Zwei Bücher – große Begeisterung!

Dieses Jahr hat für mich nicht so schön angefangen. Die letzten Monate waren sehr oft traurig, gleichzeitig anspruchsvoll, nervenaufreibend, wobei ich nicht die wunderschönen Momente vergessen darf, die mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hatten. Wenn ich ein Buch in den Händen halte, muss es eine sehr harte Prüfung bestehen. Es darf mich nicht überfordern, es darf nicht langweilig, nicht kitschig sein. Die Geschichte muss stimmen, die Sprache sowieso. Ich lese viele Bücher an, breche sie nach nur wenigen Seiten ab, manchmal nach ein paar Sätzen. Ich habe keine Zeit und keine Muse für anstrengende Bücher. Ich sortiere aus, durchstöbere meine bestehende Bibliothek auf der Suche nach den wahren Perlen.

In diesem Jahr haben mich bisher nicht viele Romane begeistert. Neben „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ und „Die Schatten von Race Point“ habe ich jedoch zwei Bücher lesen dürfen, die mich begeistert hatten. Von der ersten bis zur letzten Seite.

“`Die Zeit vergeht.`
`Ich bin nur manchmal nicht sicher, ob sie dabei ein Ziel hat.`” (341)

„Ein untadeliger Mann“ von Jane Gardam hat alles, was man sich von einem guten Buch wünscht – die Geschichte ist spannend, flüssig, mit viel Witz und Humor geschrieben, was nicht zuletzt der wunderbaren Übersetzung von Isabel Bogdan zu verdanken ist.
Nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, erfuhr ich, dass es sich hier um eine Trilogie handelt. Und ich fragte mich, was mich denn bitte in zwei weiteren Romanen erwarten sollte, denn das Buch endet ziemlich eindeutig. Dann aber besann ich mich vieler ungeklärter Motive im Roman und nun hege ich die Hoffnung, dass diese Episoden, die zur Entwicklung der Geschichte sicherlich wichtig sind, in den zwei Bänden geklärt werden. Wenn jedoch die Erscheinung der Bücher lange auf sich warten lässt, besteht die Gefahr, dass ich alle Bücher noch mal lesen werde, wenn alle drei in meinem Regal stehen.

Ich bin sehr glücklich, Henry kennen gelernt zu haben. Ich bin dankbar, das Buch zur richtigen Zeit zur Stelle gehabt zu haben. Denn für mich stimmte hier einfach alles: die abwechslungsreiche Geschichte, die Sprache, die Protagonisten. Es war nie langweilig, dafür unterhaltsam und gefühlvoll. Es hat mich bewegt, an mir gerüttelt und ja, mich auch auf hohem Niveau entspannt. Dadurch, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, fordert die Autorin sehr raffiniert die Aufmerksamkeit des Lesers und bindet ihn an sich, an Henrys Geschichte. Genau diese Komponente sind für mich Merkmale für ein perfektes Buch.

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„Ich bete etwa dreihundertmal am Tag. Wenn ich aufstehe, wundere ich mich über das Leben, darüber, dass ich immer noch da bin und dass die Sonne immer noch aus dem Osten kommt. Ich wundere mich, dass die Bienen immer noch Honig machen und Aida mich immer noch liebt. Jedes Staunen ist ein Gebet.“ (279)

„Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ von Rafik Schami ist eines der Bücher, die man nicht aus der Hand legen kann. Rafik Schami kann erzählen. Ich wünsche mir, ich könnte eine seiner Lesungen besuchen. Als ich letztes Jahr auf der Buchmesse ihm die Hand schütteln durfte, hatte ich einen liebenswerten, sympathischen Mann vor mir gehabt, dessen Augen funkelten und dessen ganzes Gesicht gelächelt hatte. Auch sein Buch ist voller Leben, voller Geschichten. Es ist auf jeder Seite mit Sätzen gespickt, die zum Nachdenken anregen. Deswegen halte ich „Sophia“ sehr behutsam in meinen Händen, weil ich weiß, dass ich einen wahren literarischen Schatz halten darf. In gepflegter und sorgsamer Sprache erzählt Schami von Liebe und Freundschaft, von politischen Zuständen in Syrien und von Toleranz. Das Buch handelt von Religion, Ehre und berichtet von einem Ehrenmord. Schami schreibt über ein Flüchtlingsdasein und die damit verbundenen Ängste.

“Flucht ist Neubeginn, ist Hoffnung. Sie ist Klugheit, und Klugheit wird oft als Feigheit missverstanden.” (31/32)

Dank seiner wunderbaren Beobachtungsgabe und mit einem literarischen Geschick erzählt er ebenfalls eine Geschichte vom Altern. Er lässt den Leser über seine Worte nachdenken. Da ich den Roman in meinem Urlaub in Italien gelesen hatte, freute ich mich sehr über den in Rom spielenden Handlungsstrang und die Unaufgeregtheit der Sprache von Schami. So konnte ich während des Lesens wunderbar entspannen. Nicht zuletzt durch Schamis Humor und die vielen Möglichkeiten lauthals während des Lesens zu lachen schätze ich „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ sehr.

„Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ ist ein Buch, das viele Emotionen und Gefühle zwischen den Seiten und in den einzelnen Sätzen bereit hält. Die Geschichte braucht aufmerksame Leser. Es lehrt Toleranz und schenkt glückliche Stunden.

„Der Tod ist ein Grund, den Augenblick intensiv zu genießen.“ (300)

Beide Bücher schmücken nun viele bunten Zettelchen. Sie markieren Sätze, die unter die Haut gehen, die glücklich und nachdenklich stimmen. Es sind Sätze, die ich immer wieder lesen mag und freue mich sehr, die Romane auf meinem Nachttisch liegen zu haben. Um darin zu blättern und mich zu freuen.

“Ein untadeliger Mann” Jane Gardam, Deutsch von Isabel Bogdan, Hanser Berlin ISBN 9783446249240

„Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ von Rafik Schami, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24941-7

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Christoph Poschenrieder “Mauersegler”

Wenn die Leseexemplare aus einem meiner Lieblingsverlage bei mir eintreffen, lege ich andere Bücher zur Seite und fange an, die „kleinen Weißen“ zu lesen. In den meisten Fällen lande ich einen Volltreffer und ich kann auch schon fast blind ein Diogenes-Buch in die Hand nehmen und es gefällt mir. Meistens. Fast immer. Bis auf dieses. Aber ich gebe nicht auf. Auch wenn mir ein Buch nicht gefällt, sage ich nicht, dass es ein schlechtes Buch ist. Ich versuche stets jedem Buch, das ich zu Ende gelesen hatte, etwas abzugewinnen. Selbstverständlich auch dem „Mauersegler“ von Christoph Poschenrieder.

Es war mein erster Roman des Schriftstellers. Die Idee gefiel mir auf Anhieb, weil auch ich mir manchmal Gedanken darüber mache, wie ich meinen Lebensabend verbringen möchte. Ich denke jedoch, der Autor hätte viel mehr aus der Geschichte herausholen können. Manchmal hatte ich das Gefühl, Poschenrieder hätte Angst gehabt in die Tiefe zu gehen, so dass ich die Geschichte schnell recht oberflächlich fand. Die Charaktere waren nicht greifbar für mich und das Potenzial der Geschichte und der Ideen nicht ausgeschöpft. Wahrscheinlich erwartete ich zu viel. Ich wollte das Roman mögen, weil es eben mein erster von Poschenrieder war. Leider konnte mich das Buch nicht überzeugen.
Ich schickte den “Mauersegler” auf eine Reise zu meiner Gastrezensentin Susanne und bekam von ihr diesen Urteil:

Es ist ein luftiges Buch, eher schon ein Büchlein, knapp 220 Seiten und es trägt diesen luftigen Titel: “Mauersegler”. Bedauerlicherweise ist auch der Konsum des Romans von Christoph Poschenrieder mit einem Windhauch vergleichbar, der einem durchs Gesicht streift. Kaum da, schon wieder weg. War da was? Nein, nur ein Luftzug eben, so wie viele zuvor und viele danach. Nichts, was einen erschüttert hätte; nichts, woran man sich erinnern würde; nichts, das irgendeinen Eindruck hinterlassen hätte. Fünf alte Männer beschließen, statt einsam und allein alt zu werden, eine WG zu gründen. Nicht zuletzt auch aus dem Grund, um sich am Ende des Lebens dabei zu helfen, dieses zu verlassen, sollte es soweit sein. So weit, so gut, so wenig innovativ. Nichts Neues unter der Sonne. Auch sonst kann ich eigentlich nichts ins Feld führen, um irgendjemanden davon zu überzeugen, dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Ich hatte ständig den Eindruck, als könnte sich der Autor nicht entscheiden, ob er das Thema Altern und Sterben humorvoll oder ernst behandeln sollte. Und so ist es eben nicht Fisch und nicht Fleisch geworden. Sprachlich habe ich ebenfalls keine Highlights entdecken können, und so werde ich die “Mauersegler” einfach an mir vorbeiziehen lassen und morgen wohl schon nicht mehr genau wissen, wie sie ausgesehen haben.

Glücklicherweise findet jedes Buch seine Leser. Frau Hauptsachebunt ist von „Mauersegler“ begeistert und ich freue mich wirklich, dass sie dem Buch mehr abgewinnen konnte als ich. Der Roman gehört sogar zu ihren persönlichen Lesehighlights in diesem Jahr. Vielleicht war es nicht das richtige Moment für mich, um mich in der Geschichte zu verlieren? Who knows.

Auch wenn mich „Mauersegler“ nicht gänzlich überzeugen konnte, bin ich Christoph Poschenrieder für den folgenden Gedanken sehr dankbar: „Alle haben Angst vor dem Tod, aber keiner macht sich Gedanken, wo er vor seiner Geburt gewesen ist. Wohin die Lebensreise führt, scheint so viel wichtiger als die Frage, woher wir kommen.“ (7)
Danke für diesen Moment des Innehaltens und Nachdenkens.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch die Leserschaft spalten wird. Deswegen lest nicht die Rezensionen, die erscheinen werden, sondern das Buch selbst und bildet Euch Eure eigene Meinung. Berichtet dann gerne hier, ob und wie Euch das Buch gefallen hat. Ich würde mich freuen.

