[Gastrezension: Orisha] Svealena Kutschke “Gefährliche Arten”

Gefaehrliche Arten“Die Liebe kann doch nicht mehr gut schmecken. Da steckt doch schon der Dreck von Generationen drin. Tränen, gebrauchte Kondome, Judith Butler, Alice Schwarzer, Marquise de Sade und Don Juan.”

Eine kranke, suizidgefährdete Mutter. Eine verlorene Liebe. Eine Menage a quatre. Stadt und Land. Drogen. Kunst. Berlin.

Dies ist die Geschichte von Sasha, Jannis, Tim und Sophia. Nachdem Sashas Freund Mo mit ihr Schluss gemacht hat, nimmt sich Sasha eine Auszeit. Sie fährt aufs Land, um sich ihrer Kunst zu widmen. Dort trifft sie Jannis und schnell beginnt sie Gefühle für ihn zu entwickeln. Doch Jannis ist mit Sophia liiert. Das hält jedoch keinen der Protagonisten davon ab, ein Verhältnis anzufangen: Sophia mit Tim, Jannis mit Sasha. Und zunächst scheint, das auch zu funktionieren. Bis Sasha schwanger wird.

Svealena Kutschke hat einen artistischen Roman geschrieben, der vor Kunst, freier Liebe, Unangepasstheit und Drogen nur so überquillt. Als Leser fiel es mir schwer Sympathien für Sasha aufzubringen, schließlich fordert sie ihr Leben ein ums andere Mal heraus und durchstößt dabei immer Mal Grenzen des Moralischen. Ihre Kunst ist zugegeben nichts für jedermann: Wer käme schon auf die Idee ein Projekt mit Obdachlosen zu starten, die fotografisch begleitet mit verschiedensten Dingen ausgestattet werden: ein paar warmen Stiefeln, einer Decke, einem Korb Essen, einem MP3-Player oder einer Eintrittskarte für den Zoo. Zugegeben das mutet merkwürdig an, ist aber im Kern sehr sozialkritisch und das gefiel mir. Sasha gebrochenes Selbst spiegelt sich in ihrer Kunst und vor allem im Interagieren mit denen, die sie vermeintlich liebt: Mo, Jannis oder ihre Tochter Lizzy. Dabei kommt sie nicht als liebende Mutter oder Freundin daher, sondern als jemand, der noch nicht zu sich selbst gefunden hat.

Fazit: Sicher kein Buch für jedermann. Mich hat es zum Nachdenken gebracht. Ein Nachdenken über Liebe, Vertrauen, Freundschaft und Kunst.

Svealena Kutschke “Gefährliche Arten”, Eichborn Verlag, ISBN: 978-3-8479-0537-0

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder | Hinterlasse einen Kommentar

[Gastrezension: Ann] Jostein Gaarder “2084 – Noras Welt”

Gaarder_Noras Welt_2084Jostein Gaarder hat es nicht gerade leicht. Nach Sofies Welt wird jedes weitere Buch mit ebendiesem verglichen. Das mag Fluch und Segen zugleich sein. Beim ersten Lesen von “2084 – Noras Welt” sitzt ein kleiner Kritiker auf meiner Schulter, der, ganz nach Michael Endes Büchernörgele, hier und da den spitzen Bleistift an den Rand der Seite schlägt.

Ja, die geschilderte Liebesbeziehung zwischen Nora und Jonas erscheint nicht gerade realistisch für ihr Alter und auch die Betonung der neuen Medien und deren Umgang ist in diesem Fall eher auffällig für den Erzähler, jedoch keineswegs für einen 16-jährigen Teenager.

Das Büchernörgele auf meiner Schulter plustert sich auf und spitzt an seinem Bleistift. Nach der ersten Hälfte des Buches bin ich gedanklich mit den präsentierten Artikeln über den Klimawandel überfrachtet und die Protagonistin wird immer unrealistischer in ihrer beinah manischen Beschäftigung mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen. Auch ihre Urenkelin Nova aus dem Jahre 2084 ist in dieser Hinsicht zu extrem und irgendwie unrealistisch für einen Teenager, egal in welcher Zeit sie lebt. Das Büchernörgele nimmt an Gewicht zu und wird langsam schwer. Das muss ein Ende haben. Ich klappe das Buch zu. Mehr durch Zufall entdecke ich einen Artikel in der Onlineausgabe der Zeit, der mir hilft mich auf “2084 – Noras Welt” einzulassen.

„Seit drei Jahren vertrocknen ganze Landstriche an der US-Westküste. Forscher machen den Klimawandel mitverantwortlich und sagen noch schlimmere Szenarien voraus. […] Bleiben die Regenfälle in den verbleibenden Winterwochen und im Frühjahr aus, droht Kalifornien im Sommer ein Dürrenotstand. Das bedeutet Wasserknappheit, drastische Rationierungen für die Landwirte und die Gefahr verheerender Waldbrände.“ (Zeit Online, 02.03.15)

Drei Jahre, das heißt seit 2012. Der Punkt, an dem auch Gaarders Geschichte ansetzt. Ich mache mir eine Tasse Kaffee, werfe aber vorher das kleine bösartige Wesen von meiner Schulter und beginne erneut. Mein Maßstab war falsch, die Messlatte zu hoch und unpassend. Die Altersempfehlung: ab 12 Jahren. Weg mit dem Realismus, der kommt schon früh genug.

