um mir selbst den Rückweg abzuschneiden: Ich habe mit Arno Geigers neuem Buch nicht sehr viel anfangen können. Stellenweise hat es mich gelangweilt und das Ende fand ich sogar peinlich. So, jetzt ist es erstmal raus. Bevor ich begründe, warum es ist, wie es ist, möchte ich gern erklären, wieso es mir solche Schwierigkeiten macht, das zu sagen, was nunmal gesagt werden muss. Geigers Buch über die Geschichte seines an Alzheimer erkrankten Vaters (“Der alte König in seinem Exil”) hat mich in vielerlei Hinsicht schwer beeindruckt. Zum einen Geigers Aufrichtigkeit, dann seine Art mit der Situation umzugehen und nicht zuletzt seine Fähigkeit, das in Worte zu fassen, die den Leser derart berühren als säße er selbst neben dem Sessel des langsam aber unaufhaltsam dahinschwindenden Vaters. Für dieses Buch war und bin ich Geiger sehr dankbar und ich weiß, dass es viele gibt, die genauso denken. Der zweite Grund, der es mir so schwer macht, das eben gehörte Buch ehrlich zu bewerten, ist ein ganz simpler: Mir ist dieser Mensch Arno Geiger, den ich hin und wieder im Fernsehen gesehen habe, so grundsympathisch, sein Auftreten, seine Äußerungen – das alles taugt mir total. Aber leider, leider darf das nicht die Grundlage sein auf der ich das Werk beurteile, um das hier und jetzt geht. Selbst die häufig bemühte Argumentation, das Thema des Buches sei eben keines für den, der es gelesen habe, verfängt in diesem Zusammenhang nicht. Junge Menschen auf der Suche nach ihrem Weg ins Leben interessieren mich nämlich durchaus, und so gesehen habe ich mich auch sehr auf das Buch gefreut.

Enttäuscht hat mich dann allerdings Geigers Art und Weise der Umsetzung. Julian, der Held bzw. Antiheld, bleibt mir so fremd und fern in seiner Larmoyanz, seinem Weltschmerz und vor allem in seiner pausenlosen Selbstreflexion. Kein Handgriff, kein Satz, und seien sie noch so belanglos, der nicht in einen unmittelbaren Zusammenhang zum Großen und Ganzen gestellt wird. Diese Bedeutungsschwere, die auf allem lastet, hat mich gelangweilt und ermüdet, zumal einzelne Gedanken auch wiederholt ausgeführt werden. Und was nun das Flusspferd angeht: Klar, so ein knuffiges Knopfauge schafft natürlich sofort Liebhabe-Punkte. Die Verschränkungen allerdings, die hier zwischen selbstzweifelndem Adoleszent auf der einen und selbstzufriedenem Hippopotamus auf der anderen Seite hergestellt werden, waren mir auf Dauer dann doch zu platt und gewollt. Tiere sind Tiere und Menschen sind Menschen und meiner Meinung nach sind Vergleiche der unterschiedlichen Lebensformen nur sehr sparsam einzusetzen. Geiger macht das Gegenteil und es sich selbst damit ein bisschen zu leicht. Sorry für die Binse, aber: Weniger wäre mal wieder mehr gewesen. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn ein Autor meint, dem Leser fortwährend seine Quintessenzen mit dem Hammer einprügeln zu müssen. Das ist unnötig und außerdem tut’s weh.

Ende der Durchsage. Und wie immer gilt: Wer’s anders sieht, sag mir bitte Bescheid. Ich bin gespannt.

Arno Geiger, “Selbstporträt mit Flusspferd”, Hörbuch gelesen von Adam Nümm, ISBN: 978-3-89903-922-1, Hörbuch Hamburg

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[Gastrezension: Petra] Christine Wallner “Mama Alama”

Der erste Eindruck des Buches ist sehr gut. Der in fröhlichem Orange gestaltete, afrikanisch-angehauchte Buchumschlag ist sehr ansprechend und wird durch die gewählte Schriftart, Fotografien und Design-Bordüren optisch toll abgerundet.

Ich hatte vor einigen Jahren mal “Die weiße Massai” gelesen und war dementsprechend neugierig auf das Thema und das Buch. Christine Wallner wächst in gehobenen, gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Materiell gesehen geht es ihr gut, ihr fehlt es aber an Liebe durch die Eltern, außerdem ist sie von frühester Kindheit an oft krank und körperlich schwach. Sie leidet an einer massiven Hauterkrankung, die ihr nicht nur physisch, sondern auch psychisch sehr zusetzt. Nur bei ihren Großeltern findet sie die so dringend gewünschte Geborgenheit und Wärme.

Früh flüchtet sie sich in ihre Ehe mit Leo, einem erfolgreichen Mann. Doch auch bei ihm ist sie nicht geborgen und angekommen. Sie bringt zwei Kinder zur Welt und beginnt eine schmerzvolle Affäre mit einem verheirateten Mann. Ihre schwere Haukrankheit verschlimmert ihren Gemütszustand zusätzlich, viele Therapien bringen keinen wirklichen Erfolg. Christine Wallner beginnt, sich mit Naturheilkunde zu beschäftigen und reist mit ihren Tochter in entlegene Winkel der Erde, nach Afrika, Tibet und Indien. Eine besondere Leidenschaft bahnt sich ihren Weg, neben dem Interesse an Medizin wächst auch ihre Leidenschaft für Afrika.

Mit 38 Jahren entschließt sich Wallner, ihrem Leben eine vollkommen andere Richtung zu geben und sich für ein Medizinstudium einzuschreiben. Dieses läuft zu Anfang nicht reibungslos, doch Christine Wallner nimmt den Kampf auf, besteht und gründet schließlich ihre eigene Praxis.

Eine Weissagung eines tibetischen Mönches, ein indisches Palmblattorakel und eine Reise nach Kalkutta weisen der Ärztin, mittlerweile 60 geworden, den für sie richtigen Weg. Sie beschließt, Menschen in Tansania zu helfen und baut unter vielen Anstrengungen eine Krankenstation am Kilimandscharo-Massiv auf. 5 Jahre braucht sie, dann hat sie es geschafft. Eine Krankenstation, ein Waisenhaus und mehrere Schulen sind ihr zu verdanken. Tausenden Menschen hat sie medizinisch geholfen, sie bildet aus und bietet Menschen Arbeitsplätze. Ihre Tochter Cornelia folgte ihr nach Momella und unterstützt ihre Mutter bei ihrer wichtigen Arbeit, zu der auch ein Hilfsprojekt gehört.

Christine Wallner ist eine unglaublich starke Frau, sie hat meine tiefste Bewunderung. Ihre Lebensgeschichte ist der Beweis dafür, was Menschen leisten können, auch wenn ihnen in ihrem Leben viele Steine in den Weg gelegt werden.

Ich kann das Buch durchaus empfehlen, wenn man sich für die Thematik interessiert. Es ist leicht und anschaulich geschrieben. Mich persönlich hat es leider nicht besonders in den Bann gezogen.

Vielen Dank an die Bibliophilin für die Zusendung des Buches.

“Mama Alama – Die weiße Heilerin” von Christine Wallner, orell füssli-Verlag, 2014; ISBN: 978-3-280-05539-7

Christine Wallner, Doktortitel in Jura und Medizin, wurde 1945 in Wien/Österreich geboren und Gründerin des Hilfsprojekts “africaaminialama” (übersetzt: Afrika, ich glaube an Dich); Lukas Lessing fungiert als Co-Autor.

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