Christoph Poschenrieder “Mauersegler”, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-06934-1

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[Gastrezension: Astrid] Maggie Stiefvater “Rot wie das Meer”

Die große Pferdenärrin ist an mir nicht verloren gegangen, trotz der Kindheit auf dem Bauernhof. Aber Pferde waren bei uns immer nur Nutztiere, die den Wagen ziehen oder, wenn der Trecker nicht anspringt, eben auch den alten Pflug aus Uropas Zeiten. So blieb mir nur die Pferdeliteratur à la Black Beauty & Co, allerdings als vorübergehende Episode meiner jungen Teeniejahre. Diese Geschichten über den edlen hochbeinigen Freund des Menschen bzw. vor allem junger Mädchen konnte sich wohl auch Maggie Stiefvater nicht ganz entziehen. Ihre Hauptfigur Kate „Puck“ Connolly lebt verwaist mit zwei Brüdern auf der rauen Insel Thisby. In jedem Herbst wird Thisby von einem besonderen und tödlichen Phänomen heimgesucht. Capaill Uisce werden sie genannt – Pferdeähnliche Geschöpfe des Meeres, die wie große, faszinierende, tödliche Raubtiere Mensch und Tier jagen. Die Bewohner Thisbys haben sich arrangiert mit ihren unheimlichen herbstlichen Besuchern und weil man ohnehin auf der Insel Pferdenarr ist, gehört es quasi zum Initiationsritus der männlichen Thisbyer sich ein Capall Uisce zu fangen, es zu trainieren und an dem jährlichen Rennen am 1. November teilzunehmen. In diesem Jahr gibt es eine Sensation, zum ersten Mal in der Geschichte der Insel wird eine Frau das Rennen mitreiten. Kate selbst hat nicht viel nachgedacht, als sie ihrem großen Bruder entgegenschleuderte, dass sie das Rennen reiten wird. Es war das einzige, was ihr einfiel, als er ihr verkündete, die Insel zu verlassen und auf dem Festland Fuß fassen zu wollen. Der zweite Räuber Thisbys ist das Festland. Jährlich kehren viele junge Menschen ihrer Heimat den Rücken, weil die Insel nicht alle ernähren kann und wenig Abwechslung bietet. So riskiert Kate aus Angst und Wut vor dem Verlust ihres Bruders ihr Leben und das ihrer Stute, denn eins ist Kate schnell klar – auf ein Capall Uisce wird sie sich nicht setzen.

“Rot wie das Meer” richtet sich in erster Linie nicht unbedingt an den erwachsenen Leser. Das merkt man dem Buch schnell an. In wechselnder Perspektive zwischen Kate und Sean, der das Skorpio-Rennen bereits 4mal gewonnen hat und gerade 20 Jahre alt ist, bleibt der Erzähler klar gerichtet auf seinen jugendlichen Figuren. Der Leser erfährt nur, was die beiden erleben, denken und fühlen. Kate und Sean sind klassische Außenseiter. Die Capaill Uisce haben ihrer beider Leben verändert, sie mit dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert. Beide gehen damit unterschiedlich um und fühlen sich wohl gerade darum voneinander angezogen. Eine Kombination, die die Herzen junger (und junggebliebener) Mädchen seufzend hüpfen lässt.

Maggie Stiefvater entführt den Leser auf eine Insel, die sich merkwürdig ausmacht in unserer Gegenwart. Nicht mit Sicherheit könnte ich sagen, in welcher Zeit die Geschichte spielt und welche Währung auf Thisby gilt. Alles ist etwas geheimnisvoll gehalten oder nicht ganz durchdacht, je nachdem wie man es betrachten will. In Vorbereitung auf das Rennen sterben nahezu täglich junge Männer, auch Kates Eltern kamen im letzten Jahr auf dem Meer durch Capaill Uisce um. Scharen von Menschen verlassen die Insel, um auf dem Festland zu leben. Die Männerdichte der Insel scheint wesentlich größer als die der Frauen, oder aber Frauen haben wenig zu melden und treten daher kaum in Erscheinung. Eigentlich wirkt es auf mich so, als müsste die Insel bei der hohen Zahl an menschlichen Verlusten eher allmählich aussterben als ein Problem mit Überbevölkerung haben. In Kombination mit der Legende um die tückischen Meerespferde erreicht Stiefvater mit der etwas aus der Zeit gefallenen Gestaltung der Insel, ihrer Bewohner und Besucher allerdings eine ausgefallene Umrahmung für die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Kate und Sean. Die weißen Flecken im Text spornen die eigene Fantasie an und erhöhen sogar ein bisschen den Gruselfaktor. Die kauzigen, wortkargen Figuren erreichen mich als Leser und nehmen mich überraschend schnell für sich ein. Nur vor Pferden werde ich mich in Zukunft doch etwas in Acht nehmen, immer dann wenn der Herbstwind die Wellen besonders hoch peitscht.

