[Gastrezension: Susanne] T. C. Boyle “Hart auf Hart”

Boyle_24737_MR.inddKnallhart – ein Wort genügt als Überschrift. Clever wie der Hanser Verlag damit auf dem Buchcover spielt: In Megalettern prangt da “Boyle” neben “Hart” und um zu “hard boiled” zu gelangen, muss nicht mal eine Synapse im Hirn neu verschaltet werden, das geht quasi in einem Aufwasch. Nicht subtil, nicht versteckt, nicht angedeutet, sondern knallhart geht’s zur Sache. Hier wird ordentlich abgeknallt und zwar von einem nicht weniger ordentlich Durchgeknalltem. Das allein würde allerdings noch keine gute Geschichte ergeben. Dazu braucht es schon einen Berseker wie Boyle, der einen durch jede Szene durchpeitscht – gnadenlos, atemlos und hemmungslos. Eine derartige Ausgeburt an Atmosphäre kann dieser Amerikaner liefern, dass einem wirklich die Luft wegbleibt. Wenn da trägdösige Oldies in einem miefig-stickig-schwitzigen Bus durch Costa Rica geschaukelt werden, läuft einem der klebrige Schweiß beim Lesen über den Rücken und staut sich zwischen den Oberschenkeln, wird einem übel vom eigenen Mundgeruch und – würde es einem gelingen, das Buch zur Seite zu legen, was es nicht tut – will man zum Kühlschrank hechten, auf der Suche nach kalten Getränken, um die ausgedörrten Schleimhäute zu befeuchten. Wäre es nicht so eine schauerlich-prickelnde Lust, sich diesen oft auch unangenehmen Empfindungen hinzugeben, müsste man besorgt darüber sein, wie spielend leicht es diesem Autor gelingt, sein Gegenüber mit nichts als dem geschriebenen Wort so zu infizieren. Selbst die krankesten, krudesten Gedankengänge der Protagonisten, allen voran der autistisch-schizoide Adam, kommen Seite für Seite näher, diffundieren beinahe von den Buchseiten ins Leserinnere. Da ist eine Wucht in den Wörtern, eine Spannung in den Sätzen und eine Kraft in den Kapiteln – zum Niederknien. Man weiß, wie diese irre Geschichte ausgehen wird. So what? Man hechelt dem Ende trotz alledem entgegen, rast und stolpert mit Adam respektive Coler durch dichte Wälder und eisige Flüsse, drückt das Gaspedal bis zum Anschlag durch, wälzt sich in schmutzigen Betten, zerrt an fettigen Hähnchenkeulen und pfeift sich Substanzen aller Art und Unart durch den Blutkreislauf. Wäre T.C. Boyles Roman ein Kinofilm, es wäre einer in 3-D mit Dolby-Super-Surrround. Neben aller Atmosphäre geht es dem Autor erfreulicherweise auch noch um ein ganz bestimmtes Thema: Freiheit versus Demokratie. Wobei man ehrlicherweise zugeben muss, dass hier die boylesche Originalität nicht das höchste Niveau erreicht. Ich kann mich erinnern, darüber schon in dem einen oder anderen Roman eines amerikanischen Autors gelesen zu haben. Aber, was soll das Gemaule, T. C. Boyle hätte das Zeug dazu, sogar die Apotheken-Umschau zu einem Fingernägelknabber-Thriller zu machen.

T. C. Boyle, “Hart auf Hart”, Hanser Verlag, ISBN 978-3446247376

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[Gastrezension: Susanne] Ayelet Gundar-Goshen “Löwen wecken”

Loewen weckenWegen Büchern wie diesem lese ich. “Löwen wecken” hat so ziemlich alles, was ich mir wünsche, wenn ich ein Buch zur Hand nehme. Keinesfalls würde ich Schokoladenprodukte mit Literatur vergleichen (warum eigentlich nicht?), aber mir drängt sich einfach dieser Spruch auf, den ich unweigerlich mit Überraschungseiern in Verbindung bringe. Wenn nämlich der wonneproppige Junge seine Mutter bittet, sie möge ihm doch von ihrem Einkauf “was ganz doll Spannendes, oder was zum Spielen oder Schokolade” mitbringen. Was für ein Glück, dass eben jenes Ü-Ei auf wundersame Weise alle drei Wünsche in einem erfüllen kann. So gesehen ist Ayelet Gundar-Goshen für mich die Mutter, die mich mit ihrem Buch ebenfalls zum Strahlen gebracht hat.