Am 12.12.2012 wird Nora 16. Ein wichtiger Tag in ihrem Leben, denn neben dem neuen Smartphone erbt sie nun auch den roten Rubinring, der angeblich Wünsche erfüllen soll. Noch weiß Nora nicht, dass ihr 16. Geburtstag eine große Rolle in ihrer eigenen Zukunft spielt. Gaarder führt uns in Noras Träumen in die zukünftige Welt im Jahre 2084, in der sie ihrer Urenkelin Nova begegnet. Diese ganz andere, völlig veränderte Welt ist zum Teil beklemmend wie auch irritierend zugleich. Es ist nicht einfach zu begreifen, dass Gaarder dem Leser dabei eine sehr realistische zukünftige Welt präsentiert.

Nora setzt sich, gemeinsam mit ihren Freund Jonas aktiv gegen den Klimawandel ein. Sie gründen eine Umweltgruppe und sammeln jede Menge Zeitungsausschnitte und Artikel, doch Noras Angst vor der globalen Erwärmung reicht bis in ihre Träume hinein. Die realen Träume aus der Zukunft machen ihr klar, dass sie aktiv werden muss, wenn sie ihre Welt in dieser biologischen Vielfalt behalten möchte und so schmieden Jonas und sie einen Plan.

Auf gewohnt philosophische Weise führt Gaarder den Leser durch das Buch und präsentiert dabei nicht nur wissenswerte Fakten zum Klimawandel, sondern bringt den Leser durch ‚surrealistische‘ Situationen im Jahre 2084 zum Nachdenken. Wie komplex das Ganze ist wird mir nach und nach klar.

Jostein Gaarder schafft durch Noras Welt ein Bewusstsein für große Menschheitsfragen und nimmt dabei Kinder und Jugendliche in ihrer Wahrnehmung der Welt ernst. Ich neige sogar dazu, zu behaupten: keinem gelingt dies besser. Dabei erzählt Gaarder keine große Geschichte. Er weckt die Geschichte im Leser. Alles ist offen, alles ist möglich und das ist die Quintessenz aus “2084 – Noras Welt”. Wir haben noch eine Chance.

Typisch für Gaarders Stil ist dabei die beinah permanente Wissensvermittlung an den Leser, wie dies schon bei Sofies Welt der Fall war. Dabei mutet er dem Leser doch hin und wieder gehörig viel Philosophie zu, vermittelt dieses Wissen aber ohne Attitüde. Das schlägt sich auch in einem recht hohen Sprachniveau nieder, welches für Jugendliche ab 12 Jahren doch eine gewisse Herausforderung darstellt. Dennoch ist der Stil jugendlichengerecht. Aber auch das ist typisch Gaarder; seine Bücher sind nie nur zum einmaligen Lesen gedacht.

Gekonnt spielt er mit den verschiedenen Ebenen 2012 und 2084. Auch der Schriftarten- und Zeitformwechsel grenzt diese Welten voneinander ab ohne dabei den Leser zu verwirren. Vielmehr führt er vor Augen, wie bewusst wir uns unserer Verantwortung werden sollten. Nova im Jahre 2084 wird in diesem Punkt überdeutlich: „Ich sage ja nur, dass ich in einer genauso herrlichen Welt leben möchte wie du, als du so alt warst wie ich. Und weißt du, warum? Weil du mir das schuldig bist!“ (S. 39).

“2084 – Noras Welt” ist mit seiner Thematik ein sehr gutes und aktuelles Buch, das nicht zu Unrecht 2014 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Die Aufnahme in den Schulkanon wäre, meiner Ansicht nach, der nächste logische Schritt.

Es hat sich gelohnt das Büchernörgele stumm zu schalten und das eigene Bauchgefühl zuzulassen. Ich werde “2084 – Noras Welt” nicht zum letzten Mal gelesen haben. Manchmal brauchen wir aber auch einen kleinen Weckruf, um uns über das große Ganze wieder bewusst zu werden und das ist mit diesem Buch auf vielfältiger Weise gelungen. Danke Herr Gaarder!

Jostein Gaarder, „”2084 – Noras Welt”“, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24312-5

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER, Kinder- & Jugendbücher | Hinterlasse einen Kommentar

Keris Marsden, Matt Whitmore “Paleo. Die Steinzeitdiät”

PaleoBisher habe ich Euch Romane empfohlen, sowohl zeitgenössische Literatur als auch Kinder- und Jugendbücher, Krimis und ab und zu auch mal ein Sachbuch oder einen Fantasyroman. Einmal habe ich kleine Monster gehäkelt. Ich habe Euch aber in all den Jahren noch kein Kochbuch empfohlen.
Das hole ich heute gerne nach.