Maggie Stiefvater “Rot wie das Meer”, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sandra Knuffinke, Jessika Komina, script5 Verlag, ISBN: 978-3-8390-0147-9

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[Gastrezension: Natascha] Adelle Waldman “Das Liebesleben des Nathaniel P.”

Eine Frau, die über die Mann-Frau-Beziehung aus der Sicht eines Mannes schreibt. Kann das gutgehen? Oder anders gefragt, ist das sinnvoll? „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ von Adelle Waldman ist in den USA angeblich ein „viel diskutierter Bestseller“ lese ich auf dem rückseitigen Klappentext. Und ich frage mich, worüber da wohl so heftig diskutiert wird. Etwa ob die Geschichte realistisch ist? Oder die Stimmungslage des modernen Mannes wiedergibt? Oder sogar die einer ganzen Generation?

Eine „Sittenkomödie“ kann ich beim besten Willen darin nicht wiederfinden. Dazu habe ich mich zu wenig amüsiert, höchstens ab und zu mal geschmunzelt.

Inhaltlich ist die Geschichte schnell umrissen, denn eine wirkliche Erzählung mit einem roten Faden gibt es hier nicht. Nathaniel, kurz Nate, Sohn jüdischer Einwanderer aus Rumänien, legt uns in seinen Innenansichten ausführlich dar, warum es mit der einen Frau nicht klappt, dafür aber (vielleicht) mit der anderen. Selbst Buchautor und mittlerweile erfolgreicher Journalist bewegt er sich im intellektuellen New Yorker Journalisten-Milieu, hat einen ebenso intelligenten und erfolgreichen Yuppie-Freundeskreis und weiß aber eigentlich nicht so richtig, wohin ihn sein Leben führen soll – vor allem sein Liebesleben.

Nein, das ist kein moderner Casanova wie es der Titel und das Cover vielleicht vermuten ließen, eher ein nachdenklicher nicht mehr ganz so junger Mann, der durch die Frauenlandschaft mäandert wie ein verlorener Wolf und auf der Zielgeraden die Orientierung verliert. „Und dann war er wie ein Hund gewesen, der an etwas Fremdartigem schnuppert, ehe er beschließt, dass es ihn nicht interessiert, und zum nächsten Faszinosum weitertrabt. (S. 170)“

Dass fast alle Frauen in dem Buch als überaus hübsch, sexy und erfolgreich beschrieben werden und das intellektuelle Geschwafel der Schreiberling-Elite nerven mich zunehmend und hindern mich daran, in die Geschichte wirklich einzusteigen. Der Erzählstrang bleibt dünn und die Ziellosigkeit vor allem in der ersten Hälfte ermüdet. Und doch…. oft finde ich mich wieder in den Gedanken und Beziehungsanalysen der Frauen und ich lasse meine eigenen Erfahrungen in den Untiefen meines Herzens Revue passieren. Manches trifft mich unerwartet tief. Und auch wenn Nate sicherlich nicht den Prototypen des modernen Arschl….äh…Mannes darstellt (nein, so gemein und oberflächlich wollen wir hier nicht sein), so habe ich doch in meinem eigenen kleinen Erfahrungsschatzkistchen mindestens zweieinhalb Männer, auf die dieses Psychogramm wie massgeschneidert passt. Es gibt sie also, diese Nates, und das ist es, was das Buch für mich so interessant macht, trotz all der Schwächen.

Der sprachliche Stil der Autorin ist gut ausbalanciert, fast dokumentarisch ohne jeglichen naheliegenden Zynismus oder sentimentale Gefühlsschnörkelei. Manche psychologischen Beschreibungen der Hirnwindungen Nates sind allerdings so in sich verdreht, dass ich spontan die Konzentration verliere und sie zwei Mal lesen muss.

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass Männer zu dieser Lektüre greifen würden und doch würde es mich interessieren, was sie dabei dächten. Grundsätzlich glaube ich, dass Männer sich im Allgemeinen nicht so ausführliche Gedanken über ihr Liebesleben machen – und genau deswegen kann so ein Buch nur von einer Frau geschrieben werden und genau deswegen funktioniert es letztendlich auch nicht. So gut mir das Buch auch stellenweise gefällt, ich habe beim Lesen immer im Hinterkopf, dass das doch im Grunde genommen die Sicht oder das Wunschdenken einer Autorin, einer Frau, ist. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte sich Adelle Waldman perfekt in einen Mann hineinversetzen. Aber ist das wirklich so? Sind das nicht alles nur Projektionen ihrer eigenen Gedanken? Denken Männer wirklich so viel über ihre Gefühle und die Gründe nach, warum sie auf die eine Frau abfahren und auf die andere nicht und warum die eine Beziehung glücklich verläuft und die andere nicht? Vielleicht tue ich der Männerwelt unrecht, aber ich persönlich habe da so meine Zweifel und bleibe daher nach dem Lesen der letzten Seite etwas ratlos zurück.

Und so tut mir der Abschied von Nate nicht besonders weh; ich habe geschnuppert und trabe weiter, greife zum nächsten (literarischen) Faszinosum und hoffe, dass es mich doch noch einmal packt und wir eine lange erfolgreiche Beziehung führen werden….