Wo anfangen? Da ist zunächst einmal eine Handlung, die es spielend mit jedem guten Thriller aufnehmen kann. Gleich zu Beginn wird die Hauptperson Etan Grien aus eigenem Verschulden in einen Abgrund gerissen, aus dem es kein Entkommen geben kann. Das ist allerdings nur der Beginn des Horrortripps. Einer Schraube gleich jagt die Autorin ihren Protagonisten in schnell aufeinanderfolgenden Windungen und Wendungen immer tiefer in einen Morast aus Lug, Betrug und Verzweiflung. Parallel zur Handlung kann der Leser Etans innere Kämpfe beobachten. Ach, was sage ich beobachten… Der Leser selbst leidet unter Atemnot, spürt die Schlinge um den Hals und blättert mit schwitzigen Fingern die Seiten um in der Hoffnung auf Erlösung, die ihm ebenso wie dem Protagonisten verwehrt bleibt. Unglaublich dicht ist die Atmosphäre von Beginn an und bleibt es bis zur letzten Seite. Ayelet Gundar-Goshen ist Psychologin und diesen Trumpf spielt sie gekonnt aus. Ein echtes Pfund mit dem sie da wuchern kann und es zur Freude des Lesers auch tut. Sie macht es sich dabei nicht leicht: Ihr Personal besteht aus echten Menschen. Weder gibt es den good guy noch den bad guy. Alle tragen alles in sich, sind Helden und Versager, handeln moralisch und amoralisch und – ganz wichtig – müssen erkennen, dass sie nicht die sind, für die sie sich halten. Nicht minder bemerkenswert ist Ayelet Gundar-Goshens Sprachmacht. Dabei reicht ihre Palette von feingesponnenen, poetischen Beschreibungen bis hin zu eiskalten, knüppelharten Feststellungen. Diese Frau hat für jede Situation die passende Begleitmusik. Und weil sich das alles nicht irgendwo auf der grünen Wiese abspielt, sondern mitten in Israel, bekommt der Leser auch noch einen enorm kenntnisreichen Einblick in eine Welt, die vielen sicher weitgehend unbekannt ist. Einwanderung, Illegale, Rassismus, Drogen, Korruption, Armut – die Autorin kennt ihre Heimat und ist weit davon entfernt, sie romantisch zu verklären.

Ayelet Gundar-Goshen, dieser Name geht mir nicht so leicht über die Lippen, ist ein bisschen sperrig und nicht einfach zu merken. Mein Pech, da werde ich mich wohl anstrengen müssen, weil ich nach diesem großartigen Roman den nächsten von ihr auf keinen Fall versäumen möchte.

Ayelet Gundar-Goshen, “Löwen wecken”, Kein & Aber Verlag, ISBN 9783036957142

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[Gastrezension: Svenja Hirsch] “Die Sache mit dem Dezember” von Donald Ryan

Die Sache mit dem Dezember_Donald Ryan„Warum wollte Gott, dass er dieses triste Elend weiter aushielt? Pfarrer Cotter sagte: Gott hat einen Plan für uns alle. Danke, lieber Gott, für diesen tollen Plan!“

Johnsey ist dick, doof und bezeichnet sich selbst als kompletten Vollidioten. Entsprechend bekommt er schon zu Schulzeiten eine Reihe von Hänseleien und noch viel fieseren Mätzchen um die Ohren gehauen und zieht sich immer mehr in sein Elternhaus zurück. Doch was, wenn selbst hier auf einmal niemand mehr ist?

Ich schicke vorweg, dass ich ein absoluter Irland-Liebhaber bin und genau hier spielt auch die Geschichte um Johnsey. Als ich angefangen habe zu lesen, musste ich bei ihm aber mehr an einen typischen Antihelden aus amerikanischen Romanen denken. Trottelig, gemobbt, dennoch absolut liebenswert und durch den plötzlichen Tod beider Elternteile auf einmal mutterseelenallein: Diesem Menschen muss doch jetzt etwas Gutes passieren! Oder?

Donald Ryan, Autor von „Die Sache mit dem Dezember“ und ebenfalls aus Irland, hat sich eine sehr passende Art und Weise des Erzählens gesucht: Es sind die Gedanken Johnseys, die den Leser durch ein ganzes Jahr in Johnseys Leben führen. Sie erzählen so einfach wie der Charakter selbst, voll selbstvernichtenden Witzes und sich immer wieder um sich selbst drehend. Und da sitze ich nun, verschlinge eine Seite nach der nächsten, weil sie alle so wunderschön einfach weg zu lesen sind, lache über jedes Aufblitzen von bösem Sarkasmus und warte, dass Johnsey endlich etwas Gutes passiert. Aber der geht bloß jeden Tag zur Arbeit, einem jämmerlichen Lagerjob und wird wieder gemobbt, weil er das Anwesen seiner Eltern nicht verkauft. Das Grundstück aber wird auf einen sehr hohen Wert geschätzt und soll der Wirtschaft dienen, alle um ihn herum haben schon verkauft. Doch Johnsey will nicht und bekommt dafür eins auf die Fresse. Diesmal so richtig mit Krankenhaus und allem, was dazu gehört!

Ich lese weiter und merke, dass genau jetzt die Rettung für Johnsey einsetzt, ja! Er findet Freunde! Im Bett, im Krankenhaus! Und es fängt an, mich regelrecht zu nerven, dass Johnsey sich immer noch als Deppen bezeichnet und fragt, warum er mit einem so taffen Vater und einer lieben Mutter bloß selbst so ein Loser werden konnte. „Jetzt halt doch mal die Luft an, Johnsey!“, denke ich und lese trotzdem weiter.