Als ich mich vor einiger Zeit für verschiedene Küchen interessiert hatte und auf der Suche nach gesundem Essen war, bin ich auf die Paleo-Diät aufmerksam geworden. Ich schaute mir verschiedene Kochbücher an und musste schnell feststellen, dass wenn ich nach dieser Art kochen will, muss ich teure und manchmal
schwer zu bekommende Produkte verwenden. Dabei sollte es schnell in der neuen Küche gehen, und nicht noch aufwändiger sein als bisher. Und vor allem sollten die Gerichte lecker sein. Als ich in dieses kleine und vielleicht ein bisschen unscheinbare Buch reingeschaut hatte, wusste ich, dass ich das richtige Buch für mein Vorhaben gefunden hatte.SchokomandelkuchenSchokomandelkuchen_3 Schokomandelkuchen_4

Im ersten Teil des Buches wird die Paleo-Diät sehr verständlich erklärt. Im zweiten Teil folgen viele Rezepte. Bei “Paleo. Die Steinzeitdiät” handelt es sich um ein praktisches Taschenbuch, das ansprechende Bilder beinhaltet, die Lust machen, die Rezepte nachzukochen. Alle Gerichte sind leicht und schnell nachzukochen, benötigen keine ausgefallenen Zutaten und schmecken sehr lecker.

Putencurry mit Kokosmilch_1Putencurry mit Kokosmilch_2

Putencurry mit Kokosmilch_3Inzwischen habe ich diverse Gerichte nachgekocht und ein paar Bilder für Euch gemacht, um Euch Lust auf diese Gerichte zu machen. Und auf das Buch, das ich Euch als Kochbuch wärmstens empfehlen möchte. Außerdem kann man die Rezepte gut varieren und ein bisschen experimenteren. Es macht Spaß!

Lasst es Euch schmecken!

Mediterraner Gemueseauflauf_2 Mediterraner Gemueseauflauf_1 Libanesische Hackroellchen mit Blumenkohlreis

Marsden, Whitmore “Paleo. Die Steinzeitdiät”, Goldmann Verlag, ISBN: 978-3-442-17507-9

Mediterraner Gemueseauflauf_4

Veröffentlicht unter BUCH DER BÜCHER | 1 Kommentar

[Gastrezension: Susanne] Sadie Jones “Jahre wie diese”

Jahre wie diese von Sadie JonesIch gestehe, dass ich einigermaßen ratlos bin nach der Lektüre des neuen Romans von Sadie Jones. Nicht mein erstes Buch der Autorin. Vor ein paar Jahren habe ich “Kleine Kriege” gelesen, das mir – auch wenn ich heute nicht mehr sagen kann warum – gut gefallen hat. Jones Stimme war eine, die mich erreicht hat, die mir was gesagt hat, der ich gern zugehört habe. Nichts von alldem habe ich jetzt in “Jahre wie diese” vorgefunden. Fern geblieben ist mir quasi alles, worauf ich mich zu Beginn der Lektüre gefreut habe. Alle vier Protagonisten, deren Leben sich um das Theater in den 70er Jahren in London dreht, kamen mir im Gegenteil selbst vor wie Schauspieler, die einen Text geprobt, aber kein wahres Leben gelebt haben. Fremd geblieben sind sie mir alle gleichermaßen und obwohl ich sie ganze 400 Seiten begleitet habe, habe ich mich keinem nähern können. Nichts hat mich berührt, weder deren vergangene Schicksale, die ja nicht von Pappe gewesen sind, noch die Entwicklungen, die sie im Laufe der Gegenwart nehmen. Ich konnte die Liebenswerten nicht lieb haben und die Kotzbrocken nicht wirklich ätzend finden. Auch das Theaterleben hat mich kalt gelassen und von den 70er Jahren, eine Zeit, die mich grundsätzlich durchaus interessiert, habe ich quasi nichts gespürt. Was mir gefehlt hat: Der Blick nach innen. Sadie Jones beschränkt sich darauf, eine Geschichte von außen zu erzählen. Das tut sie ausführlich, manchmal sogar zu ausführlich. Leider versäumt sie es, dem Leser zu erklären, was wen warum antreibt. Jeder tut, was er tut, könnte aber ebenso gut anders handeln, weil einfach nicht klar wird, welche Motive ihn treiben, welche Dämonen ihn jagen, welche Sehnsüchte ihn besetzen. So bleibt alles beliebig, zufällig und eben uninteressant. “Jahre wie diese” waren für mich eine Zeit, die ohne Gewinn vergangen ist.

Sadie Jones, “Jahre wie diese”, DVA, ISBN 978-3421046291

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder | 2 Kommentare

[Gastrezension: Verena] Meg Rosoff „Was ich weiß von dir“

Was ich weiss von dir_RosoffMila – möglicherweise benannt nach der Hündin ihres Großvaters oder eben auch nicht, schließlich ist Mila einfach ein schöner Name – ist zwölf Jahre alt, sehr sensibel und unglaublich scharfsinnig. Die Mimik und Gestik ihrer Mitmenschen nimmt sie ganz anders war. Sie sieht und hört viele Dinge, die den meisten verborgen bleiben. Daraus zieht sie die richtigen Schlüsse und weiß, ob jemand glücklich oder traurig ist oder wohlmöglich nicht die Wahrheit spricht und ein Geheimnis hat.