Adelle Waldman, Das Liebesleben des Nathaniel P., Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2015, ISBN: 9783954380480

Das Liebesleben des Nathaniel P. wurde ebenfalls von der Klappentexterin vorgestellt, so wie von buchrevier und von Literaturen.

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[Gastrezension: Franziska/Bücherchaos] Die Wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte

Was mich dazu gebracht hat, dieses Buch lesen zu wollen? Zum einen hat es mir das Cover angetan, denn Drachen und kleine Mädchen sind eine gute Kombination, um mich neugierig zu machen. Sofort tauchten Fragen in meinem Kopf auf: Wo waren die beiden? War der Drache böse oder gut?

Zum anderen blätterte ich kurz durch das Buch, bevor ich begann es zu lesen. Es wimmelte nur so vor schwarz-weiß Zeichnungen. Passend zum Text, wie ich später feststellen sollte, wird die Geschichte liebevoll illustriert. Da gibt es einen Bibliowurm, ein Männchen mit Blättern anstatt Haaren und vieles mehr.

Am Anfang lernen wir September kennen. Ein kleines Mädchen, dass immer Abwaschen muss und den kleinen Hund ihrer Mutter nicht mag. Alles ist langweilig, alles ist blöd. Als der Grüne Wind vorbeikommt, ist September sofort Feuer und Flamme. Ein Abenteuer – endlich!

Der Grüne Wind ist nur eine von vielen sagenhaften Gestalten, die wir kennenlernen. Es gibt Hexen, die komische Namen haben, den besagten Bibliowurm und natürlich Feen im Feenland. Bis wir die aber zu Gesicht bekommen …

Die Idee an sich ist sehr schön. Ein neues Märchen, mit viele Abenteuer und neuen Gestalten, die böse und gut, frech und brav sind. Leider hat mir September nicht gefallen. Die kleine Hauptprotagonistin ist frech und findet eigentlich alles doof. Sie ist anstrengend und manchmal hatte ich keine Lust mehr mit ihr durch das Feenland zu laufen, segeln oder zu springen. Sie denkt auch kaum an Zuhause und sieht in allem nur ein Spiel, was ich an manchen Stellen sehr schade finde. Es ist ein Kinderbuch für 11-13 jährige und da frage ich mich? Wäre eine nettere Protagonistin nicht besser gewesen? Ich als Erwachsene kann ihre Handlungen einordnen und verstehe vielleicht die Lust auszubrechen und Abenteuer zu erleben richtig. Aber manchmal ist September einfach etwas zu hart und zu alt im Geist.

ZU diesem kleinen Mädchen passt auch, dass die Handlungen manchmal sehr grausam sind. Gewalt steht eigentlich im Feenland an der Tagesordnung und sich selbst verlieren auch. Ich weiß nicht, ob mir als Kind das Buch nicht zu gruselig gewesen wäre. Im Wald sich zu verlaufen und fast sich selbst zu verlieren ist schon schlimm, aber dann auch noch den Tod zu treffen? Auch hier fällt mir wieder auf, dass die Zielgruppe vielleicht eine andere ist.

Die Fantasie der Autorin ist groß und weit. Es gibt im Feenland nichts, was es nicht gibt. Ich beneide sie, denn so viel Fantasie muss man erst einmal haben. Leider ist es manchmal aber auch zu viel, wenn ich fast auf jeder Seite neue Figuren kennenlerne, die auch noch komplizierte Namen haben und ich mir die alle merken muss.

Die Aufmachung hat mich begeistert, aber leider ist es das Zielgruppenproblem, das mich Sterne abziehen lässt, denn ich würde es einem älteren Kind zu lesen geben.

Letztendlich würde ich drei Bücherpunkte/Sterne vergeben.

Catherynne M. Valente “Die Wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte”, Rowohlt Verlag

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“Emma kauft ein” von Alice Melvin

9783956140341Wenn Emma einkaufen geht, hat sie immer eine Liste dabei mit Dingen, die sie besorgen möchte. Auf der Liste befinden sich zehn Sachen, die sie in den verschiedenen Geschäften finden möchte. So geht sie beispielsweise in eine Bäckerei, kauft „eine Tarte, mit Obst belegt“, schaut sich gleichzeitig um und merkt, welche Sachen von der Einkaufsliste sie dort nicht kaufen kann. Sie besucht einen Porzellanladen, um dort einen rotgestreiften Krug zu kaufen oder einen Spielzeugladen, um sich dort ein Paar Rollschuhe zu besorgen. Auf diese Weise arbeitet sie ihre Liste ab, muss aber am Ende feststellen, dass es auch Dinge gibt, die man nicht kaufen kann.

„Emma kauft ein“ ist ein liebevoll illustriertes Bilderbuch, in dem man viele Klappen aufmachen und somit in die Läden eintreten kann. Auf den detailreichen Illustrationen finden sich viele zauberhafte und alltägliche Sachen, die man in verschiedenen Geschäften kaufen kann. So kann man die Geschichte nicht einfach nur vorlesen, sondern mit den Bildern als Vorlage fantasievolle Geschichten erfinden. Das Vorlesen wird zu einem schönen Erlebnis dank der besonderen Gestaltung des Buches. Da „Emma kauft ein“ gereimt ist und weil die Einkaufsliste sich wiederholt, kann man schon bald die Geschichte auswendig aufsagen. Nebenbei wird auch das Zählen geübt, da alle Läden von 1 bis 10 nummeriert sind.