Über Gier auf dem Dorf. Wie Medien es schaffen, aus einem trotteligen Jungen einen Raffzahn zu machen. Über Freundschaft und über etwas absurde Liebschaften durchaus auch. Am Meisten aber über den Zweifel, den Selbstzweifel, der, egal wie viel Gutes passiert, immer da ist. Johnsey, der jedes gute Ereignis hinterfragt, es sich selbst kaputt macht und kaum Selbstbewusstsein aufbaut. Das ist nun so gar nicht amerikanisch, nein. Aber ziemlich gut gelungen! Denn es bleibt bei der Wahrheit und die Wahrheit ist, dass Johnsey eben der ist, der er ist. Dass sich kein Mensch in kurzer Zeit um 180° wenden kann und kleine Schritte auch ganz große sein können. Man muss (auch als Leser) bloß bemerken! „Die Sache mit dem Dezember“ ist ein bodenständiger, scharfzüngiger Roman, der mich fast wahnsinnig gemacht hat und den ich dafür nur loben kann. Eben typisch irisch.

verfasst von Svenja Hirsch

Donald Ryan: „Die Sache mit dem Dezember“, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-06927-3

 

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[Gastrezension: Ann] Mario Giordano: 1000 Gefühle für die es keinen Namen gibt

1000 Gefuehle_Mario GiordanoIch muss schmunzeln. Gefühl Nummer 193 liegt erst drei Tage zurück und ich hatte wirklich nicht erwartet es in dieser Form wiederzufinden. Aber ich beginne von vorne:

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb in seinem 1922 erschienen Tractatus logico-philosophicus, „wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“. Gefühle gehören zu diesen schwer aussprechbaren Dingen und das in vielfältiger Form und Weise, ob taktil, visuell, olfaktorisch oder auditiv. Mario Giordano jedenfalls schwieg nicht, versuchte es trotzdem und beschreibt sie in seinem gleichnamigen Buch 1000 Gefühle für die es keinen Namen gibt.

Der erste Eindruck ist erstmal von schlichter Natur: ein schnörkelloses graues Buch (Grau soll als Farbe ja angeblich keine bestimmten Gefühle hervorrufen) mit zwei Lesebändchen in Grau und Rot. Anstelle eines Vorwortes gibt es vom Autoren selbst einen „Vorschlag zum Gebrauch“.

„Für Zuhause und unterwegs.
Stöbern. Und Gefühle entdecken.
(Bitte das Register beachten.)
Sich erinnern.
Gefühle neu zusammensetzen.
Zahl zwischen 1 und 1000 wählen.
Nachschlagen. Als Tagesorakel verwenden.
Top-Ten-Liste der Lieblingsgefühle bilden.
Selber welche machen.
Sofort aufschreiben. (Fluchtgefahr!)
Gefühle mit anderen teilen.“

Ich halte hier kein ‚normales‘ Buch in den Händen, das ist von vornherein klar. Nüchtern gesehen ist Giordanos Buch nur eine Auflistung verschiedenster Gefühle, die nummeriert nacheinander präsentiert werden, eben von 1 bis 1000. Doch die Gefühle bleiben nicht alleine stehen. Zu ihnen gehören kleine Beschreibungen, die aus nicht mehr als zwei bis drei Sätzen bestehen. Beschrieben sind zum Teil seltsame Gefühle, die jeder kennt, z.B. „16…Die Eifersucht auf den gesegneten Schlaf deines Lebenspartners“ oder aber auch „20…Die kindliche Freude über den ersten Schnee“. Die ausgelösten Erinnerungen führen bei mir zu einvernehmenden Kopfnicken und bei Nummer 35 habe ich wirklich das Gefühl, dass mir die Sonne auf die nackten Füße streicht. Und das mitten im grauen Februarwetter und dicken Socken! Beim Lesen von Giordanos Buch entstehen unweigerlich Bilder im Kopf, von Gefühlen die jeder schon mal hatte („172…Die Befürchtung, dass jeder deinen Achselschweiß riechen kann“) bis hin zu den ‚großen Empfindungen‘ („184…Die Verlorenheit im Universum“). Mario Giordano zeigt dabei eine gute Beobachtungsgabe in der Ergründung von Gefühlen. Um diese beschreiben zu können muss man vor allem anderen erst mal ehrlich zu sich selbst sein. Diese Offenheit meistert er mit Bravur. Die genannten Gefühle sind dabei aber keineswegs rein subjektiver Art, sondern machen viel mehr deutlich wie sehr uns doch die seltsamsten Emotionen miteinander verbinden. Uns zu Menschen machen die ab und an Dinge empfinden, die nicht so einfach festzuhalten und mit Worten darstellbar sind. Giordano zeichnet sozusagen mit Worten, was sonst nur durch chemische Vorgänge in unserem Körper passiert.

Stilistisch sind die basalen Gefühle wie Angst, Sehnsucht, Wut etc. durch die Schriftgröße hervorgehoben, manchen Gefühlen wird sogar eine eigene Seite eingeräumt und dabei entfalten sie eine ganz besondere Wirkung beim Lesen.

Im nachfolgenden „Register der Gefühle“ lassen sich dann Gefühlsthemen nachschlagen. Im Grunde genommen widerspricht Giordano damit seinem Titel und findet dennoch Bezeichnungskategorien für die zuvor beschriebenen Gefühle.