“Wie meine Namenspatronin, Mila die Hündin, weiß ich immer, wo ich bin und was ich tue. Ich neige nicht zu Verträumtheit und habe etwas von der Entschlossenheit eines Terriers. Wenn etwas auffällig ist, bemerke ich es als Erste.” (S. 9)

Gemeinsam mit ihren Eltern Marieka und Gil lebt sie in London, das so multikulti ist wie ihre kleine Familie. Milas Mutter ist Geigerin und hat holländische Wurzeln, ihr Vater Gil hingegen ist Übersetzer und stammt von verschiedenen Kulturen ab. Deswegen fühlt sich Mila als Mischling, was ihr gefällt, denn Mischlinge sind listig und gesund, weil sie von allen Vorfahren das Beste geerbt haben.

Schon lange haben Gil und Mila geplant nach New York zu fliegen um Matthew, Gils besten Freund, und seine Familie zu besuchen. Doch kurz vor dem Abflug verschwindet Matthew plötzlich spurlos. Vater und Tochter entscheiden, trotzdem zu fliegen und wollen sich auf die Suche nach ihm machen. Es beginnt ein Roadtrip, der sie von New York bis in die unendlichen Wälder an der kanadischen Grenze führt. Immer hat Mila ein Auge auf Gil und kommt dabei der Lösung ein Stückchen näher, langsam fügt sie für sich die Puzzleteile zusammen, doch kombiniert sie alles richtig oder ist ihr vielleicht sogar ein wichtiges Puzzleteil verloren gegangen?

„Was ich weiß von dir“ war mein erstes Buch von Meg Rosoff, aber definitiv nicht das letzte. Doch von Anfang an. Dass ich dieses Buch gelesen habe, war mehr ein Zufall als eine bewusste Wahl. Lange schon habe ich kein Roadtrip-Roman mehr gelesen und dann kam mir dieses Buch unter die Augen. Das Cover hat mich sofort magisch angezogen. Das Rot in Kombination mit dem Türkis, der Titel, der einen Großteil des Covers bedeckt, das Auto, die Kopfhörer, die einfach so hinabhängen und nicht zu vergessen, die Silhouette einer Skyline. Kurz um – ein Traumcover.

Später habe ich das Buch in die Hand genommen, angefangen zu lesen und meine Begeisterung war auf einmal wie weggeblasen. Der Stil kam mir total komisch vor. Wörtliche Rede ohne Anführungszeichen, alles erzählt aus der Sicht von Mila, die immer nur von Gil und Marieke spricht, aber nicht Mama oder Papa sagt und eine Aneinanderreihung an Informationen, die mich überforderten. Ich war verwirrt und gleichzeitig auch neugierig. Warum erzählt dieses zwölfjährige Mädchen auf diese Art und Weise ihre Geschichte? Wenn man weiterliest wird schnell klar, dass Mila ein ganz besonderes Mädchen und für ihr Alter sehr reif ist.

„Ich warte, was er als Nächtes über seinen Freund sagt, aber er schwieg. Im Kopf redet er immer noch. Ganze Sätze blitzen in seinen Augen auf. Ich kann sie nicht lesen.“ (S. 14)

Sie versucht jede Regung, jeden Satz, ja sogar jeden Gedanken zu erfassen. Dabei reagiert Mila darauf viel schneller und präziser als ein Erwachsener, es scheint sogar so als könne sie noch eine andere Dimension der Kommunikation wahrnehmen.

„Ich registriere jede Gefühlsregung, jede Beziehung, jede Botschaft. Wenn jemand wütend, traurig oder enttäuscht ist, sticht mir das ins Auge wie eine Leuchtreklame. Ich kann nicht erklären, warum, es ist einfach so. Ich dachte ziemlich lange, das wäre bei allen so.“ (S.47)

Mit solchen Aussagen schafft es Mila Stück für Stück das Leserherz zu erobern. Ihre Fähigkeiten und ihre Kombinationsgabe sind erstaunlich und lassen den Leser durchaus auch mal sprachlos zurück. Natürlich ist es dann auch Mila, die mit ihren gerade mal zwölf Jahren die Suche nach dem verschwundenen Matthew vorantreibt, in dem sie die richtigen Fragen stellt.

Dieses Buch lebt vor allem durch seine großartigen, authentischen Charaktere – sie machen das Buch zu etwas besonderem. Meg Rosoff gelingt es den Leser zu fassen und nicht mehr loszulassen. Es gibt nur eins, was hilft: Weiter lesen, immer weiter lesen. Die unterschiedlichen Themen, wie Familie, Alltag, Liebe, Vergangenheit harmonisieren auf eine ganz natürliche, manchmal philosophisch angehauchte Weise. Es entsteht das Gefühl, es wäre ganz normal, dass ein zwölfjähriges Mädchen gemeinsam mit seinem Vater weit weg der Heimat einen verschwundenen Freund sucht, der ohne ein Wort gegangen ist und seine Frau, seine Hündin und das Neugeborene verlassen hat. Was steckt also hinter Matthews Flucht? Welche lang gehüteten Geheimnisse versucht er wohl zu verstecken?