Alice Melvin hat ein wunderschönes Wimmelbuch gestaltet. Ein Buch zum Staunen, Freuen, Anschauen und Entdecken, das gleichzeitig die wichtige Bindung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind während des gemeinsamen Vorlesens stärkt.
Alice Melvin hat mit ihrem Buch nicht nur das Herz meiner Tochter sondern auch meines erobert. Vielen Dank dafür!

Alice Melvin “Emma kauft ein”, Kunstmann Verlag, ISBN: 978-3-95614-034-1

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[Gastrezension: Susanne] Maylis de Kerangal “Die Lebenden reparieren”

Neue Worte hätte ich gerne. Unverbrauchte, unversehrte, solche, die nicht überlesen werden angesichts des millionenfachen Gebrauchs und zuweilen auch Missbrauchs. Worte, die explodieren beim Lesen, die krachen und zischen und Funken sprühen, die Farbspektakel in die Hirne spucken. Einzigartig müssten sie zumindest sein, denn ich habe nichts weniger als vor wenigen Minuten ein einzigartiges Buch geschlossen. Fulminant, brillant in allen Belangen hat es sich berserkerartig in mich reingebohrt, tief, brutal, schmerzhaft, hammermäßig. Atemlos bin ich, in meinem Kopf fährt die Achterbahn weiter, in die Maylis de Kerangal  mich mit ihrem ersten Satz gesetzt hat und ich weiß nicht, wie lange mein Herz noch weiter in dieser viel zu schnellen Frequenz schlagen wird, denn der letzte Satz ist längst gelesen. Adrenalin muss es sein, was da 255 Seiten lang ununterbrochen ausgeschüttet worden ist. Das Tempo ist monstermäßig, das da die ganze Zeit über gehalten wird und das einen so in den Sitz drückt, dass man wirklich hin und wieder denkt, keine Luft zu bekommen.

24 Stunden, das ist das Zeitfenster des Buches. Das Thema: Organspende und -transplantation. Erzählt wird eine Geschichte aus gefühlten 100 Perspektiven (in Wirklichkeit sind es deutlich weniger), die jede für sich so derart fesselnd ist, dass man gerne noch weitere 200 aufgesogen hätte. Ein schwieriges Thema, bleischwer sogar, wird ohne jede Gefühlsduselei, ohne Tränengewimmer, ohne pappiges Pathos behandelt. Sachlich, exzellent recherchiert und in einer Sprache die punktgenau passend zur jeweiligen Situation poetisch oder knochentrocken daherkommt – jeder Satz ein Stich, jede Seite ein Paukenschlag, jedes Kapitel eine Offenbahrung. Zum Niederknien!
Jedes weitere Wort wäre vertane Zeit. Nicht diesen Text sollt ihr lesen, sondern das Buch. Basta!

Maylis de Kerangal “Die Lebenden reparieren”, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42478-0

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[Gastrezension: Julia] Patrick Modiano “Der Horizont”

Paris. Die Stadt der Liebe, der Sehnsüchte, der Geheimnisse, der Melancholie und der Poesie. All dies vereint Modiano in seinem Werk „Der Horizont“ auf nicht einmal 200 Seiten. Unmöglich, denken jetzt sicher viele Leser. Ganz und gar nicht, denn kennt man den Stil Modianos, weiß man eben dies zu schätzen. Ein Meister der Worte, der bildhaften Sprache, der eine wunderbare Geschichte auf so wenige Seiten konzentrieren kann, ohne dass auch nur irgendetwas fehlt. Dazu zeigt sich im Roman auch der Aspekt, dass Modiano ein wahrer Meister der Rückblende ist.

Die Handlung beginnt zwar in der „heutigen“ Zeit, basiert jedoch auf Erinnerungsfetzen und Begegnungen, die 40 Jahre zurück liegen. Der Hauptprotagonist Jean Bosmans ist tief versunken in Gedanken über seine Vergangenheit, über Begegnungen, über Wege, die er gegangen ist, über Entwicklungen, die sich daraus ergaben und über Dinge, die sich möglicherweise anders entwickelt hätten, wenn er etwas anders gemacht hätte. Am intensivsten denkt er dabei an die Begegnung mit der jungen Margaret Le Coz zurück, die er bis zum aktuellen Tag nicht vergessen konnte. Beide fühlten sich von der ersten Minute an zueinander hingezogen, wobei eine wahre Liebesbeziehung nie ausführlich beschrieben wird. Es sind Bruchstücke, die niedergeschrieben sind, genau so, wie Bosmans es in seinen Moleskine Notizbüchern tat. So erfährt man zwar, dass beide eine Gemeinsamkeit haben: Sie werden verfolgt – Bosmans von seinen Eltern und Margaret von Alain Boyaval. Der Grund dafür bleibt jedoch im Verborgenen, genau wie so viele Details mehr.