Doch warum muss es für Gefühle einen Namen geben und wenn es diesen gibt, wem nutzt er? Goethe schreibt im Faust I: „Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch“. In diesem Sinne muss wohl jeder Leser selbst entscheiden ob und inwiefern das Buch einen Sinn und Zweck erfüllt. Eine kleine unterhaltsame bis sehnsüchtige Flucht aus dem Alltag bietet es allemal. Kurz gesagt: ein Sammelsurium das Spaß macht. Das Buch verführt zum Durchblättern, Vorlesen und Wiedererleben. Zugleich verändert es aber auch die Wahrnehmung des Alltags. Mario Giordanos 1000 Gefühle für die es keinen Namen gibt, geben mir den Anstoß so manche Dinge wieder gefühlsmäßig zu erinnern. Wie etwa Nummer 193 vom letzten Wochenende: „Die Wut, wenn dir der simple Marmorkuchen für Sonntag missglückt ist“.

Mario Giordano, „1000 Gefühle für die es keinen Namen gibt“, Berlin Verlag, ISBN 978-3-8270-1124-4

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[Gastrezension: Susanne] Jutta Reichelt “Wiederholte Verdächtigungen”

KLM_151_LAY_Reichelt.inddHeute möchte ich erstmal zu einem Rundumschlag ausholen. Zu einem Dankes-Rundumschlag. An erster Stelle möchte ich mich bei den vielen Literatur-Bloggern bedanken, die sich eine Menge Mühe machen (meistens für Gotteslohn, wie ich annehme), um neugierigen www-Rumstrawanzern wie mir, immer wieder interessante und oft auch inspirierende Einblicke in ihren Lesealltag zu ermöglichen (und die – nur nebenbei bemerkt – auch schuld daran sind, dass meine Bücherberge stetig wachsen und ich immer weniger Zeit für meinen vierbeinigen Freund Ronny Rübennase und sein Bedürfnis nach ausgiebigen Gassi-Touren habe, schließlich kann ich meine Bücher nicht so lange allein lassen).

Ganz speziell möchte ich der Bibliophilin Danke sagen. Schließlich hat mit ihr alles begonnen. Durch sie weiß ich auch, dass so ein Blog, wenn man die Sache ernst nimmt, einem Schwackel-Dackel wie ich ihn habe gar nicht so unähnlich ist. Beide wollen ordentlich gepflegt sein, beanspruchen Zeit und die regelmäßige Fütterung (hier Beiträge, da Schmackofatzos) ist existenziell wichtig. Vieles läuft da im Hintergrund ab, und das alles mal ordentlich zu loben, ist mir ein Bedürfnis. Darüberhinaus versorgt mich die Blog-Inhaberin unermüdlich mit Lesestoff, lässt mir aber auch jede Menge Spielraum, um als Gastrezensentin eine eigene Auswahl zu treffen. Ganz abgesehen davon, dass sie meine Ergüsse auch immer wieder ohne Komplikationen veröffentlicht, ohne Gemurre, ohne Klugscheißereien und ohne nervtötende Diskussionen über Inhalt und Form. Was soll ich sagen: Als Blog-Chefin ist sie echt eine Wucht und ich kann sie als “Arbeitgeberin” wirklich nur wärmstens empfehlen.

An dritter Stelle möchte ich mich im Fall des nun gleich im Anschluss zu besprechenden Buches bei zwei anderen Bloggerinnen bedanken, die ich nicht kenne, auf deren Seiten ich aber oft zu Gast bin, um mich an ihren Rezensionen zu erfreuen und durch die ich auf dieses Buch gestoßen bin: Danke also an Anna und Maren für die Fährte, die ihr ausgelegt habt und der ich sehr gerne gefolgt bin.

So und jetzt wirklich mein letzter Dank, und der geht an die Autorin von “Wiederholte Verdächtigungen”, an Jutta Reichelt. Vielen Dank für eine Geschichte, die mich mit dem ersten Satz reingezogen und erst nach dem letzten wieder ausgespuckt hat. Aber weil’s ohne Gemaule nicht geht: Ein bisschen sauer war ich schon, dass ich nicht noch länger bei Katharina und Christoph (die beiden Hauptdarsteller des Romans) in Bremen bleiben durfte. Zu gerne hätte ich noch stunden-, ach was sage ich tagelang, Mäuschen gespielt und unterm Küchentisch den beiden beim Leben zugeschaut. Das hätte ich deshalb so gern getan, weil Jutta Reichelt die frappierende Fähigkeit hat, mit wenigen Worten Menschen zu erschreiben, von denen ich permanent den Eindruck hatte, sie zu kennen und zwar richtig mit allem Piff und Paff. Ich hab quasi nicht über sie gelesen, ich habe sie gesehen, gehört, gerochen und – kein Scheiß – immer, wenn die beiden Kaffee oder Tee getrunken haben (und das tun die oft), hatte ich das beinahe unbezwingbare Verlangen, sie auch um eine Tasse zu bitten. Von den gerauchten Zigaretten gar nicht zu reden. Und dabei kann ich nicht einmal so genau ergründen, wie die Autorin es schafft, diese beinahe körperliche Nähe herzustellen. Im Grunde sieht es ganz einfach aus: Jutta Reichelt beobachtet unfassbar gut, kann diese Beobachtungen eins zu eins in Sprache überführen und hat offenbar ein untrügliches Gespür dafür, wann es genug ist (eine Tugend, die man nicht hoch genug schätzen kann). Und obwohl Schauplatz, Protagonisten und Handlung genau genommen ziemlich unspektakulär sind, hatte ich beim Lesen so ein Thriller-Feeling, das ich nicht vermutet hätte bei einem so netten, harmlosen, jungen Vorstadt-Pärchen. Auch da beweist die Autorin sicheres Fingerspitzengefühl: Kaum wird der Leser aus einem Spannungsbogen entlassen, bleibt ihm nur ganz kurz Zeit zum Luft holen, bevor sich die Handlung suspensemäßig in die nächste Kurve legt. Jutta Reichelt hat mich jedenfalls ziemlich angefixt mit ihren “Wiederholten Verdächtigungen”, und wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, dann würde ich Katharina und Christoph gerne wieder treffen. Ich hab nämlich den Verdacht, dass mir die beiden fehlen werden.