„Was ich weiß von dir“ ist ein authentischer, schöner, witziger und gleichzeitig auch ein tragischer Jugendroman, der zum Nachdenken anregt und tiefe Einblicke hinter die Fassaden der Menschen gewährt. So trägt jeder Mensch sein Päckchen mit sich, nichts geschieht ohne Grund und Vergangenes, lang gehütete Geheimnisse wiegen oft schwer und sie beeinflussen auch die Gegenwart. Vergessen, Verzeihen, nach vorne blicken… in wie weit ist das möglich? Meg Rosoff wirft diesbezüglich einige Fragen auf, die nur der Leser für sich selbst beantworten kann…

Meg Rosoff „Was ich weiß von dir“, KJB, ISBN: 978-3-596-85625-1

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder, Kinder- & Jugendbücher | 2 Kommentare

[Gastrezension: Franziska] Martin Suter “Montecristo”

Martin Suter_MontecristoIch glaube, ich habe so ziemlich jeden Roman von Martin Suter gelesen, weil ich einen Suter einfach nicht aus der Hand legen kann, seitdem ich damals “Die dunkle Seite des Mondes” zu einem meiner Lieblingsbücher auserkoren habe. Nachdem zuletzt mehrere Folgen seiner Allmen-Reihe erschienen waren, war ich überrascht zu sehen, dass sein nächstes Buch keine Fortsetzung davon wird, sondern ein eigenständiger Roman – und was für einer! Meiner Meinung nach findet Suter mit “Montecristo” zu alter Stärke zurück. Das Buch wird als Thriller angekündigt und ja, es gibt durchaus spannende Szenen, aber wer Blut und viele Leichen erwartet, ist bei dem Schweizer Gentleman definitiv falsch.

Statt dessen begeben wir uns mit dem Videojournalisten und Möchtegern-Filmregisseur Jonas Brand in die Welt der Finanzen, der Macht und des Geldes. Wie können plötzlich zwei Geldscheine mit identischen Seriennummern auftauchen? Und hängt der Einbruch in Jonas Wohnung damit zusammen? Was ist mit dem Mann, der Selbstmord während einer Zugfahrt begangen hat? War es überhaupt Selbstmord? Mehr oder weniger unfreiwillig wird Jonas Brand in eine Geschichte reingezogen, deren Ausmaß er nicht überblicken kann. Wem kann er am Ende noch vertrauen? Gerade jetzt, wo sich plötzlich Geldgeber für sein lang ersehntes Filmprojekt gefunden haben, das er viel lieber realisieren würde. Jedoch klopft immer wieder diese Geldscheingeschichte an seine Tür und Jonas bekommt schließlich doch das Gefühl, dass er der Sache auf den Grund gehen muss – wenn schon nicht aus eigenem Interesse, dann wenigstens für seinen alten Freund Max Gantmann, der ihm vor seinem Tod noch wichtige Informationen hinterlassen hat.

Routiniert webt Suter die Handlungsstränge ineinander und zieht uns damit immer tiefer hinein in eine Welt, wo alles dafür getan wird, damit ein Skandal nicht publik wird. Am Ende wird man sich fragen, ob das tatsächlich so weit von der Realität entfernt ist oder ob es diese Welt hinter verschlossenen Türen, von der aus unsere Wahrnehmung gelenkt wird, wirklich gibt. Wo es Geheimnisse gibt, ist Betrug oft nicht weit und genau an diesem Punkt kommt Geld als Machtmittel ins Spiel. Das Ende wirkt leicht skurril und ein “happy end” will es auch nicht so recht sein, aber dennoch gibt es von mir eine klare Leseempfehlung. Ich hoffe, Suter hat bereits ein neues Werk in der Schublade, denn ich warte bereits jetzt sehnsüchtig darauf.

Martin SuterMontecristo”, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-06920-4

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER | Hinterlasse einen Kommentar

[Gastrezension: Susanne] Delphine de Vigan “Das Lächeln meiner Mutter”