Es existiert keine direkte chronologische Handlung und alles scheint im ersten Moment des Lesens eher zufällig aneinandergereiht – eben wie Erinnerungen Bosmans. Nach und nach fügen sich die Puzzleteile jedoch zusammen und es ergibt sich ein sehr poetisches Gesamtbild der Geschehnisse. Modiano springt geschickt von der Zukunft zur Vergangenheit und nutzt fast ausschließlich die subjektive Perspektive Bosmans, bis auf eine längere Episode, in der man die Geschichte Margaret Le Coz‘ erfährt. Letztendlich trennen sich die Wege der Protagonisten bedingt durch eine weitere dubiose Entwicklung, doch Bosmans kann Margaret nicht vergessen und macht sich nach 40 Jahren auf nach Berlin, wo er seine verlorene Liebe wiederzufinden hofft…

Alle Charaktere haben ihre düsteren Geheimnisse, die auch im Verborgenen bleiben und dem Leser viel Spielraum für Spekulationen lassen. Alles wird sehr feinfühlig beschrieben und bleibt dennoch im diffusen Zwielicht. Die detaillierte Beobachtungsgabe des Autors und sein wundervoller geschwungener Schreibstil machen den Roman zu einem wunderbaren Leseerlebnis. Es ist ein stiller Text, der beim Lesen dahinfließt – genauso, als würde er die dahinschwindende Zeit spürbar machen wollen. Ein Klima der Unsicherheit bleibt und die Rätsel bleiben bestehen. Erzählstränge werden bewusst offen gelassen, hallen im Leser nach, wenn die letzte Seite verklungen ist und das Buch geschlossen im Schoß liegt. Übrig ist die Erinnerung an zwei wundervoll gezeichnete Charaktere, die ihr Leben mehr nach der Vergangenheit als nach Gegenwart und Zukunft gewandt leben und es bleibt der Zauber des Unausgesprochenen und Ungelösten, der über dem gesamten Roman schwebt. Ein wahres neues kleines Meisterwerk des Nobelpreisträgers.

Patrick Modiano “Der Horizont”, übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl ISBN 978-3-446-23951-7 , Hanser Verlag

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[Gastrezension: Susanne] Carolina De Robertis “Perla”

Es ist lange her, seit ich ein Buch eines lateinamerikanischen Autors gelesen habe. Und jetzt also Carolina De Robertis, eine Autorin, die in Uruguay geboren ist. Es dauert nur ein paar Seiten und schon erkenne ich diesen ganz speziellen, ganz eigenwilligen Sound wieder, den man fachmännisch wohl “fantastischen Realismus” nennt und den man Schriftstellern wie Gabriel Garcia Marquez und Isabel Allende (um nur die bekanntesten zu nennen) zuschreibt. Basis dieser Geschichten sind zumeist real existierende historische Schauplätze und Ereignisse, in die Lebensgeschichten eingewoben werden, die teils realitätsnahe, teils märchenhafte Züge tragen. In dieser Erzähltradition steht auch Carolina De Robertis. Im Argentinien des Jahres 2001 schickt sie ihre Protagonistin, die Studentin Perla, auf die Suche nach ihrer wahren Herkunft und Identität. Dabei stößt diese zwangsläufig auf die Zeit der Militärdiktatur, deren Gräueltaten und menschenverachtenden Herrschaftsmethoden. Insbesondere geht es um das Schicksal der rund 30.000 Verschwundenen, die – wie man heute weiß – zum größten Teil grauenhaften Folterungen ausgesetzt waren, bevor man sie schließlich tötete. Zurück blieben viele Kinder dieser Opfer, die man in regimefreundliche Familien verbrachte, wo sie ohne Kenntnis ihrer wahren Identität aufgewachsen sind. Erzählt wird diese Geschichte aus zwei sich abwechselnden Perspektiven: Da ist zum einen Perla selbst, die Schritt für Schritt der Wahrheit immer näher kommt. Zum anderen bedient sich Carolina De Robertis eines Wesens, das quasi als lebender Toter in Perlas Dasein gespült wird, um von der Vergangenheit zu berichten. Ich gebe zu, dass sich diese Konstruktion einigermaßen gewagt anhört, mich hat sie trotz alledem recht bald derart gefesselt, dass ich über weite Strecken regelrecht eingetaucht bin in diese Welt der dunklen Schrecken. Harte Schilderungen über Foltermethoden, daneben barocke Metaphorik und gegenwärtiger Realismus – die Autorin springt mühelos von einem zum anderen und – und das ist das Tolle – nimmt den Leser dabei ebenso mühelos mit auf diese Achterbahnfahrt. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass auch mir hin und wieder der ausladende Stil ein wenig zu viel wurde. Allerdings “berappelt” sich die Autorin immer wieder und hat zumindest mich auf diese Weise bei der Stange gehalten. Und ja, auch das Ende ist wenig überraschend und leider auch ziemlich weichgespült. Meinen Lesegenuss hat das allerdings nur wenig beeinträchtigt.