Jutta Reichelt, “Wiederholte Verdächtigungen”, Klöpfer & Meyer Verlag, ISBN 978-3863510930

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[Gastrezension: Susanne] Christian Frommert “Dann iss halt was!”: Meine Magersucht – wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe

Dann iss halt was von Christian FrommertWenn ich einfach sagen würde, dass ich allerschwerstens beeindruckt bin von diesem Buch, dann träfe das den Nagel auf den Kopf. Klar, substantiell wäre es nicht. Darum also Butter bei die Fische: Dieses Buch hat mich deswegen so umgehauen, weil hier ein Mann (noch dazu einer, der in bestimmten Kreisen ein durchaus bekannter ist) so derart ehrlich ist, dass es einen manchmal schon schmerzt. Christian Frommert lässt die Hosen runter was sein Leben, seine Krankheit, seine Hochs und vor allem seine Tiefs betrifft, dass ich davor nur den Hut ziehen kann. Nennt mich naiv, aber ich glaube diesem Mann jedes Wort, das er schreibt und dabei ist mir völlig klar, dass hier ein Profi in Sachen Kommunikation am Werk ist und dass da natürlich immer größte Vorsicht geboten ist. Trotzdem: Christian Frommert kommt in Christian Frommerts Biografie nicht allzu gut weg. Er beschreibt sich als Mann, so wie ein Mann nicht will, dass er gesehen wird. Und das gelingt ihm auch noch völlig jammerfrei, ohne Mitleidsheischversuche und Anklagen gegenüber Dritten. So objektiv wie es einem nur möglich ist, der selbst das Subjekt seiner Schilderung ist, beschreibt er seinen Weg in die Krankheit und die damit verbundene Pein und Peinlichkeiten. Nichts lässt er aus, schont weder sich noch seine Leser. Magersucht – davon kann nur glaubhaft berichten, wer dieses allesbeherrschende Monster in sein Leben gelassen hat, um ihm die Regie voll und ganz zu überlassen. Frommert hat sein Monster Anna genannt (in Anlehnung an die Bezeichnung der Krankheit: Anorexie). Anna okkupiert Christian und dieser ist nicht Manns genug, sich ihrer zu erwehren, sie aus seinem Leben zu werfen. Er kämpft, er verliert, ist dem Tod nahe, steht wieder auf, tritt erneut gegen sie an, erringt kleine Etappensiege, weiß aber, dass Anna weiterhin nur darauf wartet, wieder die Oberhand über seine Handeln und Fühlen zu gewinnen. Christian Frommert ist noch nicht über den Berg, das ist ihm bewusst. Nichtsdestotrotz hat er aufgeschrieben, was bisher geschah. Betroffene werden sich widererkennen, hilflos Danebenstehende werden eher verstehen, wie Menschen ticken, die lieber ihr Leben riskieren, als in ein Butterbrot zu beißen. Psychische Erkrankungen haben – abgesehen von all den Qualen, die sie den Patienten selbst zufügen – immer auch die zusätzliche Erschwernis, dass Nichtbetroffene nie wirklich nachempfinden können, wieso ein Mensch beispielsweise das Essen radikal verweigert, zwanghaft Stunden unter der Dusche verbringt, schon beim Aufwachen scheinbar grundlos das heulende Elend bekommt oder Todesangst in einem tadellos funktionierenden Aufzug erleidet. Deswegen sind solche Berichte, vor allem solche, die nichts beschönigen, so wichtig. Frommerts Buch ist ein Segen für viele. Dass es daneben auch noch unglaublich flüssig, sogar unterhaltsam, stellenweise regelrecht humorvoll geschrieben ist, sind zusätzliche Pluspunkte. Die Lektüre ein Gewinn auf ganzer Linie.

Christian Frommert, “Dann iss halt was!”: Meine Magersucht – wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe, Mosaik Verlag, ISBN 978-3442392469

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[Gastrezension: Susanne] Esther Gerritsen “Mutters letzte Worte”

Mutters letzte Worte_GerritsenDieses Buch bringt mich wirklich in die Bredouille. Kann man einen Roman empfehlen, den man über weite Strecken gern gelesen hat, dessen Charaktere einem – mit Abstrichen zwar aber immerhin weitgehend – nahe gekommen sind, dessen Handlung einen gepackt hat, obwohl man etwas anderes erwartet hatte, dessen “Schreibe” einem aufgrund ihrer Nüchternheit getaugt hat, den man aber – und das ist der eigentliche Knackpunkt – zugegebenermaßen nicht so ganz verstanden hat? Also ich habe mich entschieden, es zu riskieren, will aber ganz deutlich und ausdrücklich sagen, dass ich auch diejenigen verstehen kann, die mit dieser Story und ihrer literarischen Umsetzung nichts anfangen können. Oder um es kurz zu machen: Auf die Frage “Soll man dieses Buch lesen”, kann ich mit einem entschiedenen “Jein!” antworten. Auch auf die Gefahr hin, dass diese Aussage für all diejenigen, die diese Rezension lesen, nicht so richtig hilfreich ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Ambivalenz, die ich während der Lektüre empfunden habe, klar zum Ausdruck zu bringen.