Das Laecheln meiner MutterGlaubt mir, ich würde jetzt wirklich eine Menge darum geben, wenn ich es schaffen könnte, dieses Buch so hochzuloben wie es das wirklich und wahrhaftig verdient hat. Bedauerlicher Weise wird mir das aufgrund meiner eigenen sprachlichen Beschränktheit nur unzureichend gelingen, aber ich werde mich ordentlich ins Zeug legen, das zumindest bin ich diesem Buch, dieser Autorin, dieser Geschichte schuldig. Und ich warne Euch: Was jetzt kommt, ist eine tiefe Verneigung vor einer Frau, die mir mit ihren geschriebenen Worten so nahe gekommen ist, dass ich manchmal gedacht habe, ihre Stimme zu hören, weil sie neben mir sitzt und mir das alles erzählt als wäre ich ihre beste Freundin. Keine Sorge, ich hab schon noch alle Latten am Zaun, aber mir liegt’s halt ganz arg am Herzen, deutlich zu machen, wie intensiv mich Delphine de Vigans Geschichte über ihre Mutter (in Wahrheit ist es daneben auch eine Wahnsinns-Familiengeschichte) getroffen hat. Von den vielen Dingen, die an diesem Buch zu loben sind, möchte ich ein besonders wichtiges an den Anfang stellen: Was hier geschildert wird, ist mitunter ganz, ganz starker Tobak. So stark, dass man sich immer wieder fragt, wie man es schafft, nach all diesen Erlebnissen ein einigermaßen gerader, gesunder Mensch zu werden, der nicht am Leben verzweifelt, sondern trotz aller Verwundungen und Beschädigungen die Kraft findet, darüber zu schreiben. Wie schwer das der Autorin gefallen ist, daran lässt sie den Leser teilhaben. Neben der eigentlichen Geschichte schildert sie in eigenen Kapiteln immer wieder den Entstehungsprozess des Buches, lässt ihr Gegenüber alles wissen über ihre Recherchen, Gedanken, Ängsten, Schwierigkeiten und inneren Kämpfen. Auf diese Weise schafft sie eine Nähe zwischen sich und dem Leser, die ich in dieser Form noch nirgendwo gefunden habe. Und trotz aller Düsternis, trotz der schlimmen Erlebnisse, gelingt es Delphine de Vigan, auch die Leichtigkeit, die in diesem Leben immer ihren Platz und ihre Zeit hatte, vor Augen zu führen. Man kann lachen über viele Skurrilitäten, die eine Familie im Laufe der Zeit kultiviert. Man spürt die Freude, die manchmal laut und schrill und albern ist und vergessen lässt, wie viel Tod, Trauer, Krankheit, Angst und Verzweiflung ein ums andere Mal zuschlägt. Sensibel geht die Autorin mit allen Personen um, richtet nicht, sondern beschreibt, was sie selbst erlebt oder nachträglich in Erfahrung gebracht hat, aufrichtig zwar aber ohne je indiskret zu werden. Es ist dieses Gespür, das einen so einnimmt für diese Tochter, die sich ihrer Mutter jetzt nach ihrem Tod nähern will. Vorsichtig und klug setzt sie die Puzzleteile zusammen. Sie zieht keine voreiligen Schlüsse, widersteht der Versuchung wohlfeiler vermeintlich nahe liegender Erklärungen von Ursache und Wirkung und verzichtet – kaum vorstellbar – auf jede Art von Anklage und Schuldzuweisung. Gäbe es Punkte für perfektes Balancehalten – Delphine de Vigan hätte sie alle verdient. Großartig und unbedingt erwähnenswert ist darüber hinaus ihre Fähigkeit zur Empathie, die auch in Worte gefasst niemals in der Gefahr steht, ins Bodenlose respektive ins Schwülstige oder Kitschige abzudriften. Diese Tochter ist die, die sie ist. Theatralik liegt ihr fern, ebenso wie effektvolle Inszenierung – auch dafür gebührt ihr Anerkennung.

Meine Begeisterung ist riesig, das ist nicht zu übersehen (und soll ja auch nicht übersehen werden). Mein Kopf, mein Bauch und mein Herz sind ordentlich in Bewegung geraten beim Lesen und auch jetzt noch. Dafür bin ich dankbar.

Delphine de Vigan, “Das Lächeln meiner Mutter”, Droemer Verlag, ISBN: 978-3-426-30412-9

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER | 3 Kommentare

Annika Reich “Die Nächte auf ihrer Seite”

Reich_24766_MR.inddManchmal habe ich das Glück, das richtige und passende Buch für einen bestimmten Moment oder eine Lebensphase zu finden. Dann fliegen die Seiten nur so dahin, die Stunden vergehen wie im Flug, während ich tief in die Geschichte einsinke. Dann stimmt jeder Satz, jedes Wort, jeder Gedankengang und jede Idee, die im Buch verarbeitet wurde. Dann will ich nicht, dass das Buch endet. Ich notiere mir Sätze, bei denen ich das Gefühl habe, die Autorin oder der Autor spricht von mir. Manchmal ist der Weg eines Buches ein bisschen holprig bis es mich erreicht, bis es mich überzeugt.

Ich möchte mit Euch ehrlich sein – das neue Buch von Annika Reich habe ich zwei Mal angefangen zu lesen und beide Male habe ich es zur Seite legen müssen, weil ich das Gefühl hatte, das Geschriebene erreicht mich nicht. Nicht in diesen Momenten. Aber ich gestehe auch, dass es in den letzten Wochen schwierig war, mich literarisch zu erreichen, weil das echte Leben mich sehr beschäftigt und beansprucht hatte. Als ich langsam wieder von einem “normalen” Alltag in meinem Leben sprechen konnte, griff ich erneut zu „Die Nächte auf ihrer Seite“ und erwischte den richtigen Moment. Jetzt stimmte alles. Jeder Satz, jede Idee, jedes Wort; wie schon bei “34 Meter über dem Meer”.