Carolina De Robertis, “Perla”, Fischer Krüger Verlag, ISBN 9783810508539

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[Gastrezension: Astrid] Salvatore Scibona “Das Ende”

Diesmal kann ich mir nicht recht erklären, was los war. Normalerweise lese ich ein Buch pro Woche, manchmal schaffe ich sogar zwei. Ich lese sie in meinem Tempo, will meine Auserwählten nicht überfliegen oder sie durchhetzen. Manchmal diktiert mir ein Buch auch das Lesetempo, meistens eher Richtung Galopp als gemütlicher Trab. Aber bei Salvatore Scibona habe ich den Rekord der Langsamkeit aufgestellt und dabei das Gefühl, als wäre das pure Absicht des Buches.

Scibonas Figuren leben in Ohio. Elephant Park heißt das Viertel ihrer namenlosen Stadt. Die Gegenwart ist 1953, teilweise geht die Erzählung aber bis auf 1913 zurück. Es ist keine einfach gestrickte Handlung mit einem Anfang und einem Ende. Vielmehr sind es eine Handvoll Charaktere, die in diesem Viertel zusammenleben, sich ihrer Einwanderervergangenheit erinnern und sich in der Gegenwart von 1953 an einigen Punkten wissentlich und unwissentlich berühren. Rocco, der Bäcker des Viertels, Vater von drei Söhnen, 12- Stundentage, 7-Tage-Wochen und nie Geld in der Tasche. Die Frau sucht sich in der Ferne Arbeit, die Söhne gehen mit. Er bleibt allein zurück und backt Brot und Brötchen für das Gestern von Morgen. Elephant Park wird nicht reicher, sondern ärmer. Die Kunden haben nur Geld für das günstigere altbackene Brot von gestern. Als Rocco die Kunde vom Tod seines Sohnes als Kriegsopfer in Fernost erfährt, bleibt der Laden zum ersten Mal in seinem Bäckerleben geschlossen. Die Geschichte des Bäckers ist nur ein Nebenstrang, aber sie steht sinnbildlich für viele Bewohner des Elephant Parks. Es sind Einwanderer, vor allem aus Italien. Sie sprechen italienisch, jeder in dem Dialekt seines Heimatortes. Selbst nach Jahrzehnten ist Englisch ihnen fremd. Auf der Suche nach dem besseren Leben sind sie nach Amerika gekommen und in Ohio gelandet. Harte Arbeit, wenig Geld, wenig Bildung. Die erste Generation kann teilweise nicht einmal lesen. Es ist eine durch und durch fremde Welt für mich. Bildfetzen aus alten amerikanischen Filmen der 50er Jahre blitzen beim Lesen in mir auf und bilden merkwürdige Koppelungen zwischen dem mondänen New York dieser Zeit und den Western der 50er, die aber alle 70 Jahre früher spielen. Der Pate kommt mir erst jetzt beim Schreiben in den Sinn, aber ja, es ist wie eine verzerrte Spiegelung von Marlon Brando und Al Pacino im Dreireiher und letzterer mit Schirmmütze auf dem Kopf. Die Mafia spielt allerdings bei Scibona keine Rolle. Er ist mir thematisch viel näher bei Harper Lee, sicherlich der aktuellen Diskussion um die Neuentdeckung ihres zweiten Buches und den Fall des Atticus Fink geschuldet. Zwischen den Zeilen von „Das Ende“ wird permanent der Rassenhass thematisiert. Farbige erscheinen zwar immer nur am Rande der Menschen von Elephant Park, aber Scibona schreibt eine undefinierbare Abscheu vor ihnen in die Köpfe seiner Figuren. Gleichzeitig erzählt er von einem Viertel, dass von Einwanderern bevölkert wurde. In der Frage der Schwarzen halten plötzlich die europäischen Einwanderer alle zusammen. Die jährliche Prozession zu Maria Himmelfahrt, der alle im Viertel entgegenfiebern, wird jäh abgebrochen, weil einige Farbige am Rande des Zuges selbstvergessen tanzen. Es ist vor allem aber auch die Thematisierung von einsamen Menschen, die zusammen leben. Scibona blickt in ihre Köpfe, lässt mich Leser teilhaben an den verqueren Gedanken und Ideen, dem Gefühl außen und innen würde nicht zusammenpassen. Alle Stränge führen schließlich am Festtag Maria Himmelfahrt zusammen. Der weite Bogen vom Bäcker Rocco über Mrs Marini und Lina, Enzo, Ciccio und den Juwelier war nötig, um die Momentaufnahme des 15. August 1953 vollkommen zu machen. Ein Tag der Entscheidungen und das Ende der Geschichte.

„Das Ende“ ist ein anstrengendes Buch. Es sind nur eine Handvoll Figuren, aber über jede wird in sich so komplex und doch rätselhaft erzählt, dass ich nur in kleinen Happen lesen konnte und mich auch nach Beendigung der Lektüre nicht entscheiden kann, welcher Tenor dem Buch zugrunde liegt. Hochaktuell ist es in jedem Fall, dazu brauche ich nur die Tageszeitung aufschlagen. Sind es also immer wieder die gleichen Themen, die uns bewegen, uns Angst machen, unseren Hass heraufbeschwören?

Salvatore Scibona “Das Ende”, Arche Verlag, ISBN: 978-3-7160-2640-3

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