Esther Gerritsen hat sich ein Thema vorgenommen, das nicht gerade selten vorkommt. Ein Mutter-Tochter-Konflikt, der im Angesicht des nahen Todes der Mutter, eine neue Entwicklung erfährt. Wer jetzt allerdings erwartet, dass die beiden Frauen in der Lage sind, sich wirklich näher zu kommen, der hat sich verspekuliert. Im Grund bleiben beide, was sie ein Leben lang waren: Solitäre Wesen, denen es selbst in dieser existentiellen Lebenssituation nicht möglich ist, Nähe aufzubauen, miteinander zu sprechen, ihre Rollenmuster zu verlassen und dadurch einen wahrhaftigen Austausch zu ermöglichen. Wie zwei Planeten kreisen sie im Weltall weit entfernt voneinander und werden sich nie tatsächlich begegnen, geschweige denn berühren. Eine Frage, auf die ich bis zum Schluss keine rechte Antwort gefunden habe, ist, ob die beiden Frauen das überhaupt wollten. Ganz grundsätzlich bin ich, was die Motivlage einiger handelnden Personen angeht, doch ziemlich ratlos geblieben. Klasse hingegen ist die Fähigkeit der Autorin, die Kälte, die unter anderem zwischen Mutter und Tochter herrscht, sprachlich entsprechend wiederzugeben. Einfache Sätze, Handkantenschlägen nicht unähnlich, zeigen Distanziertheit und Gefühllosigkeit in Vollendung. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass, obwohl der Plot es nahelegen würde, hier sicher niemand in Tränen ausbrechen wird. Nie war Rührseligkeit bei einer derartigen Geschichte ferner als bei Esther Gerritsen. Eine Fähigkeit, die gekonnt sein will.

Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Buch gemacht? Das würde mich interessieren.

Esther Gerritsen, “Mutters letzte Worte”, Berlin Verlag, ISBN 978-3827011602

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[Gastrezension: Susanne] Noah Hawley “Der Vater des Attentäters”

Hawley_DerVaterdesAttentaeters_RZ.indd400 Seiten, die runtergelaufen sind wie Öl. Routiniert erzählt Noah Hawley die Geschichte eines Mannes, dem passiert, was sicherlich zum schlimmsten gehört, was einem Menschen widerfahren kann. Der eigene Sohn ein Mörder – schlimmer geht’s nimmer. Ein dankbarer Plot also, handlungstechnisch gesehen “a gmahde Wiesn” wie man in Bayern so sagt. Wörtlich übersetzt bedeutet diese Redewendung “eine gemähte Wiese” und will zum Ausdruck bringen, dass etwas keine Mühe macht, sich sozusagen von allein erledigt, ein garantierter Selbstläufer wenn man so will. In diesem Thema steckt ein wahres Füllhorn an literarischen Bearbeitungsmöglichkeiten: Spannung, psychologische Auslotung, Beziehungsgeflechte, Schuldfragen usw. usw. Allein – für einen wirklich guten Roman braucht es mehr als nur vermeintlich gute Parameter. Einen Autor nämlich, der sich nicht allein darauf verlässt, sondern der diesem Thema, das wahrlich nicht neu ist, seinen eigenen Stempel aufdrückt. Einen, der Gedanken denkt, die nicht schon tausendmal vorher gedacht wurden; Szenen erschafft, die nicht vorhersehbar sind wie das Happy-End in einer Liebeskomödie; Charaktere zeichnet, die wirklich in die Tiefe gehen und es nicht nur vorgeben; Erkenntnisse aufzeigt, die weiter reichen als sie in jedem “Psychologie-Ratgeber für Anfänger” zu finden sind. Noah Hawley ist, so leid es mir tut, nicht dieser Autor. Wie gesagt, der Mann hat Schreib-Routine und die spürt man auf jeder Seite. Klar strukturiert erzählt er die Geschichte von Vater und Sohn, streut hin und wieder Umwege ein, die sich allesamt – wie könnte es anders sein – als Sackgassen erweisen, und lässt auch gerne mal seine Protagonisten innere Monologe führen, das gehört sich schließlich so. Da versteht einer sein Handwerk und denkt, damit sei es getan. Literatur, gute zumindest, ist aber mehr als Fingerfertigkeit und gutes Werkzeug. Die Personen müssen einem – ob auf angenehme oder unangenehme Weise – auf den Leib rücken, deren Gedanken und Gefühle in den Leser einsickern und ihn besetzen, als wäre es seine eigene Welt, die er da vorfindet in den gedruckten Buchstaben, Sätzen und Kapiteln. Die Spannung muss sich übertragen, es reicht nicht, quasi ein Plakat aufzuhängen, auf dem in Riesen-Lettern das Wort “Achtung!” geschrieben steht. Knistern und Kribbeln lässt sich nicht anordnen, es muss unwillkürlich und überfallartig kommen, nur dann ist es echt. Echtheit ist ohnehin das Stichwort. Genau daran mangelt es dieser Geschichte und den handelnden Personen. Für mich sind sie allesamt Pappkameraden geblieben, denen man ein Schild umgehängt hat, auf dem ihr jeweiliger Charakter beschrieben ist: einsamer Sohn auf der Suche, der mit dem Leben nicht zurechtkommt; verzweifelter Vater, der mit Schuldgefühlen zu kämpfen hat; verständnisvolle neue Partnerin, die geduldig alles erträgt. Statt Menschen aus Fleisch und Blut präsentiert Hawley Schablonen, hübsch anzusehen zwar nur leider ziemlich leblos.
Auf diese Weise waren die 400 Seiten schnell weggelesen, literarisches Fast-Food, das nur auf die Schnelle den Appetit befriedigt, ansonsten aber wenig Substanz hinterlässt, von einem öligen Geschmack im Gaumen einmal abgesehen.