Danke, liebe Annika, dass Du so geduldig warst und nicht darauf bestanden hattest, dass ich Dein Buch sofort lesen und auf Anhieb lieben muss. Ich freue mich, dass ich ihm ein bisschen Zeit geben musste, damit die Protagonisten und ich Freunde werden. Und jetzt vermisse ich sie alle: vor allem die liebenswerte Fanny, aber auch die sture Ada und Farid, aber auch Sira mit ihren Erlebnissen, Sorgen und Ängsten. Ich vermisse das Fenster zum Hof und jedes einzelne Reigen. Am Ende wünsche ich mir, dass Ada wirklich ihr Vorhaben in die Tat umsetzt und alle Reigen verfilmt.

Danke, dass Du das Buch so hervorragend geschrieben hast. Danke noch mal für den wunderbaren Abend in München, an dem Du uns Bloggern zum ersten Mal aus Deinem Buch vorgelesen hast und mich auf Deine Figuren und Deine Geschichten neugierig gemacht hast. Danke für Deine „Mutter-Kind“-Beobachtungen und für jeden einzelnen Moment als ich beim Lesen ausrufen musste – „ja, genau so ist es bei mir.“ Danke, dass Du schreibst. Und ich hoffe, Du wirst es weiter tun.

Annika ReichAnnika Reich “Die Nächte auf ihrer Seite”, Hanser Verlag, ISBN: 978-3-446-24852-6

Veröffentlicht unter BUCH DER BÜCHER | Hinterlasse einen Kommentar

[Gastrezension: Susanne] Eberhard Rathgeb “Kein Paar wie wir”

Rathgeb_24131_MR.inddNatürlich gibt es ihn, den falschen Leser. Ich beispielsweise bin, ums mal pauschal auszudrücken, die falsche Leserin für Fantasyerzählungen und Liebesromane. Ist einfach nicht meine Liga. Was nicht heißt, dass ich nicht auch schon mal einen guten Liebesroman gelesen hätten. Zum Beispiel: Ääääh, mmmh – naja, ich sage Bescheid, wenn es mir wieder einfällt. Auch genreunabhängig lese ich hin und wieder Bücher, die mich nicht ansprechen, aber ich merke, dass da jemand schreiben kann, eine gute Geschichte erzählt oder oder oder. Trotzdem werden dieses Buch und ich keine Freunde. Sorgen mache ich mir trotzdem nicht. Ich weiß, ich werde andere Bücher finden, die mich glücklich machen, und das Buch wiederum wird auch nicht allein bleiben, sondern an die Leser kommen, die es zu schätzen wissen. Vermutlich wird es auch Eberhard Rathgebs Roman so gehen – allerdings reicht meine Fantasie nicht aus, um mir den Leser vorzustellen, der nach der Lektüre sagt: “Boah ey, das Teil ist der volle Bringer!” Selten habe ich mich derart gelangweilt. Das Büchlein ist schmal, keine 200 Seiten, aber selbst so ein vergleichsweise geringer Umfang kann zum Mühlstein werden, der einen wenn schon nicht in die Tiefe, so doch in den Tiefschlaf zieht. Da sitzen nun also zwei alte Frauen, die Schwestern Ruth und Vika, und blubbern so vor sich hin. Inhalt ihrer Gespräche: Begebenheiten aus ihrem Leben, das sie – unbemannt und kinderlos – gemeinsam verbracht haben. Der Clou an dem Roman ist, dass die eine nur ein Stichwort geben muss, damit die andere sofort die dazu passende Geschichte vom Stapel lassen kann. Und wie das nunmal bei alten Leutchen manchmal so ist, da reicht es nicht, die Sache einmal zu erzählen, nein, zwei, drei, vier Wiederholungen sind da gut und gerne drin. Möglich übrigens, dass keine zwanzig Seiten später dasselbe nochmal wiedergekäut wird. Einziger Unterschied: Diesmal sitzen Ruth und Vika nicht auf dem Sofa im Arbeitszimmer, sondern auf den Stühlen in der Küche. Nun könnte man ja denken, dass derartige Unterhaltungen, wenn ihnen schon die vordergründige Spannung fehlt, einen tieferen Sinn in Form von weisen Erkenntnissen, lebensklugen Betrachtungen oder irgend einen anderweitigen Denkanstoß bergen. Weit gefehlt. Dieses Buch ist ungefähr so hintersinnig wie eine Straßenkarte. Am besten werde ich ganz schnell vergessen, dass ich diesen Roman gelesen habe. Ich bin zuversichtlich, dass mir das sehr leicht gelingen wird.

Eberhard Rathgeb, “Kein Paar wie wir”, Hanser Verlag, ISBN 978-3446241312

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder | Hinterlasse einen Kommentar

Herman Koch “Sehr geehrter Herr M.”