Eine andere Meinung zum Buch findet Ihr hier.

Noah Hawley, “Der Vater des Attentäters”, Nagel & Kimche Verlag, ISBN 978-3312006038

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[Gastrezension: Susanne] James Salter “In der Wand”

James Salter_In der WandBeinahe so lange wie ich lese, stelle ich mir die Frage, was es eigentlich ist, was mich an einem Roman fesselt. Sehr grob unterteilt gibt es ja zwei Arten von Geschichten: Da sind auf der einen Seite die, in denen man sich, seine Gedanken- und Gefühlswelt wiedererkennt. Die Erzählungen also, bei denen man immer wieder mit dem Kopf nickt und denkt, “Ja genau, das kenne ich, so ist das bei mir auch”. Da handelt einer, denkt nach und spürt dieses und jenes und man hat als Leser das Gefühl, dass da ein Autor seine Figur zwar Hans oder Jack, Maria oder Michelle nennt, in Wirklichkeit aber mich meint, weil er scheinbar in mich reinsehen kann und mich beinahe besser kennt als ich mich selbst. Auf der anderen Seite sind da die Geschichten, in denen ich nicht mich selbst, sondern völlig neue Welten – äußere und innere – kennenlerne. Da ist die Reaktion beim Lesen dann eher: “Wow, dass es sowas gibt! Unglaublich! Das ist ja interessant. Super, dass mir das jetzt mal jemand erzählt hat.” Um auf meine eingangs gestellte Frage zurückzukommen, welche Geschichten es denn nun sind, die ich lieber mag: Sorry, jetzts wirds banal und binsenweisheitlich, aber die Mischung macht’s. Es hängt einfach von meiner Stimmung ab, ob ich mich gerade eher zu der einen oder der anderen Sorte von Geschichten hingezogen fühle. Das Gute ist ja, dass es beide in rauen Mengen gibt und man sich deshalb ja auch nicht ultimativ entscheiden muss.
James Salters Roman “In der Wand” aus dem Jahr 1979 würde, das habe ich sehr schnell nach dem Lesen des Klappentextes gewusst, einer von der zweiten Kategorie sein. Mir also eine Welt zeigen, die mir fremd ist, die mich aber grundsätzlich interessiert, vielleicht genau deshalb, weil ich so meilenweit davon entfernt bin. Wie der Titel ja bereits nahelegt, geht es darin um Berge, um Klettern, um Herausforderungen und Katastrophen, die sich beinahe zwangsläufig ereignen, wenn man derartige Risiken eingeht, wie Extremkletterer es nunmal oft tun. Sicherheitshalber will ich nochmal klarstellen, dass in mir nicht der Hauch eines derartigen Menschenschlags wohnt. Als vertiable Couchkartoffel habe ich meinen Körper noch nie nach körperlicher Ertüchtigung schreien hören. Was das angeht ist er – im Gegenteil – ein sehr genügsamer Kamerad und beschwert sich nie darüber, dass er zu lange pflunzend auf dem Kanapee ausharren muss. Und was meinen Kopf angeht, auch der verhält sich erstaunlich ruhig, wenn es darum geht, Risiken zu suchen, Gefahren einzugehen, oder um es neudeutsch auszudrücken: “den ultimativen Kick, den Flow, das Grenzenüberschreiten” steht einfach nicht auf meiner “Must-do-Liste”. Mein Adrenalinspiegel wird schon ausreichend in die Höhe getrieben, wenn ich im Münchner Feierabendverkehr von Schwabing nach Ramersdorf fahren und dort dann auch noch einen Parkplatz finden muss.
Jetzt aber endlich wieder zu James Salters Roman. Leidenschaft, die zur Besessenheit wird; Einsamkeit, die weh tut, Freundschaft, die existentiell ist – alles das packt der Autor in eine Handlung, die so viel mehr erzählt als nur das Bezwingen von Gipfeln. Soll heißen: Salter erzählt zur gleichen Zeit zwei Geschichten in einer. Und das tut er so, dass man als Leser an beiden gleichermaßen interessiert ist. Dabei gelingt es ihm sprachlich ganz wunderbar eine sozusagen unsichtbare Verbindung zwischen beiden Erzählsträngen herzustellen. Drängend und fesselnd wird die äußere Handlung vorangetrieben hin zu einem Höhepunkt, der – man ahnt es bald – im Grunde die Seele weit mehr berühren und erschüttern wird als den Körper, der ja im Laufe der Zeit gelernt hat einiges einzustecken. Scheitern an einem Berg, Scheitern im Leben – beides hängt zusammen, und Salter lässt keinen Zweifel daran, worum es ihm tatsächlich geht. Menschen, die sich gerne an Seile geknotet in steile Bergmassive krallen, werden Salters packende Beschreibungen lieben. Menschen, die auf der Suche nach dem Gipfel ihres Lebens harte Prüfungen bestehen müssen, ebenso. Zur Zeit wird vielerorts über James Salters jüngere Romane “Alles, was ist”, “Lichtjahre” und “Jäger” diskutiert, zumeist mit viel Lob und Anerkennung. Nach der Lektüre seines über 35 Jahre alten Romans kann ich mir gut vorstellen, dass diese positiven Bewertungen durchaus gerechtfertigt sind. Jedenfalls will ich es wissen und werde den Salter-Berg weiter erklimmen.

James Salter, “In der Wand”, Berlin Verlag, ISBN 978-3833309779

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[Gastrezension: Susanne] Monika Held “Der Schrecken verliert sich vor Ort”

Monika Held Der Schrecken verliert sich vor OrtNein, das tut er nicht. Obwohl Monika Held ihren Roman so genannt hat, verliert sich der Schrecken keineswegs vor Ort. Und er verliert sich auch nicht während der Lektüre des Buches, dessen Besonderheit weniger in der Wahl des Themas liegt – Auschwitz-Romane und -Berichte gibt es viele, und das ist gut so – sondern in der außergewöhnlichen Perspektive, mit der auf diesen Schrecken geblickt wird. Monika Held erzählt die Geschichte von Lena, die während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse Mitte der 60er Jahre einen Überlebenden des Konzentrationslagers kennen und lieben lernt und sich dazu entschließt, ihn zu heiraten und mit ihm ihr Leben zu verbringen. Dass diese Liebes- und Lebensgeschichte eine außergewöhnlich schwierige werden wird, das weiß Lena. Trotzdem wagt sie diesen Schritt und ist bereit mit Heiner dessen Traumatisierung durchzustehen. Lebenslang wird dieser ehemalige Kommunist aus Wien “Auschwitz haben”, wie die Autorin es nennt, ganz so als litte er an einer unheilbaren Krankheit, die den Alltag der beiden Eheleute bestimmen wird. “Schau, Lena” – so beginnen Heiners unzählige Erzählungen über eine Zeit, die viele Jahre zurückliegt, die aber immer noch die Gedanken- und Gefühlswelt des ehemaligen Häftlings bestimmt. Auschwitz sitzt mit am Frühstückstisch, geht mit Heiner und Lena zu Bett. Selbst der Anblick eines rauchenden Schornsteins auf einem Wohnhaus, eine Laderampe einer Werkshalle oder ein harmloses Halmaspielbrett rufen in dem Mann – einem pawlowschen Reflex gleich – Erinnerungen wach, die der deutlich jüngeren Lena fremd sind. Überhaupt ist es dieser Gegensatz zwischen den beiden, den Monika Held akribisch deutlich darzustellen weiß: Wie kann einer, für den Auschwitz und all seine Gräuel nur Fakten aus dem Geschichtsbuch sind einen anderen verstehen, der Augen- Ohren- und Nasenzeuge war und der sein Leben danach dem einzigen Ziel widmet, Zeuge zu sein, der darüber berichtet. Geradezu schmerzhaft grotesk führt die Autorin diese immer wieder unternommenen Versuche zu einem schaurigen Höhepunkt, als das Ehepaar gemeinsam eine Reise zur heutigen Gedenkstätte Auschwitz unternimmt. Hier, sozusagen am Originalschauplatz des Grauens, stellt Heiner eine Szene von damals nach und will seine Frau zwingen, quasi nachträglich in die Rolle eines Gefangenen zu schlüpfen. Das Unterfangen scheitert und Lena, die bewundernswert geduldig alles über sich ergehen lässt, muss ihrem Mann erklären: “Ich kann deine Zeit hier nicht nachholen”.

Monika Held hat sich als Journalistin viele Jahre mit diesem Thema beschäftigt. Ihre zahlreichen Gespräche mit Auschwitz-Überlebenden sind sicherlich der Grund, warum es ihr so außerordentlich gut gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Dazu muss sie sich weder ausschweifender Grausamkeitsschilderungen bedienen, noch gerät sie je in die Versuchung, Attacken auf die Tränendrüsen des Lesers zu unternehmen. Erfreulich sorgfältig und wohl überlegt lässt sie Szene für Szene erstehen. Sie ist klug genug zu wissen, dass die Fakten für sich sprechen, deutlicher und krasser als jede verbale Ausschmückung es könnte. “Der Schrecken verliert sich vor Ort” ist in zweifacher Hinsicht ein Gewinn: Zum einen als Nachhilfe-Unterricht in Sachen “Drittes Reich”, zum anderen – und das ist noch verdienstvoller – als eindrückliche Schilderung, wie sehr die Vergangenheit noch immer in die Gegenwart wirkt.

Eine Rezension zum Roman könnt Ihr ebenfalls bei Mara und Simone lesen.

Monika Held, “Der Schrecken verliert sich vor Ort”, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3847905295

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