9783462047387“Der Leser liest ein Buch. Wenn das Buch gut ist, vergisst er sich selbst. Das ist die einzige Aufgabe des Buches. Wenn der Leser sich selbst nicht vergessen kann und während des Lesens dauernd an den Autor denken muss, ist das Buch misslungen. Mit Vergnügen hat das nichts zu tun. Wer Vergnügen sucht, kauft sich am besten ein Ticket für die Achterbahn.” (76)

Die letzten Wochen waren aus privaten Gründen nicht leicht für mich. Umso wichtiger war es, ein passendes Buch zu finden, das mich   in der Zeit begleitet. Es sollte mich von der ersten Seite an packen und nicht mehr loslassen bis die letzte Seite ausgelesen ist. Es sollte interessant sein, spannend und flüssig geschrieben, damit ich, wenn meine Gedanken plötzlich abschweifen, sofort zurück finden kann. Ich wünschte mir ein intelligentes Buch, das mir hilft, mich selbst und meinen Alltag zu vergessen. Außerdem eines, das mir erlaubt, mich einerseits treiben zu lassen, andererseits anspruchsvoll und klug ist. Ich hatte das Glück, Herman Kochs neusten Roman vorab zu lesen und mich mit meiner Gastrezensentin Susanne über das Buch austauschen zu können. Koch hat erneut einen wunderbaren Roman geschrieben und wir möchten ihn Euch wärmstens empfehlen. Geht zum Buchhändler Eures Vertrauens, kauft “Sehr geehrter Herr M.” Lest es dann und seid glücklich darüber, einen so coolen Roman in den Händen zu halten.

Herman Koch[Susanne:] Mein lieber Scholli, da hat mich dieser niederländische Schreiber ganz schön aus der Puste gebracht! Ich gebe ja gern zu, dass es wenn es ums Joggen, Laufen, Walken oder irgendeine dieser schweißtreibenden Bewegungsarten geht, bei mir nicht viel braucht, bis ich japsend nach Luft ringe. Dass mir jetzt allerdings schon die Lektüre eines Romans den Schweiß auf die Stirn treibt, ist mir neu. Wo soll das noch enden … 400 Seiten lang hat mich Herman Koch durch eine Story getrieben, nein, ich muss es genauer sagen, es sind mehrere Geschichten in einer. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe mich gern durchjagen lassen durch dieses fein und klug konstruierte Labyrinth des Herman Koch, der in allererster Linie ein Virtuose in Sachen Timing ist. Geschmeidig und mühelos gleitet der Leser von einem Erzählstrang in den nächsten. Kaum hat er in einem davon die Fährte aufgenommen und meint, dem Geheimnis ein kleines bisschen näher gekommen zu sein, setzt einen der Autor kurzerhand und beinahe unmerklich auf das nächste Gleis. Auf geht’s zur nächsten Jagd, der nächste Köder wartet schon gleich zwei Seiten weiter. Jetzt, ja jetzt werde ich ihn zu fassen bekommen, habe ich immer wieder gedacht. Aber wie bei Hase und Igel ist Herman Koch schon wieder vor mir da gewesen und hat mir schwuppdiwupp die Beute, die ich schon zu riechen glaubte, vor der Nase weggezogen. Drei Wegen gleich laufen drei Plots zunächst parallel nebeneinander und werden nach und nach einer Vereinigung zugeführt. Als versierter Leser ahnt man das natürlich schnell, und obwohl ich aufgepasst habe wie ein Luchs, ist es mir nicht gelungen, das bzw. die Rätsel vorzeitig zu lösen. Wobei man dazu sagen muss, dass Koch es einem auch nicht eben leicht macht: Abgesehen von den verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, die einem schon einiges an Konzentration abverlangen, krönt er seine detektivischen Geschichten auch noch mit einer Buch-im Buch-Konstruktion. Wer jetzt allerdings befürchtet, das Buch sei möglicherweise unangenehm kompliziert, dem kann ich auf der Stelle den Wind aus den Segeln nehmen: Koch hat einerseits Erbarmen mit seinen Leser und ist andererseits ein enorm sorgfältig arbeitender Literat. Dankenswerter Weise versäumt er es nie, an Stellen, die unübersichtlich zu werden drohen, kleine Hilfestellungen in Form von kaum spürbaren Kurzzusammenfassungen zu geben und erspart auf diese Weise dem Leser lästiges Zurückblättern. Besondere Erwähnung verdienen darüber hinaus die vielen, erfreulich klarsichtigen Beobachtungen, die Koch rund um das Leben an einer Schule präsentiert. Seine Beschreibungen der verschiedenen Lehrer-Charaktere sind ein wahrer Genuss. Ich zumindest habe sie alle gekannt, die strengen und die nette, die coolen und die ängstlichen, die langweiligen und die interessanten und im Stillen die Namen, die Koch ihnen gegeben hat, durch die meiner Lehrer ersetzt, an die ich mich dank des Buches wieder sehr deutlich erinnert habe. Also, mein sehr geehrten Damen und Herren: Bitte einsteigen, Türen schließen und ab geht die Post!

Herman Koch, “Sehr geehrter Herr M.”, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 9783462047387

Veröffentlicht unter Aus fremder Feder, BUCH DER BÜCHER | 1 Kommentar